Emerson, Lake & Palmer

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Emerson, Lake & Palmer
Label: Sanctuary Records
Erscheinungsjahr: 1970
Bewertung: 4.5/5

Als Keyboard-Zauberer Keith Emerson The Nice auflöste, eine der besten Proto-Prog-Bands überhaupt, weil sie für sein außergewöhnliches Talent zu eng geworden waren, wusste er ganz genau, dass er sich auf ein völlig neues musikalisches Abenteuer einlässt. Und als er dann auch noch einen der begabtesten Sänger der damaligen Rockmusik zur Zusammenarbeit einlud, nämlich Greg Lake (übrigens auch Bassist und Gitarrist) vom Prog-Rock-Phänomen King Crimson, dazu Schlagzeuger Carl Palmer, der sein Talent zuvor bei Atomic Rooster geschliffen hatte, waren die Grundsteine für die erste echte Superband der Rockgeschichte endgültig gelegt. Die Einflüsse aller genannten Bands sind auf ihrem ersten Album deutlich zu hören. „Emerson, Lake & Palmer“ vereint die Stärken der drei Vorgängerbands zu einer hervorragenden Mischung (also das einfallsreiche Verschmelzen von klassischer Musik und Rock bei The Nice, die Unberechenbarkeit, Innovationslust, Mystik und Avantgarde von King Crimson und die jazzig eingefärbte Psychedelik von Atomic Rooster). Das Album bedeutete für alle drei bereits etablierten Musiker einen neuen künstlerischen Anfang, was auch das Cover mit der Taube (oder Seele) gut illustriert, die aus dem Kopf eines schlafenden (toten?) Menschen aufsteigt.

Die einzelnen Musiker muss man zwar nicht groß vorstellen, ein paar wesentliche Worte zu ihnen gehören trotzdem dazu. Emerson galt bis zum Erscheinen des Albums schon als „Zauberer“ der Tasten, als Hedrix der Tasteninstrumente, der damals, vor allem technisch gesehen, unter den Rock-Keyboardern schlicht unschlagbar war. Mit der Gründung von Emerson, Lake & Palmer, kurz ELP, konnte er endlich das Ventil öffnen und sein ganzes Potenzial rauslassen. Zugleich ist er mit seinem Beitrag auf diesem Album von allen Musikern mit Abstand am stärksten vertreten. Lake brachte seinen melodischen, satten Gesang und dazu solides Bass- und Gitarrenspiel in die Band ein. Auch wenn seine Gitarre (wie auch auf späteren Werken der Band) auf dem Album nicht richtig zur Geltung kommt und nur als Kostprobe dient, muss man erwähnen, dass er ein gutes Gespür dafür hatte, passende Melodien und subtile Soli an den richtigen Stellen zu platzieren (an denen, die es eben gab, und das waren nicht viele). Als Bassist hatte er sein Talent ja schon bei King Crimson bewiesen, einer Band, die seit jeher für erstklassige Bassisten bekannt ist. Carl Palmer war mit seinem jazzig angehauchten Schlagzeugspiel damals eines der meistgefragten jungen Schlagzeugtalente. All diese unterschiedlichen musikalischen Einflüsse und Spielweisen erzeugen auf dem Album einen außergewöhnlichen stilistischen Kontrast und tragen zu seiner Komplexität und klanglichen Wellenbewegung bei. „Emerson, Lake & Palmer“ zeigt unter anderem auch Emersons herausragende Fähigkeit, Werke klassischer Komponisten erfolgreich zu interpretieren, meist solche aus dem frühen 20. Jahrhundert (wer die Originalversionen dieser klassischen Stücke kennt und sie mit den Interpretationen der Band vergleicht, wird schnell merken, dass es keine wesentlichen Unterschiede gibt, auch wenn die Band ihnen zweifellos einen eigenen Charme verpasst).

