Firebirth

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Gotthard
Label: Nuclear Blast
Erscheinungsdatum: 2012
Laufzeit: 53:03
Wertung: 4.7/5

Hat irgendjemand gezweifelt? Gotthard ohne Steve Lee. Zweifel absolut berechtigt. Mission unmöglich. Und dennoch sind Gotthard, als die Zukunft der Band auf der Kippe stand, mit aller Courage in den Kampf gezogen wie ein verwundeter Löwe, der im Überlebenskampf nichts mehr zu verlieren hat. Und? Sie sind als Sieger hervorgegangen. Natürlich ist es schwer, von allgemeiner Freude zu sprechen. Steve Lee ist nun mal nicht mehr unter uns, und das ist ein Verlust, dessen Lücke für immer ungefüllt bleiben wird. Irgendwo über uns wacht er, stets im Gedanken an Gotthard. Das unverweste, noch nicht ausgesungene Herz des Künstlers.

Genug geweint! Ab sofort kann auch Steve Lee tief durchatmen, wo auch immer seine Seele gerade dahinschwimmt. In Gotthard ist ein neues Gesicht als Leadsänger eingestiegen. Angesichts der scheinbaren Unersetzlichkeit des einzigartigen Steve Lee bei Gotthard – die Band hatte sich seit etwa 2003 bis Ende 2010 einen hohen internationalen Ruf und allgemeine Anerkennung für ihren Beitrag zur Rockmusik erarbeitet – haben die Jungs in den Monaten nach Steves tragischem Unfall die Köpfe zusammengesteckt und tief darüber nachgedacht, wie es weitergehen soll. Bei den Auditions für einen neuen Sänger machten sie sich auf die Suche nach einem unbekannten, dabei aber »unverbrauchten« Namen. Sie suchten gleich in den heimischen Schweizer Alpengefilden. Hand aufs Herz: Gotthard hätten sich alle Rechte herausnehmen können und unter international hochrenommierten Sängern gesucht. Bescheidenheit ist eine schöne Tugend, und eben diese Bescheidenheit hat sich für Gotthard diesmal wirklich tief ausgezahlt. Denn Gotthard haben den richtigen Kameraden für ihre Truppe gefunden.

Zunächst einmal: Nic Maeder ist ein unglaublich guter stimmlicher Stellvertreter für Steve Lee. So gut, dass auch die neuen Songs mit einer solchen Überzeugungskraft funktionieren, dass man beim Abspielen eines beliebigen Tracks vom Album »Firebirth« sofort weiß: Das können nur Gotthard sein, niemand sonst. Die Grundvoraussetzung – die auf dem bisherigen Studiowerk und der Bühnenpräsenz aufgebaute Glaubwürdigkeit zu erhalten – ist damit erfüllt. Mit dem hervorragenden neuen Album haben Gotthard langfristig die Kurve gekriegt, und mit der Wiedergeburt des Phönix, die in erster Linie die Qualität der umgesetzten Ideen auf dem neuen Album verkörpert, aber auch die jüngsten Ereignisse seit dem unglücklichen Datum 05.10.2010 bis heute, haben Cover und Albumtitel verkündet, dass die Zukunft für sie wieder heiter ist und neue, hochfliegende künstlerische Herausforderungen bereithält. Die Geschichte von Gotthard ist also nicht zu Ende. Im Gegenteil. Die wiedergeborene Band ist bereits in einen neuen Lebenskreis eingetreten.

Der erste Track Starlight des neuen Albums macht alles klar: »Firebirth« hat das Niveau des Vorgängers »Need To Believe« (2009) gehalten. Ein klassischer Hard Rocker, feinsinnig gesteigert vom Vers über den Pre-Chorus hinein in einen feurigen, harmonisierten Refrain-Hookline im Pomp-Stil. Produktionstechnisch lebendig kontrastiert, filigran detailliert auf der Suche nach dem Zusammenspiel der einzelnen Klangelemente, mit eingängiger, erotogener rhythmischer Rhetorik im mittleren Tempo, über die ein offenes Riff rollt, gekreuzt mit einem übergangsreichen »südländischen« Ornament. Ein Song, der sofort mitreißt. Ein Song, bei dem sofort klar ist, dass er wie für Steve Lee geschrieben wäre – und ein Song, bei dem Maeder die Skeptiker sofort zum Schweigen bringt, wenn er mit seinem vokalen Ansatz zeigt, dass er ein Mann ist, der am richtigen Platz gelandet ist. Ähnlich gut schlagen auf dem Album der »Cowboy«-Song mit dem absolut bescheuerten Titel Yippie Aye Yay – der aufgrund seines exzellenten Arrangements problemlos Starlight als Albumöffner ersetzen könnte – und das in der zweiten Albumhälfte zügellos angelegte Right On heraus, bei dem Leo Leoni wieder auf einen seiner unverkennbaren Tricks aus seinem eingespielten Gitarrenspiel zurückgreift – den Einsatz des grunzenden »Talk Box«-Effekts, der in Gotthard den Charme eines unverkennbaren Augenzwinkerns einbringt.

Hatte der Opener noch etwas kitzelig-verschmitzten Charakter, ist Give Me Real, direkt hinter dem eröffnenden Starlight platziert, ein dunkel-dramatischer Pulsschlag ohne jeden Spaß – und vor allem lässt er sich als einer der grundlegenden Schöpfer der hochvibrierten Atmosphäre in der dynamischen Entwicklung des neuen Albums bezeichnen, denn er bietet eine außergewöhnliche Expansion einer ansteckenden Kombination aus vollem melodischem Potenzial, gründlich unterfüttert mit harmonisierten Vokallinien und einem melancholischen Gefühl. Einige Songs auf dem Album wirken ähnlich wie Give Me Real. Schon der dritte, Remember It’s Me, als Single ausgekoppelt, entwickelt sich in der Strophe mit ähnlichen Vokallinien wie der Titeltrack des Albums »Need To Believe«, und weiter im restlichen Album die Songs Shine, The Story’s Over, S.O.S., oder das besonders bombastische I Can, durchzogen von Gitarrenharmonie-Terzen (was für Gotthard eher die große Ausnahme als die Regel ist) und unterstützt von einem besonders rollenden rhythmischen Stampfen. Die in diesem Abschnitt der Rezension beschriebenen Songs sorgen dafür, dass »Firebirth« sich wie das ernsteste oder reifste Gotthard-Album anfühlt – oder wie ein Gotthard-Album, bei dem das Gefühl des Drama-Moments, man könnte sagen ein Hauch eingefangener Dunkelheit in der Abfolge der Atmosphären, intensiver in den Vordergrund gerückt wird als je zuvor in der bisherigen Karriere der Band.

Daraus lässt sich schließen, dass Gotthard nicht ein Jota ihres außergewöhnlichen Gespürs für Arrangements verloren haben – und insbesondere für die Fähigkeit, ein eingängiges Gitarrenriff zu liefern und es in die unverkennbaren Konfektionsmerkmale einer außergewöhnlichen Symbiose zu kleiden: beißende rhythmische Rhetorik, ein zentral positionierter, autoritativer Gesang, der seine hochexpressive Flexibilität und entwickelte Kraft nutzt, um den gesamten verfügbaren Raum für eine vollständige Aufwertung und Optimierung der melodischen Reichweite der Songs auszuschöpfen – und all das hält ein atmosphärisches Gewebe feinsinniger Keyboard-Arrangements geschmeidig zusammen.

Leo Leoni hat also ein ganzes Universum an brauchbaren Gitarrenfrasen angehäuft und daraus das Beste herausgelesen, was er für das Album »Firebirth« zur Verfügung hatte. Er war sich nämlich von Anfang an bewusst, dass das Publikum das erste Gotthard-Album ohne Steve Lee äußerst kritisch aufnehmen würde. Und er hat ihm meisterhaft den Mund gestopft. Dreizehn Songs praller Ultra-Bombastik nach echtem Gotthard-Prinzip, mit weitem Ausdrucksradius was die vielfältige Figurierung angeht – 13 Songs des originären Gotthard-Erbes also. Mehr kann man nicht verlangen.

Nic Maeder ist, wie erwähnt, ein nahezu perfekter Ersatz für Steve Lee. Die Unterschiede zwischen den beiden Sängern in vokaler Expressivität und Stimmfarbe sind besonders in schnelleren und mittelschnellen Songs verwischt. Überhaupt stärken gelegentliche falsche Eindrücke, Steve Lee sei auf dem Album zu hören – hervorgerufen vor allem durch die feinsinnig komponierten harmonischen Refrainmelodien und den Hauch von Rauheit, den Maeder nach Belieben in seine vokale Interpretation einbringt. Die Unterschiede in den Vokalschattierungen zwischen den Sängern sind vor allem an Stellen wahrnehmbar, wo Raffinesse gefragt ist und sensitive Sinnlichkeit hervorgehoben werden muss. Und Nic Maeder ist darin außerordentlich erfolgreich. Aus seiner vokalen Interpretation hat er auch das »Arafat-Englisch« vollständig verbannt und nimmt die Verse mit demselben klingenden »amerikanischen« Akzent, wie es Steve Lee getan hat. Die Ballade Tell Me ist so ein Beispiel, bei dem Maeder Steve Lee in nichts nachsteht. Nach dem Muster der bekanntesten typischen Gotthard-Balladen à la Heaven ist neben Tell Me auch die phänomenale Abschlussballade Where You Are geschnitzt, die Steve Lee gewidmet ist. Nic Maeder ist in seiner vokalen Expressivität ungemein flexibel. Mitunter kann er voll explodieren, wenn er in den kraftvollen, melodisch ausgerichteten Gesang jene charakteristische Note der Rauheit des verstorbenen Steve Lee einbringt. Das bedeutet, dass auch Maeder in die Riege von Sängern wie Steven Tyler (Aerosmith) und Jon Bon Jovi (Bon Jovi) gehört. Maeder zeigt alle Zähne seiner außergewöhnlichen vokalen Charakteristiken vor allem im dramatischen Höhepunkt des Albums – dem Song The Story’s Over.

»Firebirth« ist ein Album mit erstklassigen Hard-Rock-Charakteristiken, meisterhaft eingekleidet in die Klangcharaktere all der Tricks, die moderne Studioentwicklungen bieten. Bei Gotthard brauchst du nicht mal Einstein, um die Geheimnisse zu entschlüsseln. Das ist eine so gute Band, dass sie für die Studioversion der Songs Soli beim ersten Versuch verwenden kann. Dabei muss man gar nicht erst erwähnen, dass die Produktion einen authentischen Ausdruck von Lebendigkeit eingefangen hat, der das Gefühl erzeugt, als würde die Band ihr eigenes Konzert direkt im Studio spielen. »Firebirth« lässt dich nicht atmen. Nicht eine Sekunde lang – und deine Lieblingssongs musst du selbst auswählen, denn alle Tracks sind bis ins letzte Detail ausgereift. Ausgereift darin, das ideale Verhältnis zwischen hochvoltiger Rockhärte und der Definition eingängiger Hauptmelodien zu finden.

Mit diesem Album haben Gotthard sich nicht nur auf der Bühne gehalten – nach dem unglücklichen Schiffbruch und dem Verlust von Steve Lee – sondern sind mit vollen Segeln in eine neue Auferstehung und ein neues Leben gesegelt. »Firebirth« ist ein exzellentes Album, das neben all den traditionellen Markenzeichen der Band auch eine eigenartige Atmosphäre bietet, mit einer Portion Drama-Moment, die die ausdrucksstarke Dunkelheit mehr in den Vordergrund rückt als jedes Gotthard-Album zuvor. Ein Album mit 13 vollständig optimierten Hard-Rock-Stampfern, das bereits bei seinem Erscheinen zu den engsten Favoriten für das Hard-Rock-Album des Jahres zählt – und Nic Maeder ist nach dem Stempel, den er mit seinem ersten vokalen Beitrag für Gotthard gesetzt hat, auf dem besten Weg, der zweite Steve Lee zu werden.

Besetzung

Nic Maeder – Gesang
Leo Leoni – Gitarre
Freddy Scherer – Gitarre
Marc Lynn – Bassgitarre
Hena Habegger – Schlagzeug, Perkussion

Produktion

Paul Lani & Leo Leoni

Trackliste

01 Starlight
02 Give Me Real
03 Remember It’s Me
04 Fight
05 Yippie Aye Yay
06 Tell Me
07 Shine
08 The Story’s Over
09 Right On
10 S.O.S
11 Take It All Back
12 I Can
13 Where Are You
14. Starlight*

*… Bonustrack (Akustikversion) 

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