Die großen Hunde heulen wieder! (2011)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Kongresszentrum (Josef Resch Saal) / Villach / Österreich
Konzertdatum: 05.05.2011
Besucherzahl: 2500
Kartenpreis: 33,00€ / 39,00€
Nazareth, strahlende Legenden des Rock, Söhne der schottischen Highlands – mit neuem Album und neuer Tour! Die knusprige Kruste des frisch veröffentlichten Albums „Big Dogz“ hatte kaum Zeit, ihren Duft zu entfalten, seit es aus der Druckerei in die Welt geworfen wurde, da haben die Jungs auch schon den nächsten Konzertangriff gestartet!
Dabei befinden sie sich in diesem Frühjahr auf Europatournee und erleben dabei interessante Konzertsituationen. Da sich die Nazareth-Tour mit der Uriah Heep-Tour überschneidet, kann man beide Bands sogar gemeinsam an einzelnen Konzertabenden antreffen. Dieser Abend in Villach gehörte jedoch zu jenen, bei denen Nazareth als alleiniger Hauptact auftraten und daher ein Rock-’n‘-Roll-Vergnügen über das gesamte Konzertrepertoire hinweg boten.
Fünfzehn Minuten vor acht Uhr abends begann die erste Band – lokale Villacher Hard-Rock-Matadore – das Publikum im Kongresszentrum, genauer gesagt im Josef Resch Saal, aufzuwärmen. Sie verwöhnten die Ohren der Anwesenden mit eigenem Material sowie Coverversionen. Interessant dabei: Auch die zweite Vorband bot stilistisch keinen nennenswerten Unterschied. Jungs, die mit Rhythm ’n‘ Blues, klassischem Blues und Rock ’n‘ Roll aufgewachsen sind! So waren auch einige Coverversionen bekannter Evergreens von Künstlern wie CCR nicht zu überhören. Nun ja – ohne besondere revolutionäre Erschütterungen, aber unterhaltsam und sympathisch.
Nazareth betraten die Bühne exakt um halb zehn Uhr abends. Eine großartige Ouvertüre vom klassischen Naz-Album „Rampant“ mit Silver Dollar Forger riss die über 2000 Köpfe starke Menge im Saal sofort auf die Beine – vor allem jene echten Fans der Band, die sich möglichst häufig wechselnde Konzertrepertoires wünschen. Glücklicherweise gehören Nazareth zu jenen Acts, die ihr Setlist von Abend zu Abend ständig variieren. Das Programm kann daher von Konzert zu Konzert sehr unterschiedlich ausfallen. Eine ähnliche Geschichte kennen wir seit vielen Jahren von Saxon – aber lassen wir den Heavy Metal heute Abend beiseite.
Die Jungs machten sofort klar, dass sie noch immer vor Lebensfreude und Energie sprühen. Legendärer Sänger Dan McCafferty legte die Verse gleich mit diesem unverwechselbaren, schmatzenden Schmalz hin! Der Gesang bleibt gewohnt rau und schreierisch, doch zugleich gefühlvoll – besonders wenn Dan sich in die intimeren Teile des Naz-Repertoires hineinversetzt, trifft er die Zuhörer mitten ins Herz. Mit einer vokalen Kraft, die er bis ins reife Alter bewahrt hat. Dazu Jimmy Murrisons knackiges Riff, der solide und unnachgiebige Rhythmus des Gespanns Lee und Pete Agnew – wie es sich für Vater und Sohn gehört – und die Nazareth-Magie ist geboren.
