Konec sveta vedno pride nenapovedano

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Narat, Boštjan
Label: Založba Pivec
Veröffentlichung: 2012
Laufzeit: 44:36
Bewertung: 4.5/5

Boštjan Narat ist zweifellos ein Sonderling unter den Künstlern der slowenischen Liedermacher-Schule. Der Mann, der einst bei Sflitrom gespielt hat, hat eher aus Spaß am Experiment unverhofft die Band Katalena mitgegründet, nachdem die Beteiligten merkten, dass sie die Herausforderung, das Erbe der slowenischen Volksmusik in ein modisches Art-Varieté neuer Zeiten zu verwandeln, ernsthafter genießen wollten.  Vor zwei Jahren erschien dann das Solo-Studiodebüt »Strah je odveč« (RockLIne-Rezension HIER).

»Strah je odveč« hat einen starken Aussagecharakter, und Narat hat damit den Grundstein gelegt, der in seiner greifbaren Substanz jede Menge Ansatzpunkte für künstlerisches Reifen bietet. Dass er auf dem neuen Album »Konec sveta vedno pride nenapovedano« praktisch gleich die gesamte Begleitcrew an Musikern einbindet, war irgendwie logisch. Nicht ganz erwartet, aber trotzdem überaus willkommen.

»Konec sveta vedno pride nenapovedano« bewahrt die ganze Scharfsinnigkeit der großen Bekenntnistalente persönlicher Prägung (größtenteils persönlich) von Boštjan Narat, das sensible Gespür für eine großartige Kombination aus zugänglicher Eingängigkeit, die Hand in Hand mit seelenvollem Wortspiel geht, das zugleich erschüttert und zum Lachen bringt, weil es durchweg der Wahrhaftigkeit folgt. Narat ist ein Meister des Poesie-Vortrags. Ein Meister der Interpretation derselben. Das hat schon der funkelnde Charakter und Intellekt des Debüts bewiesen, und das neue Album vertieft diese Erkenntnis nur noch und erweitert seine Aussagekraft. Narat steigert nach wie vor raffiniert den sensiblen Charakter der einzelnen Gedichtstücke  und biegt damit fast subtil die Stimmungslage innerhalb der Songs, die so überaus überzeugend auf Wellen zum Höhepunkt reiten und zurück in die nächste Welle. Zum Beispiel die »rhythmisch stolpernde« Burleske in Dvajset let. Vom durchdringenden Vortrag der Verse, der an Schreien grenzt, bis zum gefühlvollen Streicheln. Nach dem Muster »kalt-warm«.

Boštjan Narat baut diesen  Hauch vom Untergang des kleinen Mannes weiter aus, der in die Nacht des Kreuzes gestoßen wird, das man ihm zur Zeit der Fronarbeit, die wir Leben nennen, auf die Schultern geladen hat. Als Spiegelbild der Unehrlichkeit der Gesellschaft gegenüber dem Ehrlichen. Doch das ist in eine feierliche Spiegelung subtiler Gleichnisse eines genialen Charakters gehüllt, die durchweg verhindert, dass das Bekenntnis banal, flach und für den Konsumenten trivial lösbar wäre.

Weit davon entfernt, dass man irgendetwas bis hierher negativ verstehen sollte. Keineswegs. Nur ganz realistisch. Bodenständig. Gerade deshalb geht die Poesie dieses Künstlers in einem Song wie Režem ovinke umso mehr unter die Haut. Der Song ist ein richtiger atmosphärischer »Gruseler«, der auf reiner Aneinanderreihung vollgepackter Klangcollagen basiert. Besonders, wenn der Song nach der dramatischen Entwicklung des poetischen Bekenntnisses in ein noch intensiveres Abschluss-»Crescendo-Theater« des wahren kleinen »Gruselers des Albums,« übergeht, den an dieser Stelle die Melodie einer Viola in Stimmung hält, eingehüllt in die langsam rollende Decke des Schlagzeug-Gehämmers, vor allem des Beckenlärms.

Der kleine Mann steht besonders unter Beschuss, wenn er merkt, dass Ehrlichkeit zur echten Plage werden kann. Das ist der Song Egon.  Ein geniales Wortspiel, das auf funkelnd-subtiler Ebene jedem die Augen dafür öffnet, wie man heute in unserer Gesellschaft lebt. Die Kontraste in der Abfolge der Verse sind außergewöhnlich. Zum Beispiel »Steklena vrata, jeklenih obljub« – Narat weiß, dass man Seifenblasen eben nicht verkaufen kann »Pri enih so usta da lažejo, pri drugih so oči, da jočejo«  – leider gibt es die Ersteren immer deutlich weniger, aber die haben »vago in meč«, die anderen sind entweder gehirngewaschen, oder sie haben es übersehen, und es sind entschieden zu wenige, oder sie sind schlicht völlig abgestumpft und warten nur noch auf das Ende der Ära der Menschheit, auf ihre grenzenlose Verdorbenheit, die uns aufgezwungen wird.…. Egon hat’s voll getroffen, das ist auf dem Album unbestreitbar! Wahrscheinlich hat er nicht die geilste Schnitte aus den Männermagazinen flachgelegt und ist nicht am Steuer der heftigsten Ferrari-Maschine mit ungeahnt bestialischer Aggression gefahren, hat aber sein Individuum bewahrt. Was heißt, dass er letztlich gewonnen hat. Doch er blieb übersehen. Meisterhaftes Bekenntnis.  

Ist in »Tisti ki zna, in ona, ki ve« das Bekenntnis eines Liebhabers aus dem Schrank zu hören, wenn die beiden »kocke za njegovo srce« werfen? Noch ein geniales Wortspiel. Dass der Scharfsinn in Narats Poesie kein Ende kennt, bestätigt das abschließende Schlitzohr Romeo Julija, reichlich vollgestopft mit Sarkasmus, den ein fleischlicher  Testosteronüberschuss im Blut erzeugt ! Herbe Melancholie flutet das Album im Song Stari mož. Narat trägt durchweg diese Kontur sanfter Melancholie, auch wenn das nicht der treffendste Ausdruck ist, um seine Aussage korrekt zu fassen. Sagen wir, er kann gefühlvoll bitter sein, und diese Bitterkeit beschwert die Natur seiner Poesie mitunter erschütternd, so wie im Song Stari mož.

Es gibt Momente, die dir den Atem rauben. Sarkasmus im Vollmaß gibt’s in Če padeš po tleh. Im Grunde handelt es sich um einen in eine neue poetische Bekenntnisform umcodierten Egon, mit derselben Grundbotschaft. Einfach. Karikiert geht es in diesem Song um einen Ausdauertest des Einzelnen, die Verdorbenheit der Charakterzüge der Menschen der neuen Zeit auszuhalten, im Voraus verlorene Schlachten im Wettlauf mit der Zeit zugunsten eines Irrwegs, der als »materieller Wohlstand« serviert wird. Fall also bloß nicht zu Boden!  In diesem Song baut auch die E-Gitarre im Hintergrund eine richtig psychedelische Kulisse auf, die den sarkastischen Charakter des Songs vertieft.

»Zdi se« würde mit seinen wunderschönen Arrangements für Keyboards und Violine, die Narats streichelnden Gesang umarmen, in die Sorte Chanson gehören, der zweifellos auch der erlauchte Frank Sinatra höchstpersönlich gern zugehört hätte. Narat erzählt, er habe den Song geschrieben, nachdem er eine Zeit lang ein Café besucht und dort regelmäßig den Blicken eines Mädels am Nachbartisch begegnet war, am anderen Ende des Lokals. In solchen Situationen kocht die männliche Fantasie natürlich auf Hochtouren. Zweifellos einer der Höhepunkte des Albums. Und ich hoffe, die Kleine ist am Ende wirklich auch zu Narats Konzert gekommen.

Der Titelsong fährt in den Spuren der Eröffnung des Debüts, nur dass du sofort in eine völlig neue Erfahrung geschubst wirst. Narat ist mit einer Begleitcrew an Musikern bewaffnet. Man könnte in entfernter Lesart sagen, der Titelsong des Albums sei das neue Yet Another Tango, doch dieses Sentiment übernimmt etwas später das schmucke Jutra mit Latino-Charakter, in Klavierbegleitung und mit entsprechenden Rhythmen. Hier gesellt sich zu Narat erneut im Duett der sanft flüsternde und prägnant gefühlvolle Gesang von Mina Špiler (Melodrom, Laibach) dazu, die in ihrem Ausdruckswillen und ihrer Kraft wieder nicht danebenliegt.

Einen Moment, in dem der Kontrast der zerbrechlichen Subtilität besonders aufweckt  in seiner festen, real erdverbundenen zweibeinigen Haltung (die du erst herausschälen musst), bietet  der Song »Tistim ki ne vedo«. Die Verse offenbaren die Dualität eines jungen unschuldigen Wesens , das lernt, und der Angst des Alten, Gelehrten. Den Kontrast zwischen Makellosigkeit, Jungfräulichkeit, Unverlogenheit auf der einen Seite und dem Blick auf jene, die bereits dazu abgerichtet wurden, »da se bojijo svetlobe«, aber im Stillen das Lernen derer ersehnen, die noch träumen können. Vor allem gefällt in diesem, einem der besten Songs des Albums (in Poesie und Begleitarrangement),. eine außergewöhnliche Umarmung eines Synthesizers, der die Kontur eines altehrwürdigen Mellotrons hat, und eine einstimmige Verzierung, die über dem Hintergrund einer so gebauten Begleitung wacht. Tja, da gibt’s nichts: Nord-Keyboards können echte Wunder wirken.

Hinter dem Namen Blaž versteckt sich im slowenischen Raum gern die Schlagzeugerfunktion. Diesmal ist bei Narat nicht der Experimentierfreund und »Herr Überall« Blaž Grm dabei, und auch nicht Blaž Soklič, falls sich noch jemand an die slowenischen Thrash-Metal-Urgesteine Game Over erinnert, die 2008 eines der interessantesten experimentell-herausfordernden Alben namens »Eclectric« veröffentlichten (dieses faszinierende Instrumentalwerk hat nur noch ein paar Parallelen zum Metal behalten – RockLine-Rezension HIER).Bei Narat ist eben der andere Blaž am Start. Das ist Blaž Celarec, ein jazzgeschulter Musiker, und das verbirgt er auf keinem Schritt des Albums »Konec sveta vedno pride nenapovedano«, wenn wir über die Schlagzeuginterpretation sprechen. Gerade seine rhythmische Würze verleiht den Songs einen besonderen Dynamikcharakter, sie »facht« die Entwicklung der Songs regelrecht an, mit einer Auflockerung, die Frucht von Celarecs forschendem Spiel ist.  In der gegebenen Situation löst das Trommeln ein höheres Dezibelniveau aus, was etwa den schaurigen Dramamoment in den schwer rollenden Schlägen von Režem ovinke vertieft. Einen der so ausgerichteten Momente des Albums zeichnet  Celarecs Trommeln in Kombination mit Narats männlichem Auftritt in  Kako končati to pesem? aus, über dem im fast militärischen Marsch der Schleier gewisser »Verdammnis« liegt. In Tisti ki ne vedo funkelt die Jazzschule ordentlich auf, denn Celarec findet enorm viel Platz, sich auszubreiten und die Figuren im Hintergrund mit dynamisch vielfältigem Ausdruck zu füllen, der dem verträumten Moment der flachen, außergewöhnlichen subtilen Aussage dieses Songs einen besonderen Charakter einhaucht. Bleiben wir bei demselben Lied: Der Rhythmus in der Strophe des Songs »Tistim, ki ne vedo« imitiert das Pfeifen einer Dampflok, in völlig unaufdringlicher subtiler Manier, die Parallelen zum Rhythmus des berühmten Hits der Pat Metheny Group namens Last Train Home zieht. Die Kombination mit Celarec hat sich für dieses Album als ideale Lösung erwiesen.

Das war’s. Wenn du die Eier aufs Tablett wirfst. Anders geht es nicht, als nackt und barfuß aufzutreten, wenn du Liedermacher bist. Kein noch so genial geschnittenes Begleitarrangement zählt, wenn das Bekenntnis der Poesie flach ist. Umgekehrt funktioniert es immer, wenn aber die Verse nicht gehaltvoll sind – greifbar, geschweige denn ihre Interpretation, hilft keine Schminke noch so funkelnder Begleitung. Boštjan Narat trotzt dem meisterhaft. Mehr noch. Mit »Konec sveta vedno pride nenapovedano« hat er sich auf eine noch höhere Aussageebene seiner ganz eigenen Predigt geschwungen und festigt damit seine Position als eine der markantesten Figuren der zeitgenössischen slowenischen Liedermacher-Szene.

Besetzung

Boštjan Narat – Gesang, Gitarre

MITWIRKENDE MUSIKER:
Matevž Kolenc – Arrangements, E-Gitarre, Bassgitarre, Glöckchen
Polona Janežič – Keyboards
Jelena Ždrale – Viola, Violine
Blaž Celarec – Schlagzeug, Percussion, Klarinette

GASTMUSIKERIN:
Mina Špiler – Gesang (Song Nr. 3)

Produktion

Blaž Celarec & Matevž Kolenc

Tracklist

1. konec sveta vedno pride nenapovedano
2. Dvajset let
3. Jutra
4. Tistim, ki ne vedo
5. Režem ovinke
6. Egon
7. Tisti, ki zba, in ona, ki ve
8. Star mož
9. Če padeš po tleh
10. Zdi se
11. Kako končati to pesem?
12. Romeo Julija

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