Strah je odveč
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Narat, Boštjan
Label: Založba Pivec
Erschienen: 2010
Spielzeit: 33:13
Wertung: 4/5
Boštjan Narat, Frontmann und Gründer der unermüdlichen slowenischen Folk-Sympathisanten Katalena, reiht sich mit dem Album »Strah je odveč« in die Riege der namhaftesten slowenischen Singer-Songwriter ein. Der Mann erkannte nach einer Dekade des Wirkens innerhalb seiner Stammband, dass er einen breiteren kreativen Spielraum braucht, um all die musikalischen Ideen zu verwirklichen, die sich in seinem Kopf tummeln.
Narat ist ein außerordentlich belesener Musiker. Ein Geschichtsprofessor und Philosophiedoktor muss belesen sein. Sein weiter Geist, der keine Grenzen kennt, seine feinsinnige Sensibilität für die Wahrnehmung und Aufnahme von Eindrücken aus der Umgebung, vor allem aber das Talent, Botschaften durch die Predigt der Poesie zu übermitteln – all das manifestiert sich in Form eines eigenständigen Studio-Monuments in einer Phase reifer musikalischer Profilierung des Musikers, des Singer-Songwriters in diesem Sinne. »Strah je odveč« ist ein außerordentliches Werk von hohem künstlerischen Wert, mit besonderem Charme und Charakter, das den Hörer auf eine ganz eigene Weise berührt.
Narat ist geerdet. Er hält dich die ganze Zeit in Schach, wenn er dich durch eine sarkastisch verdrehte, schelmische Aneinanderreihung saftiger Metaphern wie ein Häschen mit der Karotte an der Stange führt – um dich dann fast im gleichen Atemzug mitten in den Schoß der rohen Alltagsrealität zu werfen. Mit der Meisterschaft eines Poeten, der versteht, den Zuhörer aufzurütteln und wachzuschütteln. Und genau das ist das Grundprinzip jedes Künstlers. In jeder Sphäre der Kunst. Narat weiß mit »Romantik in der Hölle« umzugehen, könnte man es oberflächlich betrachtet nennen.
»Strah je odveč« ist ein persönlich bekenntnishaftes, intim empfundenes Album! In erster Linie. Narat stellt sich Fragen über das Leben nach dem Leben, über Gefühle, die in dir entstehen, wenn du dir die Frage stellst, was passiert, wenn du »nach Hause zurückkehrst« (lies: wenn deine Mission abgeschlossen ist und es Zeit zu sterben ist) – wie das eindringlich in der Eröffnungsnummer Yet another tango und im abschließenden Odhod domov sowie Na pol poti do kraja angedeutet wird. Wie sich das Vieh in seiner eigenen Haut fühlt, wenn es erkennt, dass es am wertvollsten ist, sobald es sich auf dem Teller wiederfindet, malt Ko se bo žrlo zares anschaulich aus.
Im šentflorjanischen Land hat sich in all diesen Jahren nicht viel verändert. Schon vor langer Zeit verbarg Jani Kovačič keine Tendenzen zum Kannibalismus, als er seinen Kindern seine eigene Hand auf dem Teller anbot. Jetzt warten wir bereits über 21 Jahre auf ein Wunder, das wir nicht erleben werden. Deshalb glaubt auch Narat nicht mehr daran, dass irgendjemand überhaupt noch weiß, was Revolution bedeutet (Daša in marksist). Was sich verändert hat, ist nur, dass wir im Land vollkommen abgestumpft geworden sind und es uns heute völlig egal ist, wie man uns das Blut aussaugt – durch legal eingesetzte Schergen, die ihre Posten nach Staatsdekreten bekleiden, die der Verfassung zuwiderlaufen. Egal, selbst wenn sie »selbsternannte« sind.
