50 Jahre Van Der Graaf Generator-Album „The Least We Can Do Is Wave To Each Other“

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Erst vor Kurzem schwenkte Mikael Akerfeldt – Chef der „immer heißen“ skandinavischen Retro-Prog-Nostalgiker und für viele Liebhaber extremer Metal-Spielarten leider (zu früh) metamorphosierten Prog-Death-Metaller Opeth – in einem YouTube-Video als begeisterter Fan freudestrahlend seine neue Vinylkopie des kultigen Van Der Graaf Generator-Albums „The Least We Can Do Is Wave To Each Other“. Noch weitaus erschütternder als Akerfeldts Vinyl-Sammelei ist allerdings die Erkenntnis, dass am 06.02.2020 genau 50 Jahre seit seiner Veröffentlichung vergangen sind!

„The Least We Can Do Is Wave To Each Other“ (die RockLine-Rezension findest du HIER) erschien beim Label Charisma Records, das damals Van Der Graaf Generator-Manager Tony Stratton-Smith gegründet hatte, und ist das einzige Album der Band, das jemals in die britischen Top 50 der meistverkauften Alben eingestiegen ist. Es erreichte Platz 47.

Albumcover für den europäischen Markt

Das ist das Album, das die Karriere von Van Der Graaf Generator „gerettet“ und die Kompassnadel für die weitere Entwicklung der Band klar ausgerichtet hat. Nach einer Krisenphase – die Band war noch vor Erscheinen des Debüts „The Aerosol Grey Machine“ (RockLine-Rezension HIER) auseinandergebrochen – legten sie auf diesem Album ein klar umrissenes Fundament ihrer musikalischen Vision und Entwicklungsrichtung, von der sie im weiteren Verlauf ihrer Karriere nie mehr abwichen. Van Der Graaf Generator lieferten damit ein avantgardistisches Album starker stilistischer Transition, das damals durch seine Eklektizität und Ungewöhnlichkeit so weit voraus und so inspirierend war, dass Van Der Graaf Generator noch für ein ganzes Jahrzehnt keinen Musiktrend wirklich erwischten. In der zweiten Hälfte der Siebziger ließen sich auch die ersten Punk-Rock-Bands von ihm inspirieren – genau wegen der atmosphärischen Unheimlichkeit, der verhängnisvollen Wahnsinnigkeit, der bizarren Inhalte des klanglichen Exzentrikertums und der ständig donnernden, oft dissonant geführten Vokalmanöver von Peter Hammill, von dem sogar David Bowie selbst gelernt hat.

Die Songs für dieses Album schrieb größtenteils Bandkopf Peter Hammill, während sich die Band als Ganzes um die Arrangements kümmerte. Hammill steuerte außerdem sämtliche Texte bei, die sich um Hexerei, Apokalypse und Freundschaften drehen. Van Der Graaf Generator schlugen mit diesem Album kompromisslos zu und servierten eine frische stilistische Bildhaftigkeit – eine beißende, brutale und vor allem ungewöhnliche Mischung aus Elementen der klassischen Musik, Jazz und (Blues-)Rock. Damit stießen sie die Türen für den Aufstieg des Progressive Rock weit auf. Hand aufs Herz: Mit solcher Eklektizität und Avantgarde konnte damals eigentlich nur das Debüt von King Crimson mithalten – natürlich „In the Court of the Crimson King“ (den Sonderbeitrag zum 50. Jubiläum dieses Albums findest du HIER). Genesis hatten gerade erst ihr Debüt veröffentlicht, das noch nicht andeutete, was – ähnlich wie bei Van Der Graaf Generator – ihr zweites Studioalbum bringen sollte, und auch Yes hatten sich noch nicht vollständig aus den psychedelischen Griffen des frühen Teils ihrer Karriere befreit. Kurz gesagt: Van Der Graaf Generator platzierten sich damals mit ihrem zweiten Album, neben King Crimson, unter den ersten Pionieren, die das Progressive-Rock-Neuland urbar machten.

„The Least We Can Do Is Wave To Each Other“ ist schockierend, aber zugleich „fatal“ anziehend für jeden Liebhaber komplexer und avantgardistischer Musik – es bietet eine unglaubliche Abwechslung und bildhafte Sprünge, darunter zum einen die feinfühlige Ballade Refugees, in der Hammill in der Kombination aus Klavierarrangements und seinem unglaublich durchdringenden Falsett schlicht brilliert, während Stücke wie White Hammer und After the Flood Momente liefern, die äußerst ungewöhnlich und für die damalige Zeit mit extrem aggressiver Interpretation daherkommen.

