Contra Dekorum auf Metelkova
Ort: AKC Metelkova mesto- klub Gromka / Ljubljana / Slowenien
Konzertdatum: 19.12.2006
Besucherzahl: 0
An Musikevents mangelt es unseren Tempeln der Konzertkultur diesen Monat wirklich nicht. Das Menü im Epizentrum des alternativen Ljubljanaer Zufluchtsorts, Metelkova mesto, haben wir schon öfter durchprobiert, diesmal gab’s eine Dosis Jugorock. Die gemeinsame Heimat steckt schon eine ganze Weile in einer Phase halbhistorischer Vergessenheit. Über ihre Schattenseiten kannst du in jeder Kneipe so einiges hören. Aber geben wir’s zu: Man kann nicht behaupten, dass wirklich alles unter dem Niveau und verachtens- und kritikwürdig war. Eines der Elemente nostalgischer Lobgesänge und Schwärmereien, ein Punkt, an dem man die tiefen Gräben zwischen „uns“ und „denen“, „den anderen“, dem Balkan einfach mal vergessen kann, ist die universelle Sprache grenzenloser Reinheit- die Musik. Die Metelkova-Leute haben diesmal die Band Contra Dekorum aus Notranjska auf ihre Bühne gelockt. Ehrlich gesagt- ich hatte keinen blassen Schimmer, was mich erwartet, also habe ich die Erwartungen lieber zuhause gelassen und bin völlig unbelastet auf ein Abendbier und eine Dosis rhythmisch eingefärbten Gitarrenrock losgezogen. Contra Dekorum sind eine absolute Neuheit, die sich gern damit brüstet, die Bewahrer des musikalischen Erbes von vorvorgestern zu sein. Manch eine Band begnügt sich ja damit, im ewigen Aufwärmen längst gehörter Melodien und Songs zu planschen, aber bei ihnen hat man mir versichert, dass sie was Neues und Frisches machen und auch eine bunte Auswahl eigener Songs im Gepäck haben. Und eine Live-Platte sollen sie auch aufnehmen. Bierbefeuerte Gespräche verkürzten uns die Stunden, in denen wir darauf warteten, dass der Abend endlich losgeht.
Gegen elf Uhr abends setzt sich der rhythmische Dekorateur Siniša Pantar hinters Schlagzeug. Ein grollendes Dröhnen ertönt, das einer Ouvertüre in der Manier von sowas wie Black Sabbath am nächsten kommt. Aus dem Backstage-Bereich übernimmt Sašo Ožbolt die Ansage, und mit dem Intro kann das Mantra-Ritual beginnen. Gitarrist Berni Godeša wirft seine Gitarre an und steigert beim rohen Streicheln der Saiten die Atmosphäre. Bassist Matej Ravšelj lässt mit seinem orthodoxen Metal-Look auf den ersten Blick nicht gerade vermuten, dass er in einer Jugo-Rock-Band spielt, hält aber die Linien der Textur ziemlich solide zusammen. Vom Sänger fehlt immer noch jede Spur. Gehört halt zur Performance. Nach einem ein paar Minuten langen, ich muss zugeben ziemlich gedehnten Intro kommt er endlich auf die Bühne. Endlich ist das Quartett komplett und spielt schon den ersten eigenen Song- ‚New Age‘. Die Gitarrenlinie geht schnell ins Ohr. Die Rhythmusfraktion ist auf Niveau, und stimmlich zeigt sich, dass ihre Kehle ziemlich stark mit Untertönen von so jemandem wie Bebek eingefärbt ist. Den solide gespielten Track würzen sie auch mit Bühnenspiel, das so mancher heimische Haudegen gern vergisst. Contra Dekorum sind nicht statisch. Sie haben Humor und Dynamik. Nach ‚Non Barieri‘, einem Song, der von guter Nachbarschaft handeln könnte, folgt eine Unterrichtsstunde, pardon- Unterrichtsminuten- über historische Kämpfe in der Dolenjska. ‚Turjaški grad‘ ist ein wunderbarer Aufhänger, um die Wahlkampfleidenschaften zwischen Linken und Rechten anzuheizen. Der Text floss ganz schön und ergänzte singer-songwriter-mäßig das spektrale Ganze des contra-dekorischen Provokationsversuchs. Bald gibt’s die erste Dosis Erinnerungsauffrischung mit ‚Miograd‘ und ‚Anka‘. Die Gesangspausen dazwischen füllen sie mit Percussion-Einlagen. Die Coversongs spielen sie energisch und gut. Bijelo dugme klang ziemlich souverän und verisimilitisch. Genauso das später gehörte Dilje jagode. Leider ist das eigene Angebot an musikalischer Befriedigung noch leicht unausgereift und zu repetitiv. Die vorderen Reihen und die Stimmung im Saal werden durch die humorvollen Einlagen ihres