Infra
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Siddharta
Label: Nika Records
Erschienen: 2015
Laufzeit: 41:32
Wertung: 3.5/5
Siddharta gelten auf heimischem slowenischem Boden als eine der beliebtesten Rockgruppen. Schon seit ihrem Debüt »Id«. Das sechste Studioalbum mit dem Titel »VI« erschien vor vier Jahren. Im Zeitraum zwischen 2011 und 2015 haben die Jungs jedoch keineswegs die Hände in den Schoß gelegt. Bis zum heurigen Jahr haben sie ganze 20 neue Songs vorbereitet. Die erste Jahreshälfte ist um und Siddharta hat entschieden, die erste Hälfte der Songs zu veröffentlichen. Die zweite folgt gegen Ende des Jahres. Es erscheint also noch ein weiteres Studioalbum von Siddharta in diesem Jahr.
Das neue Album? Auf Anhieb und beim ersten Hören wirkt es »punktgenau«, als würde Siddharta vom Album »Saga« aus in Richtung seiner kompositorischen Wurzeln aufbrechen. Deshalb wurde das Album wieder zuhause aufgenommen, in ihrem eigenen Studio und unter der Produzentenregie von Dejan Radičevič, der bereits ihr Studiodebüt »Id« produziert hat. Infra ist ein extrem melodisches – sagen wir lieber: musikalisches – Album. Es sucht nach der definierten Melodie, die einem sofort unter die Haut geht. Es sucht nach jener unverkennbaren Feierlichkeit der Arrangements, die Siddhartins charakteristisches Element der Melancholie erzeugt. »Infra« ist daher ein bedächtiges Album. Es greift auf Bewährtes, »Vertrautes« (bereits Bekanntes) zurück – und tut das gleichzeitig sehr wirkungsvoll und überzeugend, auch wenn man hier keine schöpferischen Höchstleistungen suchen sollte.
Schon die ersten drei Tracks des Albums – Dios, Do konca und Onna – signalisieren das Bestreben der Band nach ansteckender Melodiösität, während der vierte, Ledena, Anfang Juni dieses Jahres als erste Vorabauskopplung veröffentlicht, direkt in die Schaffensperiode der ersten drei Alben zurückschießt. Der fünfte Song des Albums Da Sedere trägt einen der eingängigsten Refrains des Albums – auch dank Tomažs Keyboard-Arrangements, die diesem Track eine ausdrucksstarke Portion Symphonisches verleihen. Wäre der Song in der Zeit der Alben »Rh -« und »Nord« erschienen, wäre er heute wohl ein Siddharta-Evergreen. Love Love ist der klare Kandidat für eine weitere Vorabauskopplung, falls Siddharta für diesen Zweck Songs vom Album wählt, die – wie Ledena – deutlicher auf die Anfangsphase der Band zurückgreifen.
Phatyuppie, eingewoben in die Mitte, und Gianna am Ende des Albums bringen den größten experimentellen Ausreißer des Albums – mit dem Element unvorhersehbarer Wendungen zwischen den Leitthemen. Es sind die zwei interessantesten Songs des Albums, die die künstlerische Reife der Band und den zurückhaltenden Willen zum Ausprobieren von Anderem, Neuem zeigen. Die Evolution darf nicht stillstehen, auch wenn dieses Album einen Moment der Nostalgie trägt und auf Werke der frühen Karriere zurückblickt.
In den Songs sind alle typischen Elemente von Siddhartins Einzigartigkeit bewahrt. Die Arrangements stehen. Die Songs sind stark im Ausdruck und zünden überzeugend. Die Kontraste der Bausteine des Siddharta-Sounds sind optimal im Klangbild verteilt, das seinerseits viel Organik und Lebendigkeit bewahrt. Der erste Magnet bleibt wieder Tomi mit seinem einzigartigen, bis heute fest im Bewusstsein der Fans verankerten Vokalansatz. Der Kerl fasziniert erneut mit unglaublicher Eindringlichkeit, wenn er Emotionen in jeden Winkel dieses Albums transportiert. Den Kern der Klanglandschaft und der mitreißenden Stimmungslagen bildet die massive Klangwand der Gitarrenphrasen, Primožs rationaler, aber zündender Beitrag minimalistischer Gitarrenornamente und natürlich das ausgiebige Treiben von Tomažs wirkungsvollem Einsatz der Nord-Keyboards. Diese balancieren wieder äußerst geschickt auf dem schmalen Grat zwischen hoher Musikalität auf der einen und einem Schuss Improvisation auf der anderen Seite. Die Rhythmussektion bleibt in allem unverzichtbar und fügt dem Gesamtklangbild ein außerordentlich kontrastreiches Gerüst hinzu – mit dem Endergebnis, dass »Infra« lebendig atmet, was ein Zeichen für das wirkungsvolle Gespür und die Chemie ist, die zwischen den Bandmitgliedern funktioniert und weiter wächst.
»Infra« ist der Punkt in der Karriere, an dem Siddharta für einen Moment in die Vergangenheit geschaut haben. Nach dem – Hand aufs Herz – konzeptuell nicht gerade überzeugenden Vorgänger »VI« brauchten die Jungs ein Album mit klar definierter musikalischer Wahrnehmbarkeit, auch wenn die Aura des neuen Albums dadurch retro-nostalgisch wirkt. Eines ist sicher: Die konkrete Songreihe von »Infra« wird bei neuen Konzerten in Kombination mit dem eisernen Repertoire der unverkennbaren Ultra-Hits der Band deutlich besser funktionieren als die Songs des Vorgängeralbums. Und noch etwas: »Infra« ist nur ein Halt in der Evolution der Band. Ich bin überzeugt, dass das achte Studioalbum – der Nachfolger von »Infra« – noch vor Ende dieses Jahres eine gehörige Portion schöpferischer Herausforderung und das Aufbrechen in die Entdeckung neuer, für die Band noch unerkundeter Horizonte bringen wird. Bis dahin genießen wir das sehr schöne, ultra-melodisch-sangbare Album »Infra«.
Besetzung
Tomi M. – Gesang, Gitarre
Primož B. – Gitarre, Begleitgesang
Tomaž O. R. – Keyboards, Begleitgesang
Jani H. – Bassgitarre, Begleitgesang
Boštjan M. – Schlagzeug
Produktion
Dejan Radičevič
Trackliste
01. Dios (04:16)
02. Do Konca (03:53)
03. Onna (04:04)
04. Ledena (04:39)
05. Da Sedere (03:58)
06. Phatyuppie (03:43)
07. Diamanti (05:04)
08. Love Love (02:57)
09. Piknik (05:01)
10. Gianna (03:45)