Divided States Of America
Künstler: Laibach
Label: Mute Records
Veröffentlichung: 2006
DIVIDED STATES OF AMERICA (Dokumentarfilm)
Laibach North American Tour 2004
(Razdružene države Amerike -Laibach 2004 Tour)
Laibach haben ihre erste Tour über den nordamerikanischen Kontinent schon 1989 durchgezogen, zwei Jahre vor dem Zerfall des damaligen Mutterstaats Jugoslawien. Sie hieß Sympathy For The Devil Tour. Die nächste ausgedehnte Tour, die US – Kapital Tour, folgte 1992, die Jesus Christ Superstars Tour dann 1997. Danach reihten sich mit dem Angriff aufs WTC, den Vergeltungskriegen gegen Afghanistan und den Irak und der allgemeinen Offensive gegen den Terror schicksalhafte Ereignisse aneinander, die unsere Gegenwart radikal geprägt und die Tür in die USA ziemlich fest zugeschlagen haben. Im November 2004 ging die Band Laibach auf ihre vierte Amerika-Tour. Der Zeitpunkt sagte schon eine Menge: Die Tour lief direkt nach den US-Wahlen, bei denen George W. Bush zum zweiten Mal das Präsidentenrennen gewann und liberal denkende Amerikaner in tiefe Verzweiflung stürzte. Trotzdem schafften es Laibach wieder einmal, durchs Nadelöhr nach Amerika zu schlüpfen und eine anspruchsvolle, einen ganzen Monat dauernde Tour mit fünfzehn Konzerten durchzuziehen. Die Tour, die vor allem Städte in den „demokratischen“ Bundesstaaten und in Kanada umfasste, brachte neben der musikalischen Show auch – und spiegelte – eine ideologische Ladung bzw. traumatische Nachwahlstimmung wider. Der Film ist ein vielsagendes Dokument dieser traumatischen Stimmung nach der Wahl in den USA, einem Land, das in der Nachkriegsgeschichte wohl noch nie so radikal in zwei gegensätzliche politische und kulturelle Lager gespalten war. Deshalb blieb der Tour der Name The Divided States of America Tour hängen. („Razdružene države Amerike“).Über die aktuelle Lage in der Welt und vor allem in den USA sprechen mit Musik und Pamphleten nicht nur die Bandmitglieder, sondern auch die Konzertbesucher und zufällige Passanten. Zu den Konzerten kommen bedeutende Intellektuelle, Top-Künstler, Grafikdesigner, Musiker, Philosophen genauso wie Taxifahrer und Beamte. Das Publikum ist bunt gemischt, sowohl ethnisch als auch altersmäßig.
Im Film Razdružene države Amerike tritt auch die Sängerin und Cellistin Madigan Shive (Bonfire Madigan) auf, die die Band Laibach auf ihrer Amerika-Tour begleitet hat. Madigan hat im Rahmen des Festivals Mesto žensk auch in Ljubljana gespielt, und zwar am 5.10.2006 in der Menza pri koritu auf Metelkova.
Die Doku selbst ist das Werk des renommierten und etablierten slowenischen Regisseurs Sašo Podgoršek, der sich erstmals schon mit seinem Studentenfilm (AGRFT) Koza je preživela (1992) einen Namen machte, mit dem er beim Studentenfilmfestival in München gewann. Bisher hat er eine ganze Reihe von Fernsehsendungen, Werbe- und Tanzfilmen (Vrtoglavi ptič, Dom svobode) sowie Videoclips gedreht. 1999 debütierte er mit dem Spielfilm Temni angeli usode. Der Regisseur selbst zitiert zur Entstehung der Doku:“Ein trockener, genretypischer Rockumentary interessiert mich nicht besonders, ich finde das ziemlich langweilig; ich glaube, Laibach bieten deutlich mehr, und genau das habe ich versucht, so gut es geht auszunutzen.“
Wenn man die Doku schaut, kommt man zu dem Schluss, dass Laibach sich gut in die Stimmung in verschiedenen Städten der USA eingefügt haben, und in den Gesprächen mit dem Publikum bei den Laibach-Konzerten spürt man eine total schizophrene, gespaltene und zeitweise panische Stimmung. Laibach und Podgoršek bewegen sich mit diesem Werk nicht nur im Feld der Dokumentation, sondern auch in dem des aktuellen, gesellschaftskritischen Films. Razdružene države Amerike ist nämlich nicht bloß ein Musikfilm über die Amerika-Tour von Laibach, die Musik spielt in dieser Doku sogar eine Nebenrolle, fast nur illustrativ, und zeichnet vor allem den Gemütszustand der Amerikaner direkt nach den US-Präsidentschaftswahlen nach. Am besten schließt man dazu wohl mit den Worten von Jani Novak, Mitglied von Laibach:
„Diese Spinner, die zu unserem Konzert gekommen sind, dieses Publikum ist noch das Normalste von allen Leuten, die man in Amerika treffen kann.“
Und dieser Meinung schließt sich auch RockLine an.
