Going For The One
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Yes
Label: Atlantic Records
Veröffentlichung: 1976
Spielzeit: 38:39
Bewertung: 4/5
„Going For The One“ (1977) ist das Album, auf dem – zur großen Freude der „Yes-Fans“ – ihr liebster „Yesman“, der „Cape Crusader“ Rick Wakeman, (zum ersten Mal) zu Yes zurückkehrte („Crusader“ wegen des Kreuzes um den Hals, „Cape“ bezieht sich auf seinen langen glitzernden Umhang, mit dem er einen Hauch „Glam“-Image in die Band brachte). Offenbar hatte die Phase der Solo-Veröffentlichungen zwischen „Relayer“ (1974) und 1976 eine entspannende Wirkung, und „Going For The One“ ist wieder ein markantes Prog-Rock-Album, eine fantastische Fusion des außergewöhnlichen musikalischen Potenzials der einzelnen Bandmitglieder, die auch diesmal in einer ohrenfreundlichen Form gipfelte, die ganz aus der eigenwilligen Feder von Yes stammt. Die Erwartungen der Öffentlichkeit haben also Früchte getragen – in einem weiteren klassischen Yes-Album. ‚Going For The One‘ wurde in Montreux am Genfersee (Schweiz) aufgenommen und bedeutet einen revolutionären produktionstechnischen und stilistischen Bruch der Band hin zu kürzeren, einfacheren und rockiger definierten Ausdrucksformen.
Yes steuerten zu ‚Going For The One‘ ihr letztes Epos der Siebziger bei. Ein gut fünfzehnminütiges Epos namens Awaken. Awaken ist eine Art Abschied, denn nach ihm werden Yes lange Zeit nichts Vergleichbares mehr machen, kein esoterisches Epos mit kosmisch-meditativer Wirkung (bis hin zur Phase von ‚Keys To Ascension‘, 1996, und dem Stück Mind Drive). Ihr, die ihr schon mit dem ersten Howe-Riff vertraut seid, das sich durch den wiegenden Rhythmus öffnet, wisst, was ‚High vibration go on…to the sun …oh let my heart dreaming…past as mortal as me, where can I be….‘ bedeutet und wie es mit „…we can be here…“ Licht über alle Wesen der Erde ergießt. Unser Zuhause ist also die Sonne.
Awaken ist eine vollkommene Lobpreisung der Sonne, die sich mit ihrer Predigt stark der Philosophie des toltekischen Spiritualismus annähert. Wir stammen von der Sonne! Wir sind ewig! Wir sind Teil der Gottheit und der göttlichen Schöpfung, also können wir uns alles nehmen, was wir vom Kosmos erbitten. Gutes wie Schlechtes. Die Sonne gibt uns Leben, erfüllt uns mit Liebe, befreit uns. Und wenn du ihr den Rücken kehrst? Dann lebst du eben im Dunkeln (Beispiele: die heutige westeuropäische Zivilisation und natürlich alles, was mit den USA zu tun hat).
Ein Gebet an den Schöpfer (die Sonne) durch ein Lied, dessen aufrichtige Bitte aus der Tiefe des Herzens kommt: Es möge uns aus dem Hexenkessel des Wahnsinns unserer eigenen Existenz erlösen (die Verse vor Wakemans Orgel-Solodelirium). Es folgt die Bitte an die Sonne (…songs cast a light on you…), sie möge uns den Weg zur vollkommenen geistigen Verwandlung zeigen (…as eyes see young stars assemble…). Herr (Sonne) der Bilder, des Lichts, der Zeit und der Seelen, unser Gedanke sei der Kontakt mit dir, damit du uns von allen Schwächen reinigst, erneuerst und mit der Kraft aufrichtiger Liebe zu allem erfüllst, daran gibt es keinen Zweifel mehr. Du bist einfach, und wir sind deine Kinder. (That thought be contact, With all that’s clear, Be honest with yourself, There’s no doubt, no doubt).
Und dann das große Finale. Geblendet von meinen eigenen Ängsten rannte ich davon, so schnell, wie die Zeit verrinnt (was für eine Symbolik, Sklave der Zeit), und als ich den Mut zusammennahm und mich umdrehte, stand die Sonne neben mir, sie stand immer neben mir, nur bemerkt habe ich sie nie (Like the time I ran away, And turn around, And you were standing close to me). Eine echte Lobpreisung des Kosmos, dessen Teil wir sind. Das Wort ‚Kosmos‘ kennt nicht mal die Slowenisch-‚Spellchecker‘ meines Computers, da sind wir wirklich weit abgedriftet. Die Zeile ‚Past a mortal as we, Here we can be,…‘ ist also eigentlich ein Appell: Wenn du alle Ängste überwindest (auch die Angst vor dem Tod), kannst du im Licht der Sonne bestehen, denn du bist Teil der Ewigkeit ihrer Schöpfung.
