Das feiertägliche Mai-Gemetzel in Klagenfurt (2009)

0 6

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Kwadra:t / Klagenfurt / Österreich
Konzertdatum: 02.05.2009
Besucherzahl: 40
Eintrittspreis: 5,00€

Die Maifeiertage können sich oft als arbeitsreicher erweisen als echte Arbeitstage. Vor allem, wenn man alle möglichen Konzertevents abklappert, von denen es ringsum nur so wimmelt. Da war nun dieser schöne  Tag, an dem unsere schwer kategorisierbaren Slowenen Interceptor in Klagenfurt zusammen mit den heißblütigen deutschen Death-Metal-Randalierern Morphosys bei einer sogenannten Party aufgetreten sind, die im Klub Kwadra:t zu Ehren der Veröffentlichung des neuen Morphosys-Albums „The Chopping Block“ veranstaltet wurde. Das ist zwar schon im März dieses Jahres erschienen, aber seinen Namen und den Namen der Band selbst in diesem speziellen Fall südlich von Deutschland zu verbreiten, ist definitiv eine notwendige Herausforderung, der sich im Grunde jede Band annehmen sollte, wenn sie irgendwohin kommen will.

Im Verbund mit Morphosys sind auch ihre Grindcore-Freunde Rotten Cold aufgetreten, ebenfalls Deutsche, dazu noch weitere Freunde – diesmal aus Slowenien, die einzigen und einmaligen Graveyard-Metaller der Welt, Interceptor, die den Vorwand für unseren Samstagsausflug nach Klagenfurt lieferten, als erste Band aber haben die Lokalmatadoren aus Klagenfurt namens Carnivori die Bühne des Klubs in Beschlag genommen.

CARNIVORI: 

 Die „Fleischfresser“ präsentierten ihr eigenes Verständnis der Death-Metal-Grundzüge, das aber noch sehr viel Luft nach oben lässt. Vor allem spürte man die Verkrampftheit der Band beim angespannten Starren auf die Gitarrenhälse, die Unbeholfenheit beim Suchen nach den richtigen Knöpfen, die einen bestimmten gewünschten neuen Gitarreneffekt öffnen, und das zeitweise hölzerne und ausdruckslose Hin-und-her-Trippeln des Sängers auf der Bühne. Auch muss die Band noch mehr an ihrer Bühnenpräsenz arbeiten, aber das kommt in der Regel mit dem Selbstbewusstsein, das den Jungs noch nicht zu 100% ins Blut übergegangen ist. Eine ziemlich blasse Kraftdemonstration, die zwingend Extremes hätte bieten müssen, die schwächere Verbundenheit des Quintetts auf der Bühne in Bezug auf das Ausstrahlen von Einheit beim Bühnenspiel selbst und der Materialausführung, einige Fehler beim Spielen in den Übergängen – irgendwie gelang es nicht, das heraufzubeschwören, wofür wir gekommen waren. Na ja, trotzdem war es nicht fair, von Carnivori gleich von Anfang an so etwas zu erwarten. Die Band findet sich noch und in diesem Moment bieten ihre Wut und Aggression noch kein echtes Bild des brutalen Extrems, das wir in dem Genre suchen, das die Jungs pflegen. Vielleicht sollten sie die melodischen und cleanen Vokalanteile, die sie gelegentlich einmischen, gänzlich entfernen, denn die Stimmlage klingt in so einem Fall bei Carnivori geradezu ideal für Emo-Core, was leider zusätzlich das Fundament der Aggressionsextreme aufweicht, das, wenn man schon das Death-Metal-Geschäft betreibt, klar herausgestellt sein müsste.

ROTTEN COLD: 

Rotten Cold sind Vertreter des Grindcore. In den folgenden 40 Minuten hüllten sie die Handvoll Anwesender in ein schwarzes Deckbett aus unmelodischem, dumpfem Riff-Gestampfe, das sich auf das Erbe von Bands wie Nasum, Terrorizer und Napalm Death stützte. Definitiv bringen die Jungs in der musikalischen Ausdrucksweise absolut nichts Neues auf den Horizont. Aber sie brachten einen prallen Rucksack voller Selbstdestruktion auf die Bühne, den der Geist der Band ausstrahlt. Schon der Grind selbst zwingt dich dazu, dich mit Petroleum zu übergießen und ein brennendes Streichholz auf dich zu werfen, und wer das Zermalmen des lebendigen Körpers unter dem Taktstock von Rotten Cold durchgehalten hat, verdient diesmal echte Anerkennung. Der Gesang selbst ist nämlich so nervig wie das Kreischen einer Katze, der man bei lebendigem Leib die Haut abzieht. Rotten Cold sind definitiv nicht zum Anhören für jemanden gedacht, der gerade abgekämpft und zerschlagen von allem Schlimmen von der Arbeit nach Hause gekommen ist. Mit ihnen identifizieren sich vor allem Teenager, die gerne genau die künstlich eingeimpfte „Unantastbarkeit“ der Errungenschaften der Elterngeneration negieren. Ein lärmschwangerer Rucksack im eindimensionalen Gehacke kettete drei wildgewordene Köpfe an den Zaun, die mit Flugzeugpropeller-Haaren herumfuchtelten. Die Übrigen versenkten sich in die entfernten Ecken des Klubs. Eine ziemlich langweilige Erfahrung – wenn ich seelenöde sage, könnte das jemand als Kompliment verstehen.

INTERCEPTOR: 

Interceptor kennt ihr alle. Die Band, die vor Kurzem neuen Schwung in ihre Segel gefangen hat, sucht sich in letzter Zeit immer erfolgreicher auch Gelegenheiten für Auftritte im Ausland. Die Jungs erschienen im Klub mit starker Werbeunterstützung. Das Merchandise-Tischchen war mit ihren Artikeln überflutet, darauf befand sich die sehr wichtige Kompilation „Ten Years After“, die gewissermaßen einen diskografischen Querschnitt durch die Karriere von Interceptor bringt und das wahre Pflaster für alle jene ist, die nicht an die originalen Studioerzeugnisse der Besetzung herankommen.

Da wir Slowenen Interceptor gut kennen – oder zumindest hoffen, sie gut zu kennen –, sind die egozentrischen Ausbrüche von Master Čulk, in die Selbstparodie bzw. Parodie auf die Gesellschaft um ihn herum eingehüllt ist, völlig vertraut, selbstverständlich und sogar bis zu einem gewissen Grad gefordert. Interceptor sind heute eine hervorragend eingespielte Maschinerie, die auf der Bühne darbietungsmäßig als Einheit funktioniert. Ein massiver Klangteppich aus halbtonig abgerundeten Thrash-Gitarrenriffs im modernen Sound-Groove, in  bildreicher Interaktion mit der beweglichen Rhythmuslinie, funktioniert in allem sehr gefällig und überzeugend. Da ist der Meister Master of Disaster, der nun mal die unverzichtbare Figur der Besetzung ist, und unser wackerer Čule hat auch diesmal beim Witze-Reißen nicht enttäuscht. Gewehre statt Brot und Action! Während eine Handvoll „an alles Schlimme gewöhnter“ Slowenen die Vorstellung genossen, hatte diese einen negativen Effekt auf die erschrockenen österreichischen Hasen, die nur aus der Distanz stumm beobachteten, was zum Teufel Interceptor da veranstalteten. Wenn man Čules gut bekannten Ansatz voller absichtlicher Provokation und Herausforderung abzieht, kann ich mich nur wiederholen. Interceptor zünden performancemäßig im vollen Sinne. Vor allem im abschließenden Teil haben sie sich prächtig warmgespielt, und als sie irgendwo zu einem Stück wie Homo Stupidus kamen, und erst recht das abschließende Zadnja žrtev (orig. Epidemic Zone), klang der Auftritt der Band gesteigert, was die Steigerung des energetischen Einsatzes selbst betrifft. Die Jungs haben im Finale also aufs Gas gedrückt. Nicht fehlen durfte der Sepultura-Klassiker Inner Self, der bereits ein obligatorischer Dauerbrenner auf ihren Konzerten ist, da waren auch Eigenkompositionen wie Blato, dann Papparazzo, allen „journalistischen Ratten“ gewidmet, wie Čule sie im Ansager ankündigte, mit Gitarrist Pader am Refrain in melodischen Vocals,  sowie Revive, Fade, Mora und Blame.

Es fehlte die Verbindung zwischen Publikum und Band, denn offensichtlich kennt das Klagenfurter Publikum Interceptor wirklich nicht, und uns „Hergelaufener“ aus Slowenien waren zu wenige, um irgendwie das rückläufige Energiedefizit zu ersetzen, das das diesmal sehr passive und zahlenmäßig dezimierte Publikum schuldete. Schön war es aber, unter der Schar der „Verrückten“ vor der Bühne auch Morphosys-Gitarrist Marko zu entdecken, der als waschechter Slowene so ausgelassen mit Čule abrockt. Summa summarum hat diesmal etwas gefehlt. Der Auftritt selbst war performancemäßig tip-top, auch klangtechnisch hat er sich voll bewährt. Es fehlte nämlich nur das richtige Publikum vor der Bühne. Die Band hat das gespürt und hat daher eben umso mehr die bloße Routine herausgestellt, als es sonst der Fall gewesen wäre.

MORPHOSYS:

Morphosys betraten die Bühne als letzte! Mit ihrem gerade erst erschienenen Debüt „The Chopping Block“ ist das eine Band, die hungrig darauf ist, sich zu beweisen. Leider empfing sie diesmal der schlecht besuchte Klub Kwadra:t. Ungeachtet dieser Tatsache zählt nur die Qualität. Und daran mangelt es den jungen und aufstrebenden deutschen Death-Metallern  schon von Anfang an nicht. Dem oldschooligen Death-Thrash-Metal verschrieben, haben sie mich zunächst überrascht, weil der Sänger beim ersten Hören mit seinem tiefen Growl (The Domination of the Undead) geradezu an unseren Čule von Interceptor erinnerte. In ihrem Ansatz ist es nicht schwer, durch das Riffing die Einflüsse der deutschen „entfernten“ Verwandten wie Sodom oder Kreator zu erkennen. Interessante und einfallsreiche Riffs, begleitet durch eine engagierte, ausgereifte Darbietung und einen gefälligen extremen Cookie-Monster-Gesang. Die Mannen haben neben den Gitarren-Schnellfeuerwaffen nicht vergessen, auch mit einer echten Motorsäge zu zünden und in die Atmosphäre zu pflügen, die sie, bevor sie sich auf den Weg nach Klagenfurt machten, definitiv irgendeinem Revierförster der Bayerischen Wälder konfisziert haben. I’v Seen All Angels Fallen riss mit seiner verderblichen Atmosphäre mit, mit der aufpeitschenden und kompromislos schneidenden Riff-Aggression, angeführt vom brutalen Gesang des Sängers Chris, der sich für diesen Auftritt das Aussehen eines ausgepeitschten „Top-less“-Märtyrers verpasst hatte, eingeschmiert und imprägniert mit Substanzen, die Bluten und Wunden symbolisieren sollten… Die Band trug natürlich den Großteil des Materials von der Platte „The Chopping Block“ bei und fügte dem Repertoire auch Stücke der EP „Der Blutmond“ (2006) hinzu, wie das unnachgiebige Armageddon.

Der mit der richtigen Dosis vernichtender Aggression vollgeladene Auftritt war ein Erfolg. Morphosys haben ihr gewünschtes Ziel erreicht. Sie haben Aufmerksamkeit und Interesse geweckt, dank ihres vielversprechenden kompositorischen Talents und der Konzertdarbietung. An Gift mangelt es ihnen in nichts. Das haben sie in Klagenfurt bewiesen. Leider muss ich mich wiederholen: Das Konzertspektakel hätte bei besserem Besuch wesentlich wirkungsvoller geklungen. Daher blieben im Gesamtergebnis beim Besuch dieses Events noch große Reserven gegenüber dem Gezeigten und Erlebten. Hoffen wir, dass wir Morphosys das nächste Mal in einem Ambiente treffen, das besser besucht ist, und wünschen ihnen auf ihrem Weg viel Erfolg.

Fotos: Aleš Podbrežnik

Bildergalerie

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies