Friendliness

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Stackridge
Label: MCA Records
Erschienen: 1972
Laufzeit: 41:30
Wertung: 4.5/5

Die exzentrischen, aber genialen britischen Progressive-Folk-Rocker Stackridge haben sich trotz chronischen Popularitätsmangels und einer verhältnismäßig kurzen Studiokarriere einen Kultstatus als verschmitzte Volksmusikanten gesichert, die stets eine ausgeprägte klangliche Fixierung auf die späten Beatles pflegten und mit einem bisweilen anstößigen Humor aufwarteten. Ihr übermütiges Überschreiten der Genregrenzen zwischen Folk, Symphonic Rock und Pop Rock durch zahlreiche schelmische Arrangements und pastoral-barocke Harmonien sicherte ihnen schon seit ihrem erstklassigen gleichnamigen Debüt einen hohen Grad an klanglicher Eigenständigkeit.

„Friendliness“, das nächste Kapitel ihrer turbulenten Karriere, bedeutete einen weiteren Schritt vorwärts beim intelligenten Kombinieren von Beatlesken Vokalharmonien, pfiffigen Klangvariationen sowie beschwingten Streich- und Bläsersektionen, mit denen sie ein echt altehrwürdiges englisches Flair beschworen. Ihre meist humorvollen, aber auch nostalgischen Texte enthielten wieder sozial-unterhaltsame Anspielungen mit einer Reihe ungewöhnlicher imaginärer Figuren, unter denen Vater Frankenstein, der Elefant Syracuse und die Kuh Agnes hervorstachen. Dem Stackridge-Quintett vom Debüt schloss sich bei „Friendliness“ erneut Bassist James „Crun“ Walter an, eines der Gründungsmitglieder der Gruppe, noch aus der Zeit, als sie sich Stackridge Lemon nannten. Sein Zutritt brachte abgesehen von etwas mehr rhythmischer Lebhaftigkeit keine dramatische Veränderung, doch stieg die Eklektizität der einzelnen Kompositionen nochmals eine Stufe nach oben.

„Friendliness“ ist aufgrund seiner abwechslungsreichen Natur, bei der es nicht an hoher Harmonik zwischen eklektischen, aber melodischen Arrangements und einigen innovativen Klangexperimenten mangelt, wohl das beste Stackridge-Werk. Das beschwingte Eröffnungsinstrumental „Lummy Days“ ist mit seiner Kombination aus ausgelassenen Violin- und Flötenpassagen sowie barocken Keyboard-Arrangements eine prächtige Mischung aus englischer Volksmusik und Klassik. Die pastorale Ballade „Friendliness, Pt. 1“ klingt mit ihren ätherischen Chorvokalharmonien und angenehmen Akustikgitarrenakkorden wie ein Morgenerwecker mitten auf immergrünen Weiden. Das nostalgische „Annyone for Tennis“ ist im Stil englischer Kabarettmusik strukturiert. Mit seinem verspielten, halb tänzerischen Rhythmus, Salonklavier-Begleitung, lausbübischen Effekten und klamaukigem Text erinnert es ein wenig an den The Beatles-Klassiker „Honey Pie“.

„There Is No Refugee“ klingt dank ruhigem Gesang und wunderschönen sinfonischen Arrangements für Streicher und Klavier wie eine schelmische Kindereinschlafmelodie. Die Vokalharmonien ähneln stark denen, mit denen Queen in den Folgejahren berühmt wurden. „Syracuse the Elephant“ ist ein ausgezeichnetes symphonisch-progressiv-rockiges Epos, das dank mächtiger Orchesterarrangements einige Verwandtschaft mit Genesis aufweist. Hier glänzen besonders Keyboarder/Gitarrist/Sänger Andy Cresswell- Davis sowie Violinist  Michael Evans, denen es gelingt, eine Fülle klanglich äußerst warmer sinfonischer Arrangements zu beschwören. Im weiteren Verlauf bauen sie auf Flöte und elektrischer Sitar erfolgreich verführerische orientalische Motive auf, mit denen sie den frustrierten Elefanten, den Hauptprotagonisten des humorvollen Textes, auf seinen letzten Heimweg begleiten.

