Za en dotik
Künstler: Hiša
Label: ZKP RTV Slovenija
Veröffentlichung: 2006
Noch ein Highlight der slowenischen Musik
Die Band Hiša aus Trbovlje ist einer der wenigen Phönixe, die aus der Asche der slowenischen Musik aufsteigen, wird aber leider mit jeder noch so tollen Platte übersehen. Und wenn man bedenkt, dass die Jungs offiziell im dreizehnten Jahr aktiv sind und acht Platten veröffentlicht haben – eine live, mitgeschnitten beim Konzert zum 50. Geburtstag von Neil Young, und eine Best-of-Sammlung –, dann sind das immer noch stolze sechs Platten! Und wenn man bedenkt, dass sie auch außerhalb von Hiša als Peaceful Riders, Bluesteam oder Sinthome auftreten können, sich auch zu Neil Youngs 60. Geburtstag an ihn erinnert und Illusion Anyway 2 eingespielt haben, ihre zweite Platte ’neskončna pot‘ komplett auch auf Englisch aufgenommen haben und ich nicht daran zweifle, dass Andrej Guček schon jetzt jede Menge neuer Geschichten im Kopf hat.
Nach der letzten Studioplatte ‚Silicijevo nebo‘ hatte ich das Gefühl, die Band hätte ihren Höhepunkt erreicht, das denke ich übrigens nach jedem ihrer größeren Konzerte, und jedes Mal stehe ich wieder sprachlos da. Einige Songs – ‚Pale sam na svetu‘, ‚Galeb‘, ‚Težek zrak‘, ‚Ljubezen za denar‘, ‚Sončen dan‘ – von der Platte ‚Za en dotik‘ konnten wir in der einen oder anderen Version schon auf manchen Konzerten der Band hören.
Im Herbst haben wir uns mit Bekannten über einige schon erschienene und einige sehnsüchtig erwartete Platten unterhalten, und dann kam das Gespräch auf die so gefeierte Platte des superpopulären Gibonni, ‚Unca Fibre‘. Eine Platte, auf der die Geschichten noch irgendwie tragen, die instrumentale Begleitung aber so aufgebläht und unmöglich in die Länge gezogen ist, dass man die Platte nur noch mühsam hören kann. Aber alle meine Gesprächspartner behaupteten einstimmig, wie sorgfältig und durchdacht Gibonni seine Texte schreibt, wie sich jeder in seinen Texten wiederfinden kann, wie super und großartig und unschlagbar er ist… Und nicht wenige haben mich ausgelacht, als ich sie auf die kommende Platte von Hiša und die wirklich tiefgründigen Geschichten aus der Feder von Andrej Guček hingewiesen habe. Und wisst ihr was? Nach inzwischen mehrmaligem Hören der Platte kann ich nur sagen – Gibonni, versteck dich! Hätte er nicht seine bisherigen Erfolge und die Maschinerie des Labels im Rücken, würde ‚Unca Fibre‘ zerrissen und die Konzerte würden ausfallen.
Aber jetzt zur Platte bzw. zu den elf Songs darauf…
‚Na klopi‘ basiert auf einem wunderbaren Young-artigen Gitarrenriff, ein sonst sehr ruhiger Song mit natürlich großartigem Text, mehrstimmigem Refrain und einem leicht schmutzigen Gitarrensolo. ‚Fatamorgana Blues‘ ist, wie schon der Titel sagt, bluesig, die Stimme ist leicht verzerrt, oft singt auch die ganze Gruppe, und ein erstklassiges Solo würzt den Song ordentlich, überhaupt steckt er voller raffinierter Gitarrenakzente.
Der erste Höhepunkt der Platte ist ganz sicher ‚Pale sam na svetu‘, ein zarter, vor allem vom Klavier getragener Song, der ein wenig an ‚Spomin na maj‘ erinnert, als Gerüst dienen ihm aber sowohl das Märchen ‚Pale sam na svetu‘ (das übrigens auch Johnny Štulić liebt) als auch Youngs Song ‚Sugar Mountain‘, wo sie den Vers „You can’t be twenty on Sugar Mountain“ geschickt zu „You can’t be forty on the Sugar Mountain“ „umgedichtet“ haben. Schelmisch… Dazu ein spannender Klavierübergang, ein Mundharmonika-Solo, ein im Chor gesungener Refrain und ein großartiger, sich steigernder Streicherabschluss. Wie man früher sagte – eine Eins mit Sternchen???
‚Sprememba‘ wird mit dem rhythmisch bewegten Gesangsteil manchen Schwärmer an den Song ‚Trenutki‘ von ihrem Debüt erinnern, ansonsten ein leicht jazzig gefärbter Song mit raffinierten Gitarrenkniffen und einem Saxofonsolo. ‚Novo življenje‘ ist sehr leichtfüßig, voller kleiner Rhythmuswechsel, mit Klavier- – und Beckenakzenten und noch einmal mehr raffinierten Gitarren, nach dem Refrain folgt ein unerwartet explosives Gitarrensolo und ein rein vokaler Abschluss. Großartig, keine Frage!
Der nächste, vielleicht sogar der Höhepunkt der Höhepunkte ist der Song ‚Galeb‘. Andrej Guček hat in seinem Leben schon eine Menge großartiger und unvergesslicher Songs geschrieben, aber mit diesem hat er sich sogar selbst übertroffen! Vor allem eine sinnliche, von akustischer Gitarre getragene Interpretation, im Hintergrund mischen sich auch Streicher in den instrumentalen Aufbau, und überhaupt ein Song, den man am einfachsten als minimalistische Größe beschreiben könnte!
‚Za en dotik‘ ist ein typischer Hiša-Song – akustischer Anfang, die Hauptstimme als eigenwilliger Rhythmus, dazu reiche Begleitstimmen und ein wirklich voller Refrain, obendrein ein dramatischer Übergang in die letzte Strophe. Ungewöhnlich, aber vielleicht der Song mit den meisten „Fehlern“ – gegen Ende ist er etwas in die Länge gezogen und endet im abgenutzten (und hoffentlich nie wieder aufgewärmten) Fade-out-Stil.
‚Sončen dan‘ ist vor allem wegen der Gefühle besonders, die er in mir geweckt hat, denn ich hatte den Eindruck, ich höre das wehmütige Bekenntnis eines Menschen mit Behinderung, der an einem wunderschönen sonnigen Tag in der eigenen Wohnung gefangen und an den Rollstuhl gefesselt aus dem Fenster schaut und das muntere Treiben der Außenwelt beobachtet. Ein sehr ruhiger Song, am Klavier, mit Steigerung und mehrstimmig durch den Refrain…
Auch ‚Ljubezen za denar‘ gehört in die Kategorie der unschlagbaren Songs – wieder mit einem Young-artigen Gitarrenriff, sehr druckvoll und überaus dynamisch, mit interessanten Gesangsübergängen und einem raffinierten Soloeinsatz, der Einstieg in den Refrain steigert sich jedes Mal, am Ende beruhigt sich der Song unerwartet und endet – gemessen an seinem sonstigen Aufbau – auf unvorhersehbare und ungewöhnliche Weise.
‚Modro nebo‘ ist wieder einer der ruhigeren Songs, in dem das Klavier dominiert, wir viele jazzige Beckenakzente hören und die ganze Besetzung gesanglich glänzt. Die Platte klingt auch auf etwas ruhigere Art aus, mit dem Song ‚Težek zrak‘ – ein langsames, bekenntnishaftes Lied mit Klavier- und Streicherbegleitung, die Begleitstimmen peppen einige Schlusszeilen interessant auf, sogar das Solo ist zur Abwechslung ein Streichersolo, und am Ende gibt es noch ein bisschen Steigerung. Als wollten sie sagen, dass sie noch nicht das letzte Wort gesprochen haben, als hätten sie ans Satzende drei Pünktchen gesetzt?!
Hiša hatte in ihrer reichen Karriere nur einen schwachen – bedingt schwachen – Moment, und zwar war das die Platte ‚Nevarna razmerja‘, die einfach nicht als Ganzes funktionierte und zwischen einzelnen Juwelen umhertaumelte, ansonsten übertreffen sie sich mit jeder Platte selbst. Manche werfen ihnen vor, das Rad neu zu erfinden und den Sound der „West Coast“-Szene zu treu nachzuahmen… kann sein, aber Hiša (bzw. Andrej Guček) schreibt ihre Texte hingebungsvoll und mit viel Wärme, macht die Musik ausgesprochen spontan, und genau hier liegt das Geheimnis ihrer manchmal schwer erklärbaren Anziehungskraft. Für mich persönlich stehen sie in der Musikwelt für all das, was für mich im Leben aufrichtige Liebe und rare Freunde bedeuten – etwas, das sich einfach nicht erklären lässt, geheimnisvoll und magisch ist. Etwas, wovon ich persönlich weiß, dass es das einzig Wahre und Unersetzliche ist!
Besetzung
Andrej Guček – Leadgesang, E-Gitarre, Akustikgitarre, Klavier, Mundharmonika
Martin Koncilja – Gesang, Akustikgitarre
Vili Guček – Gesang, Bass
Iztok Pepelnjak – Gesang, Schlagzeug, Percussion
GÄSTE:
Primož Fleischman -Saxofon
Miloš Simić – Violine
Bojan Cvetrežnik – Violine
Zoltan Kvanka – Bratsche
Tamara Đorđević – Cello
Arrangements: Hiša
Streicherarrangements: Miloš Simić
Produktion
Andrej Guček
Tracklist
1. Na klopi
2. Fatamorgana blues
3. Pale sam na svetu
4. Sprememba
5. Novo življenje
6. Galeb
7. Za en dotik
8. Sončen dan
9. Ljubezen za denar
10. Modro nebo
11. Težek zrak