HiRock festival (2013)
Ort: Inzell (Chiemgau, Bayern) / Max-Aicher-Arena / Deutschland
Datum: 01.06.2013
Na ja. Wenn dir ein Festival mit Auftritten von Toto, Journey, Rick Springfield usw. angekündigt wird… kann so eine Versuchung zur echten kleinen Qual werden. Wer melodischen Rock im Herzen trägt, spitzt nämlich sofort die Ohren. Kommen dazu noch Namen wie Europe, Whitesnake, die aus Thin Lizzy hervorgegangenen Black Star Riders, neuere Vertreter dieses Stils und Glam-Rocker H.E.A.T., die deutschen Hard-Rock-Veteranen Voodoo Circle, und rundest du diese Liste am Ende noch mit den AOR-Champions aus den USA bzw. Großbritannien Survivor und FM ab – dann ist der Versuchung eigentlich nicht zu widerstehen. Zwei Tage voller Träume am Horizont.
Und trotzdem? Je mehr die Herzen brannten und je näher der Termin des Hi-Rock Festivals rückte – angekündigt für den 1. und 02.06. –, desto lauter hallten die berüchtigten Gerüchte über erwartete tagelange Niederschläge auf dem europäischen Kontinent wider, mit dem Schwerpunkt der Regenfälle direkt über der Region Chiemgau in Südbayern. Dort liegt das Städtchen Inzell, das vom Tourismus lebt, da die naturschöne Region zur Alpenregion gehört. In eben diesem Inzell – etwa in der Größe des slowenischen Trzin – befindet sich die alles andere als bescheidene Max Aicher Arena. Inzell ist nämlich neben dem Tourismus auch eines der Sportzentren der Region. Die Halle ist nämlich größer als die Halle in Stožice. Unglaublich. Man vergleicht hier nämlich das Niveau der slowenischen Hauptstadt mit einem schnell vergesslichen Touristendörfchen in Deutschland.
So kam es denn auch. Die Rocker-Verbissenheit glühte unerbittlich. Soll der Himmel auf die Erde stürzen, wenn es sein muss. Halb so wild! Nach der Ankunft in Salzburg verließen uns die letzten blauen Fetzen des zerrissenen Himmels für immer, wir versanken im Schlund der Grauheit, aus der es tröpfelte. Tropfte, tropfte und tropfte. Es kühlte sich ab. Als wäre es Anfang März und nicht Juni. Aber das fühlte sich noch völlig »schmerzlos« an. Es wurde jedoch immer klarer, dass wir die Zelte im Auto lassen, das Campen vergessen und eine Unterkunft suchen mussten.
Die Uhr schlug drei Uhr nachmittags. Wir sind in Inzell und vor der Max Aicher Arena! Draußen schüttet es. Wir sind nass und das ist uns egal. Ins Innere lässt man die Leute durch eine enge, trichterförmige Passage, wo wieder niemand dem Abtasten durch die Sicherheitskräfte entkommt. Obendrein hakt es in der Schlange für die Akkreditierungen. Die Minuten vergehen. Kostbare Minuten. Das Konzert von H.E.A.T. zieht zur Hälfte an uns vorbei. Als ich die Halle betrete, gönnt sich die Band gerade den Einsatz des berühmten Led Zeppelin-Klassikers Rock N‘ Roll, und ein negativer Gedanke durchzuckt mich: »Bin ich so weit gefahren, nur um zum millionsten Mal eine der abgedroschensten Nummern von Led Zeppelin gespielt zu hören? Brrr…«
Die Schweden, mit größtenteils markttauglichen Künstlernamen, in der Besetzung Erik Grönwall (Gesang) – er stieß im August 2010 zur Band und ersetzte seinen Vorgänger Kenny Lekrem –, dazu Dave Dalone (Gitarre), Eric Rivers (Gitarre), Jona Tee (Keyboards), Jimmy Jay (Bass) und Cash (Schlagzeug), präsentierten das aktuelle Studioalbum »Address the Nation« (2012) und spielten in dem 40-minütigen Konzert auch drei Hit-Singles (Beg, Beg, Beg, 1000 Miles, Living On the Run) – lediglich Keep On Dreaming fehlte. Die Band darf sich eines angeborenen Perfektionismus rühmen. Sowohl in der Darbietung, bei der die Truppe auf der Bühne vor lauter ungezähmter und zügellos entfesselter Kinetik schier platzte, als auch – und vor allem – begeisterte Sänger Erik Grönwall mit seiner ansteckenden Ausstrahlung. Zwar Glam-Rock-Revival, aber mit einem außergewöhnlichen Gespür für melodische Energie. Die Band versteht den Einsatz von Achtziger-Synthesizer-Sounds, was ihrer Ausdruckskraft eine klare AOR-Note verleiht (so etwa das hymnische Downtown in der Konzertmitte). Die Band ist außerordentlich eingespielt, was bei allem Gezeigten besonders die mehrstimmigen Vokalharmonien bestätigten, die Eriks Gesang begleiteten. Auch klangtechnisch fügte sich H.E.A.T. gut in den Raum ein. Wir hörten die Band aus größerer Entfernung, und die Klangeigenschaften während ihres Auftritts waren solide.
Voodoo Circle sind im Grunde ein Team erfahrener deutscher Rock- (und Metal-)Musiker mit dem englischen Sänger David Readman am Mikrofon. Letzterer ist gewissermaßen ein eingebürgerter Deutscher, denn seit Mitte der Neunziger ist er bei den deutschen Hard-Rockern Pink Cream 69 zu Hause. Voodoo Circle haben sich aus dem Konzeptprojekt von Gitarrist Alex Beyrodt zu einer Band entwickelt, die bis heute bereits ihr drittes Studioalbum veröffentlicht hat. Neben Beyrodt, dessen Gitarrentechnik an seine eigene Faszination für das Spiel von Y.J. Malmsteen und R. Blackmore erinnert, und dem bereits erwähnten Sänger David Readman komplettieren die Band eine echte Legende der deutschen Rock- und Metal-Szene: Bassist Matt Sinner (Sinner, Primal Fear), Keyboarder Jimmy Kresic und Schlagzeuger Markus Kullmann, der 2010 zur Band stieß, nachdem klar wurde, dass der ursprüngliche Drummer Mel Gaynor (seines Zeichens Schlagzeuger der Simple Minds) eine weitere Verpflichtung in seinem vollen Terminkalender nicht mehr stemmen konnte. Die Band präsentierte auf der Bühne das frisch erschienene Album »More Than One Way Home« (2013). An der Darbietung gibt es nichts auszusetzen. Allenfalls an der Tatsache, dass Voodoo Circle unter den Festival-Bands das »schwarze Schaf« in der Rolle des »Lückenfüllers« im Programm waren. Niemand hätte sie nämlich vermisst, wären sie nicht im Line-up der Auftretenden gewesen. Der deutsche Veranstalter hätte in dieser Hinsicht lieber seine Bonfire auf die Bühne bringen sollen. Auch die Schweizer Krokus wären eine bessere Wahl gewesen, oder die dänischen Pretty Maids, wenn Gotthard eben zu teuer geworden ist. Schlicht deshalb, weil Voodoo Circle mal zu sehr an Whitesnake, mal an Rainbow erinnern – und wo diese beiden nahe beieinander sind, sind auch Deep Purple nicht mehr weit –, obwohl Voodoo Circle wirklich schön spielen. Sänger David Readman ist überhaupt ein Phänomen. Songs wie unter anderem Graveyard City und King Of Your Dreams wurden souverän und bestimmt gespielt, doch gibt es einfach zu viele stilistische Anleihen, die nach der Generik bereits etablierter Standards rufen – was Voodoo Circle im Schatten älterer Bands hält. Dennoch handelt es sich um eine außergewöhnliche Kombination erstklassiger Musiker, was einige Eskapaden gegenseitiger Solo-Pässe zwischen Keyboarder Jimmy Kresic (was auch Asse vom Schlage eines Derek Sherinian in Erinnerung rief) und dem »barock verzierten« Gitarrenkünstler Alex Beyrodt bestätigten. Es gab Soundprobleme, wobei Beyrodt am schlechtesten wegkam. Er präsentierte nämlich in den 40 Minuten eine beneidenswerte Sammlung gitarristischer Schönheiten, die er offensichtlich unbedingt in wechselnden Händen halten musste. Wie gesagt: solide, aber sofort wieder vergessen.
Die erste der Konzertattraktionen des HiRock Festivals, die die Besucher in etwas größerer Zahl vor die Bühne zu locken begann, waren die amerikanischen Hard-Rocker Black Star Riders. Ihr Name sagt einem Laien, der das Geschehen auf der Classic-Rock-Szene nicht regelmäßig verfolgt, sicher nichts Konkretes. In Wirklichkeit ist es jedoch ein cleverer und wohlüberlegter Name für eine Band, die sich auf Konzertbühnen bis vor Kurzem noch unter dem legendären Namen Thin Lizzy vorgestellt hatte. Ihr Anführer ist der inzwischen bereits ordentlich ergraute, aber noch immer agile Scott Gorham, langjähriger Gitarrist von Thin Lizzy und Mitglied der klassischen Besetzung dieser ursprünglich irischen Band, die vor allem der unvergessliche, leider bereits seit Langem verstorbene Sänger und Bassist Phil Lynott in die Legenden eingeschrieben hat.
Nach Lynotts Tod hielt Gorham mithilfe des ehemaligen Sängers und Gitarristen John Sykes ab 1996 Thin Lizzy lange als Konzertattaktion am Leben, doch die meisten langjährigen Anhänger konnten sich mit dieser »Blasphemie« einfach nicht abfinden. Thin Lizzy ohne Phil Lynott sind nämlich wie etwa Queen ohne Freddie oder – Gott behüte – Motörhead ohne Lemmy – eine Band ohne Seele. Gorham war natürlich anderer Meinung und war überzeugt, dass Phil das konzertante Aufrechterhalten des Andenkens an sein berühmtes Vermächtnis billigen würde. Viele, die zur Zeit ihrer größten Erfolge noch nicht einmal geboren waren, bekamen so die Gelegenheit, einige der besten Klassiker aus der Geschichte dieses legendären irischen Kollektivs zum ersten Mal live zu hören, was Gorhams Band zumindest eine gewisse Legitimität verlieh.
Ein etwas größeres Problem entstand nach Sykes‘ Abgang, als Gorham plötzlich neues Material schaffen wollte, das zumindest annähernd so klingen sollte wie Thin Lizzy in ihren goldenen Zeiten mit Lynott. Zu diesem Zweck trommelte er einige alte Thin Lizzy-Kumpels zusammen, von denen am Ende nur der langjährige Tourbasist Marco Mendoza übrig blieb, da der ursprüngliche Lizzy-Drummer Brian Downey und der ehemalige Keyboarder Darren Wharton aus verschiedenen Gründen auf eine weitere Zusammenarbeit verzichteten. Zu dieser Zeit stießen zur Band – die sich Black Star Riders nach der gleichnamigen Bande von Außenseitern aus dem Film Tombstone nannte – Sänger und gelegentlicher Gitarrist Ricky Warwick, der die schwierigste Aufgabe übernahm, Lynotts Gesangspart zu ersetzen, Gitarrist Damon Johnson, der sich Gorham beim Weben der berühmten dualen Gitarren- und Vokalharmonien anschloss, sowie Schlagzeuger Jimmy DeGrasso. In dieser Besetzung haben Black Star Riders in diesem Jahr ihr Debüt »All Hell Breaks Loose« aufgenommen, das stilistisch stark an die klassischen Thin Lizzy erinnert und von dem sie beim Auftritt auch den Großteil ihrer Darbietungen spielten.
Ihren Auftritt eröffneten die Jungs verschiedener Altersgruppen, die äußerlich Outlaws aus dem amerikanischen Mittleren Westen ähneln – außer dem charismatischen Gorham, der unter ihnen als einziger auf seine alten Tage ein echter Herr ist –, direkt mit dem Titelstück des neuen Albums, das mit seiner Energie und dem schnell eingängigen Refrain das Publikum recht schnell aufwärmte. Das echte Feuer in der Halle entfachte erwartungsgemäß, als die unverzichtbaren Thin Lizzy-Klassiker wie »Jailbreak«, »Massacre«, »Cowboy Song«, »Suicide« und »Emerald« an der Reihe waren. Das Gitarrenduo Gorham/Johnson funktionierte wie eine gut geölte Maschine, während Warwick überzeugend genug in Lynotts Gesangsschuhe schlüpfte, sodass mehrmals echte Thin Lizzy-Magie aufkam. Den Höhepunkt des Black Star Riders-Auftritts bildete erwartungsgemäß die hervorragende Darbietung von Thin Lizzys größtem Hit »The Boys Are Back In Town«. In diesem mehr oder weniger melodisch-rockigen Abend waren Black Star Riders ganz sicher die härteste und klanglich »schmutzigste« Band – der man zugutehalten muss, dass sie sich überraschend erfolgreich vor Lynotts Andenken verbeugte und einen sehr würdigen Auftritt ablieferte.
