Fantasy Black Channel
Künstler: Late Of The Pier
Label: Parlophone Records
Erscheinungsjahr: 2008
Laufzeit: 00:42:06
Bewertung: 3.5/5
Stellt euch einen musikalischen Cocktail vor, dessen Hauptzutaten Gary Numan, Brian Eno, Frank Zappa, Stephen Dubrich, Bill Nelson, Metronomy und Klaxons sind. Und wenn das Ganze noch mit dem exzessiven Einsatz elektrischer Keyboards und einem Sound wie eine kaputte Drehorgel gewürzt wird, ergibt sich die englische Elektro/Glam/Trash-Band Late of The Pier. Die Jungs haben schon mit ihrer ersten Single „Space And The Woods“ aus dem März 2007 angekündigt, dass in der übersättigten Musikindustrie und der Flut von allerlei „instant“ „boy“-Bands andere Zeiten anbrechen würden. Qualität, verborgen hinter einem ungewöhnlichen Namen.
Das deutsche Label Parlophone Records nahm das Teenager-Quartett unter seine Fittiche, und so erblickte am 11. August dieses Jahres ihr Debütalbum „Fantasy Black Channel“ das Licht der Welt. Das Neugeborene beginnt mit dem instrumentalen „Hot Tent Blues“, der mit dem Gitarrensound der späten Siebziger scharf durch die Ohren schneidet. Wenn das Gitarrensägen zu Beginn dem Titel zu widersprechen scheint, stellt sich nach einer Minute Hören heraus, dass in diesem eine Minute und sechzehn Sekunden langen Track auch etwas Bluesiges steckt. Das setzt sich im zweiten Track „Broken“ fort, wo Samuel Dust endlich den Mund aufmacht. Die Zeile „Didn`t sleep last night, couldn`t come down“ dürfte wohl jedem nur allzu bekannt vorkommen. Die anfängliche Eintönigkeit wird durch ein ausgezeichnetes Gitarrensolo unterbrochen. Den Track beschließt das sog. „Scratchen“, das fast nahtlos in die schon erwähnte, viel lebhaftere erste Single „Space And The Woods“ übergeht – dabei geht es ums Finden der eigenen Identität. Ob die Jungs sich gefunden haben oder nicht – das entscheidet ihr selbst. „The Bears Are Coming“ ist die dritte ausgekoppelte Single der Platte und sicher einer der instrumentell interessanteren Tracks. Aufgelockert wird er durch afrikanische Perkussionsklänge, die am Anfang intensiver sind und zum Ende hin langsam verblassen. Irgendwo in der Mitte taucht wieder das „Scratchen“ auf, aus dem wir für einen kurzen Moment in eine angetrunkene Festivität gleiten, wie sie im Film Titanic von den Passagieren der unteren Klasse im Unterdeck zelebriert wurde. Tanzen, Singen und Draufkloppen auf die Bierkrüge. Zum Schluss dann Schrotflintenschüsse und das Zerschmettern von Gläsern. Wie eine dieser Standardszenen aus amerikanischen Filmen. Kommt euch das bekannt vor? Offenbar ist auch das Borgen von Zeilen anderer Künstler gerade in Mode. Wenn Kid Rock diesen Trend mit dem sog. Sommerhit „All Summer Long“ begonnen hat, führen Late Of The Pier ihn offenbar fort. Beim Hören des Tracks stoßen wir auf ein überraschendes Detail: das legendäre „Shine On You Crazy Diamond“ der noch legendäreren Pink Floyd – nur dass LOTP es in ein etwas dunkleres „Shine on your nightmare, shine through the tears“ umgemünzt haben. Die Festivität geht in „Random Firl“ weiter, nur in anderer Form. Stellt euch einen nervösen Typen vor, der am Tisch sitzt und beharrlich und unaufhörlich mit einem Löffel auf den Tisch haut, während die Kinder in ihrer Spielecke auf quietschendes Spielzeug drücken. Chaos, das niemand will. Die Frau bzw. Mutter, am Rand des Nervenzusammenbruchs, landet am Ende von alledem „in tha closet“.
Genau in der Albummitte springt nicht nur der Fuß mit, sondern auch das Herz. „Heartbeat“ hält niemanden auf seinem Stuhl. Obendrein klingt er irgendwie schon mal gehört. Frischer Wind weht mit „Whitesnake“ herein. Der ausgezeichnete, mit Glam-Punk aufgeladene Track wirkt wie das genaue Gegenteil von allem Vorherigen. Wie man so sagt – „Oldies Goldies“. Was „VW“ mit dem Automobilkonzern gemein hat, ist unklar. Dafür hat der am Ende leicht von Horror inspirierte, fast völlig instrumentale Track eine ganz klare Botschaft: „Garbage! Can you smell socks?“. Die klarste Botschaft aller Albumtexte – „I wanna be your friend“ – bekommen wir bei „Focker“, wo Samuel diesmal mit seiner verzerrten Stimme zurückkehrt. Wenn wir vorhin von Schrotflinten und Ähnlichem gesprochen haben – zum Abschluss greifen die Jungs zu elektrischen Schleifmaschinen. Zwar nicht wörtlich, aber trotzdem interessant. Mehr als alle anderen Songs auf dem Album sticht „The Enemy Are The Future“ hervor. Der leicht kontroverse Titel bietet eher auf Perkussion und Schlagzeug basierte Musik. Natürlich kommt man am Gesang nicht vorbei, der von einer Stimme wie Micky Maus bis zu jener variiert, mit der Jim Morrison einst verführte.
Die Platte beschließen „Mad Dogs And Englishman“ mit einem leicht repetitiven Rhythmus sowie „Bathroom Gurgle“. Letzterer war die zweite ausgekoppelte Single, die mit Sicherheit zur größeren Bekanntheit von LOTP beigetragen hat. Trotz der zahlreichen Remixe, die der Track bereits erlebt hat, klingt die Originalversion nach wie vor am besten. Wenn die Platte bis zum Ende durchgelaufen ist, nehmt sie noch nicht aus dem Player. Sie enthält nämlich noch einen versteckten und leicht unheimlichen Track namens „No time“, der das genaue Gegenteil von allem zuvor Gehörten ist.
Late Of The Pier haben mit ihrer einzigartigen, progressiven und innovativen Musik etwas Anderes geboten. Etwas, woran weder Kritiker noch Hörer gewöhnt sind. Daher schwärmen einige in höchsten Tönen vom Album, während anderen ihre Musik sinnlos erscheint. Trotz allem gilt eines – ein Programmausfall war noch nie so unterhaltsam.
Besetzung
Samuel Dust (Gesang, Klampfen, „Scratchen“)
Francis Dance (Klampfen, Regalerschüttern)
Red Dog Consuela (Schlagzeugdreschen)
Jack Paradise („chaos pad“)
Produktion
Erol Alkan
Trackliste
1. Hot Tent Blues
2. Broken
3. Space And The Woods
4. The Bears Are Coming
5. Random Firl
6. Heartbeat
7. Whitesnake
8. VW
9. Focker
10. The Enemy Are The Future
11. Mad Dogs And Englishman
12. Bathroom Gurgle
+ „versteckt“ No Time