Nazareth sind Meister ihres Fachs. In ihrer Karriere haben sie so gut wie alles erlebt. Für sie gibt es keine Überraschungen, keine Versteckspiele. Was der Band heute bleibt, ist ein ehrwürdiger Platz in der Rockgeschichte, pures Konzertvergnügen, das die Besetzung auf Achse und am Leben hält, sowie der kreative Antrieb, der ihnen immer noch den Willen und die Inspiration zum Schreiben neuen Materials gibt. Das Album „Big Dogz“ ist ein starkes neues Manifest dieser Nazareth-Rock-’n‘-Roll-Haltung, die das Alte vereint und in die Sprache neuer Zeiten übersetzt. So servierte Nazareth gleich zu Beginn das eingängige Big Dogz Gonna Howl, und aus den neuen Songs ließen sie auch das großartige Radio nicht aus – das neben der Ballade Butterfly zu den besten Stücken des neuen Naz-Albums gehört. Als persönlichen Nachtisch gönnten sie sich When Jesus Comes To Save The World Again. Das ist eine längere Blues-Rock-Ballade, die sich langsam entfaltet und wächst. Sie ist düster und schwer – jener Moment, in dem Nazareth in der neuen Ära versuchen, sich wieder so direkt wie möglich mit den Wurzeln des Mississippi-Deltas zu verbünden. Und trotzdem war das der Moment des Konzerts, in dem die Stimmung etwas abflaute, denn das Publikum kennt das Stück noch nicht gut genug, und es geht auch etwas schwerer ins Ohr. Die Band genießt die Darbietung sichtlich – und das ist auch gut so. Für einen intensiveren Kontakt mit dem Publikum wäre jedoch ein anderer neuer Song, wie etwa Claimed, die bessere Wahl gewesen.
Die Neuheiten hatten wir also abgehakt. Wie entwickelte sich das Konzert sonst? Gleich zu Beginn geschah das, was sich kein Musiker wünscht. Das Unglücksopfer des Abends war diesmal Jimmy Murrison. Schon beim Betreten der Bühne wurde er von einem stark angetrunkenen älteren österreichischen Konzertbesucher aus der ersten Reihe lautstark angebrüllt und angewedelt – der Mann hörte nicht auf, sich an den Bühnenrand zu hängen, zu schreien und zu stören. Es kam sogar so weit, dass während This Month’s Messiah ein Bühnentechniker im Laufschritt auf die Bühne eilte und dem betreffenden Herrn kurzerhand Isolierband – das sonst zum Befestigen von Kabeln und Setlists auf der Bühne verwendet wird – über den Mund klebte, um ihm im Stil unvergesslicher Buster-Keaton-Burlesken höflich zu verstehen zu geben, dass er mit seiner Provokation aufhören möge.
Was danach folgte, wurde von Minute zu Minute wirklich alarmierender. Der hitzköpfige, unermüdlich betrunkene österreichische Kollege – etwas aufgedunsen, in grotesker Aufmachung eines ramponiert wirkenden Blederer Fiakers, mit längerem, ergrautem Haar, das ihm in seinen glatzköpfig gereiften Jahren nur noch als Randkranz in Form eines „Haarkranzes“ am Kopf wächst – ließ sich keineswegs beirren. Da das Isolierband die gewünschte Wirkung nicht entfaltet hatte, brachte das weitere Nerven von Murrison diesen so aus der Fassung, dass er bis ganz an die Bühnenkante trat und mit dem rechten Fuß wild und kickend in Richtung des Unruhestifters trat – und dabei war keine Doktorarbeit nötig, um aus der Mimik des Gitarristen die Wortkombination „Fuck You!!!“ abzulesen, die Murrison folgerichtig mehrfach in Folge wiederholte.
