Domina

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Anavrin
Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinungsjahr: 2014
Laufzeit: 50:06
Wertung: 4.5/5

Anavrin ist eine erfahrene Ljubljaner Alternative-Rock-Band mit starker Art-Paradigma, die in diesem Jahr ihr 15-jähriges Bestehen feierte. Offensichtlich finden die Jubiläen bei Anavrin alle fünf Jahre statt. Sie nutzen also ein Vielfaches der Zahl fünf. So erschien 2004 das Studiodebüt »Juice!«, 2009 das zweite Album »Atopic« und in diesem Jahr schließlich auch das dritte mit dem Titel »Domina«.

Angesichts ihrer Langlebigkeit, aber trotzdem bescheidenen Anzahl an Veröffentlichungen, darf man wohl glauben, dass Anavrin schlichtweg Perfektionisten sind. Bevor sie sich an die Veröffentlichung eines Albums machen, überprüfen sie, dass wirklich alles an seinem Platz ist. Eines steht jedenfalls fest: Es handelt sich um ein Team erfahrener und angesehener Musiker, die ihre Dienste einst angeboten haben oder noch anbieten – unter anderem für: The Stroj, Zoran Predin, Gušti, Tinkara Kovač, Adam! Ihr täglicher Arbeitsplan ist also konkret ausgelastet.

Anavrin haben besonders viel Staub aufgewirbelt, vor allem in der Entstehungszeit des zweiten Albums »Atopic«, als sie sogar auf den Britischen Inseln Interesse weckten, wo sie in den dortigen Londoner Studios Teile des Materials für das Album »Atopic« aufnahmen. Kurz gesagt: Anavrin ist eine Band, die stets ansprechend verpackten Rock mit alternativem Klang, attraktiver musikalischer Note und einem tugendhaften rhythmischen Gerüst gepflegt hat und dabei immer ihre unverwechselbare musikalische Form weiterentwickelt hat.

»Domina« bringt eine absolute reifemäßige Weiterentwicklung der beiden vorherigen Studiowerke und bestätigt, dass sich Anavrin als Band nach dem gesunden Prinzip musikalischer Evolution entwickeln. Der Klang ist in seiner Reichhaltigkeit gewachsen. Die Musik in ihrer konzeptionellen Vielseitigkeit ebenso.  Die neuen Anavrin bewegen sich auf einer geschickt austarierten Gratwanderung zwischen organischem Klangton, in den sie modern verpackte, fließende Klangstrukturen geschickt einbauen – was ein charakteristisches Merkmal der Band ist, die stets gerne mit experimenteller Klangverzerrung gearbeitet hat.

Anavrin bauen auf einem soliden, auch krachend dröhnenden Gerüst der Rhythmusstruktur, wo die Drums kontrastreich mit einem fetten Bass-Fundament gefärbt sind. Die Rhythmen sind in der Regel einfach, tanzbar, aber sofort wirkungsvoll. Dieses Prinzip ist äußerst effektiv in Teilen, wo die Gitarrenphrasen in den Hintergrund treten und man nur den ausdrucksstarken Kontrast zwischen Damirs spezifischem Vokalansatz bekommt – dem die Dichte der tiefen Töne der Basslinienbegleitung einen besonderen Ausdrucksglanz verleiht –, was den Stücken eine besondere atmosphärische Qualität gibt.  An eben diese tiefen Töne »hängen« die Jungs ein lebhaftes Klanggeflecht vieler Gestalten in den Lösungen des Gitarrenspiels. Vom ausgesprochen massiven Klangwall bis zum raffiniert ausgefeilten »Füllen« des Begleitungshintergrunds. Ein solches Beispiel der Vereinigung beider Prinzipien in einer Geschichte ist im Stück Okno eingefangen – sicher einer der engsten Kandidaten für die Wahl zur dritten Single! Der Kontrast zwischen der anspruchsvollen Strophe und dem Refrain, der mit einer lawinenhaft massiven Riff-Struktur bewaffnet ist, wirkt besonders wuchtig! Anavrin bewahren durchs Album hindurch eine atmosphärische Versunkenheit mit dunklem Touch, was ein Merkmal des Alternative-Rock-Dossiers ist, gleichzeitig bringt ihr außerordentliches Gespür für die Definition von Leitmotiven sie der allgemeinen Zugänglichkeit der Radiorotationen näher.

In all dieses Arrangieren lebhafter Klangstrukturen ist der charismatische Gesang von Damir Lisica eingebettet, der sich über die Jahre zu einem ausgezeichneten Interpreten mit großem Einfühlungsvermögen und herzlichem Übermitteln von Botschaften in den Versen entwickelt hat. Ob er nun mit kehlig dominantem Gesang herantritt (Klofuta) oder die Stimme durch die sanfte Versunkenheit wunderbar verpackter Linienstrukturen in den Stücken Mir, Hiša iz kart oder Soba zrcal beruhigt.  Natürlich ist Damir am stärksten, wenn er zwischen beiden Prinzipien navigiert, wie im Titelstück Domina. Anavrin können auch auf amüsante Weise schelmisch sein, wie das im Stück Klofuta zum Ausdruck kommt. Die Stücke auf dem Album »Domina« sind inhaltlich außerordentlich stark. Sie besitzen außerordentliche Prägnanz, melodische Eingängigkeit, den richtigen Moment der Wucht – das heißt der Rock-Härte –, und es ist klar, dass viele dieser Stücke zu zukünftigen Konzertfavoriten des Publikums heranwachsen werden!