Das Album ist, was die Kompositionen angeht, kein ganz einheitliches Werk im Sinne einer Gemeinschaftsarbeit aller drei Musiker. Auf der ersten Hälfte ist das nur der Opener „The Barbarian“, eine bis zum Anschlag glühende Interpretation von „Allegro Barbaro“ des klassischen ungarischen Komponisten Belle Bartoka. In den barbarischen Rhythmus des Stücks wird man sofort hineingezogen, vor allem durch das energische Zusammenspiel von Emersons Hammond-Orgel und Synthesizern mit Palmers wildem Getrommel, dazu kommt Lakes fette Basslinie. Beim ersten Durchgang setzen Emersons flinkfingrige Klaviersoli ein. Am Ende folgt dann ein dramatischer Solo-Abschluss an Orgel und Schlagzeug. Das Bild eines tobenden Barbaren entsteht beim Hören quasi von selbst. „The Barbarian“ ist ein extrem ambitionierter Einstieg ins Album. Die Band wollte ihr Debüt offensichtlich mit einer richtigen Explosion eröffnen, und das ist ihr voll und ganz gelungen. Na ja, nach jeder Explosion kommt die Ruhe und eine kurze Beruhigung. „Take A Pebble“ ist eine komplex aufgebaute Lake-Ballade, die einen beachtlichen stilistischen Kontrast zum vorigen Stück bildet, denn sie beruhigt dessen „barbarische“ Stimmung komplett. Mit psychedelischem Intro, bei dem der Sound an Plektren erinnert, die über Klaviersaiten schaben, und einem ruhigen Rhythmus kann sie die Hörer schnell in eine angenehme Verzückung versetzen. Jetzt hören wir auch zum ersten Mal Lakes melodischen, klaren und kraftvollen Gesang (mit dem er schon bei King Crimson berühmt wurde). Danach folgt eine zerbrechliche Melodie, getragen von Emersons Klavier und Palmers sanftem Beckenschlagen. Lakes Gesang dauert nicht lange, dann kommen ausgedehnte Klaviersoli von Emerson. Anschließend beruhigt sich der Rhythmus wieder ein wenig, und es folgt ein Teil mit einer Art Blubbern und Platzen von Seifenblasen, die erneut psychedelische Stimmung erzeugen. In der Mitte verwandelt sich der Song in ein Folk-Rock-Stück auf Basis der Appalachen-Klänge von Lakes Akustikgitarre, begleitet von Händeklatschen. Ein ausgesprochen originelles Einfällchen, das den Song kurzzeitig in völlig andere musikalische Gewässer versetzt. Es folgen neue Klaviersoli, Lakes Gesang und Palmers jazzige Griffe am Schlagzeug. Das ist ein toller Song, in dem zum ersten Mal die Talente aller drei Musiker zur Geltung kommen und bei dem man sich als Hörer problemlos ein bisschen verträumtes Wegdriften gönnen kann. Dass dies ein Album außergewöhnlicher stilistischer Kontraste ist, bestätigt das glühende „Knife-Edge“, Emersons Interpretation eines Werks eines weiteren klassischen Komponisten, des Tschechen Leoša Janačeka und seiner „Sinfoniette“, ergänzt um Lakes Gesang. Das ist auch eines der Highlights des Albums. Die Band klingt diesmal noch glühender als bei „The Barbarian“ und demonstriert außerdem, was für einen schweren Sound Emersons Synthesizer rauskitzeln konnten. Lakes Gesang klingt hier extrem angepisst, und sein Gesangstalent kommt hier am stärksten des ganzen Albums zur Geltung. Emersons Hammond-Orgelsolo im letzten Teil des Stücks ist eines der besten des Albums, während sein Synthesizer die meiste Zeit wie eine Kirchenorgel klingt. Der Song hat sich über die Jahre den Ruf erarbeitet, eines der beliebtesten und bekanntesten Stücke der Band zu sein, vor allem aber dafür, dass Emerson live regelmäßig Messer zwischen die Tasten seiner Orgel rammte. Auch Palmers Drumming ist wieder richtig gut. Der Song ist ein echter Killer, bei dem man sich beim Hören „den Kopf auf die Messerspitze stecken“ möchte. Dazu kommt noch ein düsterer, sarkastischer Text von Lake (noch eines seiner vielen Talente). Auf der zweiten Albumhälfte stehen Kompositionen, die jeweils die Solo-Schöpfungen der drei Musiker darstellen. Jeder zeigt das Stück, in dem er am stärksten ist. Zuerst kommt die Demonstration von Emersons grenzenlosem Talent bei „The Three Fates“, einer Suite in drei Abschnitten, die die drei griechischen Schicksalsgöttinnen Clotho, Lachesisi und Atropos darstellen. Das ist eine Komposition klassischer Musik, in der Emerson all seine Orgel- und Klavierzauberei ausspielt, meist in Überschallgeschwindigkeit, aber immer mit klarem Gespür für einen fließenden Verlauf des Stücks. Im ersten Teil, „Clotho“, spielt er eine besondere Orchesterorgel, die einen unglaublich satten Sound erzeugt. Dann folgt der Übergang zu „Lachesis“, wo er auf dem Klavier sehr schöne Melodien spielt, die eine erstklassige Demonstration moderner klassischer Musik sind. Bei „Atropos“ stößt auch Palmer zu Emerson und bereichert sein Klavier mit jazzigem Schlagwerk. Trotz Emersons außerordentlicher Demonstrationen seiner Beherrschung der Tasten (manche würden das auch als Beweis für den eigenen Ego-Trip bezeichnen) verliert das Stück nie Hand und Fuß, was in ähnlichen Fällen sonst gern passiert, deshalb können wir auch seine Tiefe und Schönheit genießen, etwas, das nur Meister der klassischen Musik hervorzaubern können. „Tank“ ist der Moment, in dem Palmer dran ist, der sein Talent vor allem mit reichhaltigen Schlagzeugsoli zeigt. Hier geht es nicht um irgendwelche ausgewalzten Drumsoli, sondern um ein längeres Fusion-Instrumental, bei dem Emerson mit witzigen Einlagen den gesamten Verlauf von Plamers Drumming begleitet und ihn passend weiterentwickelt. Zum Finale tritt Lakes unsterbliche Ballade „Lucky Man“ auf, die der pure Sieg ist, das Stück, das die meisten Hörer kennen und das zugleich der größte Hit der Band ist.Diese immergrüne Ballade mit ironischem Text über einen Mann, der anfangs alles im Überfluss hatte, dann aber als Soldat trotzdem von einer Kugel getroffen wurde, hat der Band von allen Songs auf dem Album zweifellos die meisten Punkte eingebracht. Sie entstand völlig zufällig und war in ihrer ursprünglichen Form Lakes Werk aus Kindertagen. „Lucky Man“ ist aber auch sonst ein außergewöhnlich hochwertiges Stück und der Höhepunkt des Albums, obwohl es mit Abstand die einfachste Struktur hat und das am wenigsten progressive Werk darauf ist. Dafür zeichnet es sich durch unermessliche Schönheit und eine außergewöhnliche Aussagekraft aus, etwas, das den meisten anderen Kompositionen fehlt. Aufgebaut ist es auf Lakoes Akustikgitarre, Gesang und einem simplen Rhythmus. Sein kunstvolles Solo auf der E-Gitarre kommt an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit. Am Ende folgt noch eine völlig unerwartete Solo-Improvisation von Emerson am Moog, die angeblich komplett spontan entstanden ist und den Song zum Schluss auf ein noch höheres Level hebt.

