Another Perfect Day

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Interpret: Motörhead
Label: Bronze Records
Erscheinungsjahr: 1983

Was macht einen Menschen so primitiv, dass er sich plötzlich den Motorköpfen anschließt? Eine Frage, die besondere anthropologische Aufmerksamkeit verdient und wohl sogar so manche Unklarheit in der Evolution des Höhlenmenschen aufklären würde. Auch wenn von Lemmy und seinem treuen Animal zu diesem Thema kaum eine konstruktivere Debatte zu erwarten ist, könnte uns diesmal Brian Robertson einen besonders saftigen Grund verraten. Der Herr, der nach seinem Abgang bei Thin Lizzy nicht eine einzige bewundernswerte Notenfolge aus sich herausgepresst hat, springt „überaus freundlich“ Lemmys von Clarkes Torpedo absaufendem Kahn zur Hilfe.

Robertsons Beitrag zum Motorhead-Dröhnen ist bis heute Gegenstand hitziger Debatten unter Motorhead-Fans. Ähnlich umstritten bleibt das Bild, das Brian auf der Bühne abgab. Stellt euch nur vor: Im Meer lederbehangener Irrer, die sich beim „zarten“ Gewippe vor der Bühne völlig Lemmys balsamischen Basskünsten hingeben, sticht dir rechts ein wunderschönes, mit Sonnenblumen bedrucktes Hawaii-Hemd ins Auge, unter dem statt eines gefährlich bestückten Patronengurts freundlich ein weißes Handtuch hervorlugt. Der Kerl hat sich den ungehobelten Rotzlöffeln gegenüber offenbar entschieden: Leckt mich am… Arsch! Und das ist ihm zweifellos auch gelungen. Another Perfect Day reißt auf seinen Schultern alle Schranken ein, die über die Jahre „motorischen“ Dröhnens fest einbetoniert wurden. Man könnte sogar sagen, dass er Lemmy auf ziemlich unfreundliche Weise den musikalischen Horizont erweitert. Die traditionell kraftvolle, kompromisslose Gehirnwäsche bleibt natürlich durchweg der rote Faden des Albums, allerdings mit einem Unterschied. Brian hat mit seinem Einstand neben Frische auch mehr Gewicht auf die Melodik selbst gebracht, was Philty in eine ziemlich unangenehme Lage versetzt, denn der ungezähmte Trommler trifft zum ersten Mal auf einen erstklassigen Gitarristen. Diesmal keine Spur von Clarkes Gitarrenmetzgerei, deren unerträglichen Gestank Taylors Schluckauf größtenteils gut überdeckt hat. Stattdessen muss sich Philty mit einem fließenden, völlig freien Spielstil herumschlagen, der ihn nicht selten aufs Abstellgleis schiebt.

Das „Robbo“-Album, wie man es gerne nennt, eröffnet mit Back At The Funny Farm der Donner von Lemmys Bass, in dessen Wahnsinn bald Robbo und Philty einstimmen. Tatsächlich handelt es sich um das längst totgekaute Ace Of Spades-Motiv, das im Schlussteil obendrein noch in Overkill übergeht. Der aufregende Einstieg geht mit der ausgezeichneten Shine weiter, einer simplen Rock & Roll-Nummer, um die Brian Robertson wie die Katze um den heißen Brei herumtänzelt. Der große Moment des Jungen kommt mit der phänomenalen Dancing On Your Grave, in der die ganze Größe seines Gitarrenspiels aufblitzt. Auf der einen Seite wird ein grober Bad-Ass-Riff wirkungsvoll von einem melodiösen Gitarrenrefrain abgelöst, der zu Lemmys typischer „Rezitation“ mächtig wirkt! Dass Motorhead auch mit Robertson an Bord vor allem Liebhaber von echtem Rock & Roll-Tritt-in-die-Fresse sind, beweist Rock It, eine weitere bis zum Anschlag aufgedrehte „Motor“-Sinfonie, in der uns aus dem Hintergrund sogar ein Klavier anspricht. Fantastisch. Mit dem mörderischen Tempo von Rock It konkurriert die unheilvolle Tales Of Glory, wieder mit einem brillanten Robertson, der es sich in der Rolle des hooliganhaften Krawallmachers bequem gemacht hat.

Robertson verdanken wir neben starken melodischen Verzierungen auch die farbigen und zugleich schlichten Songthemen von Stücken wie One Track Mind und der glänzenden Another Perfect Day. Vor allem Letztere zeigt die andere, ruhigere Seite von Motorhead, was das Ansehen des gesamten Albums zweifellos nur noch steigert. Der Moment von Robertsons größtem Triumph kommt aber mit der rührenden und zugleich unbeugsamen I Got Mine. Es ist schwer, all die Emotionen zu beschreiben, die einen beim Hören dieses atemberaubenden Werks durchströmen. Vermutlich nicht gerade der Lieblingsgesang irgendeines der lokalen, von billigem Bier benebelten Headbanger, steht es, ähnlich wie das gesamte Another Perfect Day, trotzdem stolz als eine der größten Leistungen Lemmys aller Zeiten da. Ohne Zweifel!

Besetzung

Lemmy Kilmister: Gesang/Bass
Brian Robertson: Gitarre
„Philty Animal“ Taylor: Schlagzeug

Produktion

Tony Platt

Tracklist

1.Back At The Funny Farm
2.Shine
3.Dancing On Your Grave
4.Rock It
5.One Track Mind
6.Another Perfect Day
7.Marching Off To War
8.I Got Mine
9.Tales Of Glory
10.Die You Bastard

Spielzeit: 44.11

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