Infected
Künstler: HammerFall
Label: Nuclear Blast
Erscheinungsjahr: 2011
Wertung: 3/5
Groß vorstellen muss man sie nicht mehr. Wegbereiter des Metal-Revivals in der zweiten Hälfte der Neunziger und einer mehrjährigen Hypertrophie des Euro Power Metals in allen seinen Spielarten. Achtes Album. Die Band wollte Veränderung. Ein minimalistisches Cover, das einen kreativen Eindruck hinterlässt. Maskottchen Hector hat sich für eine Weile in den wohlverdienten Urlaub verabschiedet — wobei das nicht ganz stimmt, denn er taucht auf dem bereits veröffentlichten Cover der neuen Single Send Me A Sign auf.
Haben wir festgestellt, dass „No Sacrifice, No Victory“ eine hervorragende Platte ist, die die HammerFall-Tradition der herausragendsten Werke der Band von „Glory To The Brave“ bis „Crimson Thunder“ eng am Leib hält, so ist „Infected“ ein Versuch, von dieser Richtung abzuweichen. Und das ist bei HammerFall nicht gerade ermutigend. Die Jungs wollten offensichtlich ein direkteres Album abliefern, mit abgespeckterem Sound und reduzierten Arrangements. Das Album ist atmosphärisch auch düsterer als alle Vorgänger, worauf schon ein Blick auf das Cover hindeutet. Kompositionen, die das makellose Markenzeichen des HammerFall-Metals tragen, erscheinen diesmal nur noch zur Hälfte.
Der erste Track des Albums, Patient Zero — die lästige Ouvertüre von knapp zwei Minuten mal ausgeklammert — ist ein gelungener Versuch der Band, ihr klassisches Konzept für neue Zeiten in ausgesprochen düstere Gewässer zu überführen, dabei aber ihrer Tradition treu zu bleiben. Die „Accept-hafte“ Hauptgitarrenphrase hält die richtige Metalatmosphäre aufrecht, der Übergang in der Mitte ist klassisch HammerFall-typisch, wie man ihn auch auf dem Studiodebüt kennt. Gleichzeitig wirkt die Überlagerung mit der düsteren Atmosphäre effektiv. Bang Your Head wird mit Sicherheit ins Konzertrepertoire der neuen Tour aufgenommen. Die Idee und Inspiration für den Track stammt vielleicht vom Auftritt der Band als Headliner an einem der beiden Tage des Bang Your Head-Festivals im vergangenen Jahr. Die Hauptphrase in der Strophe sowie der Refrainaufbau schulden der Komposition Let The Hammer Fall viel. Im weiteren Verlauf funktionieren die Marschtracks The Outlaw und Dia De Los Muertos hervorragend und heben sich als einige der besten Songs auf dem Album hervor. Hinzu gesellt sich die als zweite Single des Albums veröffentlichte Ballade Send Me A Sign — allerdings mit Vorsicht zu genießen, da es sich nicht um eine Eigenkomposition handelt, sondern um ein Cover der ungarischen Heavy-Metal-Band Pokolgep. Die mini-epische Suite — der Abschlusstrack Redemption — rettet die Situation und wird alle Fans der galoppierenden Rhythmen der Band und des traditionellen bombastischen Prunks beglücken.
Weniger geglückt klingt der Rest des Albums. In der düsteren Atmosphäre, in der märchenhafte Texte über Blutmeere auf Schlachtfeldern und gleißend erhitzten Ritterstahl nun durch Klischees über die Apokalypse ersetzt werden, spürt man sogar eine Annäherung an Hard-Rock-Elemente (I Refuse). Dazu beigetragen haben mag auch die Produktion, denn James Michael ist bekannt für seine frühere Zusammenarbeit mit Bands wie Scorpions, Meat Loaf, Motley Crue… Der Track 666 – The Enemy Within ist ebenfalls ein weniger gelungener Moment des neuen Albums, da die Arrangementlösungen im Strophe-Refrain-Verhältnis an Fluidität missen lassen — diesem Syndrom entkommt im Anschluss auch Immortalized nicht. Die Atmosphäre der gewohnten Erwartungen verdirbt auch One More Time, mit dem geradezu nervtötenden Einsatz der vielfachen Wiederholung des Songtitels als Entschuldigung für einen Refrain. Let’s Get It On mit seinem draufgängerischen Rhythmusgalopp und ansteckendem Riffing versickert ebenso in einem trivialen Refrain.
„Infected“ hat der Band ein Album einer sanften Abkehr von dem gebracht, was sie am besten kann. Das Lustige an der ganzen Sache ist die Bestätigung der Erkenntnis, dass HammerFall am besten und einzig wirklich glaubwürdig in märchenhaften Themen funktionieren, in denen die Epopöe der Templer im Mittelpunkt steht. Dort kommt der Sinn der Band für die Bombastik der Refrainmelodien, ihr ausgeprägtes Gespür für Eingängigkeit und die mitreißende Wucht der Riffs am schönsten zur Geltung. Ich glaube, dass HammerFall mit dem nächsten Album bald wieder zu ihren klassischen Themen zurückfinden werden. „Infected“ ist keineswegs ein schlechtes Produkt, könnte aber deutlich besser sein — denn diesmal haben die Jungs in ihren Lösungen nicht das Niveau an melodischem Fluss, Durchschlagskraft und epischem Flair erreicht, das den Power Metal sonst auszeichnet. Vielleicht auf Kosten des Wunsches, die düstere Atmosphäre zu halten. Falls du die Band zufällig noch nicht kennst, ist es nicht empfehlenswert, ihre Entdeckung mit „Infected“ zu beginnen. Es ist ein Werk, das nach ein paar Durchgängen schnell abgehakt ist und fortan nur noch (bedingt) deine CD-Sammlung zieren wird.
Besetzung
Joacim Cans – Gesang, Background-Gesang
Oscar Dronjak – Gitarre, Keyboards, Background-Gesang
Pontus Norgren – Gitarre, Background-Gesang
Fredrik Larsson – Bassgitarre, Background-Gesang
Anders Johansson – Schlagzeug
Produktion
James MIchael, Oscar Dronjak & Ponuts Norgren
Trackliste
1. Patient Zero
2. Bang Your Head
3. One More Time
4. The Outlaw
5. Send Me a Sign
6. Dia De Los Muertos
7. I Refuse
8. 666 – The Enemy Within
9. Immortalized
10. Let’s Get It On
11. Redemption