Bits N‘ Pieces

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Autor: Rok Klemše

Künstler: Tomcat
Label: On Parole Productions
VÖ: year_month
Laufzeit: 41:00
Wertung: 3.5/5

Im Bereich des klassischen Hard Rock klafft in Slowenien derzeit eine ziemlich große Lücke. Besser gesagt: Die sichtbarsten Vertreter des Genres werden zunehmend jüngere Bands, die erst dabei sind, ihre Konzertkilometer zu sammeln. Die alten Knacker wie Šank Rock, Chateu und Konsorten haben es nicht mehr geschafft, qualitatives Material aus sich herauszupressen, ihre »Reunions« sind sang- und klanglos gescheitert, Mary Rose werken schon eine ganze Weile an einer neuen Platte herum, und fraglich ist, was bei der neuen Aufstellung von Requiem rauskommen wird. Es ist nur recht und billig, dass der Platz von Bands neueren Datums gefüllt wird – und eine davon ist die Ljubljanaer-Krainburger Band Tomcat, die vor gut einer Woche ihr Debüt Bits n‘ Pieces veröffentlicht hat.

Der Albumtitel spiegelt den Ursprung bzw. die Entstehung der Songs treffend wider, die ihren Platz auf dem Debütalbum gefunden haben. Das Ganze besteht nämlich aus zehn Puzzleteilen, darunter einige, die die Bandmitglieder noch aus ihren früheren Bands (Cyclöne, Strock, Glenn Moore) mitgebracht oder noch vor der Gründung von Tomcat komponiert haben. Das Ergebnis ist ein abwechslungsreicher Mix aus druckvollen Hardrock-Riffs, Ausflügen in den Heavy Metal und potenten »Power«-Balladen. Wahrscheinlich erklärt das auch die merkliche Qualitätsschwankung zwischen den einzelnen Songs. Doch der Graben ist zum Glück nicht so tief, dass Tomcat ihn nicht überspringen könnten.  

Tomcat nehmen uns mit auf gut vierzig Minuten Rock-’n‘-Roll-Ausschweifungen, ganz im Stil, den der zerknitterte Kater auf dem Cover schon andeutet. Hangover ist eine spritzige, humorvolle Hard-Rock-Geschichte über alkoholgeschwängerte Nächte, deren Folge auch ein unfreiwilliges Treffen mit Vertreterinnen des zarten Geschlechts sein kann, die sich keine Veet-Werbung reinziehen. Hangover gehört zu den schwereren Tracks auf dem Album und liefert einen ausgezeichneten Vorgeschmack auf das Weitere. Die Stücke und Stückchen des Albums zeichnen sich nämlich in erster Linie durch starkes Gitarrenriff-Spiel, autoritativen, melodischen und charismatischen Gesang sowie das Gespür der Band für leichte »Sommer«-Hymnen aus, die einem ins Ohr kriechen wie Aliens in Invasion of the Body Snatchers und einem zuflüstern: »Hör dir Tomcat an!« Bits n‘ Pieces entfaltet irgendwie dieselbe Wirkung wie Rainbow. Nicht die mit Dio, sondern die aus der Graham Bonett-Ära. Mit Hawaiihemd und Ray-Ban-Brille auf dem Kopf.