Nach dem hervorragenden Auftritt von Black Star Riders übernahmen die Bühne einer der bedeutendsten skandinavischen Vertreter der Achtziger-Hard-Rock-Schule: Europe. So sehr sich Europe nach ihrer Reaktivierung Anfang des Jahrtausends klanglich und stilistisch mit neuen Alben auf Entdeckungstour befinden (als bewusstes Experiment), gilt das neueste »Bag Of Bones« unter den vier Alben des neuen Jahrtausends als eine Art Rückkehr Europes zur Sprache der Rock-Wurzeln, wie sie nicht einmal ihr Studiodebüt »Europe« kannte. Ist es überhaupt sinnvoll, zwei stilistisch getrennte Schaffensepochen dieser zwar äußerst geschätzten, einflussreichen, aber oft übersehenen Band miteinander zu vergleichen? »Bag Of Bones« ist das Album, das die Band nach mehr als zwanzig Jahren wieder in die Bestseller-Charts in Großbritannien zurückgebracht hat. Nebenbei: ein Album, das aufgrund seiner bluesigen Schwere dem großen Freund von Europe und ihrem Arbeitgeber Mitte der Neunziger, Herrn Glenn Hughes, sicher gefällt.
Was den Auftritt von Europe betrifft: Die Bühne gehört einem einzigen Menschen. Joey Tempest. Es wäre schwer, ein idealeres Beispiel für einen ausgefeilten Bühnenauftritt für ein Schulbuch zu finden als die Bühnenpräsenz von Wuchs und Stimme Joeya Tempests. Es handelt sich um einen Bühnendarsteller, der die Kunst, die die Ausstrahlung des Frontmanns jeder Band verlangt, bis ins letzte Detail perfektioniert hat. Gesten, Kommunikation, Kokettieren, Anheizen. Brillanz. Alles läuft reibungslos, wenn Tempest über die Bühne schlendert, das Mikrofonstativ in den Händen dreht…. Die anderen Jungs halten sich zurückhaltend, mit Ausnahme von Bassist John Levin. Auch wenn sie reserviert wirken, gehen sie mit großem Einsatz ihrem Job nach. Skandinavischer Perfektionismus eben. Ein vollblütiger Auftritt in knapper Stunde. Europe waren auch die ersten, die das »obere Stockwerk« der Bühnenlichtanlage nutzen konnten – also die Scheinwerferreihen, die höher an der Bühnenkonstruktion angebracht sind. Zugleich versammelten sie bis zu diesem Moment des Festivals mit Abstand die meisten Menschen vor der Bühne. Diese genossen die Darbietung ihrer größten Hits, wobei der immergrüne Cherokee überraschenderweise fehlte.
Bei Auftritten von Europe fällt ein interessantes Phänomen auf. Dieses kann für Europe ein neuzeitlicher Fluch sein oder aber auch die Rettung. Das hängt davon ab, aus welcher Perspektive man die Situation betrachtet. Wie erwähnt gibt es bei Europe zwei Schaffensepochen. Jene historische, die ihren Namen mit großen goldenen Buchstaben in die Fassade des Rocks eingraviert hat, und eine zweite, stilistisch andere, in der Europe ihre Art zu arrangieren veränderte. Daher sind die Stimmungskontraste im Repertoire ausgeprägt. Ein typisches Beispiel kam während des Konzerts dann, als Europe das Publikum hoch auf Händen trug. Es folgten nacheinander die ultimative Ballade Carrie, als Überraschung das historische Seven Doors Hotel und der heißblütige Hit Rock the Night. Danach folgte Norums instrumentaler Einschub zum neueren Last Look At Eden. Als würde man eine Welt aufschneiden und eine andere zeichnen. Der Gitarrensound absichtlich gedämpft, verschmiert, so verzerrt wie möglich. Schlagartig. Nicht zufällig. Absichtlich. Auf Norums Anweisung an die Techniker am Mischpult. Im Einklang mit dem neuen Studio-Sound der Band, der sich im neuen Jahrtausend durchgesetzt hat. Das injizierte »Kratzen« wirkte auf Unkundige geradezu gruselig! Und mal ehrlich: Es ist gruselig. In jeder Hinsicht. Ungeachtet von Norums heiliger Überzeugung, dass das super sei – es ist es nicht. So bekam die Atmosphäre durch Last Look At Eden eine völlig andere Dimension, fast die Dimension einer anderen Band. Neue Songs können schlicht nicht mit den alten mithalten. Die Arrangements sind eben schwächer. Das bestätigte der Schlussteil des Konzerts, als die Band erwartungsgemäß nach Last Look At Eden mit The Final Countdown loslegte – einem der besten Hard-Rock-Standards der gesamten Rock-Ära. Summa summarum: Diese Band rockt auch im Jahr 2013 mit außerordentlicher Ansteckungskraft, Feuer und Bühnenpräsenz. Tempest bleibt ein großer Bühnenmagnet, auch wenn ihn die höchsten Vokalregister schon lange nicht mehr gehorchen. Europe sind abgehärtete und erfahrene Hard-Rock-Gurus, die einen Konzertbesucher einfach nicht enttäuscht oder gleichgültig zurücklassen können. Zumindest der Auftritt beim HiRock Festival hat das bestätigt. Offenbar können sie aber mit der Setlist einschläfern – wenn nämlich zu viele neue Songs darin sind. Die diesmalige Setlist war schön »gewichtig«.
Kurz bevor die Truppe der »weißen Schlangen« unter Führung ihres immer faltiger werdenden, aber noch immer schamlos ungezähmten Sänger-Charmeurs David Coverdale auf die Bühne marschierte, füllte sich die Halle schon merklich mehr in Erwartung der ersten der beiden Hauptattraktionen dieses Konzertabends. Whitesnake waren als Headliner des ersten Festivaltags angekündigt, tauschten jedoch in letzter Minute die Reihenfolge mit Journey – sehr zur Freude all jener, die mit dem Hauptziel zum Festival gekommen waren, ihren melodisch-rockigen Konzerttraum zu verwirklichen. Die kultigen Hard-Rocker, die Whitesnake trotz zahlreicher Besetzungswechsel noch immer sind, haben natürlich Scharen treuer Konzertanhänger, die es gar nicht stört, dass Coverdales Stimme bereits ziemlich angegriffen ist. Das war bereits zu Beginn des einleitenden Evergreens »Give Me All Your Love« wieder deutlich zu hören. Viele freuten sich, ihn nach langer Zeit wieder auf der Setlist zu sehen. Die peinliche Tatsache, dass seine Stimme schon lange nicht mehr das ist, was sie einmal war, kompensierte der legendäre Sänger recht erfolgreich mithilfe der Backing-Vocals der beiden langjährigen Gitarristen Doug Aldrich und Reb Beach, die die Liebhaber gitarristischer Virtuosität im weiteren Abendverlauf vor allem mit zahlreichen improvisierten Duetten beglückten.
Für die restliche Gesangsunterstützung, vor allem bei den Refrains, sorgte das treue Publikum, das alle Texte auswendig kannte. Opa David bleibt auch jenseits der Sechzig noch immer ein charismatischer Patron eigener Art, was bedeutet, dass er trotz aufgeknöpfter Oberhemden und narzisstisch-adoleszenter Gesten – darunter das Flirten mit Angehörigen des zarten Geschlechts und Griffe in den Schritt – bislang noch keine vollständige Karikatur seiner selbst geworden ist, wie es manchem seiner musikalischen Altersgenossen passiert ist. Seine Stimme ist trotz ihrer Angegriffenheit, die in ihrer schlimmsten Phase an kehligen Würgedruck erinnert, noch immer erkennbar und autoritär genug, damit die langjährigen Klassiker mithilfe seiner außergewöhnlichen instrumentalen Mitstreiter – von denen in diesem Abend mit Abstand am meisten das Schlagzeug-»Tier«, der zurückgekehrte Tommy Aldridge, begeisterte – leidlich anständig und hörenswert klingen. Mehr als das ist es aber auch nicht.
Eben dieser Aldridge erntete mit seiner umwerfenden Soloeinlage während »Steal Your Heart Away« – die wie gewohnt im weiteren Verlauf das Trommeln auf die Schlagzeuganlage mit bloßen Händen enthielt – mit Abstand den lautesten Applaus des Publikums. Die Reaktion auf seinen Auftritt übertönte sogar alle Darbietungen der beliebten Whitesnake-Klassiker. Aldrichs und Beachs gitarristische Kapriolen ergänzte Brian Ruedy fleißig mit Keyboard-Linien, während der junge Bassist Michael Devin offensichtlich zu Coverdales neuester Liebling avanciert ist – er zog ihn bei erster Gelegenheit an seinem buschigen Bart und lud die jungen Konzertbesucherinnen zu einem besonderen Taufakt ein, den Devin in der Badewanne hinter der Bühne vollziehen würde.
Von den neueren Werken – also jenen, die in den letzten Jahren erschienen sind – spielten sie glücklicherweise die besseren Stücke, wie das überaus solide »Love Will Set You Free« und »Forevermore«, während sie für eine erhebliche Überraschung mit der mehr als willkommenen Darbietung des »Slide It In«-Klassikers »Gambler« sorgten. Damit gedachte Coverdale zweier verstorbener Freunde, die an der Platte »Slide It In« mitgewirkt haben: Gitarrist Mel Galley und Drummer Cozy Powell. Natürlich konnte er auch den schöpferischen Mitgestalter der frühen Whitesnake-Werke, Keyboarder Jon Lord, nicht vergessen. Den Älteren unter uns liefen dabei die Augen über. Erwartungsgemäß entflammte das Publikum am meisten bei den großen Hits wie »Is This Love«, »Fool For Your Loving« und »Here I Go Again«, auch wenn es den Großteil der Refrains anstelle des stimmlich ziemlich abgekämpften Herrn Coverdale selbst singen musste. Zum Abschluss spielten Whitesnake erwartungsgemäß ihren »Heavy-Metal-Höhepunkt« »Still Of The Night«, wobei David erwartungsgemäß von seinen Kameraden und dem Publikum reichlich tatkräftige Gesangsunterstützung erhielt, besonders bei den Refrains. Nach dem tosenden Applaus und dem vom Band eingespielten, traditionellen Abschiedssong »We Wish You Well« verabschiedete sich Coverdales Truppe von der Bühne und übergab den Platz der Hauptattraktion des ersten (und leider einzigen) Festivaltags. Den Auftritt der »weißen Schlangen« könnte man als zufriedenstellend und irgendwie den Erwartungen entsprechend bezeichnen.
Den Auftritt der melodisch-rockigen Champions Journey könnte man direkt mit dem beliebten altrömischen Spruch beschreiben – sie kamen, sahen und siegten. Von ihnen war auch nichts weniger als klangliche Perfektion und die vollständige Umsetzung von AOR-Größe in allen möglichen Schattierungen zu erwarten. Ihre treuen Anhänger sind nämlich irgendwie an die größtmögliche melodisch-rockige Verwöhnung gewöhnt, bei der Journey kaum Konkurrenten haben. Journey erleben bereits seit dem Album »Revelation« (2008), als sich ihnen der philippinische Sänger Arnel Pineda anschloss, eine wahre Wiedergeburt. Der charismatische Steve Perry war einzigartig, und das weiß sein Nachfolger nur allzu gut – dennoch ist Arnels Gesangsansatz eine sehr gute Annäherung und als solcher der bestmögliche Ersatz für Perry. Die amerikanischen AOR-Helden eröffneten ihren Auftritt auf denkbar beste Weise mit dem epischen Klassiker »Separate Ways (World Apart)«. Darauf folgte eine Reihe ihrer größten Hits wie »Any Way You Want It«, »Only The Young«, »Stone In Love«, »Lights« und »Open Arms«. Eine sehr schöne Abwechslung bot die Darbietung des Titelstücks vom legendären Album »Escape« (1981) sowie der Song »Keep On Runnin’« mit Drummer Dean Castronovo in der Rolle des Hauptsängers.
Einzelne Mitglieder, vor allem Gitarrenvirtuose Neal Schon und Keyboarder/Gitarrist Jonathan Cain, die ihre Soundtechniker mehrmals auf entsprechende Maßnahmen hinwiesen, sind unverbesserliche Klangperfektionisten – was in seiner Art auch völlig richtig ist. Pineda kündigte Schons Gitarrensolo kurzerhand als »unseren neuen Song« an, aber ähnliche humorvolle Einlagen gab es während des Auftritts noch einige. Schon trug im Stil seines ehemaligen Chefs Carlos Santana für den Großteil des Auftritts eine Sonnenbrille, was ihn jedoch nicht daran hinderte, mit nahezu Lichtgeschwindigkeit einige atemberaubende Gitarrenimprovisationen hinzulegen. Bassist Ross Valory, neben Schon das einzige Originalmitglied, sorgte derweil mit seinen dynamischen Basslinien und seiner Gelassenheit durchgehend für außerordentliche rhythmische Stabilität.
Der Motor der Band war durchgehend der »kleine Mann mit der großen Stimme« Pineda, der neben dem hervorragenden Gesang von Evergreens und neueren Werken mit seinen Gesangs- und sonstigen Akrobatiken fleißig dafür sorgte, dass das Publikum nicht zufällig für einen Moment einschlief. Insgesamt strahlten die Mitglieder von Journey durchgehend außerordentlich positive Schwingungen aus, sodass die Atmosphäre in der Halle während ihres gesamten Auftritts positiv aufgeladen war. Das spürte man besonders deutlich bei den nahezu fehlerfreien Darbietungen von »Wheel In the Sky« und »Be Good To Yourself«, wo das Publikum beim Mitsingen beider AOR-Hymnen ständig als Einheit mit der Band atmete.
