At The Edge Of Time

0 12

Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Blind Guardian
Label: Nuclear Blast
Erschienen: 2010
Laufzeit: 63:57
Wertung: 4.5/5

Das neunte Studioalbum der deutschen Blind Guardian! Habt ihr sie vermisst? Vier Jahre nach „A Twist in The Myth“! Offensichtlich halten die Jungs weiterhin ihren fleißigen Biorhythmus der Albumveröffentlichungen alle vier Jahre aufrecht. Seit 1998, also seit der Veröffentlichung des Albums „Nightfall In Middle Earth“! Sie halten also die Form. Fleißig auf jeden Fall! Aber wie steht’s um die Kreativität?

Der Vorgänger des neuen Albums, „A Twist In The Myth“, ist – wie es sich für den Stammbaum einer solchen Band gehört – ein sehr hochwertiges Werk. Doch war er bei seinem Erscheinen nicht mehr so begeisternd wie all seine älteren Geschwister. Er bot mehr Direktheit und Trivialität (und damit einhergehend Vorhersehbarkeit) verglichen mit dem außergewöhnlichen Vorgänger „A Night At The Opera“ (2002), mit dem Blind Guardian selbst ein Denkmal gesetzt haben, das qualitativ so schnell kaum zu übertreffen sein wird.

„At The Edge Of Time“ aber ist ein Album, das sich „A Night At The Opera“ mehr als würdig annähert. Noch mehr. Es fordert es regelrecht unverschämt heraus. Wieder 10 Songs, jeder von ihnen ein abgeschlossenes Ganzes, das nicht geizt mit dem Reichtum an Botschaften in den Versen. Mystik, Abenteuer und Erlebnisse unentdeckter Welten, die auf alle Neugierigen an den Eingangspunkten der Dimensionstoren warten, die man natürlich selbst suchen muss. „At The Edge Of Time“ ist ein neues Album, das eine so überzeugende Atmosphäre trägt, dass du nur eines tun musst: Kopfhörer aufsetzen, Gedanken verbannen, sprich Verstand und Ratio ausschalten und dich frei dem Dahintreiben hingeben, damit die Musik alles für dich erledigt! Blind Guardian bleiben mit dem neuen Album weiterhin unangreifbare Meister, die mit ihrem kühnen Willen, ihrer Unnachgiebigkeit und ihrer unversieglichen Entdeckungsader nicht nachlassen in ihrem musikalischen Visionärstum einer einzigartigen Predigt, mit der sie uns schon seit mehr als 20 Jahren verwöhnen.

Das neue Album ist erneut ein Meisterwerk. Ohne Umschweife. Ein Meisterwerk, auf das nicht nur die Band zu Recht stolz sein wird, sondern in das sich unwiderruflich alle Fans und alle Musikliebhaber mit angeborenem Gespür für makellos gestaltete melodische Sanglichkeit verlieben werden – vollgepackt mit mehrteiligen Harmonien und motivlicher Saftigkeit, die durch die schwindelerregenden Wendungen der Übergangspassagen nicht einen Moment lang musikalische Kompaktheit und roten Faden verliert. Das ist das bekannte und etablierte Handwerk des „Guardian-Gravüren-Klassizismus“, wo sich erneut geschickt und ohne kreative Einschränkungen das orchestral-sinfonische Prinzip und die Reichweite des Euro-Power-Metals die Hände reichen.

Die stärksten Momente des neuen Albums sind genau der Eröffnungstrack Sacred Worlds und der abschließende Wheel Of Time, die in ihrer motivischen Lebhaftigkeit, mit dem plötzlichen Umschwung der Stimmungslagen, wogender epischer Bombastik und maximaler Ausschöpfung aller musikalischen Bausteine zu einem harmonisch perfekten Gemisch, an den Charakter einer Mini-Sinfonie streifen – so wie And Then There Was Silence auf dem Vorgängeralbum. Das Heraufbeschwören der Energie von „A Night At The Opera“ begleitet uns dabei über die vollen 64 Minuten des neuen Albums! Da ist die (erwartete) Folk-Einlage Curse My Name, die sich ausgezeichnet in der Mitte des Albums einfindet und den Hörer aus dem Sturm glühender Metal-Wucht aufweckt. Ein Moment der Entspannung von den Metal-Kräften wird auch durch den folgenden Song War Of The Thrones herbeigeführt, der nach dem Vorbild einer Harvest Of Sorrow komponiert und arrangiert wurde (der Refrain!). Das organisch angelegte Geflecht der mehrteiligen Harmonien dieses Songs, das vom einzigartigen markanten Vokalansatz Hansi Kürsches angeführt wird, vermittelt nicht einen Augenblick lang das Gefühl der Abgedroschenheit, des Kopierens vergangener Taten oder das Gefühl, es handle sich um einen Lückenfüller, der bloß auf die Auffüllung der Albuminuten abzielt. Auf den Punkt gebracht: Keine einzige Sekunde ist überflüssig auf „At The Edge Of Time“.

