Edge Of Forever: Seminole
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 21. 1. 2022
Produktion: Alessandro Del Vecchio
Albumlänge: 47.18 min
Genre: Hard Rock / Melodic Metal
Bewertung: 8.5/10
Edge of Forever, die italienischen Ultra-Melodiker im Hard Rock, die mehr als einmal geschickt und kaum merklich die scheinbare Grenzlinie zum Metal überschreiten, melden sich mit ihrem fünften Studioalbum »Seminole« zurück. Gut zwei Jahre nach dem Vorgänger »Native Soul«. Wohin zum Teufel kehren sie zurück? Zu den Indianern.
Nachdem mit Gitarrist Aldo Lonobile (Secret Sphere, Archon Angel) und Schlagzeuger Marco di Salvia (Hardline) zwei neue Mitglieder zur Band gestoßen waren, hatte sich die Gruppe auf »Native Soul« neu erfunden. Mit »Seminole« setzt sie diese Linie fort: optimistische Botschaften, eingängige und hymnische Melodien, prägnantes Phrasieren sowie eine technisch makellose Ausführung, die nach wie vor von der Tiefe und Spiritualität der Kultur der amerikanischen Ureinwohner inspiriert ist — versehen mit einer packenden Produktion, für die Bandkopf Alessandro Del Vecchio verantwortlich zeichnet.
Alessandro Del Vecchio gilt als einer der beschäftigtsten und schier unermüdlich fleißigen Musikschaffenden des Labels Frontiers Music Srl. Ohne ihn wären all jene Projekte, für die die Labelbosse laufend neue Ideen entwickeln, in ihrer Realisierung höchst fragwürdig — und es stellt sich die Frage, ob sie jene Qualität und Glaubwürdigkeit erreichen würden, für die das Vorhandensein dieses außerordentlich talentierten Multiinstrumentalisten, Produzenten, Komponisten und bei Bedarf auch Leadsängers bürgt. Wenn irgendwo etwas nicht stimmt, taucht Del Vecchio auf und bringt die Dinge genau dorthin, wo sie hingehören. Manchmal wirkt es, als würde dieser Musiker drei Viertel der gesamten Labelarbeit erledigen und mindestens drei der vier Säulen tragen, auf denen das Haus des Labels steht.
Mehr als offensichtlich hat der Einstieg von Aldo Lonobile (neben Del Vecchios Hardline-Weggefährten und Bassisten Nik Mazzucconi) Del Vecchio jenes fehlende Zahnrad geliefert, das die Kreativität der Band nun in einem deutlichen Qualitätssprung gegenüber den ersten drei Studioalben münden lässt. Lonobile ist technisch als Gitarrist außergewöhnlich, und bei seinen Secret Sphere überrascht es daher nicht, dass die Band von Zeit zu Zeit gerne auf progressiv-metallische Elemente zurückgreift. Del Vecchio hat also in gut zwei Jahren erneut eine unglaubliche Menge an hervorragendem Material zusammengebracht — dem diesmal wieder, genau wie beim Vorgänger »Native Soul«, die nicht minder beeindruckende Gitarrenarbeit von Aldo Lonobile den Rücken stärkt.
Das Album ist erfreulicherweise nicht übermäßig lang. Del Vecchio hat sich darauf auch als Vokalist profiliert, der unglaublich gereift ist. Seine stimmliche Ausführung ist mit Sicherheit die bisher reifste. Der Mann ist dabei unglaublich routiniert und erfahren und mit allen Wassern gewaschen, weshalb ihm kaum ein Fehler unterläuft — weder kompositorisch, noch in der Ausführung oder der Produktion. Die Band bewegt sich durchgehend im Feld ultra-musikalischer Eingängigkeit und balanciert dabei geschickt auf dem unsichtbaren schmalen Grat zwischen Hard Rock und Metal. Gelegentlich verschiebt sich das Gewicht in „weichere“ Sphären, wie es beim AOR-gefederten Shift The Paradigm angedeutet wird, wo man spürt, dass Del Vecchio das Komponieren u. a. durch intensives Studium von Licht und Werk der legendären Journey gelernt hat. Die Albumeröffnung mit Get Up On Your Feet Again hingegen donnert mit deutlich mehr metalligem Drive los. Danach wecken die Arrangemententscheidungen in The Other Side Of Pain Assoziationen zu Black Sabbath aus der Ära der Alben »Headless Cross« und »Tyr«. Der Höhepunkt des Albums ist die abschließende epische Suite Seminole, aufgeteilt in vier Teile, die besonders starke Assoziationen zur Old-School-Hard-Rock-DNA hervorruft. In diesem äußerst abwechslungsreichen Stück, das auch progressives Terrain berührt, spürt man besonders die Inspiration durch Uriah Heep, Kansas, Deep Purple und Rainbow. Allen voran Uriah Heep. Zu dieser Erkenntnis gelangt man als Hörer bereits etwas früher auf dem Album — mit dem über acht Minuten langen Wrong Dimension, das ein quasi „auf den Kopf gestellter“ Stargazer von Rainbow ist. Ein exzellentes Stück mit einem explosiven Refrain, bei dem sich die Nackenhaare sträuben, doch waren diese Dinge einst vor langer, langer Zeit schon einmal da. Ein entscheidender Trumpf bleibt dabei Aldo Lonobile, dessen Soli die Aufmerksamkeit auf dem Album beinahe für sich allein beanspruchen. Weil er in seinem Ausdrucksvokabular etwas Eigenes hat, ist das ausgesprochen willkommen, denn er lenkt die Stücke entschieden weg von jenem potenziellen Gefühl, das unangenehme Klischees oder Generizität heraufbeschwören würde.
»Seminole« ist bis dato mit Sicherheit das ausgereifteste Werk von Edge Of Forever — auf allen Ebenen. Die Band hat die phänomenale Form beibehalten, die sie bei der Auffrischung des Line-ups auf dem mehr als qualitätsvollen Vorgänger »Native Soul« gut zwei Jahre zuvor unter Beweis gestellt hatte. Auf »Seminole« sind Edge Of Forever noch kompakter und noch überzeugender in der Umsetzung der Ideen ihres musikalischen Visionärtums. Wie gesagt: Das Duo Del Vecchio-Lonobile ist ein Volltreffer, der bei Edge Of Forever noch längst nicht sein letztes Wort gesprochen hat.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Get Up Your Feet Again
2. On The Other Side Of Pain
3. Made It Through
4. Shift The Paradigm
5. Another Salvation
6. Breath Of Life
7. Wrong Dimension
8. Our Battle Rages On
9. Seminole Pt.1 In The Land Of The Seminole
10. Seminole Pt.2 Mistake Reality
11. Seminole Pt.3 Rewrite The Story
12. Seminole Pt.4 The End’s Starting To Begin
Besetzung:
Alessandro Del Vecchio – Gesang, Keyboards
Aldo Lonobile – Gitarre
Nik Mazzucconi – Bass
Marco di Salvia – Schlagzeug
