Let Love Rule

0 7

Künstler: Kravitz, Lenny
Label: Virgin Records
Erscheinung: 1989
Laufzeit: 55.27
Wertung: 4/5

Mit den 90ern vor der Tür erstrahlte auf der überfüllten Rockerszene eine neue Attraktion: ein junger Mann aus New York namens Lenny Kravitz. Let Love Rule ist das Debüt dieses produktiven Musikers, das sich stilistisch wie auch inhaltlich in einem weiten Bogen der Vorhersehbarkeit der Trendneigungen seiner Zeit entzieht. Stattdessen greift das Album weit in den musikalischen Schatz längst vergangener Tage, und in den Händen des vielseitigen Musikers und Multiinstrumentalisten erstehen damit Glanz und Ruhm der Vergangenheit neu, aufgefrischt durch einen innovativen Ansatz, dem es schließlich gelungen ist, dem Rock & Roll seine natürlichen Farben zurückzugeben.

Lenny Kravitz hat mit seinem Debüt keine tektonischen Verschiebungen in der Musikwelt ausgelöst, was freilich auch nicht die ursprüngliche Absicht des Albums war. Knapp eine Stunde Let Love Rule findet ihn tief in der Erde der musikalischen Vergangenheit verwurzelt, aus deren Klauen ihm nur stellenweise die Flucht gelingt. Kravitz, besessen von grober Klangkörnigkeit, die der Atmosphäre der alten Rockschule ähnelt, springt ständig von einer Genrelandschaft in die andere. Zunächst ist er im Heavy Rock zu Hause, einen Moment später greift er plötzlich zu flirtenden Funky-Wendungen, und mit Let Love Rule entgeht uns auch nicht das Zusammentragen bunter Klangbilder der Psychedelik der zweiten Hälfte der 60er. Mit dem Debüt feiert Kravitz sich obendrein in der Rolle des Schmieds ansteckender Melodien, die das mainstreamorientierte Publikum um den Finger wickeln. Die genre- und stimmungsmäßige Vielfalt unter der Regie eines produktiven und visionären Künstlers ist also Garant für das organische Bild des Albums. Darüber hinaus strahlt Kravitz vokal außergewöhnliches Charisma und Entschlossenheit aus, die mit seinen Sexappeal-Qualitäten nicht geizt.     

Let Love Rule, mit einem derart tödlichen Arsenal ausgestattet, weicht so selten vom Kurs erstklassigen musikalischen Genusses ab. Dass wir es mit einem außergewöhnlich vitalen und zähen Klangmonster zu tun haben, warnt uns gleich zu Beginn Sittin‘ On Top Of The World, das sich stellenweise wie eine perfekte Reinkarnation einer Stevie Wonder-Klassik anfühlt. Lenny fügt auf Freedom Train eine gesunde Portion härterer Rockelemente hinzu, während wir mit My Precious Love sogar einen unerwarteten, aber umso willkommeneren Ausflug in Soul-Gewässer erleben! I Built This Garden For Us verrät, dass Lenny sich in der Vergangenheit ausreichend lange auch intensiv durch die diskografischen Höhepunkte von John Lennon durchgebissen hat. Das ganz anders gestimmte Fear baut auf einer Funky-Basis mit verführerisch geschminktem Alternativ-Vorzeichen, um dessen Gunst sich in erster Linie noch Be und Blues For Sister Someone drängen. Kravitz geizt hier wirklich nicht mit der Breite der aufgegriffenen Musikstile, mit der er gleichzeitig den Rahmen seines eigenen Ausdrucksspielraums bereichert. Does Anybody Out There Even Care und das sympathisch akustisch geführte Mädchen Rosemary verbindet ein fast hippiesk anmutender, predigender Ansatz, der seine Konturen auch im mit Abstand bekanntesten Motiv des Titeltracks Let Love Rule widerspiegelt. Natürlich darf man auch Mr. Cab Driver nicht vergessen. Das heute bereits ordentlich immergrüne Motiv schöpft aus der Beat-Energie der 60er, gekreuzt mit einer Prise grundlegender Rock & Roll-Prinzipien noch etwas älterer Jahrgänge, und setzt den Schlusspunkt auf ein sensationelles musikalisches Dokument, das von allen Kravitz-Alben wohl am besten die Bedeutsamkeit herzlichen musikalischen Schaffens definiert.

Angesichts der Tatsache, dass seit der Veröffentlichung der heute ausgiebig analysierten Platte bereits 20 ganze Jahre vergangen sind, wären auch ein, zwei Wörtchen über den Nachdruck des Albums angebracht, der bewusst zur Feier des großen Jubiläums eben dieses Ereignisses konzipiert wurde. Das hübsch verpackte Doppelscheibchen, das neben seltenen Tonaufnahmen aus der Entstehungszeit des Albums auch eine überaus willkommene Serie von Konzertimpressionen aus Lennys Auftritten in Boston und Amsterdam bietet, ist ein Leckerbissen, gefertigt nach dem Geschmack des rechtgläubigen Musikenthusiasten, der sich im Zeitalter der Digitalisierung des Musikhandels noch trotzig dem Zauber des Besitzens legaler Tonträger hingibt. Ausgestattet mit bunten Memorabilien und einem ausführlichen Booklet, das neben einem kurzen Abriss der Albumgenese auch eine vertiefte Studie von Kravitz‘ musikalischem Werdegang liefert, bietet die Deluxe-Edition des Debüts mehr als genug handliche Requisiten zur Befriedigung auch des anspruchsvollsten Musikgeschmacks.

Besetzung

Lenny Kravitz: Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboards, Perkussion
Alfred Brown: Viola
Karl Denson: Saxofon
Henry Hirsch: Klavier, Orgel
Adam Widoff: Gitarre
Eric Delente: Violine
Nancy Ives: Cello
Lee Jaffe: Mundharmonika

Produktion

Lenny Kravitz

Trackliste

1. Sittin‘ On Top of the World
2. Let Love Rule
3. Freedom Train
4. My Precious Love
5. I Build This Garden For Us
6. Fear
7. Does Anybody Out There Even Care
8. Mr. Cab Driver
9. Rosemary
10. Be
11. Blues for Sister Someone
12. Empty Hands
13. Flower Child

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies