In der zweiten Umlaufbahn mit Simon Phillips und seinen Protocol (2015)

Aleš Podbrežnik
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Location: Zagreb  / Green Gold Club / Kroatien
Datum: 11.05.2015


Einer der größten und angesehensten Schlagzeuger der Welt, Simon Phillips, erlebt gerade eine wahre künstlerische Blütezeit. Nachdem er sich 2012 von den Art-Rock-Größen Toto verabschiedet hatte, erweckte er sein musikalisches Projekt Protocol wieder zum Leben. Schon vor zwei Jahren durchkreuzte er mit dem Comeback-Album »Protocol II« Europa, und nach weiteren zwei Jahren brachte der berühmte Schlagzeuger gemeinsam mit seinem eingespielten Team erstklassiger Musiker den dritten Akt des Projekts zusammen – sinnvoll und bezeichnend betitelt als »Protocol III«.

Die Tour namens »Second Orbit« streifte Slowenien mit den nächstgelegenen Stopps von Simon Phillips und seiner Entourage im österreichischen Graz und im kroatischen Zagreb. Letzterer erwies sich diesmal als weitaus praktischerer Besuchsort, schon allein wegen der geringeren Reisekosten. Der Green Gold Club in Zagreb liegt in einem Viertel voller mondäner Geschäftsgebäude und Hotels. Das Gefühl beim Betreten des Gebäudes war wirklich ungewöhnlich, denn Rolltreppen führten einen bis zur Konzertlocation hinauf. Im ersten Moment hätte man irrtümlich glauben können, versehentlich im Ljubljaner City Park gelandet zu sein.

Simon Phillips (Schlagzeug), Steve Weingart (Keyboards), Andy Timmons (Gitarre ) und Ernst Tibbs (Bass) begannen das Konzert gegen halb zehn Uhr abends. Die Location war genau richtig dimensioniert, um rund 400 Fans von Jazz-Rock-Fusion und auch Prog-Rock in ihrem Schoß aufzunehmen, die den Saal schön füllten.

Die Jungs spielten gleich das gesamte neue Album »Protocol III«, und Simon Phillips trat nach bewährter Manier in drei Pausen an die Bühnenkante und unterhielt das Publikum auch mit einigen Anekdoten und amüsanten Geschichten aus seiner reichen musikalischen Karriere. Selbstverständlich begleitete ihn dabei wie immer sein angeborener britischer Sinn für schwarzen Humor.

Das Spiel aber: göttlich. Einfach sprachlos. Atemberaubende Brillanz. Unglaubliche Präzision, Gespür, Finesse und vor allem Erfahrung. Das Element der Spontaneität und Überraschung – sprich die Implantation des Unerwarteten – erstrahlte in vollster Pracht. Eine Galerie endloser Jazz-Variationen in außergewöhnlichem Solospiel, die einem den Atem verschlägt. Entspanntheit und Leichtigkeit. Das Quartett genoss sich selbst ungemein und fühlte sich sichtlich wohl. Manche äußerst anspruchsvolle Parts spielten sie mit federnder Leichtigkeit. Das Publikum natürlich in Ekstase und mit vollem Gegenapplaus. Die ganze Zeit über. Großartige Energie und letztlich ein Gefühl der Erfüllung und Befriedigung, das sich nach und nach im Zuhörer festgesetzt hat – dass man eben genau bei der Art Konzert angekommen ist, das einem das Maximum bieten kann. Und das für einen lächerlich niedrigen Eintrittspreis.

Alle vier Musiker sind absolute Weltklasse. Außergewöhnlich in ihrer Vielseitigkeit, im Sound, der ihre Bühnenpräsenz begleitet und aufbaut – und der das Instrument jedes Einzelnen im Gesamtbild an einen besonderen Platz stellt. An einen Platz, der für das Bestehen von Protocol II unverzichtbar ist. Für einen Moment schien es, als wären die Instrumente den Mitgliedern des Protocol II-Quartetts buchstäblich angewachsen.  Das Schwungrad außergewöhnlicher positiver Energie und Schwingungen beim Konzert war die Gabe verschmitzter Schlagfertigkeit, die alle vier musikalischen Ästheten auszeichnet. Während des gut zwei Stunden langen Auftritts ließ diese auch keinen Augenblick nach. Sie beobachten sich gegenseitig die ganze Zeit. Unaufhörlich. Dabei reißen sie pausenlos Grimassen  und necken sich damit absichtlich gegenseitig – und versuchen einander sogar aus dem Konzept zu bringen. Unglaublich, wie viel Lockerheit und Spaß diese vier Jungs bei all ihren auditiv wie visuell anspruchsvollen Aufgaben in ihrer Show zu erzeugen imstande sind.

Als Höhepunkt dieser mehr als brillanten zweistündigen Vorstellung kann der Moment gelten, in dem Phillips vom Publikum zunächst absolute Stille verlangte. Er trat fast bis an die Bühnenkante heran und begann, mit seinen Drumsticks auf den Boden zu hämmern. Langsam bewegte er sich in Richtung seines Schlagzeugs auf der rechten Bühnenseite, wobei er beim Hämmern jeden Bühnengegenstand nutzte, der in seiner Reichweite war. So kam er langsam zu seinen Drums, die er im Stil eines Perkussionisten gründlich „durchtrommelte“, arbeitete sich langsam zum Hocker vor und lieferte im großen Finale noch ein weiteres außergewöhnliches Drum-Solo ab, durch das das Quartett anschließend ein letztes Mal in voller Stärke auf der Bühne aufblühte. Im obligatorischen Zugabenteil spielten die Jungs noch zwei Stücke vom vorherigen Album »Protocol II«, nämlich Moments of Fortune und Wildfire.

Auch dieses Konzert von Simon Phillips und seinen Protocol verging wie im Nu. Es passiert auf der Bühne einfach so viel gleichzeitig, das jeden Musikliebhaber in vollen Zügen beschäftigt, dass die Musik einen einfach trägt, trägt und trägt. Sie führt in ihre einzigartige Welt der Magie. Die einzigartige musikalische Sprache des genialen und unvergleichlichen Schlagzeug-Zauberers Simon Phillips und seiner drei bravourösen Mitstreiter. In Zagreb haben wir an diesem Abend also von den süßesten Träumen ursprünglicher Magie geschwärmt, die einem das Erlebnis der Jazzrock-Fusion liefern kann. Hoffen wir, dass Maestro Phillips mit seinem Team bald wieder in unserer Nähe gastiert, denn seine Auftritte sind eine Art musikalisches Abenteuer, von dem man einfach nicht genug bekommen und nicht genug hören kann. Ein Erlebnis musikalischer Vollkommenheit.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


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