Devin Townsend mit dem Internet ins All
Ort: Internet
Datum: Samstag, 05.09.2020
In einer Zeit, in der dem normalen Musikfan der Konzert-Entzug schon gehörig zu schaffen macht, Musikbegeisterte mit dem Kopf gegen die Wand schlagen und sich mit Tränen in den Augen an vergangene Konzerterlebnisse erinnern, sind Konzerte im Streamingformat über das Internet zum Standard geworden. Verständlich. Konzerteinnahmen sind die Haupteinnahmequelle für die meisten Musikgruppen weltweit, und ein halbes Jahr Auftrittsstopp macht sich auf den Konten konkret bemerkbar.
Devin Townsend wird vom Großteil der Rockline-Crew aufmerksam verfolgt; auch persönlich war sein Konzert im Dezember in Wien buchstäblich das letzte Konzert, das ich vor dem ganzen Covid-19-Wahnsinn besucht habe. Und wenn wir ruhigen Gewissens sagen können, dass jedes Konzert von Devin ein einzigartiges Erlebnis ist, dann sind seine besonderen Konzerte – darunter Retinal Circus, der Auftritt in der Royal Albert Hall sowie im römischen Amphitheater im bulgarischen Plovdiv – eine wahre audiovisuelle Delikatesse. Und glaubt es oder nicht: Das gestrige Konzert reihe ich problemlos unter diese ganz besonderen ein!
Nach Abschluss des ersten Teils der Empath-Tournee kündigte der arbeitsbesessene Kanadier an, dass der zweite Teil der Tournee ursprünglicher werden soll – mit einer kleineren Besetzung, aber gleichzeitig auch härter, da er sein gesamtes Repertoire durchspielen will, einschließlich Stücke aus der Strapping Young Lad-Ära, die er in den letzten knapp zehn Jahren vollständig gemieden und tief in seinem persönlichen musikalischen Archiv verstaut und eingeschlossen hatte. Doch offenbar hat er sich in dieser neuen post-DTP-Musikepoche getraut, auch diese verborgensten Türen seines Schaffens aufzusperren.
Für diese Tournee, bei der er mit seiner Crew auch beim Metaldays-Festival auftreten müsste, hat er sich eine interessante Truppe zusammengestellt – Rhythmusgitarrist Wes Hauch mit beeindruckender Death-Metal-Kilometerlaufleistung, Bassist Liam Wilson, der neben all seinen anderen Projekten sage und schreibe 17 Jahre lang den Bass bei The Dillinger Escape Plan traktierte, sowie Schlagzeuger und YouTube-Sensation Samus Pulicelli, auch bekannt als 66Samus, der sein Publikum sowohl mit seiner Technik als auch mit seiner Präzision begeistert.
Zugegeben, das war nicht das erste Streaming-Konzert der letzten halben Jahr, aber ich reihe es in die Liste der besonderen Devin-Konzerte ein, weil er wieder einmal über die Grenzen hinausgegangen ist und einen Auftritt hingelegt hat, den es in diesem Format noch nicht gab. Jedes Bandmitglied hat nämlich seinen Part in seiner eigenen Stadt, in einem Studio vor einem Greenscreen aufgenommen, und wurde dabei von mehreren Kameras gefilmt (sogar bis zu acht!). Die Aufnahmen wurden anschließend zu einem einheitlichen Auftritt zusammengeschnitten und mittels digitaler Computerbearbeitung in eine einzigartige Umgebung gesetzt. Jedes Mitglied spielte sein Instrument auf riesigen schwarzen Plattformen, die sich drehten bzw. bei denen Teile davon rotierten (Schwerkraft erzeugen?) und im Weltall schwebten. Und auch die Lichteffekte waren so, als hätte J.J. Abrams selbst Regie geführt. Vor ungefähr einem Jahr hab ich noch gewitzelt, dass wenn es einen Musiker gibt, der ein Konzert im Weltall geben könnte, dann wäre es Devin – und ein Jahr später: voila – Konzert im Weltall! Auch wenn nur ein virtuelles.
Die Setlist für dieses Konzert wurde von den Fans für den Auftritt beim Bloodstock-Festival ausgewählt. Und weil Versprechen Schulden machen, landeten auf der Liste einige SYL-Klassiker. Gleich zum Auftakt mit Velvet Kevorkian und All Hail the New Flesh und als Abschluss Detox, dazu noch einiges dazwischen. Natürlich fehlten auch die Highlights aus seiner DT/DTB/DTP-Karriere nicht – und glaubt es oder nicht, noch eine weitere überragende Deadhead-Interpretation. Überraschend ist vielleicht nur die Aufnahme des eher sanften Spirits Will Collide.
Dass das Konzert den Flair eines Live-Konzerts hatte, dafür sorgte Devin persönlich mit Live-Videoschalten. Denn als wäre er beim Konzert selbst nicht schon witzig genug, postete er in den Schalten zwischen den Pausen noch krassere Sprüche – oder trat mit diversen Gesten, Aufschriften und Zeichnungen während des Konzerts in Erscheinung, wenn er per Bild-im-Bild in der unteren rechten Ecke des Bildschirms auftauchte. Unter anderem zeichnete er Gorillas und Elefanten zu Spirits Will Collide (wer das Musikvideo gesehen hat, weiß warum), mit angedeutetem Selbstonanieren während der Soli, dem Schriftzug Miss U Anneke zwischen Supercrush! und Kingdom sowie mit Aufschriften, mit denen er seine Kollegen von Strapping Young Lad und Devin Townsend Project grüßte. Im Studio hatte er sogar DTP-Keyboarder Mike St. Jean dabei, den er dazu überredete, während des Keyboard-Solos in Stormbending live auf dem Bildschirm „Air-Synth“ zu spielen.
Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass Devin neue Maßstäbe für Streaming-Konzerte gesetzt hat. Er selbst bestätigte auch, dass das Ganze nicht billig war – weshalb entsprechend auch der Preis fürs Zuschauen höher ausfiel. Er deutete jedoch an, dass eine Veröffentlichung dieses Auftritts auf DVD/Blu-ray in der Zukunft möglich sei, und kündigte außerdem mindestens zwei weitere Streaming-Konzerte an – das erste bereits Ende Oktober, das zweite Ende Dezember. Zum Abschluss kann ich nur sagen: Ich hoffe, wir sehen uns nächstes Jahr in Tolmin. Und falls das tatsächlich unsere neue Realität sein muss – „bring it on!“
Setlist:
1. Velvet Kevorkian (SYL)
2. All Hail the New Flesh (SYL)
3. By Your Command
4. Almost Again (SYL)
5. Juular (DTP)
6. March of the Poozers
7. Supercrush! (DTP)
8. Hyperdrive
9. Stormbending (DTP)
10. Deadhead (DTB)
11. Aftermath (SYL)
12. Love? (SYL)
13. Spirits Will Collide
14. Kingdom
15. Detox (SYL)
Anm.: SYL – Strapping Young Lad, DTB – Devin Townsend Band, DTP – Devin Townsend Project