Im Hinblick auf die Reifung der Musiker innerhalb der Band Anavrin hat auch der kreative Ausflug von Anej Kočevar und Damir Lisica, genannt Adam, und die Veröffentlichung des Albums »Alfa« einen großen Beitrag geleistet. Sie haben nicht nur einen Teil ihrer musikalischen Wahrnehmung, die für Anavrin charakteristisch ist, zu Adam mitgenommen, sondern die innerhalb des Schaffens mit Adam gewonnenen Erfahrungen auch in das neue Anavrin einfließen lassen. Und das spürt man am neuen Werk durchaus!

Anavrin bedienen sich auch des Trend-Prinzips, bei dem es charakteristisch ist, den Raum mit »Oh-oh«-Gesängen zu füllen, die den Stücken ein atmosphärisches Gefühl von Erweckung und Feierlichkeit verleihen. Das verpacken sie aber innerhalb der Arrangements effektiv, an präzise abgemessenen Stellen, wo klar ist, dass sie die Stimmungen wirkungsvoll beleben und dabei ihr charakteristisches musikalisches Dossier der Aussage bewahren werden. Solche Stücke sind Kralj, Habanero, Mir und Drobtine. Im kürzesten Stück des Albums, dem rockheiß brodelnden Tok, erprobt auch Gitarrist Leon Kolenc seine Vokaltalente völlig überzeugend.

Das eröffnende Mesto idej, das bereits als Single andeutete, dass das neue Album einen evolutionären Schritt der neuen Anavrin auf ein höheres qualitativ-ausdrucksmäßiges Niveau bringen würde, ist feierlich mit einer geschmackvollen Integration von Streichern versehen, die das auf einem Tanzrhythmus basierende Stück mit einem ausgezeichneten Übergang von der erweckenden Strophe in einen eingängigen Refrain begleiten. Auch das Stück Premalo enakih, das dem erweckenden Marschstück Mesto idej folgt, gilt als eine Art anspruchsvoller Zwilling des vorherigen. Als wir zuvor davon sprachen, dass die Band konsequent beschlossen hat, ihr Ausdrucksspektrum zu erweitern und die musikalische Information mehrschichtiger als je zuvor wahrzunehmen, darf das abschließende Diham zrak nicht übergangen werden. Darin ist das organische Geflecht mit hinzugefügten Tamburitzen ein absoluter Volltreffer, und die Komposition deutet an, dass ein ganzes Symphonieorchester sich den Arrangements dieses Stückes ohne Weiteres anschließen könnte. Ein Meisterwerk, das das Album »Domina« als Ganzes aus geschliffenen und hochdefinierten Stücken abrundet. Im Arrangieren, in der Klangbearbeitung, im außerordentlichen Geflecht aus Organischem und Klangexperiment sowie der feinfühligen Vermittlung von Botschaften, die auf exzellenten Texten basieren, haben Anavrin bis heute noch nie so überzeugend gezündet. »Domina« ist ein neuer Meilenstein der ausdrucksmäßigen Reife und Vertiefung der einzigartigen und eigenständig gewachsenen klanglichen Visitenkarte einer Band, die keine Angst hat, mit dem Klangexperiment zu liebäugeln und sich damit neuen klang-stilistischen Herausforderungen auf ihrem Weg einer gesunden Evolution zu stellen. »Domina« ist also der Spiegel der großen künstlerischen Reife der Band Anavrin! 

Besetzung

Damir Lisica – Gesang
Jure Golobič – Gitarre
Leon Kolenc – Gitarre, Hintergrundgesang
Anej Kočevar – Bassgitarre 
Matej Selan – Schlagzeug 

GASTMUSIKER:
Streichquartett: beim Stück Nr. 1
– Peter Jud
– Najke Makuc
– Valentin Štante
– Mark Kragelnik 
Vinod Singh – Hintergrundgesang auf Stück Nr. 5
Petra Venta – Hintergrundgesang auf Stück Nr. 8
Maša Ficko – Hintergrundgesang auf Stück Nr. 9
Matej Wolf –  Hintergrundgesang auf Stück Nr. 9
Monika Klobučar Keyboards auf Stück Nr. 10
Eva Traven – Gesang auf Stück Nr. 11
Domen Kern – Vibraphon auf Stück Nr. 11
Tamburaški orkrester „Šmartno“ auf Stück Nr. 13.  

Produktion

Anavrin

Trackliste

1. Mesto idej
2. Premalo enakih
3. Kralj
4. Tok
5. Okno
6. Domina
7. Habanero
8. Hiša iz kart
9. Klofuta
10. Mir
11. Soba zrcal
12. Drobtine
13. Diham zrak

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