„Emerson, Lake & Palmer“ ist ein beeindruckendes Debüt dreier monumentaler Musiker voller Energie, frischer Ideen und mit Lust, sich zu beweisen. Das Album strahlt aber auch außergewöhnliche Reife der einzelnen Bandmitglieder aus (die sie sich allerdings schon in ihren früheren Bands erarbeitet hatten). Auch wenn das Album kein Meisterwerk ist, gehört es zu den besten Debütalben der Rockmusik und ist von unschätzbarer Bedeutung für den Progressive Rock. Es ist nämlich das Album, das entscheidend dazu beigetragen hat, das Genre, aber auch klassische Musik unter eingefleischten Rockern populär zu machen. Gleichzeitig hat die Band ihr wahres Potenzial noch nicht ganz ausgeschöpft. „Emerson, Lake & Palmer“ ist ohne Zweifel eines der besten Alben des legendären Trios, das so äußerst erfolgreich seinen blitzartigen (wenn auch kurzlebigen) Sturm auf die Spitze des Genres einleitete. Das Album bietet außerdem einen hervorragenden Einblick in die Zukunft der Band.

Besetzung

Keith Emerson – Keyboards
Greg Lake – Gesang, Bassgitarre, E- & Akustikgitarre
Carl Palmer – Schlagzeug, Percussion

Produktion

Greg Lake

Tracklist

1. The Barbarian (4:33)
2. Take A Pebble (12:34)
3. Knife-Edge (5:08)
4. The Three Fates (7:45)
a) Clotho (Royal Festival Hall Organ)
b) Lachesis (Piano Solo)
c) Atropos (Piano Trio)
5. Tank (6:52)
6. Lucky Man (4:36)

Albumlänge: 41:30

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