Zwei Stunden Steinzeit mit Carnaval in Cerkno (2016)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Cerkno / Gabrijel / Slowenien
Konzertdatum: 23.12.2016
Besucherzahl: 70
Eintrittspreis: 5,00€

Bar Gabrijel feierte in diesem Jahr sein 21-jähriges Bestehen. Die Rede ist natürlich  von der legendären Musik-Mekka aus Cerkno, die nirgendwo anders zu finden ist als eben in Cerkno. Für diesen Anlass hatte der Veranstalter einen interessanten Konzertabend auf die Beine gestellt, bei dem er die Auftritte der serbischen Rock’n’Roll-Rowdies Straight Mickey And The Boyz und der slowenischen erbarmungslosen Stoner-Metaller Carnaval zusammenbrachte, die just zwei Tage vor ihrem Auftritt in Cerkno ihr neues Studioalbum veröffentlicht hatten.

Nun, leider lief an diesem Abend nicht alles nach Plan. Straight Mickey And The Boyz sagten nämlich ihren Auftritt in letzter Minute ab. Wegen eines »Kurzschlusses« im Kreuzwirbel-Bereich der Wirbelsäule des Schlagzeugers. Den armen Kerl hatte es also an der falschen Stelle erwischt, und die Band musste ihren Auftritt canceln. Damit schrumpfte nicht nur das Programm auf die Hälfte, sondern auch der Eintrittspreis. Carnaval übernahmen so die Rolle der Hauptstars des Abends. Den Auftritt teilten sie nicht in zwei Teile mit Pause auf, wie ursprünglich angekündigt.

Carnaval spielten ihren gesamten Auftritt in einem Stück durch und entwickelten dabei ein unglaubliches »Feeling«, eine unglaubliche Atmosphäre! Verdammt nochmal. Das ist eine unglaublich erfahrene Truppe, ein hervorragend eingespieltes und scharfes Quartett. Einen so lauten Konzertabend habe ich in der Bar Gabrijel noch nicht erlebt. Nach dem Konzert suchte ich nämlich eine Weile nach meinem Kopf, ob er noch am richtigen Platz sitzt – eine Weile lang war ich ordentlich taub. Und damit war ich nicht der Einzige, dem vorkam, dass sich für zwei Stunden ein echter Stahlbohrer in seine Ohren gebohrt hatte.

Die Band dehnte also ihre kompromisslose Stoner-Metal-Haltung auf knappe zwei Stunden Auftritt aus. Alles klappte. Alle vier Bausteine des Klangbildes. Das ist unglaublich voll, fett, verschmiert. Rollende Riffs, die einen beim ersten Hören packen und durch die hohlen, verlassenen Tiefen monströser Panoramen der entfremdeten Wüsten-Klang-Enge und totaler tripoider Entrücktheit, völliger mentaler Abwesenheit führen. Die Phrasen wiederholen sich nämlich mehrfach in Repetitionen, und der Effekt des Erlebens von Carnaval-Konzerten wird stellenweise hypnotisch.  Die Band hat sich während des Auftritts mehrmals tiefer gestimmt, um so in der niedrigeren Tonlage eine noch größere Klang-Mantra der rohen Distortion des stampfenden Krachens zu erreichen. Dazu gab es unglaublich wütende und explosive Drums, ein völlig simples Set, das aber für eine kleine Club-Bühne gigantische Ausmaße hatte. Riesige Bass Drum, (nur) ein größerer Tom, ein stattlicher Kessel und Crash-Becken mit größerem Durchmesser. Hervorragendes Getrommel, durch das sich stets wirkungsvoll die melodische und klirrende Basslinie durchbiss. Obendrauf sitzt ein klarer, stoned-hohler Gesang, um den Josh Homme (Queens of the Stone Age) glatt neidisch werden könnte. Die Ausführung? Par excellence. Auch längere Passagen, in denen die Band auf verlängerten Repetitionen der führenden Gitarrenphrasen beharrt, lüftet die Gruppe wirkungsvoll dank des spritzigen Solisten Vitja Balžalorski, der mit einer ganzen Pralinenschachtel verschiedenster Pedale vor seinen Füßen bestückt ist und unter den vieren während des Konzerts auch am intensivsten seine Halswirbel in Bewegung setzte. Natürlich viel Verweilen auf dem Wah-Effekt, wobei Carnaval im Klangbild noch mehr Dezibel erstklassigen Klang-Skandals herauspressen.Carnaval kamen ernsthaft angetreten, um die Wände der Bar kahlzuspielen – Putzfetzen flogen davon, Fenster drängten aus ihren Rahmen, und sämtliche Türen der Bar rüttelten ruckartig in ihren Angeln. Der Sound war, milde gesagt, kompromisslos zerstörerisch. Äußerst bedrohlich und unnachgiebig.

Die Gruppe präsentierte sich zwischen den Songs als wortkarge Truppe. In Erinnerung sind zwei verbindende Sätze geblieben. Erstens, dass sie vor dem Konzert sehr gut gegessen hätten, wofür natürlich Dario Cortesse verantwortlich war, der Carnaval vermutlich mit irgendeiner Geheimrezeptur aus seinem reichen Arsenal der Wildküche versorgt hatte, und natürlich die Widmung des Songs Stupid Music an den einen und einzigen, unvergesslichen Boštjan Cvek.

Der Besuch war ausgezeichnet. Hervorragende Energie, das Zusammentreffen alter Bekannter, an einem alten und vertrauten Ort. Weit weg vom kitschigen und affektierten Ljubljana. Carnaval bleiben eine hervorragende Band. Man kann sagen, dass sie in dem, was sie erschaffen, beziehungsweise in ihrem eigenwilligen musikalischen Handwerk, eine der stärksten Entitäten in Slowenien sind, die mühelos auch auf der internationalen Bühne mithalten können, wo sie mit einem solchen Ansatz und so hervorragender Musik, die sie erschaffen, weit größere Bühnen und noch mehr Publikum beherrschen können. 

Setlist

  1. Space Bar
  2. Moon Shuffle
  3. Seven
  4. New Shoes Of Mine
  5. Round Nose Cat
  6. Bluebird
  7. Shut Up
  8. Rocket
  9. Born In The River
  10. Sugar And Sweets
  11. Stupid Music
  12. Chocolate Cake
  13. Burning Sun
  14. Silver Starlight

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