Der Klassiker „Amazingly Agnes“ ist, ob man’s glaubt oder nicht, laut den Bandmitgliedern einer Kuh gewidmet, obwohl ich darauf wetten würde, dass es im Kern eine äußerst raffinierte Art der Rache an einem allzu arroganten Mädchen mit diesem Namen ist. Mit dieser rhythmischen Burleske haben sich Stackridge in die Musikgeschichte eingetragen, denn es handelt sich um das erste Stück mit Reggae-Elementen aus der Feder einer englischen Rockband, noch bevor Reggae massentauglich wurde. Das Beatlesque „Father Frakenstein Is Behind Your Pillow“ enthält trotz der Anspielung auf einen Albtraum eine äußerst angenehme, fast beschauliche Melodie mit wunderschönen sinfonischen Arrangements und ätherischen Vokalharmonien, was bei allen pastoralen Nostalgikern starke melancholische Gefühle wecken kann. Das mit Glöckchenklang verzierte „Story Of My Heart“ enthält ein romantisches Klaviersolo von Cresswell-Davis.

Die Arbeitersatire „Keep On Clucking“ ist modifizierter Blues Rock, unterlegt mit einem Boogie-Rhythmus à la Status Quo. Mit seinen aufmüpfigen Gitarrenphrasen ist es eine der treibendsten Kreationen ihrer Karriere. „Friendliness, Pt. 2“ enthält ein nahezu identisches Motiv wie der erste Teil, mit dem Unterschied, dass es etwas mehr dramatische Klavierpassagen gibt. Der abschließende Prog-Folk-Rocker  „Teatime“ mit seinem Text über den Nachmittagstee könnte kein stereotypischeres englisches Flair besitzen. Das beschwören sie mit dem Erklingen der Schlaginstrumente, zahlreichen pastoralen Violin- und Flötenpassagen sowie Beatlesken Vokalharmonien. Das zentrale sinfonische Arrangement auf Flöte und Keyboards, dem eine komplexe Instrumentalsektion folgt, zieht deutlich in Richtung früher Genesis, als diese noch einen geschärften Sinn für Pastorale pflegten.

Mit „Friendliness“ haben die ewigen Prog-Folk-Rock-Spaßvögel ihr einzigartiges Stilgemisch gründlich aufgewertet und dabei einige bis dahin noch unerforschte Klanggebiete erschlossen. Das Endergebnis ist ihr ambitioniertestes Werk, das in jeder Hinsicht mit seiner klanglichen Vielfalt begeistert — bei angemessener Dosis zündendem englischen Humor, mit dem sie mühelos ländliche Bilder der britischen Landschaft und ihre zentralen Protagonisten zum Leben erwecken; meist mit grotesken Fratzen behangen. „Friendliness“ lädt mit seiner entspannten und ausgelassenen Atmosphäre, die ganz im Zeichen der echten altenglischen Folkschule und des Erbes des berüchtigten Liverpooler Quartetts steht, den Hörer direkt in seine üppigen pastoralen Tiefen ein.

Besetzung

Andy Cresswell-Davis – Gitarre, Keyboards, Gesang
James Warren – Gitarre, Gesang
Michael Evans – Violine, Gesang
Michael „Mutter“ Slater – Flöte, Gesang
James „Crun“ Walter – Bassgitarre
Billy Bent aka Billy Sparkle – Schlagzeug

Produktion

Stackridge, Victor Gamm

Trackliste

1. Lummy Days
2. Friendliness, Pt. 1
3. Anyone For Tennis
4. There Is No Refugee
5. Syracuse The Elephant
6. Amazingly Agnes
7. Father Frankenstein Is Behind Your Pillow
8. Keep On Clucking
9. Story Of My Heart
10. Friendliness, Pt. 2
11. Teatime

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