All Your Love I Miss Loving
Interpret: Rush, Otis
Label: Delmark
Erschienen: 2005
Laufzeit: 67.35
Bewertung: 4/5
All Your Love I Miss Loving ist ein sensationelles musikalisches Dokument eines der größten Söhne des Blues, Otis Rush! Es ist das erste vollständige Zeugnis der Konzertstärke des legendären Musikers, eingefangen am Tatort, also mitten in Aktion in Chicago. Als das Interesse am Blues auf der breiteren Musikszene mit Beginn der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts langsam zu verblassen begann, fasste das Personal des Wise Fools Pub Mut und pflegte weiterhin mit väterlicher Fürsorge das Erbe eines Genres, das noch nicht allzu lange zuvor den Takt des Alltags der weltweiten Musikszene bestimmt hatte. Neue Zeiten kamen, die eine ganze Reihe exzellenter und einflussreicher Blues-Musiker auf die beengten Bühnen verrauchter Clubs drängten – darunter auch Otis Rush.
Otis Rush hält sich mit All Your Love I Miss Loving im Stil eines echten Blues-Dinosauriers streng an den Rahmen des traditionellen Chicago-Sounds, der, wie gesagt, mit Beginn der 70er Jahre dem launischen Manövrieren der Musiktrends jenseits des Atlantiks kaum noch standhielt. Das Album erreicht klanglich keine beneidenswerten Standards, nicht einmal für die „lockeren“ Maßstäbe der goldenen Generation des Chicagoer Blues, also der Blues-Szene der späten 50er und 60er Jahre. All Your Love I Miss Loving klingt zu oft dumpf und muffig, doch Otis‘ Darbietung ist so überzeugend giftig und schonungslos roh, dass uns die erwähnten Produktionsmängel ab dem Moment, wo der gute Mann mit Please Love Me im Stil von Elmore James seine Klauen in den Grund der Zuhörerseele gräbt, schlicht egal sind. Otis ist gnadenlos, und wenn er in der Stimmung ist, dann ist er in seiner unverkennbaren Gitarrenintonation geradezu aggressiv und bösartig – in intimerer Atmosphäre findet er sich aber ebenso glänzend zurecht, wie man an seinem entspannten Spielen mit den Blues-Grundelementen erkennen kann, die unter der Hand des Meisters nicht aufhören, die Stimmungsfarben launisch zu wechseln.
Das meiste Material auf All Yout Love I Miss Loving, von wenigen Ausnahmen mit stark ausgedehntem Instrumental-Blues abgesehen, liest sich wie der Roman eines halbwegs ordentlich betrunkenen Schriftstellers mit unglaublicher Fantasie. Ich möchte hier nur kurz die textliche Glanzleistung mit den „moralisch einwandfreien“ Versen in Sweet Little Angel erwähnen, wo Otis schamlos rausknallt: „I’ve got a little angel, I love the way she spreads her… wings“. Wenn man dazu noch das geistreiche und stets giftige Gitarrenspiel hinzuzählt, das weniger für seine Präzision als für seine inhaltliche Kraft bekannt ist, dann liegt die Wunderformel zur Rettung deines längst versauerten Liebeslebens bereits in der Hand. Mit leidenschaftlichem Halswürgen an der Gitarre macht Mean Old World auf sich aufmerksam, diesmal auch dank Rush‘ düster gefärbtem Gesang, der mit seinem stellenweise rauen Ton und der damit verbundenen elektrischen Aufladung der Darbietung begeistert. Rush überzeugt mit dem Klagen durch You’re Breaking My Heart, das es locker mit der Sinnlichkeit des Titelsongs, des immergrünen Klassikers All Your Love (I Miss Loving), aufnehmen kann; von den zuvor erwähnten „Karaoke“-Ausflügen verdient hier Motoring Along Erwähnung, das zwar keine besondere nennenswerte Ausstrahlung mitbringt, aber als Mahnung an die unbeglichene Schuld des Rock & Roll gegenüber der Schamlosigkeit des traditionellen Blues steht.
Otis Rush ist ein außergewöhnlicher Musiker, und seine einzigartige Ausdrucksweise war stets vor allem das Ergebnis purer Intuition. Davon kannst du dich – falls dich je die Lust packt, die Magie des Blues zu entdecken – genau an diesem rauen Zeugnis der Wucht des Konzert-Blues der goldenen Generation überzeugen; und falls du zufällig zur Kategorie der überzeugten Blues-Gläubigen gehörst, wird das Album deinen Glauben an das Genre nur noch weiter bestätigen. Als weniger spektakulärer, dafür aber vor allem innovativer Gitarrist, mit der impulsiv zur Schau gestellten Tiefe seines Vokalspektrums, präsentiert sich Otis Rush einmal mehr mit einem zeitlosen Dokument, das in den Sammlungen von Liebhabern guter Musik zweifellos unter dem Etikett „Pflicht für alle Fans des Chicagoer Blues“ archiviert bleiben wird!
Besetzung
Otis Rush: Gesang, Gitarre
Bob Levis: Gitarre
Alberto Gianquinto: Keyboards
Bob Stroger: Bass
Jesse Green: Schlagzeug
Chris „Barcelona Red“ Mason: Saxofon
Rawl Hardman: Tenorsaxofon
Produktion
Robert G. koester & Steve Wagner
Trackliste
1. Please Love Me
2. You’re Breaking My heart
3. All Your Love (I Miss Loving)
4. Will My Woman Be Home Tonigh
5. Mean Old World
6. Woke Up This Morning
7. High Society
8. It Takes Time
9. Gambler’s Blues
10. Feel So Bad
11. Sweet Little Angel
12. Motoring Along