„Going For The One“ enthält insgesamt fünf Songs. Vier davon sind eher kurzer Natur, jeder von ihnen hätte ein potenzieller Hit sein können, und zwei von ihnen wurden auch tatsächlich welche. Der Titelsong und Parallels sind echte Rocknummern. Schon der Titelsong als Opener ist ein echter Schock für alle, die irgendeinen besonderen, meditativ ausgedehnten Einstieg erwartet hatten. Der Song, gebrandmarkt vom Riff der Steel-Pedal-Gitarre, haut ohne jede Umschweife „gleich los“ rein. Muss man sich mal vorstellen: nach ein paar Jahren endlich wieder ein Song mit Hand und Fuß. Parallels ist überhaupt ein echtes Rockabenteuer und deutet schon Parallelen zum kommenden Yes-Album „Tormato“ (1978) an. Es folgt dem hüpfenden Rhythmus-Drive und enthält einen dynamischen Kontrast zwischen Ricks Kirchenorgel und der ausgelassenen Rhythmusgruppe. Durchgehend fließend und druckvoll. Das Zupfen des Basses ist in der Produktion klarer abgesetzt als je zuvor, deshalb sticht er gerade in Parallels besonders hervor. Zwischen die beiden schnelleren Momente ist das sanfte Turn Of The Century eingeschoben, in dem White zeigt, wie raffiniert man trommeln kann, und das ein wunderschönes Geflecht aus Wakemans klassischen Klavierarrangements und Howes Slide-Spiel auf der Steel-Pedal-Gitarre trägt. Der vierte Song der Platte wurde zum erfolgreichsten Hit in der Geschichte von Yes auf britischem Boden und heißt Wonderous Stories. Er ist das flüchtige akustische Pendant zu And You And I von „Close To The Edge“ (1972). Ein vollkommenes Klangbild mit einer außergewöhnlichen Palette mehrstimmigen Gesangs, das sanft durch die Klänge der Saitenarrangements von Gitarren (Vachalia), Klavier und Bass gleitet. Sinnlich und raffiniert! Einfach Yes-typisch! Der Sound ist so klar wie nie zuvor, und die Instrumente sind in der Produktion jeweils gleichwertig ausdrucksstark und fein voneinander abgegrenzt. Gemeinsam bauen sie ein vollkommenes Klangbild musikalischer Balance auf, das jeden Winkel ausfüllt. Auf dieser Neuauflage haben die Bonussongs Montreaux’s Theme, Vevey (Revisited) und Amazng Grace ihren Platz gefunden, die erstmals offiziell auf der Kompilation ‚Yes Years‘ (1991) auftauchten, dazu nie veröffentlichte ‚Garagen‘-Versionen von Going For The One, Parallels (mit Whites ‚Kuhglocke‘), Turn Of The Century und Awaken, in seiner ursprünglichen Form Eastern Number genannt, wo Anderson erst noch nach der passenden Kombination aus Melodie und Versen sucht, was den Hörer direkt in die Studio-Jamsession der Band mitnimmt.
„Going For The One“ ist ein echtes Yes-Album, markiert aber im selben Atemzug den Wechsel von mehrteiligen epischen Dichtungen hin zu einem „bewusst geerdeteren“, schlagkräftiger angelegten Progressive Rock. Alle folgenden Yes-Alben boten zwar außergewöhnliche einzelne Ausreißer, die stellenweise noch die bekannte Yes-Magie heraufbeschworen, aber nie wieder veröffentlichten Yes ein Album, das darin als Ganzes so konsistent war. Konsistent in dem Sinne, dass es eine Mischung aus der idealen Kombination der großen Yes-Magie der Komplexität und der Extraktion und Dekodierung dieser einzigartigen Komplexität in eine für das Ohr verständliche Sprache bot. „Going For The One“ lebt also in vollem Umfang die wundersamen Yes-Märchen ihrer klassizistischen Ära!
Besetzung
Jon Anderson – Gesang
Chris Squire – Bassgitarre und Gesang
Rick Wakeman – Keyboards
Alan White – Schlagzeug
Steve Howe – Gitarre
Produktion
Bill Inglot
Tracklist
1. Going For The One (5:30)
2. Turn Of The Century (8:58)
3. Parallels (6:52)
4. Wonderous Stories (3:45)
5. Awaken (15:38)