Let It Roll: Songs by George Harrison

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Künstler: Harrison, George
Label: Apple Records
Veröffentlichung: 2009
Laufzeit: 77:33
Bewertung: 5/5

In den letzten Jahrzehnten hat sich der sogenannte stille Beatle, George Harrison, den Ruf einer der kreativsten und enigmatischsten Persönlichkeiten des Rock erworben. Obwohl die Welt, die sich mit dem Zerfall des Quartetts aus Liverpool nicht abfinden konnte, den Soloprojekten seiner einzelnen Mitglieder zunächst wenig wohlgesonnen war, zeigte das Album All things must pass aus dem Jahr 1970, dass Harrison ein Musiker mit seiner eigenen Geschichte ist. Das war zwar nicht sein erster Soloausflug (noch vor der Auflösung hatte er zwei überwiegend instrumentale Werke aufgenommen, Wonderwall music und Electronic sound), dennoch trat George damit zum ersten Mal entschlossen aus dem Schatten von Lennon und McCartney heraus und zeigte seine gesamte kreative Kraft. Das Album, auf dem Eric Clapton, Billy Preston und Ringo Starr als Gäste auftraten, gilt noch heute als sein bestes Werk, und die Hits My sweet lord und What is life (dessen Refrain sich Sweet vier Jahre später für ihren Song Fox on the run ausliehen) eroberten in kurzer Zeit die Charts auf beiden Seiten des Atlantiks. Geprägt wurde das Album auch stark durch Harrisons Freundschaft mit Ravi Shankar, bei dem er das Sitarspielen erlernte, sowie durch sein Interesse an indischer Musik und Kultur. Gerade die tiefe Spiritualität und der Sound, der oft an ein Gebet erinnert, sind die Eigenschaften, durch die sich George am stärksten von anderen großen Musikschaffenden seiner Zeit unterschied. Das vielleicht treffendste Beispiel dieser Gelassenheit und intimen Meditation ist der Song Give me love (Give me peace on earth) vom nächsten Soloalbum Living in the material world.

Zwischen den beiden Studioalben organisierte George im Madison Square Garden mit Shankars Hilfe ein Benefizkonzert für Kriegsflüchtlinge aus Bangladesch, das auch die erste derartige Massenveranstaltung (40.000 Besucher) in der Geschichte der Popmusik war. Das Konzert, das vierzehn Jahre vor dem legendären Live Aid stattfand, erschien als Tonaufnahme unter dem Titel The concert for Bangladesh und erhielt 1973 den Grammy als Album des Jahres. Auf dieser Compilation wird er durch Harrisons Songs aus der Beatles-Ära vertreten – While my guitar gently weeps ( The white album), Something und Here comes the sun (beide von Abbey road). Die zweite Hälfte der Siebziger, die nach dem etwas weniger gut aufgenommenen Dark horse von den Alben Extra texture (letztes Album für EMI-Apple) und Thirty three & 1/3 geprägt wurde, schloss George Harrison mit dem gleichnamigen Album und dem minimalistischen Meisterwerk Blow away ab.

Obwohl er nach dem Zerfall der Beatles weniger Kontakt zu Lennon hatte als Paul und Ringo, traf ihn dessen Tod am 8. Dezember 1980 tief und verstärkte die Beklemmung und die jahrelange Angst vor Stalkern noch weiter. Diese sollte sich im Jahr ’99 als berechtigt erweisen, als Harrison in seinem eigenen Haus einen Messerangriff durch einen Wahnsinnigen kaum überlebte, der ähnlich wie Mark David Chapman behauptete, auf Anweisung einer höheren Macht gehandelt zu haben. Nach diesem Vorfall zeigte sich George nur noch selten in der Öffentlichkeit. Das Ergebnis dieser Beklemmung ist der Song All those years ago, auf dem er zum Gedenken an Lennon noch einmal die Kräfte mit McCartney und Starr bündelte. Den Song hatte George ursprünglich für Ringos Album geschrieben, doch nach Johns tragischem Tod änderte er den Text und eröffnete mit einem mutigen Tribut an einen der originellsten Musiker des zwanzigsten Jahrhunderts das Album Somewhere in England.  

Nach einer fünfjährigen Musikpause, die auf die Periode zwischen 1970 und 1982 folgte, in der Harrison sage und schreibe neun Alben aufgenommen hatte, kam das überaus erfolgreiche Album Cloud nine. Harrison beweist sich hier vor allem als Vokalist, und auch die rhythmischen und solistischen Einlagen, gewürzt mit der Slidegitarre, die auf den meisten Aufnahmen präsent ist, gewinnen eine völlig neue Klangdimension. Das Album von 1987 ist vielleicht noch mehr als durch die Zusammenarbeit mit Jeff Lynne (Electric light orchestra), der George bei der Produktion half, durch den MTV-Hit Got my mind set on you bekannt – einen Song, den Rudy Clark damals 1962 für James Ray geschrieben hatte. Auch dem zweiten Hit When we was fab, der nostalgisch auf die goldenen Zeiten der Sechziger zurückblickt, als die Beatlemania auf ihrem Höhepunkt war, hat das Video sehr geholfen, in dem neben George im obligatorischen Sgt. Pepper-Kostüm auch Ringo Starr auftritt. Cloud nine, das den Höhepunkt von Harrisons Spätwerk markierte, war auch das letzte Studioalbum dieses feinsinnigen und spirituellen Künstlers. Das abschließende Kapitel mit dem Titel Brainwashed, ein Album, an dem er noch in den letzten Wochen vor seinem Tod arbeitete, halfen ihm nach seinen Anweisungen sein Sohn und Jeff Lynne fertigzustellen. Auf diesem Album finden wir den Song Any road sowie das mystische Instrumental Marwa blues, eine der letzten Melodien aus seiner Feder.

Let it roll ist damit nicht nur eine Sammlung der bekanntesten Songs von George Harrison, sondern vor allem eine bewegende und lehrreiche persönliche Visitenkarte eines Mannes, der seine Musik liebte. Es ist die erste Compilation, die sein gesamtes Werk umfasst – also Songs aus allen Perioden seines Soloschaffens. Neben schönen Melodien, eingängigen Refrains und allem, was bereits das Quartett aus Liverpool berühmt gemacht hat, findet man hier noch etwas weit Wertvolleres – Musik, die nicht nur angenehm und gefällig ist, sondern auch die Kraft hat, die Welt zu verändern. Und das ist wohl auch das wichtigste Vermächtnis eines großen Künstlers, der viel zu früh Abschied nahm und sich für immer in Claptons blühenden, vom Morgensonnenlicht beschienenen Garten zurückzog, wo er vor vielen Jahren den Song Here comes the sun schrieb. 

Produktion

Dave Edmunds, Dhani Harrison, George Harrison, Jeff Lynne, George Martin, Phil Spector, Russ Titelman

Trackliste

1. Got my mind set on you
2. Give me love (give me peace on earth)
3. Ballad of sir Frankie Crisp (let it roll)
4. My sweet lord
5. While my guitar gently weeps (live)
6. All things must pass
7. Any road
8. This is love
9. All those years ago
10. Marwa blues
11. What is life
12. Rising sun
13. When we was fab
14. Something (live)
15. Blow away
16. Cheer down
17. Here comes the sun (live)
18. I don’t want to do it
19. Isn’t it a pity

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