Aber Tomcat sind nicht nur auf Partyhymnen ausgerichtet – sie glänzen ebenso stark, wenn nicht noch stärker, in den balladesken Momenten der Platte. Diese tragen in erster Linie die echte Abwechslung und Dynamik des Albums, das eine ausgezeichnete Balance zwischen schnelleren, druckvolleren Songs und gefühlvollen Balladenmomenten gefunden hat. So nähern sich bereits der erste balladenartige Song, Goodbye, und im weiteren Verlauf Follow You mit etwas härteren Rhythmen der Definition der »Power«-Ballade an – sind dabei aber keineswegs billig und stellen sogar einige der stärksten Momente des Albums dar. Momente, in denen Denis Jambrošić sein breites Vokalspektrum schön entfaltet, das trotz seiner Jugend reif und überzeugend klingt und auch in hohen Lagen und markerschütternden »Screams.« glänzt. Zusammen mit der effektiven Vokalbegleitung der anderen Mitglieder in den Refrains klingen diese pompös und mächtig und setzen sich deshalb sofort in die Ohren. Neben dem Gesang ist auch die durchgehend überzeugende Gitarrenarbeit des jungen Rok Barle lobenswert, der durch einfache, aber effektive Riffs und teuflische Soli beweist, dass er einer der produktivsten Gitarristen der jüngeren Generation hierzulande ist. Eben diese Riffs verschmelzen stellenweise geradezu genial mit dem Gesang, was besonders gut im Refrain des druckvollen Purgatory zu hören ist. Die Rhythmussektion aus Gregor »Šujo« Šujica (Bass) und Žiga Ravšelj (Schlagzeug) ist bei der Unterstützung von Gesang und Gitarre solide, doch wünscht man sich von ihr etwas mehr Explosivität und Wucht – besonders beim Gitarrensolo kann sie nämlich etwas trocken wirken. Interessanterweise findet das instrumentale Trio mit dem Gesang seinen besten Zusammenklang ausgerechnet in der zentralen Ballade Wipe My Tears, die durch ein wunderschönes Zusammenspiel von Gitarre und Bass und einmal mehr einer inspirierten Vokalperformance von Denis besticht.

Einer der interessantesten Momente der Platte ist ausgerechnet der Abschlusssong Stevie, Annie and Me, der gleichzeitig auch die größte Abweichung vom übrigen Material darstellt. Dieser Dreiminüter hat nämlich das stärkste nostalgische Feeling des klassischen Rock der Sechziger und Siebziger und besitzt mit seiner Eingängigkeit enormes Potenzial als Radio-»Hit.« Mit seinem Text über die verlorene, unschuldige Jugend fasst er das Wesentliche der gesamten Platte schön zusammen, und die überraschende Verschmelzung von Musik und Text erinnert mich durch die Gefühle, die beide verströmen, an Stand By Me – nicht den Song von Ben E. King, sondern die Novelle The Body von Stephen King bzw. ihre Verfilmung Stand By Me.  

Bits ’n Pieces ist zweifellos einer der Kandidaten für das »Feel-good«-Album des Jahres, leidet aber noch unter einigen anfänglichen Kinderkrankheiten. Vielleicht liegt es an der Entstehungsgeschichte der Songs, aber gut ein Drittel davon verhallt irgendwie im Nichts oder geht zwischen den stärkeren Teilen des Albums unter. In jedem Fall wird es deshalb spannend sein zu hören, was Tomcat als nächstes vorlegen, vor allem was das Komponieren als Band, als Einheit betrifft. Mit Bits ’n Pieces haben die Jungs eine solide Basis geschaffen, die aufgrund ausgezeichneter Auftritte, sichtbaren Fortschritts und starken Potenzials nur als Fundament für eine erfolgreiche Fortsetzung der Geschichte taugen kann – bis dahin aber werden die starken Refrains im Kopf nachhallen, die die Ohren treffen wie eine Sidewinder-Rakete, die von einem F-14 Tomcat in den Arsch eines MiGs gefeuert wird.

Besetzung

Denis Jambrošić – Gesang
Gregor Šujica – Bass, Background-Gesang
Žiga Ravšelj – Schlagzeug
Rok Barle – Gitarre, Background-Gesang

Produktion

Beny Kic und Matej Sušnik

Trackliste

1. Hangover
2. Goodbye
3. Dirty Old Mind
4. Follow You
5. Girl In Leather
6. Edge of the Blade
7. Purgatory
8. Wipe My Tears
9. Riders
10. Stevie, Annie and Me

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