Na ja. Ähnlich wie dem Toto-Gitarristen Steve Lukather in Graz am 04.03.2011, als jemand aus dem Publikum ins Konzert hinein rief: „Halt die Klappe und spiel weiter!“, hat es diesmal den unglücklichen Nazareth-Gitarristen erwischt. Von da an war er nicht mehr ganz er selbst. Er spielte verkrampft und angespannt. Daher auch einige Fehler im Spiel, nicht flüssig ausgeführte Übergänge, Ungeschicklichkeiten beim physischen Umschalten der Fußpedale für verschiedene Soundeffekte und Ähnliches. Um das Maß vollzumachen, hatten diesmal auch die Tontechniker keinen guten Tag. Die Gibson Les Paul war durchgehend zu laut im Konzert, besonders übersteuert klangen die beiden Fender Stratocaster, die Jimmy für Bad Bad Boy und unmittelbar danach für das neue Radio einsetzte. Die zeitweise unerträgliche Lautstärke übertönte die Gesangsparts – und das war das Schlimmste. Ohne gut hörbare Gesangsharmonien und die einzigartige Stimme von Dan McCafferty kann es kein richtiges Nazareth-Konzert geben. Die Band spürte und registrierte das alles auf der Bühne, doch der abgebrühte Teil des Teams – das Gespann Dan und Pete – kaschierte es so meisterhaft mit Gesten ans Publikum, vielen Lächeln und dem übrigen Maß an gewieftem Anheizen, dass sich nur noch eine Handvoll Leute im Saal mit dem Sound herumschlug. Leider gehörte auch ich zu dieser Handvoll – aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.
Die obligatorischen Hits Dream On und This Flight Tonight garnierte die Besetzung mit dem abschließenden Hair Of The Dog, bei dem Dan natürlich nicht vergaß, die schottischen Dudelsäcke auf die Bühne zu bringen. Eine wunderbare Überraschung und Bereicherung des Repertoires mit Songs vom Album „Hair Of The Dog“ lieferten außerdem Changin‘ Times – mit einem ausgedehnten Solopart von Jimmy Murrison – sowie die freche, holpernde Rock-’n‘-Roll-Kokette Whiskey Drinkin‘ Woman. Die Band überraschte einmal mehr mit dem großartigen Love Leads To Madness vom Album „2XS“ (1982).
Es folgt die obligatorische Zugabe mit den unverzichtbaren Razamanaz und natürlich Love Hurts, das abermals für reichlich Gänsehaut im Saal sorgte. Nazareth beendeten ihr Konzert grandios mit der Integration von Morning Dew vom Studio-Debüt „Nazareth“ (1971), wobei vor allem die Instrumentalsektion der Band im Ein- und Ausgangspart des Songs glänzte.
Legenden geben nicht auf. Ein in jeder Hinsicht souveränes Konzert – mit etwas schwächeren Soundcharakteristiken, einem unglücklichen Konzertabend für Jimmy Murrison, aber durch und durch energiegeladen und unnachgiebig in der Vermittlung gesunden, kernigen und rauen schottischen Blues-Rock-’n‘-Roll-Geistes und -Bewusstseins, das den Planeten in den Siebzigern entfachte und die Flamme in den Herzen vieler am Brennen hält, die die Band bis heute nicht vergessen haben. Und glaubt mir: Das österreichische Publikum schätzt Nazareth enorm. Ein proppenvoll besetzter Saal, der normalerweise etwas über 1000 Personen fasst, wenn Sitzplätze aufgestellt sind (Parkett plus Balkon), erwartete sie. Da diesmal die Stühle entfernt wurden, drängten sich gewiss 2000 Menschen in den Raum (Parkett und Balkon). Großartige Energie, großartige Atmosphäre – und ein weiteres unvergessliches Wiedersehen mit Legenden endete exakt nach anderthalb Stunden Ausgelassenheit. Um Mitternacht! Die großen Hunde heulen also wieder! Vollständig fellbehaart!
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setliste
1. Silver Dollar Forger 2. Big Dogz Gonna Howl 3. This Month’s Messiah 4. Dream On 5. This Flight Tonight 6. See Me 7. Bad Bad Boy 8. Radio 9. When Jesus Comes To Save The World Again 10. Love Leads To Madness 11. Whiskey Drinkin‘ Woman 12. Changing Times 13. Hair Of The Dog —Zugabe— 14. Razamanazz 15. Love Hurts 16. Midnight Dew
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