Helstar: Vampiro
Label: Ellefson Music Productions
Veröffentlichungsdatum: 2016
Produktion: Bill Metoyer
Albumlänge: 57.23 min
Genre: Speed Metal/Thrash Metal
Bewertung: 8.5/10
Helstar, die unzerstörbaren Veteranen des amerikanischen Old-School-Speed/Thrash-Metal aus Houston (Texas), melden sich mit ihrem neuen Studioalbum »Vampiro« zurück. Für Kenner der Band klingt der Albumtitel unglaublich vertraut. Denn 1989 veröffentlichten Helstar ihr viertes Studioalbum mit dem Titel »Nosferatu«, das bis heute das ambitionierteste und meistgeschätzte Studiowerk ihrer Karriere geblieben ist.
Helstar, die mit ihren letzten drei Studioalben „The King of Hell“ (2008), »Glory of Chaos« (2010) und »This Wicked Nest« (2014) trotz der vielen Jahre des Schaffens eine außerordentliche kreative Inspiration sowie künstlerische Reife unter Beweis gestellt haben, spürten offenbar, dass es Zeit ist für eine Art zweiten Teil der Geschichte um den transsilvanischen Grafen Vlad II. und seine blutrünstigen Untaten. Wie die Geschichte lehrt, sind Entscheidungen von Bands, ihrem (klassischen) Album, das ihnen weltweiten Ruhm und den Status großer Wertschätzung sowie Bekanntheit eingebracht hat, (Jahre später) noch einen »zweiten Teil« oder eine Fortsetzung hinzuzufügen, in der Regel zweischneidig. Eigentlich eher schlechte, wenn nicht gar überflüssige Züge als irgendetwas anderes. Na ja, im Falle des Albums »Vampiro« kann man das aber keineswegs sagen.
»Vampiro« hält die kreative Energie der Band auch im reifen Schaffensalter aufrecht und ist eine neue, hervorragende Studioerrungenschaft der zähen texanischen Metaller! Was bedeutet das? Fasst man die Erkenntnisse aus dem Hören der drei vorangegangenen Studioalben zusammen, liegen die Antworten auf der Hand.
Zunächst einmal: der Gesang von James Rivera! Der ist auch in seinen reifen Jahren unglaublich gut erhalten. Der Mann schreit und heult mit extremer Explosivität, die über all die Jahre seines Schaffens absolut ungemindert geblieben ist. Die autoritäre und (größtenteils) klare melodische Gesangshaltung, die die Gitarrenphrasen dominiert, wird mehrfach – besonders in den Refrains – mit zusätzlichen Vokallinien (auch drei oder mehr) unterlegt und damit wieder ansprechend harmonisiert. Helstar setzen heute auch verstärkt auf brutalisierte vokale Exzesse (aufgeplusterte, kreischende Vokalrauheit), womit sie die ohnehin bedrohliche und aggressive Haltung der neuen höllischen Studioscheibe noch weiter ausbauen. Rivera bleibt ein Bewunderer von Ronnie James Dio sowie Rob Halford – das ist eben sein Markenzeichen. Die variable vokale Pose bzw. der vokale Ansatz von James Rivera wirkt in jeder Sekunde dieses Werkes äußerst hingabevoll, herzlich und mitreißend.
Obwohl Rob Trevino, der lange Jahre mit Barragan das quasi untrennbar-ewige, wenn nicht gar ideale Gitarrenduo der klassischen Helstar gebildet hatte, seinen Abschied von der Band angekündigt hat und auf seiner Position durch den viel jüngeren, aber äußerst vielversprechenden und ambitionierten Gitarrenvirtuosen Andrew Atwood ersetzt wurde, der von der weniger bekannten Band The Scourge zu Helstar gestoßen ist, bleibt das Gitarrenwerk weiterhin völlig »unbeeinträchtigt«. Atwood hat somit in vollem Umfang alle Puzzleteile ersetzt, die Trevino einst zu Helstar beigetragen hat. Neben Rivera nimmt auf dem neuen Album Larry Barragan die Rolle des Hauptkomponisten ein, während Atwood feinfühlig der bereits bekannten Rhetorik von Barragans Gitarrenspiel folgt – also der Rhetorik des Helstar-Gitarrenspiels. Direkt gesagt: Der Wechsel von Trevino zu Atwood ist bei Helstar überhaupt nicht zu merken. Außergewöhnliche Riffs, die wiederholt dynamisch von vernichtender, höllischer Geschwindigkeit »zerrissen« werden, ein Schuss Aggression und eine Prise Bedrohlichkeit – all das fügt sich zusammen mit den Geschichten über den größten transsilvanischen Zombi und zweibeinigen Blutsauger, dem die Texte des Albums gewidmet sind. Und mehr noch: Das Gitarrenwerk gewinnt sogar an Inspiration, was sich vor allem in den betonten Gitarrenduellen zeigt, die die beiden Gitarristen gleichberechtigt durch das gesamte Werk hindurch austauschen. Die mittleren Instrumentalpassagen sind zusätzlich gewürzt mit witzigen Gitarrensoli, Schärfe und ausführlichem Dynamit – und davon gehen dem Newcomer Atwood und dem erfahrenen Barragan so schnell die Ideen nicht aus.
Das neue Songpaket bewahrt in der Wahl der Leitmotive und der Entwicklung der Kompositionen eine willkommene ideelle Vielfalt. So erzielen Helstar einen geschmackvollen dynamischen Entwicklungseffekt dieses Albums, bedingt durch die vielfältigen Stimmungszustände, die das erfahrene Quintett auf dem Album wieder meisterhaft zum Leben erweckt. Die Atmosphäre ist erwartungsgemäß düster, angespannt, böse – ja, geradezu schizophren. Ein Theater des echten Horrors also! Das Drama aller Dramen. Ohne jeglichen Sinn für Romantik. Durchaus wahrnehmbar sind auch Anleihen beim barocken Klassizismus, was das Gefühl eines echten Filmdrehbuchs heraufbeschwört – nach Helstars Metal-Rezeptur natürlich.
»Vampiro« wirkt in seiner melodischen Entwicklung altschulmäßig amerikanisch-metallic. Die giftigen Riffs winden sich in ihrer Struktur lieber hin zu Halbtonlösungen, als dass sie das Gefühl eines musikalischen »Lustspiels« vermitteln würden. Authentischer geht es nicht. Wenn du dieses Album in den Player einlegst, stellst du sofort eine Verbindung zur Elementarität dieses Metal-Zweigs her, den die ersten Bands – allen voran Helstar – jenseits des Atlantiks noch in der ersten Hälfte der Achtziger erschaffen haben. Reife, Erfahrung und vor allem verhaltene Verbissenheit sowie kreativer Fokus werden zusammen mit dem neuen Paket außerordentlich hochwertiger Kompositionen von der hervorragenden Produktion des guten alten Bill Metoyer gekrönt. Das neue Helstar-Album ist deshalb unglaublich borstig und kantig und vermittelt das Gefühl des härtesten Albums der Helstar-Karriere.
Das Album hat nur einen Makel. Es ist mindestens fünfzehn Minuten zu lang. Trotzdem lässt sich die erfreuliche Tatsache nicht ignorieren, dass – ohne falsche Bescheidenheit gesagt – „Nosferatu“ nach 27 Jahren also neu geboren wurde!
Autor: Aleš Podbrežnik
Titelliste:
1. Awaken Into Darkness
2. Blood Lust
3. To Dust You Will Become
4. Off With His Head
5. From the Pulpit to the Pit
6. To Their Death Beds They Fell
7. Malediction
8. Repent in Fire
9. Abolish the Sun
10. Black Cathedral
11. Dreamless Sleep
Besetzung:
James Rivera – Gesang
Larry Barragan – Gitarre
Andrew Atwood – Gitarre
Garrick Smith Bassgitarre
Mikey Lewis – Schlagzeug
