Gladiatoren in der BG Arena
Autor: Urban Bolta
Künstler: Riblja Čorba
Label: City Records
Erscheinungsjahr: 2007
Laufzeit: 145 Minuten
Wertung: 4/5
Es war der 10. März 2007, als Belgrad für einen Abend – wie Bora Đorđević selbst beim Auftritt formulierte – zur Mitte der Welt wurde. Die Giganten der Rockgeschichte unseres weiteren Raums, Riblja Čorba, haben kurz vor ihrem dreißigjährigen Jubiläum in der damals kaum drei Jahre alten Beograjska Arena ein großes Konzert veranstaltet, das die serbische und auch die weitere Öffentlichkeit daran erinnerte, dass Riblja Čorba am Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends noch immer mit vollen Lungen atmet und vor jugendlicher Energie nur so strotzt – gefangen in den Körpern erfahrener, graumelierter alter Haudegen.
Riblja Čorba hat im Laufe der Jahrzehnte ihrer Musikkarriere einen regelrechten Kult um ihre Konzerte entwickelt; über viele vergangene Konzerte der beliebten Belgrader kursieren bis heute interessante Geschichten, wenn nicht gar echte Mythen und Legenden. So haben sie noch vor der Veröffentlichung ihres Debüts 1979 als damals praktisch unbekannte Band die Tašmandanska dvorana ausverkauft, ihr Konzertalbum „U ime naroda“ hält mit großer Wahrscheinlichkeit bis heute mit einer sechsstelligen Verkaufszahl einen Rekord unter den ‚jugoslawischen‘ Bands, und die wohl bekannteste Geschichte reicht ins Jahr 1982 zurück – in eine Zeit, als Čorba auf den Flügeln äußerst erfolgreicher Studioalben das begehrteste Konzertprodukt in Jugoslawien war. Bei einem Konzert in der Ledena dvorana in Zagreb wurde in der hoffnungslos überfüllten Halle ein vierzehnjähriges Mädchen zu Tode getrampelt, was die damalige Obrigkeit zum Anlass nahm, eine Kampagne gegen den politisch anstößigen Ausdruck der Gruppe zu starten. Die Ironie angesichts der Tragödie ist noch größer, weil Čorba ihre damalige Tournee „Ko preživi – pričaće“ genannt hatte. Zahlreiche ähnliche Anekdoten und noch zahlreichere längst in den Volksmund übergegangene Hits der Gruppe haben Riblja Čorba tief ins kollektive Gedächtnis der treuen Fans eingebrannt – Čorba ist für alle Zeiten allgemein bekannt geworden, weshalb auch die Organisation eines Konzerts in der riesigen Beograjska Arena trotz des heutigen reifen Alters der Band alles andere als ein Schuss ins Leere ist.
Das große Konzert begann mit einem echten Motorrad-Intro: Etwa ein Dutzend Biker auf Prestigemarken der stählernen Renner im Stil von Rob Halford fuhren vor die Bühne – der letzte von ihnen lieferte am „Tatort“ niemand anderen als Bora Đorđević ab, und das Spektakel konnte mit dem seit Langem als Opener dienenden Song Ostaću slobodan beginnen. Die Band wirkt mit ihrem minimalistischen Ansatz zwar nicht wie eine typische Stadionattraktion, aber ihre Qualitäten muss man eben woanders suchen. Die schlichte Rockersprache und die bodenständige Bühnenattitüde haben die ausverkaufte Arena schnell zur Mitmachstimmung gebracht und einen gegenseitigen Energieaustausch entfacht, der im Laufe des Konzerts nur noch exponentiell anwuchs.
Die zentrale Figur und Seele der Band ist kein Geringerer als Bora Đorđević. Der Mann mit dem zerzausten grauen Haar, der sich seinem sechzigsten Lebensjahr nähert, ist ein abgebrühter Bühnenprofi und weiß genau, wie man die Dinge anpackt. Der charismatische Frontmann mit angeborenen Führungsqualitäten hat den Auftritt geschickt gesteuert und wusste im richtigen Moment mit einem Witz oder einem humoristischen Vortrag den Besuchern die Seele aufzuheitern – dabei stellte er wegen der Konzertaufnahme seine radikalen Ansichten (zumindest diesmal) beiseite. Bekannt sind seine nationalistischen Weltanschauungen, bekannt ist auch, dass Čorba seit 20 Jahren wegen seiner politischen Überzeugungen nicht mehr auf ‚verhassten‘ kroatischen Boden aufgetreten ist – doch diesmal ließ Bora das hinter sich und begrüßte mitten im Konzert Besucher aus Zagreb, Banja Luka, Rovinj, Ljubljana… Na ja, ganz aus seiner Haut konnte er dann doch nicht: Bei der Vorstellung der Bandmitglieder verwechselte er die Namen seiner Kollegen mit Haager Angeklagten – sich selbst zum Beispiel kurzerhand mit Radovan Karadžić.
https://www.youtube.com/watch?v=5MeaOOaTV1k
Das Konzert bestand aus Čorbas Klassikern aus der gesamten Schaffensperiode, mit dem logischen Schwerpunkt auf Songs der ersten Dekade ihres Bestehens. Herausragend war das akustisch gespielte Trio Vetar Duva, Dva Dinara druže und Nemoj Srećo, nemoj danas, bei dem die Stimme des Volkes noch viel deutlicher zu hören ist und die Ansteckungskraft der Songs beim Live-Erlebnis für eine echte Konzerterektion sorgt! In der zweiten Hälfte dominierten immergrüne Klassiker wie Amsterdam oder Kad sam bio mlad, bei deren Darbietung sich die Temperatur in der rappelvollen Arena mehrmals gefährlich dem Siedepunkt näherte. Bei der Performance von Kada padne noć (upomoć) gesellten sich zu den fünf Musikern auf der Bühne das große Orchester des Radios und Fernsehens Serbiens und sorgten für eine willkommene Bereicherung des Klangbildes; die arrangierten Orchestrierungen und der Klang klassischer Instrumente passten hervorragend zu Čorbas Rockgerüst und dem gelegentlich sehr scharfen Lärm von Božinovićs Gitarre. An Boras (‚Majstor‘) Seite hielt der stets gut gelaunte Bassist Miša Aleksić die Stellung und ergänzte vokale manche Refrains, die zuverlässige Rhythmussektion komplettierte Milatović hinter dem Schlagzeug. Alles andere als unwichtig ist auch Keyboarder Nikola Zorić, der für spritzige Rock’n’Roll-Einlagen in Songs wie Odlazak u grad sorgte und auf der anderen Seite für atmosphärische Floyd-Momente – etwa das Intro zu Pogledaj dom svoj Anđele. Den Höhepunkt erreichte das Ganze bei den dreckigen, uralt-guten Blues-Rock-Meisterstücken Ostani đubre do kraja und Lutka sa naslovne strane, bevor mit Prezir des serbischen Rock-Urgesteins der marathonlange Auftritt zu Ende ging – ein Auftritt, der dem Anlass entsprechend das klassische, unverrückbare Repertoire bot.
Die Aufnahme des Auftritts aus der Beograjska Arena ist ein Dokument, das beweist, dass Riblja Čorba auch im Herbst ihres Schaffens zu Recht den schmeichelhaften Titel einer der größten Bands des ehemaligen gemeinsamen Raums trägt. Aber ein großes Event braucht auch zusätzliche Umrahmung jenseits der Musik selbst – sei es ein aufwendiges Bühnenbild, interessante musikalische Gäste oder sonst irgendetwas, wodurch sich das Spektakel von einem normalen Klubauftritt abheben würde. An diesem Punkt ist Čorba durch die Prüfung gefallen, zum Glück haben sie knapp zwei Jahre später mit dem zentralen Jubiläumskonzert zum dreißigjährigen Bestehen den Fehler korrigiert. Aber das Fazit ist kristallklar: Möge die „junge und zukunftsversprechende Band“ Riblja Čorba noch lange leben und schaffen – denn solange die Form stimmt, stimmen auch die Ergebnisse!
Besetzung
Bora Đorđević – Gesang
Vidoja Božinović – Gitarre
Nikola Zorić – Keyboards
Miša Aleksić – Bassgitarre
Miroslav Milatović – Schlagzeug
Produktion
Dragoslav Gane Pecikoza
Trackliste
01. Ostaću slobodan
02. Zvezda potkrovlja i suturena
03. Nojeva barka
04. Srbin je lud
05. Jedini način
06. Sve i svja
07. Neću da ispadnem zivotinja
08. Jedino moje
09. Poslednja pesma o tebi
10. Bilo je žena
11. Sponzori
12. Gastarbajterska pesma
13. Zelena trava doma mog
14. Vetar duva, duva, duva
15. Dva dinara druže
16. Nemoj srećo, nemoj danas
17. Juzna Afrika 85 (ja ću da pevam)
18. Gde si u ovom glupom hotelu
19. Odlazak u grad
20. Avionu slomicu ti krila
21. Amsterdam
22. Kad sam bio mlad
23. Ljubav ovde vise ne stanuje
24. Dobro jutro
25. Kada padne noc (upomoć)
26. Pogledaj dom svoj, anđele
27. Ostani đubre do kraja
28. Lutka sa naslovne strane
29. Prezir