Frontmanns aufgelockert, der definitiv der Prototyp eines guten Performers ist und die Stimmung auf dem Konzert rettet. Die Konzertjugend in Ljubljana ist nämlich ziemlich statisch und distanziert. Die Rettung vor einem möglichen totalen Reinfall besteht darin, einfach so viele eigene Freunde und Bekannte wie möglich zum Konzert mitzubringen, was sich auch diesmal als ziemlich erfolgreiche Maßnahme erwies. Das Problem ist, dass die Texte, bis auf ein paar, die man schon öfter live hören konnte oder von Aufnahmen zuhause kennt, noch niemand kennt. Die Musik ist zwar gut gespielt und gut einstudiert, aber ich hatte, vielleicht wegen der späten Stunde, vielleicht wegen der Strapazen der Dezember-Feierei, echt Probleme, bei der Sache zu bleiben. Gestört haben mich die schematische Vorhersehbarkeit und der chronische Mangel an noch mehr Energie. Und zwar nicht nur auf der Bühne. Zwischen den Zeilen meinte ich vor allem die Frische dessen, was aus den Boxen wehte. Dieses präsentierte und ziemlich eingefahrene Rezept hat nicht die 100% erotische Ladung, die mich in Trance fallen lassen, mit dem Fuß mitwippen und automatisch nach ihrer Scheibe greifen lassen würde. Trotzdem bringen sie das Konzert in ihrem eigenen Tempo zu Ende und beschließen den Abend mit ‚Let na drugi svijet‘, ich dagegen wurde einen leicht bitteren Nachgeschmack der an diesem Abend ziemlich präsenten Widersprüchlichkeit in meinen Gedanken irgendwie nicht los.
Heimische Acts zu kritisieren ist schwer. Deutlich schwerer als ausländische Musiktouristen, die ihr Ding mehr oder weniger schon durchgezogen haben oder von einem riesigen Apparat der Musikmaschinerie gedeckt werden. Unsere Jungs machen das aus Spaß an der Freude. Aus echter Zufriedenheit. Normalerweise gibt es nicht so viele Möglichkeiten, Reaktionen aus erster Hand zu testen, weil es chronisch an Konzerten fehlt. Contra Dekorum schmieden sich schon fünf Jahre auf den Bühnen. Auf jeden Fall sind sie eine Band, die einige versteckte Trümpfe im Ärmel hat. Es sind gute Musiker (zumindest nach dem, was ich beim Soundcheck vor dem Konzert gehört habe, wo sich zeigte, dass der Gitarrist noch mehr Tricks im Ärmel hat, als ich sie auf dem Konzert gehört habe), es fehlt ihnen nicht an Funken (dafür sorgt allerdings leider nur Sašo, der Dynamo der Band; die anderen sind einen Tick zu statisch und lassen sich deshalb leicht übersehen), sie haben einen Pool eigener Songs, der in dieser Zeit ziemlich stattlich gewachsen ist, hinter ihnen stehen die richtigen Leute (sie haben ihr eigenes Management und eine Website, die ganz vorbildlich ist; es fehlen nur ein bisschen mehr Infos über die Band…), und das Wichtigste: Sie haben den Wunsch, den Schwung, die Vision und das Interesse, etwas zu erreichen. Mehr als zu erreichen gilt es aber, das schon Gehörte zu überwinden und einen eigenständigen Weg einzuschlagen. Das eine ist, meiner Meinung nach, der eigenständige Weg der eigenen Kreativität, der allerdings voller Hindernisse ist. Ja, ich weiß, dass ihr wisst, dass das mehr oder weniger ein Gang auf Messers Schneide ist. Entweder du gewinnst und hast Erfolg oder du verlierst alles. Keine Kompromisse. Um ihn zu gehen, braucht es ein größeres Maß an Selbstvertrauen, Mut und Entschlossenheit. Fehlt das, können auf der einen Seite Wünsche und Erwartungen und auf der anderen Seite der tatsächliche Stand, der sich bei alldem erreichen lässt, so weit auseinanderdriften, dass sich Contra Dekorum in Contra Diktorum umbenennen kann – zum Gegenteil von Kreativität werden kann, und beim Nachahmen und Anziehen schon getragener Paar Schuhe kann es musikalisch ins Leere verhallen, konturlos bleiben und schnell in Vergessenheit geraten.
Setlist
1. Intro (Master Machine)
2. New Age
3. Non Bariera
4. Turjaški grad
5. Rap
6. Miograd
7. Anka
8. Dolari
9. Naš disko
10. Coda M
11. Virtual World
12. The Matrix
13. Ptičja Gripa
14. Nemška
geplante Zugabe:
15. Motori
16. Konji
17. Let na drugi svijet