Kočevje špila – Razkačeno

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Various Artists
Label: Društvo kočevskih glasbenikov
Erscheinungsjahr: 2014
Laufzeit: 71:11
Bewertung: 4/5

Društvo kočevskih glasbenikov ist eine der wenigen Organisationen künstlerischer Seelsorge, die regelmäßig für eine Art jährlichen Musik-Almanach des kreativen Schaffens ihrer, also der Kočevjaner, Region sorgt. So haben wir nun bereits zum dritten Mal in Folge zum Abschluss des regulären Jahres einen gedrängten Sammelband der Werke verschiedener Interpreten erhalten; manche erscheinen auf der Kompilation zum ersten Mal, die Mehrzahl davon wird aber von unseren alten Bekannten vertreten.

Die Kompilation eröffnet die SKA-Besetzung der Veteranen Skaktus mit dem sympathischen, leicht zurückhaltenden, »schüchternen«, melancholischen und dabei ungemein melodisch ansteckenden Zvečer. Im sanften Trott. In die Sphäre des alternativ-kabarettistischen Chansons hüllt Ida Aupič die Kompilation mit dem Stück Povej mi ein; der spezifische, mitteltief intonierte und leicht düstere Gesang von Ida verleiht dem Stück eine unverwechselbare Qualität. Ram Session, die auf der vorigen Kompilation die Hymne Špilej abgeliefert haben, kehren auf dieser neuen mit dem ausgezeichneten Spy zurück, das im Unterschied zum luziden Špilej deutlich mehr Ernst mitbringt. Der Gesang  trägt Substanz und Durchdringungskraft und verleiht dem Stück damit die nötige Prägnanz; die Jungs haben sich in Richtung eines retro-nostalgischen Revivals der Hard-Rock-Sphären der Siebziger begeben. Obwohl sich DidiWa nicht als Kočevaner identifizieren, lebt eines ihrer Mitglieder dort.  Die Band liefert auf der Kompilation das ausgezeichnete Svetilnik ab, das die musikalische Kompaktheit einer ungemein feinfühligen und präzisen Interpretation erstklassiger Musiker zum Ausdruck bringt. Einmal mehr sorgt der ausdrucksstarke und klangvolle Gesang von Vesna Godler (er verleiht dem Stück eine alternativ-rockige Kontur) für die nötige Würze. Das Stück trägt sogar Jazzakzente, eine wunderschöne atmosphärische Wendung in der Mid-Eight-Passage, in der der Gruppe das weitere Aneinanderreihen  dynamischer Stimmungswellen gelingt. Ambient pur! Immer schön ist es, Pankeroschi und ihrem neuen Stück Šef zu lauschen. Die Gruppe hält ihren musikalischen Kurs des Hardcore-Punk-Galgenhumors aufrecht. Ehrlich, zornig und direkt. Ein Adrenalinstoß mit dem Finger direkt ins Auge! Zur Gruppe Skaktus gesellen sich später auf der Kompilation Sell Out, nur dass ihr SKA, vertreten durch das Stück Popoln dan, natürlich von Bläsern unterstützt wird. Ein neues Album ist also im Entstehen. Ohne den Zorn der rohen Bande namens Nč od nč würde die Kompilation »Kočevje špila« schlicht ihren Sinn verfehlen. Nčodnč riechen wieder nach Nu-Metal-Wahnsinn, tatsächlich der lauteste Track der Kompilation; Out of Nothing trägt einen Hauch Hardcore, einen Hauch Thrash, einen Hauch Pantera, kurz gesagt: er reißt euch die Ohren ab. Noch ein willkommener Moment, der das Dezibelaufkommen anhebt, liefert  das Stück Vsak za svojo rit, in dem es an durchdringendem Klagen nicht mangelt, von den inhaltlich greifbaren, gesellschaftlich bissigen Alternativrock-Schreihälsen mit Hardcore-Schleier namens Sintetika.

Vocabella liefern Pop-Funky-Groove auf der Kompilation mit dem kokett ansteigenden und unterhaltsamen Med vrsticami, wieder stehen weibliche Vocals im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Verspielt und vergnüglich! Radiofreundlich. In reichlich tanzende Kinetik gehüllt, erweckt Give Us A Night (Joe Krosher ft. Urška) den Hauch der Disco der Siebziger,  sowie die modischen Frisuren der Pop-Soul-R&B-Ästhetik; auch programmatisches Sampling fehlt nicht, und damit auch nicht das Element des Organischen. Schön, dass es auf die Kompilation auch das Stück Rojevanje des »wahren Paten« des Kočevjaner Liedermachertums Pavle Benič geschafft hat, einer Legende aus dem Kočevjaner Raum, die im Ärmel ein stattliches Bündel selbst verfasster Gedichte und Originalkompositionen trägt und sich des besonderen Klangs ihrer schier »proto-zwölfsaitigen« Freundin rühmt. Pavle besitzt eine außerordentlich schöne Stimme. Für ein Studioalbum wird man allerdings eine etwas bessere Gitarre einsetzen müssen.

Eine Neuheit auf der Kompilation sind auch All One to Me. Einminütiger abgedrehter HC mit dem Stück Gpass. Wir wollen mehr (und davon)! Auf keinen Fall durfte die Kompilation aber am wackeren Gaber Brin vorbeigehen, der mit seiner charakteristischen nasalen, markig-maskulinen Vokalcharakteristik das in helles Hoffen gerichtete  Jutri je nov dan abliefert. Die Kombination aus Retro-Seventies-Hard-Rock und Pop- und  Rhythm-’n‘-Blues-Kinetik  beschwört das Stück Oaza skrbi unter der Regie von The Perception (ft. Tonja Senčar). Wenn Luzidität und Sarkasmus irgendwo ihre Staatsbürgerschaft erlangt haben, dann gewiss in der Gruppe Jaguar Februar, die einen weiteren Bissen originaler Scharfsinnigkeit im Stück  Z veje na vejo liefern. Den Abschluss bildet das schelmische akustische Instrumental Dimljene devetke, in dem auch Primož Grašič mitmachen könnte, denn es öffnet reichlich Raum für Improvisation. Es wurzelt im Blues,  könnte aber ganz schnell in Ragtime übergehen, doch darüber entscheidet allein ihr Autor Nanjara.

Schön ist die Erkenntnis, dass das Albumcover lebendige Farben trägt, was natürlich auch ein Abbild der farbenfrohen Musikkultur der Kočevjaner Region ist. Die meisten slowenischen Interpreten wählen nämlich schwarze, weiße oder in sämtliche möglichen Grautöne gehüllte Albumcover. »Kočevje špila – razkačeno« hält die Wildheit der bunten künstlerischen Diversität der Kočevjaner Region aufrecht. Durchgehend ungemein reizvoll im Hören und Entdecken, bewahrt sie ihre streng unverwechselbare Identität, innerhalb der Staatsgrenzen! Hoffen wir, dass diese Flamme niemals erlischt, und hoffen wir, dass auch andere slowenische Musikregionen bald mit ähnlichen Veröffentlichungen reagieren werden. Die slowenische Musik birgt nämlich ein außergewöhnliches Mosaik greifbarer musikalisch-kreativer Authentizität, die heutzutage jedoch zunehmend schwieriger zu entdecken ist. Deshalb ist die Tätigkeit des Društvo kočevskih glasbenikov in diesen schweren Zeiten, in denen nur Kitsch und Flitter der materialistischen Farblosigkeit gleichgültiger Verdorbener »zählen«,  von überragender Bedeutung für die Bewahrung der slowenischen (Rock-)Musik- und der (allgemeinen) kulturellen Identität.

Trackliste

1. Skaktus – Zvečer
2. Ida Aupič – Povej mi
3. Ram Session – I Spy
4. Urška Baković – Domine
5. Pankeroschi – Šef
6. Didiwa – Svetilnik
7. Static – Problem
8. Sintetika – Vsak za svojo rit
10. Vocabella – Med vrsticami
11. Pavle Benič – Rojevanje
12. All One To Me – Gpass
13. Gaber Brin – Jutri je nov dan
14. The Perception ft. Tonja Senčar – Oaza skrbi
15. Nčodnč – Out Of Nothing
16. Andraž Hribar – Prosi me
17. Sellout – Popoln dan
18. Joe Krosher ft. Urška – Give Us A Night (radio edit)
18. Jaguar Februar – Z veje na vejo
19. Semo – Počasi
20. Sebatage – Zgodba vsakdana
21. Nanjara – Dimljene devetke

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