Fly High, Brave Dreamers
Interpret: Chris And Carla
Label: Glitterhouse Records
Veröffentlichung: 2007
Chris Eckman und Carla Torgerson sind (waren) der kreative Kern der Band The Walkabouts, die Mitte der Achtziger des letzten Jahrhunderts in Seattle entstanden ist, klanglich aber nie in denselben „Topf“ gehörte wie die anderen, bekannteren Bands aus dieser Stadt. Nein, The Walkabouts hielten sich am Rand der Medienaufmerksamkeit, und auch ihre Musik kam genau von diesem Rand. Als hätten Punk und die anderen Spielarten des Rock, die den Quell der musikalischen Einflüsse speisten, aus dem etwa Green River, Mother Love Bone, Tad und später Mudhoney, Soundgarden, Pearl Jam und natürlich Nirvana schöpften, sie nicht mal gestreift. Ihre Welt war immer ziemlich weit weg vom verregneten Klima Seattles, sie zogen durch die offenen Weiten des endlosen Amerika, vor allem nachts. Und aus den Jukeboxen, auf die sie an staubigen Straßen stießen, dröhnten nicht Black Flag, Minutemen oder Husker Du, sondern die verträumten Klänge von Neil Young und der Zorn von Johnny Cash, und der Wind selbst trug die Melodien des „alten“ Amerika, die er unterwegs von den Gipfeln der Appalachen, von der mexikanischen Küste oder von den Mardi-Gras-Feierlichkeiten in New Orleans aufgelesen hatte.
So schufen The Walkabouts ein unverwechselbares, schwer greifbares Bild, das über die Jahre wuchs und sich weiterentwickelte und sich dabei auch eine treue kleine Fangemeinde erspielte, die jedes ihrer Ende betrauerte, das immer wie das endgültige wirkte. Dass es nie allzu düster wurde, dafür haben natürlich wieder Chris und Carla gesorgt, mal im Duett, mal jeder für sich, und die ihre Fans seit 1993 mit ziemlich regelmäßigen Album-Veröffentlichungen versorgen, die meist nur per Direktbestellung über ihre Website (thewalkabouts.com) zu haben sind.
Was die Musik angeht, haben The Walkabouts eine Art Rahmen gesetzt, in dem alle anderen Inkarnationen nisten, vor allem die von Chris und Carla. Deshalb spricht die Musik, die aus Chris‘ Händen kommt, in all seinen Verkleidungen im Grunde immer ungefähr denselben Hörerkreis an. Das heißt keineswegs, dass er die ganze Zeit dasselbe macht, sondern dass sich durch sein (oder ihr) gesamtes musikalisches Werk durchaus ein roter Faden ziehen lässt. Etwas an dieser Musik wird immer zufriedenstellen, vor allem die eingeweihteren Hörer, und wird wohl nie bei den Massen ankommen, die nach Spektakel suchen.
Fly High, Brave Dreamers setzt also den gefestigten musikalischen Weg fort, bringt aber im Unterschied zu Chris‘ Soloarbeiten diesmal den Geist von The Walkabouts deutlich vollständiger zurück. Der Grund liegt natürlich in Carlas Stimme, die in Kombination mit Chris‘ immer ein fast vergessenes Gefühl weckt, das sonst nie so intensiv ist. Das Album ist ganz „brüderlich“ in zwei gleichwertige Hälften geteilt, ohne Ausreißer und ohne dass einer von beiden die Führung übernimmt. Carla kümmert sich um die melancholischere, sentimentalere und ruhigere Seite, Chris um die etwas lebhaftere, mit Betonung auf etwas, denn so was wie einen Weckruf gibt es hier wirklich nicht.
Dazu kommen natürlich die Gastmusiker aus dem Freundeskreis, sodass für intime Stimmung bestens gesorgt ist. Neben dem erwartbaren Sound aus Gitarre und Klavier bzw. Orgel ist auf dem Song „Rising Backwards“ der Einsatz einer gedämpften Trompete eine äußerst angenehme Überraschung, und das ganze Album über beleben außerdem allerlei elektronische Beigaben das Geschehen ein wenig.
Wie der Albumtitel schon sagt, ist es vor allem für Träumer gedacht, und zwar für die, die sich wirklich trauen, die sich dem Moment hingeben und sich an keine erlösende Schlacht klammern. Alles, was wir haben, ist hier und jetzt. Auch wenn wir nur davon träumen können. Fly High, Brave Dreamers sorgt dafür, dass wir aus diesen Träumen nie aufwachen, und das gelingt dem Album erfolgreich und beharrlich. Als wäre das Ganze ein einziger langer, langsamer Fluss (Long Slow River), der weiß, dass die Liebe gern ein bisschen liegen bleibt, vor allem morgens (Love Sleeps Late), und der sich keine Gedanken darüber macht, was noch kommt (Whatever It Takes), weil er auch weiß, dass Gott (in letzter Zeit) ziemlich verwirrt ist. Also, fliegt hoch, mutige Träumer.
Besetzung
Chris Eckman – Gesang, Akustikgitarre
Carla Torgerson – Gesang
Al Deloner – Klavier und Mundharmonika
Jason Victor – E-Gitarre
Sergej Randželovič – Schlagzeug
Jani Hace – Bass
Produktion
Chris Eckman
Tracklist
01. At The Twilight’s Last Gleaming
02. Things We Should Have Known
03. Ice Station Zebra
04. Taking Leave Of Our Senses
05. Long Slow River
06. Love Sleeps Late
07. Rising Backwards
08. Raise Them Hands
09. Whatever It Takes
10. Fly High Brave Dreamers
11. Salad Days
Spielzeit: 50:12