All Strings Detached: Septet
Label: ŠKUC
Erscheinungsdatum: 10.01.2020
Produktion: Chris Eckman
Genre: Alternative Rock
Bewertung: 9.0 / 10
Für das Frauen-Duo All Strings Detached ist die Entscheidung, den eigenen Artismus zu erweitern, indem neue Kompositionen eine Streicher- und Rhythmussektion einbinden, schlicht ausgezeichnet. Nicht zwingend notwendig, aber sehr gut und sehr willkommen. Warum? Jana Beltran und Vesna Godler, die in diesem Duo agieren, haben in den Jahren 2014 und 2017 zwei Alben veröffentlicht („Heavy Rain“ – Rockline Rezension HIER, „There’s Something Painful About the Pearls“ – Rockline Rezension HIER), mit denen sie die Kritikerzunft völlig entwaffnet und eine Menge aufmunternder Kritiken sowie begeisterte Aufnahme beim Publikum geerntet haben. Die beiden Mädels zeichnet zwar ein (notwendiger) vokaler Kontrast aus, aber der Minimalismus beim Einsatz von Bass und Gitarre als Begleitung – neben einer nach wie vor feinfühligen vokalen Charisma, die im Englischen phänomenal funktioniert – hat irgendwie seinen Ausdrucks-Zenit erreicht. Von hier aus könnten beide Musikerinnen, wenn sie dieses Arrangement auf allen neuen eigenen Projekten beibehalten würden, zwar auch mit zukünftigen Veröffentlichungen faszinieren, aber in der Regel nur aufgrund der (garantierten) Durchschlagskraft der persönlich bekennenden Texte. Sprich: dem Element des Singer-Songwritertums.
Daher ist diese Entscheidung, dass All Strings Detached für ihr drittes Album »Septet« tatsächlich zu einem Septett heranwachsen (das symbolisieren auch die sieben Kormorane auf dem Albumcover), sehr sehr gut. Und das Ergebnis aller beteiligten Faktoren? In der gegenseitigen ideellen Verträglichkeit und Interpretation, Wahrnehmung, im arrangierenden Ergänzen funktioniert das höchst faszinierend. Jana und Vesna haben durch die Rhythmussektion von Vid und Jošt Drašler tatsächlich eine außerordentliche rhythmische Unterstützung und ein »Fahrgestell erhalten und können so nun auch als echte Rockband agieren. Godalni aranžmaji pa pretanjeno sledijo čutnosti in milin izjemne karakterne Die Streicher-Arrangements folgen dagegen feinsinnig der Sinnlichkeit und den Sanftheiten der außergewöhnlichen charakterlichen Flexibilität des vokalen Expressionismus, der erneut mit außerordentlicher Wirksamkeit und Verführungskraft packt. Je sanfter der Gesang, desto intensiver packt das Gefühl, das er belebt und vermittelt. Das Album ist jedenfalls nicht nur träumerisch »entrückt«, sondern wird auch von einem »Vokalsturm« aufgewirbelt – so dynamisch entwickelt sich etwa der Song What To Do Love. Vesna und Jana sind im gewählten musikalischen Visionärstum, im gewählten Ausgangspunkt des expressiven musikalischen Feldes, schlicht außergewöhnliche Interpretinnen. Jede Zeile schlägt mit außerordentlicher Intensität zu und nimmt einen gefangen. Sie trägt die Seele des Hörers fort, berührt jeden Winkel seiner Seele. Den Farbkontrast beider Stimmen nutzen die Musikerinnen für eine graduelle Steigerung der Stimmungen, die auf diese Weise im Ausgangsteil auch ihren bombastischen Höhepunkt erreichen können (The Pond). Die Stimmen liebäugeln bei Bedarf (je nach gewünschter Stimmungskreation) auch mit dem Übergang vom Gesang in (beinahe) Narration und Flüstern.