Während der Liebesballade »Faithfully« ereigneten sich in den vorderen Reihen zwei witzige, fast bizarre Vorfälle. Zunächst begann ein junger Mann, der sich bei besagtem Song wohl etwas zu sehr hat mitreißen lassen – er wirkte keineswegs wie ein Verrückter –, die ausgelassene, ahnungslose junge Frau vor ihm zu umarmen. Diese schob ihn wütend weg und rügte ihn, woraufhin er sie bis zum Ende des Konzerts in Ruhe ließ. Noch tragikomischer war eine Szene etwas weiter rechts, als ein ergrauender Mann in reiferen Jahren begann, die Frau neben ihm in der Reihe zu bedrängen. Diese schob ihn wütend weg, sodass er verängstigt weit in die hinteren Reihen flüchtete. Offenbar war der Text von »Faithfully« für die beiden genannten Frauen auf fruchtbaren Boden gefallen – falls sie nämlich bereits ihre wahren, aber »verborgenen« Partner hatten, die nicht unter den Festivalteilnehmern waren. Für das große Finale spielten Journey erwartungsgemäß noch ihren größten Hit »Don’t Stop Believin’« – einen jener im Radio viel gespielten Hits, die auch nach mehr als drei Jahrzehnten niemals abgedroschen wirken. Diesen bereicherten sie mit einer Fülle instrumentaler Improvisationen, bevor sie sich unter rasendem Applaus des Publikums von der Bühne verabschiedeten. Journey waren in jeder Hinsicht die unbestrittenen Sieger des ersten und leider einzigen Festivaltags.
Nach dem Konzert von Journey endete der erste Festivaltag. Ohne zu ahnen, dass gleichzeitig mit Journeys Auftritt das Hi-Rock Festival eigentlich auch zu Ende gegangen war, kämpften wir uns durch den Platzregen zum Auto, wobei dabei fast vollständige Kenntnisse von Einsteins Relativitätstheorie und MacGyvers Überlebenstricks in der Natur gefragt waren. Es war gruselig.
Doch das Gruselige steigerte sich zur Dimension einer Wasserapokalypse. Guten Morgen, neuer Tag! Nasser Morgen. Der Campingplatz, auf dem wir utopischerweise übernachten wollten, soll bereits längst vollständig unter Wasser stehen. Der Regen ist noch stärker. Es folgt eine echte Evakuierung. Die Zufahrtsstraße zur Unterkunft ist entlang der Gehwege bereits mit Sandsäcken belegt, die das Überlaufen des Wassers von der Straße auf die privaten Grundstücke der umliegenden Wohnanwesen verhindern. Die Straßen verwandeln sich allmählich in Abflusskanäle. Trotzdem sind wir um halb drei nachmittags auf dem Gelände des zweiten Festivaltags. Um drei Uhr hätten FM auf der Bühne stehen sollen. Stattdessen beginnen die lokalen Hurricans die wenigen Anwesenden inmitten der riesigen Max Aicher Arena zu unterhalten (sofern überhaupt noch Raum für Unterhaltung bleibt) – zuvor hatte uns ein Informant des Veranstalters gewarnt, dass der Ablauf des Festivaltags unvorhersehbar sei und er nicht genau bestätigen könne, wie und wann die Bands auftreten würden. Das Ganze sollte gegen vier Uhr einen klaren Epilog finden. Obwohl draußen ein »Nightliner« geparkt war (wo zum Teufel sind all die Sattelschlepper?), der sich offensichtlich vom nördlichen Loreley bis nach Inzell durchgekämpft hatte, und obwohl der offizielle Festival-Merchandise mit Toto-Souvenirs aufwartete, waren die Vorzeichen keineswegs günstig. Und tatsächlich: Gegen halb fünf nachmittags betrat der offizielle Programmleiter des Festivals die Bühne und teilte mit, dass das Festival wegen der katastrophalen Ausmaße der Überschwemmungen beendet sei.
EPILOG:
Das Epizentrum der Regenfälle lag genau über Südbayern. Die Zufahrtsstraße über Bad Reichenhall auf die Autobahn Salzburg–München war sofort gesperrt, ebenso war es nicht möglich, über Lofer nach Innsbruck weiterzufahren. Es blieb nur noch ein rettender Strohhalm: zurück nach Inzell und Richtung Norden zur Auffahrt bei Traunstein. Es gelang. Wir sind auf der Autobahn Richtung Salzburg. Uns entgegen steht ein unbeweglicher Stau Richtung München. Der Chiemsee hat die Autobahn überflutet. Zum Glück liegt Inzell deutlich südlich des Sees. So konnten wir uns aus der Falle befreien. Deutschland rief den Notstand wegen der Naturkatastrophe aus, die später durch den Anstieg der Donau (und der Moldau) auch Österreich im Wiener Raum, Tschechien und danach die Slowakei erfasste.