Obwohl es sich um das zweite Album der Band unter dem Namen Van Der Graaf Generator handelt, betrachteten sie es selbst als ihr erstes richtiges offizielles Studioalbum. Das Debüt „The Aerosol Grey Machine“, das im September 1969 erschienen war, wurde nämlich geschrieben und aufgenommen mit dem Ziel, als eigenständiges Soloalbum von Peter Hammill beim Label Mercury Records herauszukommen. Da Mercury Records Peter Hammill nicht aus seinem Vertrag entlassen wollte, lösten sich Van Der Graaf Generator angesichts dieser Blockade und Ausweglosigkeit für kurze Zeit sogar auf. Zum Glück kamen dann die Verhandlungskünste des taktisch hervorragend versierten Bandmanagers Tony Stratton-Smith zum Tragen, der die Führungsriege von Mercury Records mit dem Vorschlag besänftigte, das Album „The Aerosol Grey Machine“ unter dem Namen Van Der Graaf Generator zu veröffentlichen – im Gegenzug solle das Label die Band aus allen Verpflichtungen gegenüber Mercury Records entlassen. Das Label löste daraufhin den Vertrag mit der Band, die sofort einen neuen mit Charisma Records abschloss (das später u. a. auch Künstler wie Genesis und Jethro Tull unter seine Fittiche nahm).

Schon zur Zeit des Debüts, also noch im September 1969, hatte die Band bereits mit intensiven Proben und dem Ausprobieren neuen Materials (in verschiedenen Varianten, mit Improvisationen) begonnen – und das täglich. Hammill, der praktisch alle Songs schrieb, komponierte sie soweit aus, dass er sie den anderen Mitgliedern eigenständig vorstellen konnte, und die Band schliff dann gemeinsam die Arrangements. Eine besonders wichtige Rolle dabei übernahmen der Organist und Keyboarder Hugh Benton sowie das frisch hinzugekommene Mitglied, der außergewöhnliche Saxofonist und Flötist David Jackson. Hugh Benton brachte musikalisches Wissen und Hintergrund als Kirchenorganist mit, und ihn begeisterte damals auch die moderne französische klassische Musik, was sich hervorragend mit Hammills Kompositionsstil vertrug. Benton spielte damals Orgeln des Herstellers „Farfisa“, die dem Klangcharakter der Band eine besondere Note verliehen.

Der Opener „Darkness (11/11)“ trägt diesen Titel, weil er „zu Martini“ geschrieben wurde – wobei die Briten das offenbar etwas anders verstehen, nämlich am 11.11.1968. In einem neuen (für die Band revolutionären) Gewand wurde er durch David Jacksons Bläserarrangements bereichert, denn Jackson brachte in die Arrangements eine Technik ein, die er vom Jazzmusiker Roland Kirk übernommen hatte. Bei der Interpretation spielte Jackson nämlich mehrmals gleichzeitig Alt- und Tenorsaxofon (simultan). Das Stück „Refugees“ wurde für Hammills einstige „Mitbewohner“ geschrieben, mit denen er sich eine Wohnung teilte – Mike McLean and Susan Penhaligon (das lässt sich auch aus den Versen „…west is Mike and Susie…“ herauslesen). Peter Hammill fand die Inspiration für „White Hammer“ im Werk „Malleus Maleficarum“ (auf Deutsch: „Der Hexenhammer“), das die mittelalterliche Hexerei dokumentiert, die damals von der Inquisition erbittert verfolgt wurde. Das Stück „Whatever Would Robert Have Said?“ trägt eine Referenz auf den Erfinder Robert J. Van de Graaff, der den Generator erfunden hat, nach dem die Band auch ihren Namen gewählt hat. „Out Of My Book“ schrieb David Jackson am Klavier, den Abschluss lieferte Peter Hammill mit Gitarre. Das abschließende „After the Flood“ greift in die Welt der Science-Fiction und düstere Aussichten auf eine bevorstehende Apokalypse und vollständige Vernichtung (siehe Albumcover). Die Inspiration stammt aus der Ära des „Kalten Krieges“ zwischen den USA und Russland. Das Stück entwickelt sich auf einer Zwölf-Ton-Figur, die Jackson arrangierte, und ist durchzogen von ständigen stilistischen Sprüngen und der Aneinanderreihung vieler verschiedener Stimmungen.

Van De Graaffs Generator

„The Least We Can Do Is Wave To Each Other“ wurde in vier Tagen aufgenommen, und zwar im Londoner Trident Studio, genauer zwischen dem 11.12. und dem 14.12.1969, unter der Regie von Produzent John Anthony. Die Band, die damals mit Bassist Nic Potter noch als Quintett fungierte, hatte eine außergewöhnliche Eingespieltheit erreicht und schaffte es so, das Album auch sehr schnell aufzunehmen. Tony Stratton-Smith sorgte für absolute Ruhe während der Aufnahmen und ließ der Band dabei alle künstlerische Freiheit. Schlagzeuger Guy Evans erinnert sich, dass Produzent John Anthony „ein sehr guter Organisator“ war und sich sehr schnell mit Hammills hochintelligenten musikalischen Talent und seinen außergewöhnlichen Kompositionsfähigkeiten „verständigt“ hatte. Das Trident Studio verfügte damals über sehr fortschrittliche technische Ausstattung, was die Aufnahmetechniken betrifft. Der Großteil des Albums wurde auf einem Acht-Kanal-Mischpult aufgenommen, für „After the Flood“ verwendeten sie ein Sechzehn-Kanal-Pult. Anthony fügte in den Intro von Darkness (11/11) auch einige Soundeffekte ein, die er in der BBC-Soundbibliothek gefunden hatte. In einem Teil von After the Flood verstärkte er Hammills Gesang mit Tremolo- und Distortion-Effekten. Gastmusiker Mike Hurwitz steuerte das Cello für „Refugees“ bei. Neben Hammill ist auch Banton Mitautor dieses Stücks, auch wenn das offiziell nicht vermerkt ist – Banton schuf dafür jedoch ein Arrangement für ein neunköpfiges Streichorchester. So entstand eine weitere Version des Stücks, die später auch als Single erschien. Auf der B-Seite der Single befindet sich The Boat of Millions of Years, das auf dem Album nicht enthalten ist. Da die Band das Album schnell aufnahm, blieb genug Zeit, dass Nic Potter einzelne Teile der Stücke auch mit zusätzlicher E-Gitarre untermauerte.

Als das Album im Februar 1970 erschien, war Tony Stratton-Smith mit Anthonys Produktion unzufrieden. Er setzte durch, dass das Album eine erneute Mischphase durchlief. Diesen Mix übernahm Shel Talmy, und die erste Pressung des Albums wurde mit dem „aufgefrischten“ Mix veröffentlicht – womit sich Charisma Records allerdings den Zorn der Band zuzog. Van Der Graaf Generator forderten einen erneuten Remix von John Anthony, den Charisma Records akzeptierte, und Anthony blieb Van Der Graaf Generator auch bei künftigen Veröffentlichungen als Produzent erhalten.

Das Cover trägt die Widmung „L & M, without whom everyone would have been much happier“ – ein direkter Seitenhieb und bittere Erfahrung aus den Zeiten, als die Band mit Lou Reizner („L“) und dem Label Mercury Records („M“) zusammenarbeitete. Die erste Pressung für den amerikanischen Markt, die dort unter dem Label Probe (Tochtergesellschaft von ABC Records) erschien, hatte ein anderes Cover als die Ausgabe für den europäischen Markt und den Rest der Welt. Auf dem klassischen Cover (auch für den europäischen Markt) ist eine postapokalyptische Welt abgebildet; im Vordergrund und auf der linken Seite befindet sich ein Teil von Van De Graaffs Erfindung mit dem dargestellten allsehenden Auge (dem Auge des „Großen Bruders“).

Albumcover für den amerikanischen Markt

Die Idee für den Albumtitel entnahm die Band einem Zitat des britischen Malers John Minton: „We“re all awash in a sea of blood, and the least we can do is wave to each other.“ (Übersetzung: „Wir sind alle in einem Meer aus Blut versunken, und das Mindeste, was wir tun können, ist, einander zuzuwinken.“).

Die ausführliche Rezension des Van Der Graaf Generator-Albums „The Least We Can Do Is Wave To Each Other“, die Peter Podbrežnik für RockLine verfasst hat, kannst du in voller Länge HIER lesen!


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