Narat hat all seine Erfahrungen, sein Können und die Reife, die mit Jahren des Lernens und der Selbsterforschung kommt, aus seinen Jahren bei Katalena nun auf sein eigenständiges Studiowerk übertragen. Bewaffnet mit seiner unverkennbaren, warmen, tief empfindenden Stimme und dem feinfühligen Begleitspiel der Akustikgitarre – das keineswegs banal oder oberflächlich ist, sondern stets den erstklassigen Charakter des Melos der Begleitung von Narats Poesie herauszuholen versteht, was die Ausdruckskraft eben dieser Poesie voll zur Geltung bringt. Die Kombination aus Flageolett und Akkorden in der Hauptgitarrenphrase des Stücks Odhod domov ist das typische Beispiel, das dir sofort zeigt, dass Boštjan Narat auch im Arrangieren für Akustikgitarre sehr einfallsreich ist. Und natürlich auch als Akustikgitarrist. Eine Kombination aus Poesie und Akustikgitarre, die dich keinen Moment langweilen wird. Keine Sorge.
Narat ist herausragend darin, Stimmungen zu steigern – in dem Sinne, dass die Botschaft, die er vermitteln will, mit dem richtigen bekenntnishaften Crescendo wirkt. Darin liegt der Schlüssel zum Erfolg beim Beweis von Authentizität und damit der Singer-Songwriter-Legitimität eines jeden Künstlers. Es geht um das Erbe, Verse in das Melos einzuweben, das nur unter dem slowenischen Himmel gedeihen kann. Das ist das Band zu Katalena, das am deutlichsten im Stück Panter spi zum Tragen kommt. Eine noch ehrlichere, direktere und unverstelltere Singer-Songwriter-Predigt wirst du nicht kennenlernen, als das, was dir Boštjan Narat auf dem Silbertablett serviert.
Im Titelstück harmonisiert er meisterhaft die Refrainlinien im Vokalduo; im abschließenden Odhod domov gesellt sich Mina Špiler (Melodorom) mit einem fast flüsternden, zärtlich streichelnden und sinnlich geschmeidigen Vokalpart in der Strophe dazu, worauf das Crescendo des Duetts im eingängigen Refraingesang folgt; in Panter spi schleicht sich ein »Mini-Chor aus Narats Vokalen« ein. Das sind die drei Punkte des Albums, an denen wir dekorative Ergänzungen zum sonst nackten Vortrag der Verse mit akustischer Begleitung finden.
»Strah je odveč« ist ein Werk, das in seiner fein dargebotenen Wahrhaftigkeit erschüttert, tief aufwühlt und den Hörer regelrecht schockiert. »Strah je odveč« gehört zu den interessantesten Singer-Songwriter-Werken in Slowenien. Boštjan Narat hat sich damit einen unverkennbaren Platz unter der freien, künstlerisch-schöpferischen Sonne des šentflorjanischen Tals erkämpft und sich neben die namhaftesten Namen unseres Landes gestellt, die jeder auf seine ganz eigene Art ihre Poesie darbieten. Von den schelmisch funkelnden Adi Smolar und Iztok Mlakar bis hin zu den tief eindringenden Usurpatoren vom Schlage eines Jani Kovačič. Schlicht und einfach. »Strah je odveč« beweist mit seinem Prinzip der Darbietung von Wahrhaftigkeit die außerordentliche Reichweite Boštjan Narats im Hinblick auf die erwähnte Figurierung der metaphorischen Finesse im jeweiligen Vers, sein außerordentliches Gespür für die Steigerung des dramatischen Bogens – in dem Sinne, dass er die gegebene Botschaft in der Poesie dem Hörer intensiv nahebringt!
Besetzung
Boštjan Narat – Gesang, Gitarre
MITWIRKENDE MUSIKERIN:
Mina Špiler – Gesang (Track Nr. 10)
Produktion
Blaž Celarec
Trackliste
1. Yet antoher tango
2. Ženske, ki ljubijo pse
3. Strah je odveč
4. Na pol poti do kraja
5. Panter spi
6. Ko se bo žrlo zares
7. CDG 14.45
8. Daša in marksist
9. Stara jajca
10. Odhod domov