Kočevje špila – Po Stojni
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Various Artists
Label: Društvo kočevskih glasbenikov
Erscheinungsjahr: 2017
Bewertung: 4.5/5
Das ist bereits die sechste »Kočevje špila« Compilation, die nur bestätigt, was für eine harte Nuss eine auf regionalem Niveau versammelte Gemeinschaft von Künstlern und Kreativen sein kann, wenn sie ein gemeinsamer Fokus auf die Verwirklichung musikalischer Visionsziele sowie über allem die Liebe zum Ausdruck in der Musik verbindet. Mit solcher Einigkeit kannst du so einiges erreichen. Und diesmal verkörpert die Ernte der musikalischen Früchte des vergangenen Jahres also bereits der sechste Teil der Kočevjer Compilation mit dem Titel »Po Stojni«. Die Stojna ist eine Anhöhe bei Kočevje, mit der sich die Kočevjaner identifizieren. Der kleine, unbedeutende, unwissende und bescheidene »Sumpfbewohner«, der diese Zeilen schreibt, wagt es hier sogar, Schlussfolgerungen zu ziehen, und zwar stellt er folgende These auf: Sagen wir, die symbolische Bedeutung der Stojna auf regionaler Ebene ist so wie die des Triglav auf nationaler Ebene. Diese Compilation führt uns nicht nur in den musikalischen Puls des vergangenen Jahres in der Kočevje-Region, sondern diesmal ausgiebiger in die weiten Weiten der Kočevjer Wälder, in das Reich der großen Wildtiere, das Reich des Bären – jenes guten alten Wald-Ent, von dem Generationen von Kočevjanern seit jeher lernten und gemeinsam mit ihm aufgewachsen sind. Die Angst vor ihm ist überflüssig, und das wissen die Kočevjaner, die seit Jahrhunderten im Einklang mit dem Bären umzugehen verstehen – im Gegensatz zu anderen Manipulatoren und Lobbyisten, die in den Staatsspitzen sitzen und im Abschuss von Wildtieren schlicht ein gutes Trophäengeschäft sehen. Schon wenn du einen Blick auf die Verpackung und das Cover der Compilation wirfst, wird schnell klar, dass der Wald diesmal eine wichtige Rolle spielen wird. Weitläufige Tannen-Buchen-Wälder mit allen (überwiegend) natürlichen Sehenswürdigkeiten, die in fünfzehn Punkten entlang der Stojna aufgereiht sind. Jeder dieser Punkte ist energetisch-vibrationsmäßig und aussagemäßig sinnvoll mit einer der fünfzehn Besonderheiten der Stojna verknüpft. Entfalte das Booklet der Compilation und alles wird klar. Als »Landkarte« gefaltet und aus recyceltem Papier hergestellt! Die »Grüne Sprache« des nachhaltigen Umgangs mit natürlichen Ressourcen, nach dem bekannten Rezept von »Polde Kopitar« (für jene, die in der Betonwüste leben, noch eine Übersetzung: Leopold Hufnagel), ist den Kočevjanern nur zu verständlich und vertraut.
Die diesjährige Compilation bringt »nur« fünfzehn Songs! Das ist eine der wenigen Neuerungen im Vergleich zu den bisherigen. Wieder sind die alten Bekannten dabei, die für eine unglaubliche Genrevielfalt auf diesem kleinen geografischen Fleck Sloweniens sorgen, wobei die Cross-Genre-Fusion im Ausdruck der einzelnen Künstler schon sprichwörtlich wird. Dass die neue Compilation für das Jahr 2017 wieder das Sahnehäubchen ist, muss nicht extra betont werden. Sie bietet wieder alles, womit uns die Kočevjaner mit ihrer scharfen Klarheit musikalischer Horizonte schon längst kräftig verwöhnt haben.
Die alten Bekannten also. Gaber Brin, pardon Roman Zupančič, mit seiner bekannten farbigen Vokal-Gravur in Gesellschaft von Sebastijan Vukan (Sebatage), liefern ein Vokalduett im Eröffnungssong Dobro jutro sonce! Der Song spricht einen im Ansatz wie ein Singer-Songwriter an. Er ist optimistisch und frech, wie echte morgendliche Sonnenstrahlen, die dich kitzelig auf dem Gesicht küssen und aus dem Schlaf locken! Auf diese Compilation kehren die erstklassigen Alternativerock-Spaßvögel Jaguar Februar zurück. Diesmal mit dem neuen Song Delirij. Die Band bleibt besonders, luzide, und die Lyrik unterstreicht das erneut. Stilistisch bewahren sie die Verbindung zu ihrem Debütalbum, das Ende 2015 erschien.
Matthias & The Band, die sich mit einem entspannt dahinfließenden, mit Blues durchwobenen Track präsentieren, in dem es an versiertem Gitarrengeflecht (im Hintergrund) nicht mangelt, namens Ata mi je reku, bringen den Singer-Songwriter-Charakter auf die Compilation zurück. Joe Krosher bietet diesmal einen Song ohne „externe“ vokale Unterstützung. Noch eine neue, radiotaugliche Art-Pop-Nummer im DJ-Gewand, die ihr im Song Messin‘ Around findet. Mit einem betonten, tanzbar-drehendem Beat. Trip und Tanzschritt! Aktion. Klangliche Wärme? Ja. Die Bässe klingen »fett« und völlig organisch.
Nicht wenig überrascht auf der Compilation der rockig zugespitzte Blues-Swing, wo die Mundharmonika in den Vordergrund tritt, im Song Papa Legba (Coketoiwn Cowboy) unter Regie von Voodoo Weekend, die auf der Compilation erneut deren Reichweite mit ausgesprochen luzide-stachligem Sentiment erweitert. Das ist Blues! The Cowmonkeys liefern den Alter/Indie-Rock-Moment mit dem Song One. Die Band findet sich in heiliger motivischer Schlichtheit auch mit dem Schichten mehrschichtiger Vocals geschickt zurecht, womit sie Vorhersehbarkeit abwehrt und dem Song einen Moment von Pomphaftigkeit hinzufügt. Gleichzeitig trägt dieser Song auch eine unverhohlene Note von Psychedelik. Auf der Compilation findet sich auch ein neuer Song der Gruppe Vocabella, und zwar Ko čas se ustavi. Mit diesem Song bewahrt die Gruppe weiterhin die Verliebtheit in das traditionelle Erbe des slowenischen Schlagers der Siebziger. Wenn wir schon die Siebziger im slowenischen Schlager erwähnen, wird der Titel dieses Songs umso bedeutsamer. Static könnten mit der Zeit die Rolle der Kočevjer Version der Gruppe Pande übernehmen. Tatsächlich trägt ihr Pop-Rock-Bild etwas von jener nötigen Art-Feinmechanik in sich, was sie im Song Separe liefern, auch die Versiertheit mit einem anspruchsvolleren (Funky) Rhythmus-Groove und ein feinsinniges Spiel der Keyboards im Hintergrund des Klangbilds, wobei ihnen auch der Umgang mit Jazz-Rhetorik nicht fremd ist. Der Frauengesang von Jasmine Movrin bleibt erneut äußerst ansprechend und kriecht schnell unter die Haut. Eine Band, geboren für die Rotation auf den Radiowellen.
Kristjan 34 findet sich im Song Križ außerordentlich gut im Arrangieren der Mundharmonika zurecht. Der Song wirkt wie die ideale Filmuntermalung für den Ausgangspunkt irgendeines Insolvenzverfahrens. Der Song Križ ist eine gelungene Kombination aus vokalem Ansprechen, das bewusst auch ein Gefühl der »Müdigkeit« unterschiebt. Er ist geschickt gewürzt mit Mundharmonika-Blues-Rhetorik, die von einer „Funk-Verspieltheit“ der Rhythmuskinetik und einem organischen Gewand akustischer Gitarrenbegleitung unterstützt wird. Auf einer solchen Compilation darf jedenfalls eine Prise Elektronik nicht fehlen, wofür erneut überzeugend das Projekt Extended Veins mit der »Breakbeat«-Attacke Rebellion sorgt.
Den Gipfel der Unterhaltsamkeit erreicht die Compilation mit dem Song von D.O.G. namens Paralelni svet Marjana Hladnika. Nach einem malerisch-possenhaften Einstiegs-Stups landet der Song völlig auf der bereits abgenutzten Phrase einer typischen Akkordfolge, doch aus der Vorhersehbarkeit zieht ihn sein parodistischer Charakter und die unterhaltsame vokale Ansprache heraus, die der Compilation damit einen der einprägsamsten Texte liefert. Typisch slowenisch, könnte man sagen. Eine schwarze Tragikomödie, in der zwangsläufig der kleine Mann leidet! Die Modulation im Ausgangsteil bringt einen eigenartigen Höhepunkt galgenhumoriger Verhöhnung. Ganz am Ende des Songs. Die Compilation beschließt die legendäre Kočevjer Singer-Songwriter-Nachtigall Pavle Benič. Hop’la konop’la? Pavle Benič nämlich »brennt« diesmal. Eine Band begleitet ihn! Und der Song Ah, daj no daj klingt rustikal. Pavle ist ein Mann aus Zeiten, als Rock’n’Roll noch jung und makellos war. Der Song trägt das Sentiment des klassischen Rocks der Siebziger, Blues-Einlagen und einen Moment der Psychedelik. The Greatful Dead meets The Allman Brothers Band? Diskutabel, auf jeden Fall. Keine Frage aber, dass Pavle eine ewig junge und verschmitzte Rock’n’Roll-Seele bleibt.
Nčodnč, ohne die man sich keine einzige »Kočevje špila« Compilation vorstellen kann, haben diesmal die Kräfte mit der Gruppe Kosmate dlesni. vereint. Es entstand ein gemeinsamer Song Ne bom se zadržvau. Zwei äußerst besondere Gruppen. Nčodnč sind Metaller, Kosmate dlesni stoßen immer gerne an »Crossover«-Klippen, wobei der Gedanke an RATM aufkommt. Endlich donnern auch die Gitarren auf der Compilation, wie es sich gehört. Verzerrt. Was das betrifft, ist«Po Stojni« eine der sanfteren Compilations. Zumindest hat Bito mit der Kompanie dafür gesorgt, dass auf der Compilation ein bisschen schneidend zugespitzte Klangschärfe zum Vorschein kommt. Ne bom se zadržvau ist die »Stimme der Straße« und bringt einen zungengewandten Moment des Hip-Hops mit düsteren Aussichten, erfolgreich fusioniert mit der Rhetorik des Metal-Riffs. Eine gelungene Kombination zweier musikalischer Welten, aus denen beide Gruppen kommen. Super-Fusion der musikalischen Elemente beider Gruppen! Die Lyrik ist realistisch, aber die Art, wie dieser Realismus präsentiert wird, weckt absoluten Sarkasmus. Es handelt sich also um den härtesten Moment der Compilation, der aber weiterhin die Note ihrer allgemeinen Verspieltheit beibehält. Wenn diesmal Skaktus und Sell Out fehlen, sind hier Zapušanci mit dem neuen SKA-Moment der Compilation im Song Zapuže Town. Hier gewinnt das Akkordeon! Ernst gemeint. D Splash mit dem Song Buongiorno Paycheck ist ein unterhaltsames Funk-Chamäleon, der Keyboardklang kokettiert dabei besonders im Eröffnungsteil mit dem »Hammond-Ringelreigen-Karussell« von Ray Manzarek (The Doors). Kurz gesagt, das ist es. Wie fühlt man sich, wenn man sich eines Morgens einen Zahlungsauftrag aus dem Briefkasten zieht? Fragt D Splash. Spöttisch ohne Grenzen.
Zum Abschluss dieser Analyse ist es nicht überflüssig zu betonen, dass der fleißige Robi Bulešić, ansonsten Schlagzeuger der nichtsnutzigen istrischen Punker Tito’s Bojs, mit seinem Einsatz erneut für eine vollblütige Ästhetik des abschließenden Klangmixes der Songs dieser Compilation gesorgt hat!
Wie man eine kurze Version einer beliebigen Rezension zum Erscheinen einer beliebigen »Kočevje špila« Compilation schreibt, wobei deren sechster Teil »Po Stojni« keine Ausnahme ist, bleibt für den Schreiber dieser Zeilen weiterhin eine rätselhafte Frage, nahe der Offenbarung der Einsteinschen Relativitätstheorie. Also: Mission Impossible. Einfach so. »Kočevje špila« liefert diesmal mit »Po Stojni« eine Brillanz, die angesichts der bisherigen Dokumente stillschweigend durchaus erwartet wurde. Zwischen 2012 und 2018 sind so auf allen erschienenen »Kočevje špila« Compilations bereits über hundert Songs erschienen. In dieser Hinsicht ist klar, dass so einige Künstler, die regelmäßige Gäste dieser Compilations sind, längst eigene Studioalben herausbringen sollten. Einige haben es bereits getan (Jaguar Februar, Nčodnč, und die Gruppen Sintetika und Charlie Butterfly, die wir auf der Compilation »Po Stojni« diesmal nicht finden).
Auf der anderen Seite bewahrt dieses Projekt mit seiner Konsequenz all seine Besonderheit im slowenischen Musikraum. Hoffen wir, dass das Društvo kočevskih glasbenikov mit seiner herzlichen und hingebungsvollen Tätigkeit zu einem leuchtenden Beispiel auch für andere ähnliche regionale Organisationen in Slowenien wird und dass dies die Veröffentlichung ähnlicher Compilation-CDs anregt, die mit solch vorbildlicher Kočevjer Herzlichkeit den musikalischen Puls auch anderer slowenischer Regionen würdig vertreten werden.
Produktion
Robi Bulešić
Tracklist
1. Roman & Sebatage – Dobro jutro sonce (03:05)
2. Jaguar Februar – Delirij (04:57)
3. Matthias & Band – Ata mi je reku (05:01)
4. Joe Krosher – Messin‘ around (Radio edit) (04:10)
5. Voodoo Weekend – Papa Legba (Coketown cowboy) (04:04)
6. The Cowmonkeys – One (04:25)
7. Vocabella – Ko čas se ustavi (03:06)
8. Static – Separe (04:25)
9. Nčodnč ft. Kosmate dlesni – Ne bom se zadržvau (03:11)
10. Zapušanci – Zapuže Town (03:44)
11. D Splash – Buongiorno Paycheck (03:37)
12. Kristijan 34 – Križ (02:44)
13. Extended Veins – Rebellion (04:40)
14. D.O.G. – Paralelni svet Marjana Hladnika (04:34)
15. Pavle Benič – Ah, daj no daj (02:32)