Bomber

0 6

Interpret: Motörhead
Label: Bronze Records
Erschienen: 1979
Laufzeit: 36.48
Wertung: 4/5

Manchmal weiß man wirklich nicht, was man denken soll. Nur als Beispiel: Neulich zwängte sich aus dem Fernseher eine populärwissenschaftliche Darstellung der menschlichen Evolution auf mich ein, die uns nach einem entspannten Spaziergang durch die Jahrtausende am Ende selbstgefällig an die Spitze der Pyramide malte – als irgendein dominantes Wesen, fähig zu abstraktem Denken und Selbstbeobachtung. Wie schön! Dann erinnert man sich plötzlich an Motorhead, und alle Evolutionstheorien verdunsten, alle Darwinismen werden ungefähr so überzeugend wie Draža Mihajlovićs Ratgeber zur persönlichen Hygiene. Wenn die Gegenwart von Hautparasiten zur Realität wird, öffnet sich vor uns bald eine felsige Fantasiewelt, in der das Brechen der Knochen des Partners als eigenartiger Stilausdruck gilt und Wettbewerbe im Schnellpinkeln sowie die Kastration der Verlierer als Teil philosophischer Kontemplation auf höchstem Niveau. Ah, Nostalgie!

Motorhead ist also das Synonym für einträchtige neanderthalische Feierei, und Bomber ist einer ihrer größten Triumphe. Das Album ist ein eigenartiges Produktionsphänomen, vollgepackt mit übereinander gestapelten und weit über alle vernünftigen Grenzen zugespitzten Griffen, wie gemacht dafür, das Bild totalen Chaos zu erzeugen, das den typischen Motorhead-Sound so bravourös charakterisiert (die Rede ist natürlich von der klassischen Motorhead-Besetzung). Es handelt sich um eine vollkommen rohe, ungeschliffene Demonstration des widerlichsten Rock & Roll, den man sich vorstellen kann, der trotz aller ethischen und moralischen Fragwürdigkeit seinen Zweck perfekt erfüllt. Lemmy glänzt erneut mit pikanter Lyrik, die noch nie schärfer und tiefer eingeschnitten zu haben scheint. Das meisterhafte Wortjonglieren unter dem Schutz verzerrter Bässe spuckt kompromisslos nach allen Seiten – natürlich weit außer Reichweite des verwöhnten Punkprotest-Gestus, mit dem man ihn allzu oft in Verbindung bringt. Bomber enthüllt zum ersten Mal Lemmys poetische Ambitionen, die boshaft durch alle Sphären unseres Alltags sickern.

Insgesamt weicht Motorhead mit Bomber nicht vom Weg ab, den sie mit Overkill eingeschlagen haben. Was für eine Überraschung! Die Jungs packen ihrem Vorhaben allenfalls noch ein paar Dezibel mehr drauf! Lemmy und Clarke bleiben ungezähmte Hengste, wirken manchmal sogar wie erstklassige Rabauken ohne einen Funken Sensibilität, deren zeitweise uneingespielte Musik durch irgendein Wunder dennoch fest ins eingängige rhythmische Fahrgestell von „Philty Animal“ Taylor eingespannt bleibt. Kurz gesagt: Das Trio ist perfekt! Kein Wunder also, dass man sich trotz des ohrenbetäubenden Schepperns, das die Ohren bis zur Erschöpfung durchprügelt, Juwelen wie Stone Dead Forever, Dead Men Tell No Tales, Lawman oder Sharpshooter kaum entziehen kann. Poison bleibt dank Lemmys bissiger lyrischer Manöver, in denen Verse wie „I guess I poisoned my life, it’s better than marrying a wife“, regieren, ein Dauerfavorit für Hochzeitstage (wenn schon gar nichts anderes, müsst ihr dieses Mal zumindest keinen Champagner ausgeben). Wer aber Bewunderer von Person und Werk des Dimitrij Rupl ist, für den liegt der Schlüssel zum Herzen bei All The Aces.

Tanzabende mit Motorhead sind immer etwas Besonderes, vor allem wenn sich „Fast“ Eddie Clarke wieder mal ans Mikrofon reißt – natürlich zum Leid und Entsetzen aller Anwesenden! Das bizarre Blues-Stück Step Down ist schwer verdaulich selbst für den an alles gewöhnten Magen des hartgesottenen Motorhead-Fanatiker. Noch ein Beweis dafür, dass das Führen der Motorhead-Staffel nicht nur eine Frage des Ur-Instinkts ist, sondern auch des Stils, wie der giftige Zynismus von Talking Head schön andeutet – der wird euch die Birne ordentlich durchlüften. Das Beste hebt Motorhead sich jedoch für den Schluss auf, wenn das Trio mit Bomber die Nasen um 90 Grad dreht und kompromisslos in einen phänomenalen Adrenalinsturz stürzt, bei dem Philty den letzten in einer Reihe von Besuchen der freundlichen Tante Epilepsie erlebt, während das restliche Duo mutig den Weg ins Verderben steuert! Totaler Holocaust, der euch in knapp einer halben Stunde das Fürchten lehrt!

Besetzung

Lemmy Kilmister: Gesang, Bass
„Fast“ Eddie Clarke: Gitarre, Gesang
„Philty Animal“ Taylor: Schlagzeug

Produktion

Jimmy Miller

Tracklist

1. Dead Men Tell No Tales
2. Lawman
3. Sweet Revenge
4. Sharpshooter
5. Poison
6. Stone Dead Forever
7. All The Aces
8. Step Down
9. Talking Head
10. Bomber

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies