Zombilacija Ljubljana 2015!

0 10

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Jerneja Jerak

Ort: Ljubljana / CUK Kino Šiška / Slowenien
Konzertdatum: 07.03.2015
Besucherzahl: 350
Kartenpreis: 22,00€

Die finnischen Lordi braucht man nicht groß vorzustellen. Die Eurovisions-Sieger von 2006 haben mit ihrem siebten Studioalbum namens »Scare Force One« in der Tasche Slowenien ein zweites Mal besucht. Am 13.03.2009 traten sie in Cerknica auf, und damals sah es so aus, als würde die Schulturnh­alle, in der sie spielten, durch die pyrotechnischen Einlagen in Flammen aufgehen. Der neue Ansturm der grotesken, aber mächtig unterhaltsamen und sympathischen Zombies lieferte eine der schönsten Konzertbereicherungen im ersten Quartal der neuen Konzertsaison.  

Das Programm lief pünktlich nach Zeitplan ab. Auf die Minute genau. Um Punkt acht Uhr betraten die runderneuerten Ljubljanaer Tomcat die Bühne. Freche Hard-Rock-Heavy-Rocker! Die Band erlebte im Dezember 2014 eine komplette Transformation, da Bandleader und Bassist Grega Šujica quasi über Nacht allein dastand. Doch er fand sehr schnell die richtigen Mitstreiter um sich, und die dunklen Wolken über Tomcat wurden rasch vertrieben. So stießen Gitarrist Izzy Armstrong und Sänger Žiga Krasnič aus der Besetzung von Black Dynamite zur Crew, und mit Rhythmusgitarrist Domn Žbun und Schlagzeuger Anže Bizjak „Bizi“ war die Truppe komplett. Die Band hatte 40 Minuten zur Verfügung und riss mit dem eröffnenden, ganz neuen Song sofort die Aufmerksamkeit an sich. Frische, Schwung und Einsatz – drei Worte, die das runderneuerte Team momentan antreiben. Vokalist Žiga suchte die ersten paar Minuten noch seine richtige „Bühnenpose“, ließ dann aber entspannt seine Stimmbänder fliegen. Die Band hatte ordentlich geprobt, was sich in einem äußerst souveränen und kompakten Auftritt niederschlug. Sie nutzte die Bühne hervorragend – durch Posen, Bewegung und Dynamik. Einige kleine Patzer (Žbuns Solo in falscher Position gegen Ende des Konzerts) trübten den sehr guten Eindruck, den die Band hinterließ, kaum. Drei neue Songs kündigen an, dass ein neues Album in der Mache ist. Natürlich ließ die Band auch ältere Nummern wie Hangover, Dirty Old Mind und Adrenalin nicht aus. Auch Sound und Licht! Tomcat nutzten die exzellenten Bedingungen optimal, die Vorgruppen normalerweise nicht vergönnt sind.

Die Bühne übernehmen die schwedischen Dirty Passion aus der Stadt Debaser bei Malmö. Das Quartett in der Besetzung Kriss (Gesang, Gitarre), Chrissie (Gitarre), Nasty (Bass) und Mike (Schlagzeug) sind alte Bekannte von uns. Sie traten nämlich vor drei Jahren im Café Sputnik auf – und damals ebenfalls zusammen mit Tomcat, in der Rolle der Vorgruppe, vor L.A. Guns (Tracii Guns-Version). Und auch damals war es ein Märztag. Eine Party-Hard-Rock-Band, die den Unfug der alten Schule à la Ratt, Dangerous Toys, Love/Hate, Junkyard, Killer Dwarfs, L.A. Guns aufgreift. Die Rock’n’Roll-Prämisse ist im rhythmischen und Riff-Unterbau gelegentlich spürbar, und die Band ist verdammt nochmal überlegen eingespielt. Tolle Energie, frech und ausgelassen. Die Band spielte unter anderem Different Tomorrow, dazu neue Songs wie Shame, Hallelujah, Los Angeloser und Zip Of Fire vom frisch erschienenen dritten Studioalbum »Dirty Passion«. Chrissiees starkes Solospiel, die rhythmische Kalibrierung des soliden Unterbaus und der potent schreierische, aber melodiöse Leadgesang – alles an seinem Platz, alles so wie es sich gehört und sein muss. Die Schweden sind unglaubliche Musiker. Was auch immer sie angehen, sie gehen es mit solchem Eifer an, dass die Perfektion der Darbietung nicht aufhört zu begeistern. 

Und dann Lordi. Ihre Konzerte sind stets ein prall gefüllter Sack voller Spaß. Da das neue Album »Scare Force One« heißt, war die Bühne in die Kulissen eines Militärstützpunkts – eines Flughafens – gekleidet. Gleich zu Beginn kam ein schmuckes Mädel auf die Bühne gehüpft und simulierte Morsecode-Signale zur Landung. Lordi springen rein. Die Bühne leuchtet auf, als sie mit der neuen Single Nailed by the Hammer of Frankenstein loslegen. Das Publikum schließt die Reihen. Klein an Zahl, aber ungemein hingegeben und aufgedreht – hauptsächlich Jugendliche. Ein Dutzend Väter und Mütter waren als Begleitung dabei. Und in der zweiten Reihe, links vor Ox, ganz allein der hochwohlgeborene finnische Botschafter, der in Ljubljana seinen Dienst tut und durchs ganze Konzert mit der Gruppe ausflippte und sich seine Teenager-Jahre zurückholte, als er sehr wahrscheinlich ein großer Kiss-Fan war. Schön. Zombilacija in vollem Schwung. Lordi haben zweifellos viel von ihrem Bühnentheater vom einen und einzigen Alice Cooper übernommen. Ox und Mr. Lordi sind übrigens nicht so groß, wie sie auf der Bühne wirken, denn sie tragen Stiefel mit mehreren Dezimeter dicken Sohlen. Auch dieser Trick war irgendwo früher schon zu sehen (Kiss). Vor Lordi hatte eine respektable Anzahl von Zuschauern sowohl Tomcat als auch Dirty Passion angefeuert, doch als Lordi einsprangen, war klar, dass die Mehrheit eben wegen Lordi gekommen war. Das Publikum war nämlich unfassbar. Sie hatten wahrscheinlich zu Hause zur Einstimmung Monsters, Inc. geschaut, angesichts ihrer zarten Jahre – aber Respekt muss man ihnen wirklich zollen, denn sie beherrschten die Texte jedes einzelnen Songs. Auch der neuen. Die Band haute nach dem „Babez for Breakfast“-Stück This is Heavy Metal ihren bekanntesten Song Hard Rock Hallelujah raus. Auf den ersten Blick überraschend – aber wenn man durch das Arsenal ihrer Hit-Singles geht, wird klar, dass in der Setlist noch viele Salven auf Vorrat geblieben sind!

Jedes Bandmitglied hatte auch seine eigene Soloeinlage, die natürlich auf die Aufrechterhaltung des Bühnen-Horror-Theaters ausgerichtet war. So zerschnitt Ox zum Beispiel einen Gemarterten und zog ihm die Eingeweide heraus. Die Hauptaufmerksamkeit unter den Gummizombies zog natürlich Mr. Lordi auf sich. Er erschien bei fast jeder Nummer mit einem neuen Requisit auf der Bühne. Besonders unterhaltsam waren die chirurgischen Utensilien sowie diverse Schlachtbeile und riesige Messer, mit denen er geschickt unter anderem eine Lobotomie durchführte und den Patienten natürlich rettete. Das Segnen mit Blut blieb nicht aus (echtes war es freilich nicht), dazu gab es Maschinen für dichten Nebelausstoß (wobei das dabei „duftende“ Zeug nach irgendeinem Insektizid roch – ach, diese Chemie…), und sein Hantieren mit der Kreissäge war ebenfalls amüsant – so manches Opfer erlebte seine Zerlegung. 

Dabei ist die Band hervorragend eingespielt. Man kann ihnen nichts vorwerfen. Professionell! Man merkt Mr. Lordi an, dass er die hohen Lagen nicht mehr ganz so gut trifft, deshalb passt er den Gesang bei anspruchsvolleren Refrains an und hält sich in den mittleren Lagen. Einige Backing-Vocal-Harmonien wurden mit Tracks unterstützt. Mr. Lordi gewann das Publikum besonders auf seine Seite, als er in den Pausen das Publikum mit einer leichten Kombination slowenischer Sätze ansprach. Es war nicht schwer zu erkennen, dass er sich zuerst die Bezeichnungen für Geschlechtsorgane auf Slowenisch angeeignet hatte. Die Prüfung bestand er mit Auszeichnung. Nur wenige Zisch- und Schreiblaute verfehlte er.

Eine Dreiviertelstunde unübertreffliche Horror-Komödie, bei der die Band neben den Nummern des neuen Albums natürlich auch den Rest des Diskographie-Opus durchblätterte und die obligatorischen Hits Devil is A Loser, It Snows in Hell, Deadache, Not the Nicest Guy und im heißen Finale Who’s Your Daddy aneinanderreihte – und mit dem Durchbruch-Single Would You Love A Monsterman? das Konzert beschloss!

Es hätten ruhig mindestens 150 Leute mehr am Veranstaltungsort sein können. Auch wenn das Ding nicht ganz deinem musikalischen Geschmack entspricht – du wirst dich definitiv totlachen, das ist die Garantie, die mit ihrem Horror-Blödsinn natürlich nur Lordi liefern. Finnische Nationalhelden, denen man Denkmäler errichtet, nach denen man Stadtteile von Rovaniemi (woher Lordi stammen) benennt und für die man unter anderem sogar ein spezielles Lordi-Getränk ähnlich wie Cola herstellt! Dass die Slowenen jemals eine Hard-Rock-Band auf solche Weise ehren würden? Auf einem anderen Planeten, in einer anderen Zeit. 

Setliste

LORDI:
1. +ETA (intro)
2. Nailed by the Hammer of Frankenstein
3. This Is Heavy Metal
4. Hard Rock Hallelujah
5. Deadache
6. Hella’s Kitchen (keyboard solo)
7. Hell Sent in the Clowns
8. Blood Red Sandman
9. Drum Solo
10. Give Your Life for Rock and Roll
11. Don’t Let My Mother Know
12. Bass Solo
13. How to Slice a Whore
14. It Snows in Hell
15. The Riff
16. Sincerely With Love
17. Amen’s Lament to Ra II (guitar solo)
18. Not the Nicest Guy
19. Devil Is a Loser
—Zugabe—
20. SCG7: Arm Your Doors and Cross Check (intro)
21. Scare Force One
22. Who’s Your Daddy?
23. Would You Love a Monsterman?

Bildergalerie

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies