Full Circle
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Great White
Label: Bluez Tone Records
VÖ: 2017
Laufzeit: 47:21
Wertung: 4/5
Great White gelten heute als eigenständige Legenden des Hard Rock und bewährte Meister ihres musikalischen Handwerks. Von jeher haben sie in ihrer eigenen Musik gerne mit Led Zeppelin geliebäugelt – ein ähnliches Pendant findet sich auch in Europa, wenn man beispielsweise auf ihre Zeitgenossen Thunder trifft.
Für Great White gilt seit jeher, dass die Band von einer turbulenten Karriere begleitet wurde – unvergessen bleibt das Ereignis aus dem Jahr 2003, als bei ihrem Konzert auf Rhode Island ein verheerendes Feuer ausbrach, bei dem über hundert Konzertbesucher sowie der Gitarrist der Band Ty Longley ums Leben kamen. In den letzten Jahren haben sich Great White schließlich endgültig von Originalsänger Jack Russell getrennt, wobei sie einige unangenehme Auseinandersetzungen durchmachen mussten, darunter einen Rechtsstreit um die Nutzung des Namens. Die Band bewies jedoch mit »Elation« (2012), dass sie den richtigen Schritt getan hatte, als sie den hervorragenden ehemaligen XYZ-Sänger Terry Ilous in ihre Reihen integrierte. Das großartige neue Album half der Band damals, die Krise rund um die unschöne Trennung von Russell zu überstehen. Zumindest aber erinnerte es die Musikwelt lautstark daran, wer die echten Great White sind.
Doch zuerst war Jack Russell schneller: Unter dem Namen Jack Russell’s Great Whte veröffentlichte er in der ersten Jahreshälfte sein Comeback-Album. Hand aufs Herz – es handelt sich dabei um eines der schwächeren Produkte, das mit seiner Lahmheit die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnte. In dieser Hinsicht kann man sagen, dass Great White im Vergleich zu ihrem ehemaligen Kumpanen ein zweites Tor erzielt und die Führung auf 2:0 ausgebaut haben. Das neue Studioalbum »Full Circle« ist nach »Elation« erneut hervorragend. In vielerlei Hinsicht, vor allem aber wirkt es noch souveräner, noch kompakter, fokussierter (besonders im spielerisch–kompositorischen Sinne) und in den Feinheiten der Klangestaltung und des Komponierens noch engagierter. Die Band hat sich darauf wieder stärker mit den Wurzeln ihres Schaffens auseinandergesetzt, die bis in die allerersten Anfänge der Karriere zurückreichen. Daher überrascht es kaum, dass sie wieder den erfahrenen und legendären Michael Wagener ans Produktionsruder geholt haben, der dem ersten Album der Band sowie überhaupt der ersten EP (die noch vor dem Studioerstling erschien) seinen Klang verlieh. Daher auch der überaus bedeutungsvolle Titel des neuen Albums. Der Kreis hat sich geschlossen, die Band ist in einen neuen eingetreten. In einen neuen Anfang. Mit einem hervorragenden neuen Album.
Ja. »Full Circle« ist von einer außergewöhnlichen Ernte charismatischer und klassisch verführerischer Hard-Rock-Riffs inspiriert, denen es nicht an geschliffenem Dynamit aus dem Vermächtnis der Rock-Giganten mangelt – angeführt von der prägenden und ewig lebendigen Begeisterung der Band für Led Zeppelin. Zugleich ist das Album reich an hervorragendem Solospiel, an der Kombination mehrstimmiger Vokalharmonien mit Terrys Grundstimme (in ansteckenden Refrain-Melodien), und die Band legt wieder geschickt den altmodischen, aber stets zündenden Klangteppich des wuchtigen Hammond-Sounds darunter.
Das Album wurde zwischen Januar und Februar 2017 in Wageners Studio Wireworld (Nashville) aufgenommen. Falls du ein Fan dieser Band bist, musst du dir unbedingt die CD-Version sichern, der auch eine DVD mit einer filmischen Dokumentation des Studio-Hintergrunds bei der Entstehung des neuen Albums beigefügt ist, betitelt als „Making Of Full Circle“. Für die Filmproduktion hat Todd Sadowski gesorgt.
Ilous ist wieder außergewöhnlich am Mikrofon. Noch souveräner und noch überzeugender, wenn man ihn mit dem vergleicht, was er auf »Elation« hinterlassen hat. Variabel und mehr als auf dem Vorgängeralbum fügt er auch eine Soul-Note hinzu, die sich besonders in den ruhigen und stärker bluesig gefärbten Passagen hervorragend auszahlt. Der Blues-Moment der Band bleibt kompakt, kernig und ausgeprägt. So wie eh und je. Aber bei Great White ist und bleibt es faszinierend, dass diese Band in ihren Kompositionen ein unglaublich ansteckendes und sinnliches Maß an Melodiosität entwickelt. Auch das neue Studioalbum macht da keine Ausnahme – es wird dich sofort packen und verführen, denn seine Qualität steht in keiner Weise hinter den berühmtesten Momenten der goldenen Ära der Band zurück. Sei es die hervorragende neue Ballade Let Me In oder das soulig gefärbte und düstere Cry Of A Nation, das (und das sage ich ohne falsche Bescheidenheit) auch Herrn Glenn »Voice of Rock« Hughes wie auf den Leib geschnitten wäre.
Auf ihrem neuen Album präsentieren sich Great White als unglaublich geschickte und geschliffene Songwriter, die genau wissen, wie ein Track stehen muss, damit er sofort zündet. In bravourös ursprünglicher Manier der edelsten Gestalt des Rock’n’Roll. Mit »Full Circle« bleiben sie ein bewährter Begriff für hochqualitative musikalische Konstanz, die durch die Jahre der Evolution weiter gesund reift, sich entwickelt und wächst. Bei vielen etablierten Zeitgenossen dieser Band ist heute schon gar nicht mehr so klar (oder gerechtfertigt), warum sie überhaupt noch neue Alben aufnehmen – sind diese doch nur ein blasser Schatten der goldenen Tage. Bei Great White aber kann man sich nur wünschen, dass dieses Märchen von hoher kreativer Inspiration auch in den reifen Jahren des Schaffens der Band niemals erlischt.
Great White – Big Time (offizielles Video):
Besetzung
Terry Ilous – Gesang
Mark Kendall – Gitarre
Michael Lardie – Gitarre, Keyboards
Scott Snyder – Bassgitarre
Audie Desbrow – Schlagzeug
Produktion
Michael Wagener
Tracklist
01. I’m Alright
02. Movin‘ On
03. This Is The Life
04. Let Me In
05. Moonshine
06. Cry Of A Nation
07. Give It Up
08. Big Time
09. Never Let You Down
10. I’ve Got Your Back