Internal Exile

0 7

Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Fish
Label: Polydor Records
Veröffentlichungsjahr: 1991
Laufzeit: 50:13
Wertung: 4.5/5

»Internal Exile« mit dem Untertitel »A Collection of a Boy’s Own Stories« war das zweite Studiowerk in der Soloregie des legendären schottischen Gesangsoriginals Fish, das bereits mit seinem großartigen Debüt »Vigil in a Wilderness of Mirrors« (1990) angekündigt hatte, dass auch nach seiner Trennung von Marillion ernsthaft mit ihm zu rechnen sei. Die Texte auf dem Album waren von Fishs Vergangenheit inspiriert, von seinen beinahe schon traditionell traumatischen persönlichen Beziehungen, aber auch von seinem Verdruss gegenüber seinem früheren Label EMI, das er während der Aufnahmen zu »Internal Exile« mit sichtlichem Vergnügen verließ und für kurze Zeit bei Polydor unterschrieb.

»Internal Exile«, auf dem ihm Musiker vom Kaliber seines ständigen Gitarrenkumpels Frank Usher, des Keyboard-Virtuosen Mickey Simmonds (ex-Mike Oldfield, Camel, Renaissance), des Bassisten und gelegentlichen Sängers David Paton (ex-Pilot, The Alan Parsons Project, Camel), des renommierten Schlagzeugers und Produzenten Ethan Johns (der u. a. als Produzent mit Tom Jones und Joe Cocker zusammenarbeitete) sowie des Schlagzeugers Ted McKenna (ex-Rory Gallagher, The Sensational Alex Harvey Band, The Michael Schenker Group) zur Seite standen, während die Produktion der Kultproduzent Chris Kimsey übernahm, war Fishs Tochter Tara gewidmet.

Musikalisch ist »Internal Exile« neben Fishs charakteristischen künstlerischen Qualitäten von Stilrichtungen geprägt, die er schon immer erforschen wollte – allen voran keltische traditionelle Volksmusik, was keine Überraschung ist, denn er war schon immer ein glühender schottischer Patriot. Einige Texte auf dem Album sind seiner Heimat und Fishs Sehnsucht nach schottischer Unabhängigkeit gewidmet. Vereinzelt sind auch Einflüsse verschiedener Weltmusik zu spüren, obwohl der unerschütterliche Highlander zur Freude langjähriger Fans erneut vor allem auf symphonische Prog-Rock-Finessen schwört. »Internal Exile« enthält einige Konzertklassiker, allen voran den Titeltrack, »Credo«, »Just Good Friends (Close)« sowie »Tongues«.

Das eröffnende Prog-Rock-Karussell »Shadowplay«, das leicht Erinnerungen an seine Zeit mit Marillion weckt, präsentiert Fish erneut als komplexen musikalischen Ausdruckskünstler, der mit scharfsinnigen lyrischen Botschaften und einem einzigartigen Gesangsansatz aufwartet, bei dem allein sein Charisma ausreicht, um eine mächtige Atmosphäre zu erzeugen, die den Hörer im Handumdrehen durch die Mäander seiner eigenen, meist tiefen persönlichen Gefühle und Erfahrungen führt. Sein Talent, persönliche wie auch gesellschaftskritische Themen zu erzählen, war schon immer ganz einzigartig. Simmonds‘ orchestrale Arrangements sind ausgesprochen geschmackvoll, während Ushers schneidende Gitarre Fishs Gesangsausdruck seit jeher hervorragend schmeichelt und sich perfekt in das hyperdramatische Ambiente einfügt.

Der beliebte Klassiker »Credo« ist ein weiterer sozial bewusster Song, der sich mit dem damals bereits brisanten Problem der Globalisierung befasst, die nach Fishs patriotischer Überzeugung nichts Gutes gebracht hat, vor allem für ‚kleine‘ und bedrohte Völker. Dieser von feierlichem Geist durchdrungene Evergreen wartet mit einem mächtigen Refrain und einem melancholischen Gitarrenriff auf, die den vollständigen vokalen Ausdruck der starken Gefühle des Highlanders angesichts der Ohnmacht des Einzelnen in einer sich rasend schnell verändernden Welt ermöglichen, in der jahrtausendealte Kulturen rapide aussterben. »Just Good Friends (Close)« ist eine der besten Liebesballaden in der Solokarriere des freundlichen schottischen Riesen und erzählt von seiner Erfahrung mit einer Person, die ihm viel bedeutete, von der er am Ende aber den ‚Korb‘ bekam. Trotz gebrochenem Herzen ist die Atmosphäre jedoch nicht traurig wie sonst in ähnlichen Fällen, wenn es um Fishs Herzensangelegenheiten geht, sondern beinahe ausgelassen, mit wunderschönen orchestralen Arrangements, angenehmer akustischer Begleitung und einem hervorragenden Gitarrensolo von Usher.