Du fährst die Straßen entlang und beobachtest Rettungskräfte, die in die Häuser der Bewohner eintreten und ganze Familien in Sicherheit bringen. Die Evakuierung war bereits in vollem Gange. Ebenso war es kein Wunder, wenn man einen umgestürzten Baum umfahren musste, der auf einer Landstraße lag, über »überflutete Abschnitte« der Fahrbahn fuhr oder Anhäufungen von aufgeschüttetem Sand überquerte, den das tobende Hochwasser mitgerissen hatte. Der alles andere als einladende Blick auf die Natur zeichnete die Gesichter rasender Flüsse und Bäche, die das Land vor sich bedrohlich verschlangen. Die Flussbetten wurden zu eng, und das Wasser begann sich auszubreiten. Naturgesetze! Es kam, um zurückzuholen, was wir ihm genommen haben. Seinen Raum. Und die entwickelte westeuropäische Zivilisation hat sich damit meisterhaft wieder ein Eigentor geschossen!
Das Festival Hi-Rock erwies sich damit als unglückliches Projekt. Bereits am ersten Tag waren grundsätzlich nicht viele Besucher da. Die Halle war gar nicht vollständig geöffnet. Die Bühne stellten sie in der Mitte auf, und die Hälfte der Halle blieb so ungenutzt. Gut 4000 waren maximal drin – was dem Veranstalter von Anfang an ein konkretes Minus einbrachte. Am nächsten Tag waren nicht einmal 500 Menschen in der Halle. Der Großteil der Besucher des ersten Tages hatte sich also in Erwartung der angekündigten Katastrophe bereits nach Hause zerstreut. Jetzt folgen die Rückforderungen der Besucher – bei dem ganzen Investment in die nicht billigen Acts und die gesamte Logistik. Wahrscheinlich wird es das HiRock Festival nicht mehr geben. Zumindest nicht in Inzell. Toto haben wir verpasst – die hatten eine Top-Setlist parat. Und selbst wenn wir Toto diesmal verpasst haben, ist der schlimmere Schaden der, dass wir die Auftritte von FM, Survivor und Rick Springfield entbehren mussten. Das sind nämlich auf den Bühnen Europas echte musikalische »Exoten«. Wir werden sie bei einer anderen Gelegenheit jagen müssen. Und die wird es in Zukunft sicherlich nur sehr selten geben.
Text: Peter Podbrežnik & Aleš Podbrežnik
Fotos: Mitja Groznik & Jernej Vene
Setlist:
JOURNEY:
1. Separate Ways (Worlds Apart)
2. Any Way You Want It
3. Chain Reaction
4. Only the Young
5. Stone in Love
6. Keep on Runnin‘ (Gesang: Drummer Dean Castronovo)
7. Edge of the Blade
8. Lights
9. Keyboard-Solo Jonathan Cain
10. Open Arms
11. Escape
12. Dead or Alive
13. Gitarrensolo – Neal Schon (Pineda kündigt den Song als „unser neuer Song“ an)
14. Wheel in the Sky
15. Faithfully
16. Be Good to Yourself
17. Don’t Stop Believin‘
WHITESNAKE;
taped intro: My Generation (The Who song)
1. Give Me All Your Love
2. Ready an‘ Willing
3. Can You Hear the Wind Blow
4. Don’t Break My Heart Again
5. Is This Love
6. Gambler
7. Love Will Set You Free
8. Pistols at Dawn
9. Guitar Duel (Doug Aldrich & Reb Beach)
10 Steal Your Heart Away (plus Schlagzeugsolo Tommy Aldridge)
11. Forevermore
12. Best Years / Bad Boys
13. Fool for Your Loving
14. Here I Go Again
15. Still of the Night
taped outro: We Wish You Well
EUROPE:
1. Riches to Rags
2. Firebox
3. Not Supposed to Sing the Blues
4. Scream of Anger
6. Superstitious
6. Love Is Not the Enemy
7. Carrie
8- Seven Doors Hotel
9. Rock the Night
10. Prelude
11. Last Look at Eden
12. The Final Countdown
BLACK STAR RIDERS:
1. All Hell Breaks Loose
2. Jailbreak
3. Bloodshot
4. Waiting For An Alibi
5. Hey Judas
6. Massacre
7. Kingdom Of The Lost
8. Kissin‘ The Ground
9. Suicide
10. Valley Of The Stones
11. Before The War
12. Emerald
13. Bound For Glory
14. Cowboy Song
15. The Boys Are Back In Town
H.E.A.T.:
1. Breaking the Silence
2. Better Off Alone
3. 1000 Miles
4. Late Night Lady
5. Straight For Your Heart
6. Beg Beg Beg
7. Downtown
8. Falling Down
9. Heartbreaker
10. Danger Road
11. Living on the Run
12. It’s All About Tonight






























