LAIBACH LIVE
13.12.2004 LA LOCOMOTIVE, PARIS FRANKREICH
Der zweite Teil der DVD ist ein Konzertmitschnitt von einem Auftritt direkt nach Laibachs Rückkehr von der Amerika-Tour im Herbst 2004. Genauer gesagt handelt es sich um die Aufnahme des Konzerts im Club La Locomotive (13.12.2004) in Paris. Das Set besteht aus 19 Songs bzw. genauer gesagt aus 19 politischen Ansprachen. Laibach sind seit jeher für ihre Coverversionen bekannter Songs bekannt, denen sie mit ihren Arrangements jene versteckte Botschaft von politischem Totalitarismus und Diktatur verpasst haben, die die Originale vielleicht nicht in sich tragen. Dazu trägt natürlich auch die Germanisierung der meisten dieser Songs viel bei. Denken wir nur an die auch hier obligatorisch gespielten Queen – One Vision (Album Opus Dei) und Geburt Einer Nation, nach D.W. Griffiths Film The Birth of a Nation. Es folgen B-Mashina (Siddartha), Dogs of war (Pink Floyd), In the Army now (Status Quo) u. a.
Den Großteil des Materials macht aber natürlich Laibachs eigenes Œuvre aus, das über verschiedene Songs die Früchte ihres Schaffens und den evolutionären Spaziergang durch die verschiedenen Musikstile zeigt, deren sich Laibach in den vergangenen zwei Jahrzehnten bedient haben. Erinnern wir uns: Laibach haben mit avantgardistischem Industrial Rock angefangen, den man am ehesten als „Ambient Noise“ beschreiben könnte. Sehr bald aber entdeckten sie die kernige Schönheit von Militärmärschen, denen sie bis heute treu geblieben sind. Im Stil heavy Militärmärsche haben sie einige Alben veröffentlicht, sich damit den Weg unter die internationalen Superstars gebahnt und sich als Pioniere des Industrial Rock etabliert. Es folgte der Zerfall Jugoslawiens, und Laibach brachten unter dem Einfluss der damaligen politischen Ereignisse das Album Kapital heraus, bekannt für einige Hip-Hop-Elemente, und später NATO, das eher zu Techno und bombastischer musikalischer Kulisse neigte. Nach einer kurzen Pause kam Jesus Christ Superstar und schockierte einige Anhänger von Metal-Gitarrenriffs. Ihr vorletztes Studioalbum WAT bringt sie zurück auf die alten Gleise, und damit auch zu den alten Fans, von denen sie sich in der Zwischenzeit des Herumtappens irgendwie entfernt hatten. Offenbar war die Arbeit unter dem Taktstock des Techno-Produzenten DJ Umek und der elektronische Beat das richtige Rezept. Ihr letztes Album, das auf dieser Aufnahme von 2004 noch nicht enthalten ist, trägt schlicht den bedeutungsvollen Namen Volk. Es ist eine Bearbeitung von 14 europäischen Nationalhymnen und im übertragenen Sinn ein Kommentar von Laibach zur modernen Popkultur.
Genau wie dieser kurze chronologische Überblick über das Schaffen von Laibach ist auch der Mitschnitt der Band aus dem Club La Locomotive auf heimischem europäischen Boden die schönste Retrospektive und zugleich eine Verbeugung vor allen langjährigen Fans. Neben der politischen Komponente, die in Podgorškos Doku im ersten Teil auf amerikanischem Boden beschrieben und dargestellt wird, haben sich Laibach für diesen musikalisch-botschaftlichen Teil meiner Meinung nach wegen ihrer Art der Wahrnehmung und ihrer allgemeinen intellektuellen Ausrichtung (die sie im Interview der Doku öffentlich erwähnen) lieber den festen Boden des alten Kontinents ausgesucht. Die wissen schon, warum?!
Besetzung
Milan Fras – Gesang
Ivan Novak – Licht, Projektionen
Matej Mršnik – Gitarre
Ervin Markošek – Bass, Backing Vocals
Eva Breznikar – Percussion, Backing Vocals
Natasa Regovec – Percussion, Backing Vocals
Roman Dečman – Schlagzeug
Tracklist
1. B-Machina
2. In The Army Now
3. Dogs Of War
4. Alle Gegen Alle
5. Mars On River Drina
6. God Is God
7. Tanz Mit Laibach
8. Du Bist Under
9. Now You Will Pay
10. Hell-Symmetry
11. The Great Divide
12. Wirtschaft Ist Tot
13. Achtung
14. Das Spiel Ist Aus
15. WAT
16. Mama Leone
17. Sympathy For The Devil
18. Geburt Einer Nation
19. Opus Dei