Die nächste Ballade, »Favourite Stranger«, enthält interessante perkussive Weltmusikelemente, die eine geheimnisvolle Atmosphäre erzeugen – womit sich Fish Peter Gabriel und Sting anschließt, zwei weiteren Gesangslegenden, die dies Anfang der Neunziger bei ihrer musikalischen Produktion besonders gerne praktizierten. Hier zeigt sich Fishs Gesang in seiner zartesten möglichen Form, ohne auch nur eine Spur ausgelassener Emotionen, während er nach wie vor seine charakteristische stimmliche Wärme bewahrt. Das leicht funky aufgelockerte »Lucky« bietet ein kontrastierendes, recht schelmisches und leicht spöttisches Ambiente mit einer gesellschaftskritischen Botschaft auf Kosten ungerechter sozialer Ungleichheiten. »Dear Friend« ist eine weitere kontemplative Ballade mit pastoralen Elementen, die in der Regie eines anderen Musikers bestenfalls ein durchschnittliches Ergebnis wäre, aber Fishs Gesang macht daraus ein reiches, bekenntnishaftes Erlebnis, in das der Hörer sich mühelos in seine persönlichen Empfindungen hineinfühlen kann.

 »Tongues« ist mit Abstand die düsterste und spannungsgeladenste Schöpfung auf dem Album, auf der Fish mit seinem charakteristischen theatralischen Gesangsansatz brilliert, während ihm dramatische Orchestrierung und Hintergrundgesang von Maryen Cairns Gesellschaft leisten. Der titelgebende Folk-Rock-Klassiker, in dem der Patriot Fish seine Sehnsucht nach schottischer Unabhängigkeit berührt, bietet dank Bläser- und Streicherarrangements eine großzügige keltische Atmosphäre und glänzt mit dem außergewöhnlichen Gesangseifer und Stolz des Sängers, der ihn dabei mehrmals regelrecht ‚in die Wolken‘ entführt. Atmosphäre und Rhythmus sind beinahe tanzbar, daher verwundert es nicht, dass dieser Klassiker auf jeder traditionellen keltischen (schottischen, irischen oder walisischen) Feier hervorragend passen würde. Der abschließende Pop-Rock-Song »Something In the Air«, ein Cover des renommierten englischen Musikers John Ceen, der auf der Original-CD-Ausgabe als Bonustrack erschien, ist ein weiteres interessantes Experiment mit Weltmusikelementen, das auch in Fishs Version ein schönes Hitpotenzial besitzt.

Fish hat mit »Internal Exile«, das ihm leider nicht den verdienten kommerziellen Erfolg brachte, in der Frühphase seiner Solokarriere ein weiteres Album geschaffen, das mit seiner außergewöhnlichen expressiv-atmosphärischen Kraft beim Hörer stets einen starken Eindruck hinterlässt und sich zugleich auf wunderschöne Weise seiner geliebten Heimat verneigt. Das Album enthält einige der besten Werke seiner Solokarriere, was vollkommen ausreicht, um es in die absolute Spitze der Studioergebnisse seiner eigenständigen Laufbahn einzureihen.

Besetzung

Derek W Dick (Fish) – Gesang
Mickey Simmonds – Keyboards
Frank Usher – Gitarre
Robin Boult – Gitarre, Hintergrundgesang
David Paton – Bass, Hintergrundgesang
Ethan Johns – Schlagzeug und Perkussion

GASTMUSIKER:
Ted McKenna – Schlagzeug und Perkussion auf ‚Tongues‘ & ‚Internal Exile‘
Chris Kimsey – Hintergrundgesang
Maryen Cairns – Hintergrundgesang
Charlie McKerron – Geige auf ‚Internal Exile‘
Marc Duff – Flöten
Donald Shaw – Knopfakkordeon

Produktion

Chris Kimsey

Trackliste

1. Shadowplay
2. Credo
3. Just Good Friends (Close)
4. Favourite Stranger
5. Lucky
6. Dear Friend
7. Tongues
8. Internal Exile
9. Something In The Air

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies