Hard Times
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Navarro, Max
Label: Cherry Lips Records
Veröffentlichung: 31.05.2012
Laufzeit: 32:33
Wertung: 2.2/5
Max Navarro ist ein italo-kanadischer Musiker. In Vancouver geboren, lebt er durch eine Verkettung von Umständen schon seit seiner Kindheit dauerhaft in Italien. »Hard Times« ist sein drittes Solo-Studioalbum. Es kommt auf gerade mal 32 Minuten und eine halbe. Der Mann stützt sich auf das Erbe der klassischen Hard-Rock-Tradition. Obwohl ihn die Pressematerialien als melodischen Rocker vermarkten, lohnt es sich, etwas tiefer in die musikalische Substanz zu graben, da sich daraus unschwer die klassische Hard-Rock-Form mit gelegentlicher Blues-Färbung und wenig bis gar keinem AOR herausschälen lässt (Letzteres klingt am ehesten im Refrain des sechsten Tracks Winter in Chicago an).
Das gitarrenaffine musikalische Vokabular von Max Navarro kommt in der Produktion nicht zur Geltung. Navarro hat gleich zwei Gitarristen in seinen Diensten. Die Distortion hat er durch den Einsatz von akustischem Sound und den Clean-Sound der E-Gitarren ausgeglichen oder sogar verdeckt. Navarro hat in dieser Hinsicht einen beachtlichen Klangteppich der instrumentalen Begleitung für seinen Gesang aufgebaut. Doch genau die oberflächliche Produktion ist der grundlegende Faktor, der dieses Album daran hindert, sich zu entfalten und beim Hörer einen Eindruck zu hinterlassen. Die Arrangementlösungen, die Verarbeitung der Leitmotive, das Erreichen einer hohen gegenseitigen Kompatibilität – also das Niveau der Hörbarkeit des Ganzen – funktionieren ordentlich. Ein Track wie Beyond The Silence sticht im Kontext des Albums in diesem Punkt zweifellos heraus, schafft es aber in dieser Produktion schlicht nicht, mehr herauszuholen. Die Gitarren sind in der Produktion pop-mäßig vergraben. Wenn du den Rocker raushängst und mit so einer altmodischen, im Pop-Gestus der Achtziger getränkten Produktion spielst, musst du die Vocals im Refrain zumindest ordentlich harmonisieren und das Ganze mit Keyboard-Arrangements einkleiden. Genau daran mangelt es dem Album deutlich.
Dabei sei erwähnt, dass es zwar zwei Gitarristen gibt, die Gitarrenarbeit aber dennoch so simpel ist, dass ein einzelner Gitarrist sie locker mit links erledigen könnte. Interessant ist, dass Navarro in den Soli versucht, jenes Gefühl populärer Blues-Rhetorik im Pop mit dem cleanen Sound von Fender-Gitarren heraufzubeschwören, wie er für das musikalische Können alter Hasen wie Mark Knopfler oder Chris Rea typisch ist. Ein typisches Beispiel ist der Track Poison Girl (besonders auf die Soli achten).
Noch ein Problem taucht bei der Sache auf. Das Schlagzeug. Die »Snare«-Drum sticht mit ihrem Getrappel beim Vorgeben des Rhythmus grässlich heraus. Dieses Geklapper der »Snare«-Drum sticht tatsächlich schmerzhaft aus dem Klangbild heraus. Becken sind nirgendwo zu hören. Das Einschlagen auf die »Snare« wirkt eindimensional, mit einem vorgezeichneten Übergangs-»Rolling«. Wie pure Automatik. Das Drumming dreht sich tatsächlich in einem mehr oder weniger uninspirierten, monotonen Trott. Kaum zu glauben, aber ein etwas einfallsreicherer Produzent hätte in dieser Studio-Situation aus dem Q-Base-Programm einen besseren Schlagzeug-Sound herausgeholt. Lebendiger, dynamischer und abwechslungsreicher, mit zweifellos mehr Punch und klanglicher Tiefe (Flexibilität).
Kommt dazu noch Navarros dünner Gesang, der etwas gedämpft, etwas dunkel klingt und in dem ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit durchscheint (was die ganze Sache auch einem zuckrigen Pathos annähert), ohne Samtigkeit, ohne Wärme, ohne ausreichend energetischen Punch und Explosivität, ohne echte Dominanz – dann kann das Ganze so bizarr wirken, dass die Energie des Albums beginnt, an die »Jangle Pop«-Vibration fünftklassiger R.E.M. zu erinnern. Die Produktion hat noch einen weiteren Mangel: Sie hat kein Bassfundament. Basslinien sind auf dem Album kaum zu spüren. Und in dem auf Höhen ausgelegten Klangbild sticht der Einsatz des Reverb-Effekts heraus, der Navarros Gesang begleitet. Dieser Effekt wird von Track zu Track immer störender, und die in der Monotonie der Produktion versenkten Tracks verlieren so zusätzlich an Abwechslung und dynamischer Entwicklung.
Man hätte erwartet, dass Max Navarro mit seinem dritten Studioalbum einen entschiedenen Reifesprung im Sinne des künstlerischen Reifungsprozesses hinlegt. Doch »Hard Times« rechtfertigt das in keiner Weise. Angesichts der Tatsache, dass wir das Jahr 2012 haben, wirkt »Hard Times« äußerst schwerfällig, abgekaut und erlebnisarm. Aus Kanada hat Navarro einen Hauch kanadischer Frischluft nach Europa mitgebracht. Einst war er Teil der Band AX, die Songs von Bryan Adams coverfte. Der dritte Track namens The Wrong Side ist halb balladenförmig angelegt und trägt im Refrain etwas von Adams‘ Arrangierhandschrift aus der goldenen Ära der Achtziger – doch Navarros »dünner« Gesang wirkt dabei in einem völlig anderen Licht.
Ein Album, das sich schlechterdings nirgendwo hinbewegt. Es weckt kein Interesse, da es bereits Gekautes nochmals wiederkäut – und vor allem drückt es die schlechte Produktion unter das Niveau der geforderten Standards eines qualitativ hochwertigen Hard-Rock-Albums. Was wäre, wenn Navarro Bands wie Gotthard oder Treat lauschte, besonders ihren neueren Werken? Vielleicht würde er den richtigen Ansatz finden, damit seine Musik künftig mehr Punch bekommt – und brauchbare Härten dazu. Im Meer all der Neuerscheinungen gibt es einfach zu viele gute Alben anderer Hard-Rock-Acts, als dass »Hard Times« nennenswert mehr Aufmerksamkeit auf sich lenken könnte. Schlicht und einfach. In seiner bescheidenen Ausbeute wird es schnell vergessen. Wie Schnee von gestern.
Besetzung
Max Nacarro – Gesang
John Paul Bellucci – Gitarre
Nick Mayer – Gitarre
Jack Novell – Bassgitarre
Simone Morettin – Schlagzeug
Produktion
Nick Mayer & Max Navarro
Trackliste
- You Can Rely On
- Out Of Bounds
- The Wrong Side
- Nothing’s Guaranteed
- Cryin‘
- Winter In Chicago
- Beyond the Silence
- Poison Girl
- End Of The Universe