Der Charakter der einzigartigen Blind Guardian-Predigt bleibt auch diesmal vollkommen unberührt. Alle Markenzeichen sind wieder mit dabei! Blind Guardian waren nie bekannt für die Brillanz virtuoser musikalischer Akrobatik einzelner Musiker. Ihre Attraktivität haben sie stets durch Geschlossenheit und eine Art „Bruderschaft“ erlangt, die immer Garant dafür waren, dass alle Jungs beim Schreiben von Material auf die gleiche kreative Frequenz eingestellt sind und sich so ausgezeichnet im Dialog des Song-Kreierens verständigen. Das neue Album ist nicht bloß eine Rekapitulation des von Blind Guardian bereits Gesagten. Die kühne Kombinatorik der Leitmotive offenbart, dass die Besetzung in ihrer Kreativität Witz, Funken, Inspiration und Frische bewahrt hat! Allerdings muss man hier die Tatsache berücksichtigen, dass das neue Album keinen neuen Entwicklungsschritt nach oben leistet. Die Frische, die die vollendeten Songs in ihrer Ausdrucksweise verkörpern, ist jenes wesentliche Merkmal der Blind Guardian-Pointe, das uns garantiert, dass sich Blind Guardian noch nicht in alte, murrende Knacker verwandelt haben, sondern dass in ihren Adern noch immer ein ungezähmter kreativer Kern von hohem künstlerischem Kaliber fließt. Ja. Uneingeschränkt können wir diesmal von einem zweiten Teil (bzw. einer Fortsetzung) des Albums „A Night At The Opera“ sprechen. Womit ich das Thema „Entwicklungsschritt nach oben“ anschnitt – das bezog sich vor allem auf die Assoziation der vergangenen Taten der Band in den Neunzigern. Das neue Album bringt nämlich keinen Entwicklungssprung wie etwa „Tales From The Twilight World“, nachdem es das Album „Follow The Blind“ ablöste, oder noch anschaulicher die Abfolge des kreativen Sprungs auf ein höheres Niveau zwischen den Veröffentlichungen „Somewhere Far Beyond“ und „Imaginations From The Other Side“, sondern es bewahrt die kreativ-expressive Reichweite des hochwertigen Niveaus von „A Night At The Opera“. Das Album bietet 10 verschiedene Songs, die die Energie des genannten Vorgängers heraufbeschwören, und das reicht, um von einem neuen Blind Guardian-Meisterwerk zu sprechen.

Hervorzuheben sind auch einige schwer greifbare Passagen, denen wir auf dem neuen Album beim Verfolgen von Hansi Kürsches Gesang beiwohnen (z.B. die Refrains der Songs Tanelorn (into the void) und A Voice In The Dark). Das zielt auf das Nehmen der höchsten Gesangslagen, das Bewahren von Kraft, die Betonung des melodischen Prinzips und damit die Bestätigung der Autorität und Souveränität des Sängers ab. Angesichts der Momente stimmlicher Angeschlagenheit, die Hansis Stimme bei unseren jüngsten Besuchen von Blind Guardian-Konzerten bestätigt hat, ist das eine überaus schöne und vielversprechende Feststellung.

Das Album strotzt vor hoher Dynamik, vielfältigen Stimmungen und der bereits erwähnten klanglichen und stilistischen Perfektion. Hervorheben möchte ich auch die ausgezeichnete, modern konzipierte Produktion, die das Element der Lebendigkeit bewahrt und dabei die Kräfte der Klangverteilung besonnen in ein vollkommenes harmonisches Gleichgewicht bringt, das das verfügbare Spektrum des Klangbildes ganzheitlich ausnutzt. So ist jeder Moment des Albums erneut außerordentlich überzeugend in der Schöpfung der einzigartigen Blind Guardian-Welt, der du dich noch lange, lange Zeit hingeben kannst. Das neue Album ist nämlich kein leichter und musikalisch vorhersehbarer Happen. Es erfordert mehrere Durchgänge, damit sich die Leitmotive in deinen Ohren festsetzen! Das ist eine weitere Beobachtung, die garantiert, dass auch diesmal kein Platz für Selbstwiederholung ist, wie wir sie in den letzten Jahren regelmäßig bei deutschen Power-Metal-Bands wie Primal Fear, Grave Digger, Helloween, Iron Savior erleben oder es bei Running Wild erlebt haben.

Mit solch gehaltvollen Inhalten und der Gravur des Perfektionismus musikalischer Vollendung, wie sie das neue Blind Guardian-Werk bietet, haben wir damit den ersten Favoriten für das beste Power-Metal-Album des Jahres 2010 bekommen. Ja. Neben den Alben „To The Metal“ und „Strings To A Web“ ihrer Landsleute Gamma Ray und Rage gehört dieses Album ohne Zögern in die engere Auswahl der besten Studiowerke, die der Euro-Power-Metal in diesem Jahr zu bieten hat und bieten wird. Steh nicht abseits, sondern gönne dir das Beste. „At The Edge Of Time“ ist ein neuer musikalischer Diamant aus den Händen der geschickten und eingespielten Blind Guardian-Kreativität, die keine ausdrucksmäßige Delle kennt, und bestätigt, dass Ehrgeiz weiterhin der unversiegliche Quell des ausdrucklich-ideellen Funkens der renommiertesten Power-Metal-Band auf europäischem Boden bleibt!

Besetzung

Hansi Kürsch – Gesang
André Olbrich – Gitarre
Marcus Siepen – Gitarre
Frederik Ehmke – Schlagzeug

GÄSTE:
Prager Philharmoniker
Adam Klemens – Dirigent

GASTMUSIKER:
Oliver Holzwarth – Bassgitarre
Mathias Ulmer – Keyboards, Piano
Eberhard Hahn- Flöte
Klaus Marquardt – Violine
Dirim Ceseroglu – Violine

CHÖRE:
Irish Heartbeat
Bach choir Bremerhaven

ZUSÄTZLICHE CHORGESÄNGE:
Thomas Hackmann
William „Billy“ King
Olof Senkbeil
Jen Majura
Stefan Schmidt

Produktion

Charlie Bauerfiend & Blind Guardian

Trackliste

01. Sacred Worlds (9:17)
02. Tanelorn (5:58)
03. Road Of No Release (6:30)
04. Ride Into Obsession (4:46)
05. Curse My Name (5:52)
06. Valkyries (6:38)
07. Control The Divine (5:26)
08. War Of The Thrones (4:55)
09. A Voice In The Dark (5:41)
10. Wheel Of Time (8:55)

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies