Zmaj bescherte Postojna einen üppigen Rocker-Nachwuchs (2013)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Postojna (Pastwjna) / Titov trg / Slowenien
Konzertdatum: 24.08.2013
Besucherzahl: 500
Kartenpreis: 0,00€ (freier Eintritt)

Das diesjährige Augustfestival in Postojna Zmaj ma mlade hatte auch einen wunderschönen Abend im Gepäck, an dem es ordentlich rockig knallte. Man kann sagen, dass es von Act zu Act melodiöser und vielschichtiger röhrte. Hard-Rocker Pelhan, die unverbesserlichen Pivkaer Rock-’n‘-Roll-Spaßvögel Ana Pupedan und die Legenden des slowenischen Rocks, die immergrünen Avtomobili. Eine erstklassige Kombination. Drei super Bands, drei eigenständige und bildhafte, in sich abgeschlossene Musikgeschichten. Drei musikalische Essenzen.

Der Zeitplan war dicht gedrängt, deshalb startete das Geschehen auf die Minute genau. Pelhan, eine neue Band erfahrener Rock-Veteranen, die im März dieses Jahres ihr eigenständiges Studiodebüt »V neznano« veröffentlicht hat (RockLine-Rezension HIER). Die Band ist heiß! Und die Truppe läuft auf der Bühne richtig rund! Aleš Pelhan hat endlich erreicht, was immer sein stiller Wunsch war. Die vollblütige Umsetzung seiner eigenen musikalischen Ideen! Das wäre ohne die richtigen Mitstreiter in der Truppe freilich nicht möglich. Miha Nedoh (ex-Requiem, Forgotten Eden), sein langjähriger Weggefährte noch aus früheren gemeinsamen Projekten (lange vor Pelhan Down Patrol und Forgotten Eden), dazu der hervorragende Keyboarder Peter Smrdel (Divine Illusion, Shadowicon), der gestählte Bassist Matjaž Švagelj alias Kalamar und der Neue Gregor Volk an der Gitarre. Den Großteil der Bühne beherrscht natürlich Sänger Aleš, der gelegentlich zur Gitarre greift, während Gregor seine früheren Gitarrenaufgaben zum Großteil übernommen hat. So merkt man schon am Livematerial, dass die Band einige Studiooriginale aufgewertet hat, auf denen die Gitarre ursprünglich komplett von Aleš gespielt wurde. Die Band lässt Gregor die Freiheit, »Verzierungen« hinzuzufügen, seine eigenen Ideen in die Soli einzubringen und die Songs so mit seinen Einfällen zusätzlich einzufärben. Vor allem aber ist es großartig, dass er mit Peter noch intensivere Wechseldialoge zwischen Gitarre und Keyboards kreieren kann (z.B. Blizu je zadnji izdih), während sich der »entlastete« Aleš voll seiner vokalen Interpretation widmen kann. Die bleibt kraftvoll, dominant, melodisch sauber und wenn nötig explosiv, oder aber sanft und subtil. Die Band präsentierte ausgiebig ihr Debütalbum und schmuggelte auch zwei Klassiker ins Repertoire, die das Publikum zusätzlich aufheizten: Live And Let Die von McCartneys The Wings und Superstitous von Europe. Der Sound hervorragend, die Truppe wie gesagt auch bestens eingespielt. Von Pelhan darf man sich in Zukunft noch viel versprechen. In der aktuellen Situation, in der Bands wie Chateau, Šank Rock, Mary Rose irgendwie auf »Stand-by« sind und man darauf wartet, dass Requiem live und kompositorisch wieder durchstarten, füllen Pelhan den derzeit etwas leeren Raum im slowenischen Hard Rock hervorragend auf. Bravo Jungs!

Ana Pupedan. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Ein erstklassiges Quartett einzigartiger Bühnenprovokateure, bestehend aus Simon Avsec (Gesang), Boštjan Požar (Gitarre), Peter (Pero) Žnidaršič (Bass), Marko Doles (Schlagzeug). Abgesehen vom Kurzhosenträger Simon wirkten die anderen drei wie Abgeordnete, die aus ihrem Paradies – dem slowenischen Parlament – verbannt worden waren. Gebügelte Anzüge, zugeschnürte Krawatten, schmucke Frisuren (Marko hatte sich halt die Frisur »à la Vid Kavtičnik« gegönnt). Ana Pupedan sind bis an die Zähne bewaffnet mit Wahrheitsliebe, die sie gekonnt unters Volk zu bringen wissen. Die ist so raffiniert verpackt, verlockend unterhaltsam und sprühend genial, dass die Band einen durch die gesamte Spielzeit, die sie eben bekommt, in strenger Konzentration hält! Sie lässt dich bei alledem nicht zu Atem kommen. Vom metaphorischen Einschenken von »reinem Wein« auf Kosten des verkorksten Staates bis zu allen »post-unabhängigkeitlichen« Henkern des slowenischen Volkes – nach dem Prinzip »Der Slowene verarscht gern den Slowenen«, bis hin zu Allegorien auf die Ljubljanaer und ihre Engstirnigkeit! Ehrlich!!! Und obwohl ich selbst Ljubljanaer bin, ist es wirklich traurig, dass die Ljubljanaer nicht imstande sind, zwei Gehirnzellen zusammenzubringen, die ihnen sagen würden, dass man manchmal einfach ins Auto steigen und gute zwölf Kilometer aus Ljubljana rausfahren sollte, um gute Musik zu erleben (in diesem Fall nach Postojna)! Ana Pupedan können alles spielen. Nichts ist ihnen fremd, nichts verschwiegen, nichts unbekannt. »Die hier ist amerikanisch«, verkündet Simon, und schon legen sie einen außerordentlichen, countrymäßig gestählten Angriff hin, im nächsten Moment spielen sie nach SKA-Prinzipien, dann Reggae-Wahnsinn, abgebrühten Blues, und zum Abschluss liefern sie mit dem Stück Ana Pupedan ein fast Motörhead-artiges Erdbeben, Ana Pupedan sind wirklich ein musikalisch-predigend ausgefeiltes Quartett, das ausdrucksstark, vielschichtig und äußerst bildhaft in seiner authentischen, gewachsenen Tradition wirkt. In dieser Hinsicht gehören sie zur absoluten Spitze. Vor allem aber ist da ein Kern, der die Triebfeder der Kreativität ist und den Fokus von generischen Schablonen in musikalischen Lösungen weglenkt. Sprühend schelmischer, mit Sarkasmus durchtränkter Humor in der Poesie, dem es nicht an expressivem Dynamit mangelt. Sie schlagen los mit Cigodrom (wahrscheinlich eine geistreiche Bezeichnung für alte Rummelplätze), dann weiter in Rdečo kočijo, dann folgt das »rätselhafte« Isdislou,… Von Song zu Song eine volle Schüssel Lachen und Spaß. Ana Pupedan spielten im Zeitplan zur schönsten Stunde. Das Volk war neugierig genug, die echten Abendstunden hatten begonnen, alle bestellten entspannt ihr Bier und kippten es in sich rein, alle empfänglich fürs Feiern und Abschalten. Direkt vor der Bühne hatte es sich ordentlich gefüllt, und jede Menge junges Volk belegte die vorderen Reihen. Gegen Ende tauschten Simon und Marko die Rollen, Marko trat ans vordere Ende der Bühne und sang einige unverzichtbare Ana Pupedan-Klassiker, angeführt von Vsaka rwža jma trn, Četrtek, Harmonikaš. Geniale Spötter, die am Ende mit den Klassikern eine grandiose Auflösung lieferten und auch handfeste Beteiligung aus dem Publikum herauslockten! Bemerkenswert ist auch, dass die Band fast zu 100% am organischen Klangbild festhält, in dem Verspieler nicht zu überhören wären, aber sie spielen bravourös. Ana Pupedan ist eine Band, die das Label Celinka unbedingt unter seine Fittiche nehmen müsste!

Avtomobili begannen ihren Auftritt kurz nach Mitternacht. Mit dem Evergreen Gospodar. Ein praktischer Song für alle. Er zieht die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich, weil ihn alle kennen, und gleichzeitig kann man in dieser Zeit noch die Soundeinstellungen korrigieren. Diesmal hatten Avtomobili gleich zu Beginn einige Schwierigkeiten mit der Soundkalibrierung. Angesichts der späten Stunde war auf dem Platz noch immer eine beachtliche Anzahl von Besuchern, und der Raum war vorbildlich gefüllt. Nur in den vorderen Reihen gab es etwas mehr reifere »Bürger« – Zuhörer. Unter ihnen schaukelten etliche fröhlich vom Überkonsum alkoholischer Erzeugnisse. An diesem Abend lieferten Avtomobili zwar nicht ihr Bestes ab, aber der Katalog hinter ihrem Opus ist so stark, dass ihre immergrünen Klassiker sie schon von Beginn an aus dem Tief herausziehen – Klassiker, für die sie als eines der stärksten Songwriting-Kollektive bekannt sind, die die freie slowenische Sonne in der Geschichte des Rock ’n‘ Roll hervorgebracht hat! Man spürte, dass die Band nicht so aufgewärmt war wie sonst, aber trotzdem. Die Jungs wirkten ein bisschen angeschlagen. Vielleicht wegen der langen Wartezeit bis zum späten Auftritt, vielleicht wegen eines Geflechts von Umständen, deren Hintergründe ich nicht kenne – aber man muss bedenken, dass es hier Spätsommer ist, wenn wir alle leicht aufgebrauchte Batterien haben.

Markos Stimme übernahm sofort wieder die zentrale Figur des Bühnenauftritts der legendären Band. Sein ausgesprochen markanter und meilenweit wiedererkennbarer Gesang, dem eine der schönsten Farben in die Wiege gelegt wurde, funktionierte wie gewohnt. Vielleicht zeigte der Sänger einen Hauch Zerstreutheit nur in Bar pozabe, wo er sich zweimal in den Versen verhedderte (besonders in der zweiten Strophe), aber über den Rest braucht man gar nicht erst zu »philosophieren«. Hut ab! An diesem Abend zogen die HeaveniX-Männer den Karren voran, obwohl das gesamte Quintett einen Hauch mehr Zurückhaltung ausstrahlte als gewohnt. Manchmal kommt eben so ein Tag. Aber wenn das Repertoire durch so starke Stücke wie Gorica, Skozi leta, Argentina, Ljubezen ne stanuje tu geht, dazu das nach langer Zeit wieder ins Repertoire aufgenommene Mraz, das druckvollere Proti Luni, das melodiöse Sama, April, Enkrat v življenju und Enakonočje, werden diese Beobachtungen zu echten Kleinigkeiten. Die Schöpfung einer einzigartigen Figur, eines einzigartigen Sounds, einer einzigartigen Energie! Von außerordentlicher künstlerischer Raffiniertheit, getragen von einem Reichtum an Erfahrung! Hier ist dieses Element des einzigartigen musikalischen Ausweises der Band, das man Streben nach Perfektion nennt – sowohl arrangementmäßig als auch klanglich. Das sind Avtomobili. Du genießt den Anblick jedes Mitglieds dieser Truppe, während du seine Hingabe beobachtest (besonders Bushy war diesmal in Höchstform). Du genießt die Entwicklung der Klangfiguren, ihrer Nuancen, Farben, Kontraste. In der Symbiose ebendieser. Die Wärme des Klangs, den Mirkos Keyboards erzeugen, unterlegt mit dem schelmisch-funky Groove der Rhythmuslinie im Zusammenspiel von Morgan/Šuligoj im neuen Song »Kaj si hotel«, oder Morgans Schlagzeug-Crescendo am Ausgang des fantastischen neuen Songs »Netopir«, dazu einige teuflisch gesalzene Solo-Akrobatik von Bushys Fender Telecaster, bei der jeder Ton genau seinen zugemessenen Platz und ausdrucksstarken Klang hat, nach dem Vorbild der größten Meister dieser Kunst in der Sechssaiten-Theorie. Unschätzbar. Trotz einiger Patzer diesmal war das Erlebnis mit Avtomobili unschätzbar wertvoll, einzigartig und stellt auf jeden Fall eine neue Lernlektion dar, wie man zu jener ausdrucksstarken künstlerischen Perfektion gelangt, die nur die Haltung deiner eigenen künstlerischen Eigenart erzeugen kann. Das Album »Pozna pomlad«, das im Oktober letzten Jahres erschienen ist, ist der erste Beweis, dass Avtomobili sich künstlerisch weiterentwickeln und weiter wachsen. Fans ihrer Musik sind in Postojna also wieder auf ihre Kosten gekommen!

Das Paket dreier genremäßig klar definierter Bands mit klaren charakterlichen Abgrenzungen hat einen der genussvollsten Musikabende auf slowenischem Boden in diesem Jahr geliefert, wenn es um die Frage der Kombination auftretender Bands aus Slowenien geht. Dieses auserwählte musikalische »Trio« ist wirklich ausgesprochen gelungen ausgefallen! Ohne Zweifel einer der Höhepunkte des diesjährigen Postojnaer Festivals »Zmaj ma mlade«.

Setlist

AVTOMOBILI:

  1. Gospodar
  2. Drugačno nebo
  3. Kaj si hotel
  4. Gorica
  5. Skozi leta
  6. Argentina
  7. Ljubezen ne stanuje tu
  8. Poslušaj
  9. Mraz
  10. Proti Luni
  11. Navaden dan
  12. Sama
  13. Netopir
  14. April
  15. Enkrat v življenju
  16. V mrzlih dvoranah
  17. Enakonočje
  18. Bar pozabe

—Zugabe—

    19. Pot domov

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