Der Charakter des Albums ist erneut melancholisch, an Bitterkeit und düsteren Ausblicken mangelt es nicht. Betont wird jedoch das Element der Musikalität, das im Vergleich zu den beiden Vorgängeralben mit einem größeren Ertrag anspricht. Das Streichtrio ist bedeutsam, da es das Element der Transzendenz stärkt, wenn Teile der Songs im Wellengang des sanften Streicher-Klangs dahinsegeln (By the Sea). Dann tritt das Trio in den Vordergrund (Instrumentalpassagen), oder hebt auf den »Flügeln« der Begleitung schlicht die reine Vokal-Predigt aus dem Hintergrund. Die Vokalmelodie – und bei All Strings Detached ist das keine Neuigkeit mehr – entwickelt sich in der Regel aus Moll-Tonarten. Wenn diese wehmütigen Linien mit der sinnlichen Magnifikation der Streicher-Arrangements zusammentreffen, wird neben der daraus folgenden Betonung des Melancholiegefühls auch die mystische und stellenweise sogar transzendent berauschende, verträumte, magische Versunkenheit des Albums hervorgehoben.
Einen besseren Studio-Mitarbeiter als den u. a. legendären Chris Eckman (The Walkabouts, Strange) hätten die beiden kaum wählen können. All Strings Detached sind nämlich von Anfang an auch für die internationale Bühne relevant, da sie in ihrer Alternative-Rock-Pose und ihrem Eklektizismus, mit einem ausgefeilten und unglaublich profilierten Einsatz der englischen Sprache in Melodien und Versmetrik, so überzeugend agieren, dass dieses Duo Amerikaner oder Briten sofort als das ihre beanspruchen könnten. Seltsam ausgedrückt. In Vibration und Energie wirken sie nämlich eher englisch, amerikanisch als slowenisch.
Vesna und Jana haben sich diesmal mit einem Begleitteam von fünf außergewöhnlichen Musikern »bewaffnet«, die auf dem Feld der Genre-Etiketten neoklassischer Musik, Jazz und Ethno-Folk-Elementen außerordentlich gut zurechtkommen und dort zu Hause sind. In die Alternative-Rock-Musikakte von All Strings Detached schleichen sich diese Elemente jedenfalls sehr effektiv »unterirdisch« in die Arrangements, während der bekennende Alternativ-Rock-Charakter, der mit den beiden bisherigen Alben klar umrissen wurde, erhalten bleibt. Und mehr noch. Diese Elemente – am ausgeprägtesten darunter die Neoklassizismen, die das Streichtrio einführt – erweitern die Ausdrucksreichweite des Duos künstlerisch und stellen es auf ein neues Qualitätsniveau des Artismus und des Eklektizismus-Ertrags selbst. Das Album erreicht dabei einen außerordentlich wirksamen musikalischen Ertrag und eine außerordentliche Hörerfreundlichkeit bzw. Zugänglichkeit. All Strings Detached erreicht mit »Septet« ein neues artistisches Niveau, mit dem sich beide Mädels zu musikalischen Horizonten neuer Ausdrucksdimensionen erheben. Auf diese Weise erweitern und öffnen sie sich neuen Raum für weiteres künstlerisches Wachstum, die Erweiterung ihrer musikalischen Visitenkarte sowie die ästhetische Bereicherung der eigenen kreativen Ursprünglichkeit.
Eine kleine Anmerkung am Rande. Alle Songs auf dem Album »Septet« können bei Konzerten, auch wenn das Duo sie nicht in den erweiterten Varianten »2+5«, oder »2+2« (plus Rhythmussektion) aufführt, noch immer höchst überzeugend auch in der nackten Duo-Darbietung packen. Das ist logisch. Weil Vesna und Jana sie geschrieben haben.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Be Sure
2. By The Sea
3. Blueberry Woods
4. City Of Lights
5. Utopia
6. The Pond
7. What To Do Love
8. Lullaby
Besetzung:
Jana Beltran – Gesang, elektroakustische Gitarre
Vesna Godler – Gesang
Jošt Drašler – E-Bass, Kontrabass
Vid Drašler – Schlagzeug
Barja Drnovšek – Violine
Bojan Cvetrežnik – Violine
Klemen Bračko – Viola, Streicher-Arrangements
