Legenden in Österreich (2010)
Autor: Jernej Vene
Ort: Wien, Stadthalle
Konzertdatum: 06.06.2010
Besucherzahl: 12000
Kartenpreis: 75 bis 85 €
Die österreichische Hauptstadt empfing ein musikalisches Duo, das ich ohne Zögern als legendär bezeichnen kann. Nach vielen Jahren haben die beiden ihre musikalische Zusammenarbeit wieder aufgenommen – ihre Bekanntschaft reicht bis in die Sechziger zurück. Die britischen Virtuosen, Songschreiber und Interpreten sind ohne Frage Ikonen der Rockmusik und lebende Zeugen ihrer Durchsetzung als Kunstform in der jüngeren globalen Geschichte.
Gitarrist und Sänger Eric Clapton hat in einer Karriere von gut fünfundvierzig Jahren eine Reihe von Songs geschrieben, aufgenommen und gespielt, die ihn schon zu Lebzeiten unsterblich gemacht haben. Pianist, Organist und Gitarrist Steve Winwood hat als sein kongenialer Partner und oft auch als Hauptsänger produktiv mitgewirkt – sei es als Mitglied von Blind Faith oder als Gastmusiker auf Claptons Platten. Das Wiener Konzert markierte zugleich den einundvierzigsten Jahrestag des ersten Auftritts von Blind Faith, bei der die beiden 1969 neben Bassist Ric Grech und Schlagzeuger Ginger Baker spielten. Eric Clapton wurde legendär durch seine Arbeit bei John Mayall’s Bluesbreakers sowie bei den Yardbirds und Cream. Eine Mischung aus Blues und Rock, bereichert durch exzellentes Gitarrenspiel, bildete das Fundament seines Ausdrucks in den Sechzigern. Mit den Jahren blieben natürlich Rückschläge nicht aus, doch er fand die Kraft – auch mit Hilfe von Nahestehenden und Freunden aus der Musikwelt –, sein hohes kreatives Niveau beizubehalten. Steve Winwood ist zuhause in Rock, Blues Rock, Jazz und Soul und bewahrt seine Vielseitigkeit durch die Beherrschung einer breiten Palette von Instrumenten. Er begann bereits als Fünfzehnjähriger in der Spencer Davis Group und traf schon bald darauf Clapton, mit dem er in Eric Clapton’s Powerhouse spielte. Der Begriff Supergroup tauchte erstmals bei Blind Faith auf, doch nach dem Debütalbum und einigen Konzerten zerstreuten sich die Mitglieder wieder. Im Laufe der Jahre haben sich Clapton und Winwood immer wieder getroffen und gegenseitig ausgeholfen – musikalische Gefälligkeiten hin und her. Die beiden kennen sich also durch und durch. 2007 organisierte Eric Clapton das zweite Crossroads-Festival, mit dem er Mittel für den Kampf gegen Drogen sammelt. Er lud Winwood ein mitzumachen, und der bot Eric seinerseits eine Zusammenarbeit auf seinem Album Nine Lives an. 2008 gingen sie auf Welttournee – die Karten für den Wiener Auftritt waren ausverkauft, doch ein paar Slowenen haben es trotzdem geschafft, welche zu ergattern.
Die Herren Clapton und Winwood betraten die Bühne der Wiener Stadthalle zehn Minuten vor zwanzig Uhr. Die ausverkaufte Halle bot einen schönen Anblick: ein buntes Publikum aller Altersgruppen, wobei die Erfahreneren in der leichten Mehrheit waren. Man spürte, dass das Publikum hungrig war auf ein qualitativ hochwertiges und auch ein bisschen nostalgisches Musikerlebnis. Eric Clapton und Steve Winwood besetzten den vorderen Teil der Bühne, auf der außerdem Claptons langjährige Weggefährten – Keyboarder Chris Stainton und Schlagzeuger Steve Gadd – sowie der versierte Bassist Willie Weeks und die Backgroundsängerinnen Michelle John und Sharon White standen.
Das Bühnenbild bestand aus einer großen Bühne, zwei Videoleinwänden und einem imposanten Lichtpark. Der Sound war genau richtig laut, die Balance zwischen Instrumenten und Stimmen perfekt. Auch die Lichtanlage bot eine schöne Begleitung zum Klangerlebnis. In gut zwei Stunden würzten die beiden ihr Programm mit einer erlesenen Songauswahl aus ihren reichen Karrieren – ergänzt durch einige Verbeugungen vor den Blues-Meistern und Jimi Hendrix. Es ist schwer, eine Auswahl zu treffen, wenn du auf so ein riesiges Materialreservoir zurückgreifen kannst. Clapton und Winwood variieren die Setlist alle paar Konzerte. Wien erlebte drei Songs vom Blind Faith-Album, zwei von J.J. Cale, dem Clapton neues finanzielles Leben eingehaucht hat, und zwei aus dem Repertoire von Winwoods Band Traffic. Steve vergaß seine Solokarriere nicht – wir hörten ihn in dem Hit While You See A Chance. Einen besonderen Akzent setzten sie mit Hendrix – besonders beeindruckend war die lange Version des berühmten Voodoo Chile, in der alle Solisten außer der Rhythmussektion zum Zug kamen. Steve Winwood interpretierte den Klassiker Georgia On My Mind mit feinem Gespür und erinnerte damit an den großen Ray Charles. Eric Clapton bewies, dass er wirklich zu den Besten seines Fachs gehört. Spielend wechselte er zwischen Gitarrenstilen und überraschte mehrmals mit blitzschnellen Einlagen – das genaue Gegenteil von seinem Stil, dem er den Beinamen Slowhand verdankt. Tatsächlich hauchte er den Bluesstücken eine Frische ein, die diese Form immer wieder braucht. Als gleichwertiger Partner von Winwood beteiligte er sich produktiv an der Umsetzung der Hits seines Kollegen und übernahm dabei Instrumente, die wir von den Platten kennen. So spielte er etwa im Instrumental Glad aus dem Traffic-Repertoire einfallsreich die Saxofonmelodien. Clapton wurde dieses Jahr fünfundsechzig, Winwood ist drei Jahre jünger – doch so eine tiefe Hingabe ans Musizieren begegnet einem selten, egal ob auf der Bühne ihre Altersgenossen oder die Jugend stehen. Das Publikum war begeistert – nach jedem Solopart erschütterte tosender Applaus die Halle. Eric Clapton gilt nicht gerade als brillanter Gesangsinterpret; er singt immer in Lagen, die er mühelos meistert. Auch dieser Aufgabe war er gewachsen – am überzeugendsten war er im akustischen Teil des Konzerts, als er mit Winwood einige Bluesklassiker und das unverzichtbare Layla zum Leben erweckte. Vielleicht hatte der eine oder andere erwartet, mehr aus dem Mund der Herren zu hören als den obligatorischen Dank auf Englisch und Deutsch – aber an diesem Montag hatte die Musik das letzte Wort. An Lächeln und funkelnden Blicken mangelte es jedenfalls weder im Publikum noch auf der Bühne.
Die Energie beider Legenden beschwor mithilfe eines außerordentlich fähigen Ensembles vier Jahrzehnte Musikgeschichte herauf. Das gesamte Bühnenkollektiv bescherte uns einen mitreißend lehrreichen Musikabend.
Setlist
01. Had To Cry Today 02. Low Down 03. After Midnight 04. Presence Of The Lord 05. Glad 06. Well Alright 07. Tuff Luck 08. While You See A Chance 09. Key To The Highway 10. Midland Maniac 11. Crossroads 12. Georgia 13. Driftin‘ 14. How Long 15. Layla 16. Can’t Find My Way Home 17. Gimme Some Lovin‘ 18. Voodoo Chile 19. Cocaine 20. Dear Mr. Fantasy (Zugabe)
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