Y&T haben München erneut verzaubert und begeistert! (2013)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: München / Backstage (Halle) / Deutschland
Konzertdatum: 08.10.2013
Besucherzahl: 300
Kartenpreis: 28,00€

Jede Konzerttournee legendärer Rockbands, die irgendwann in den Siebzigern (oder noch früher) angefangen haben, kann im neuen Jahrtausend auch die letzte sein. Man weiß es nie. Das gilt auch für die neue Tournee der amerikanischen Rocker aus dem kalifornischen Oakland, Y&T, die unsere Galaxis seit 1974 durchstreifen. Wenn so eine Tournee für Europa bestätigt ist, ist das für uns buchstäblich ein Geschenk! Und wenn einer der bestätigten Termine dieser Tournee auch München ist, dann ist ein Besuch eigentlich Pflicht!

Y&T genießen in den Jahren der Wiedergeburt – also so ab 2002 – den Status einer geschätzten legendären Hard-Rock-Band, die seit 2008 den alten europäischen Kontinent eigentlich jährlich besucht. Das letzte Studioalbum der Truppe erschien vor drei Jahren. »Facemelter« ist Y&Ts erstes Studioalbum nach einer 13-jährigen »Abstinenz-Krise« beim Veröffentlichen von neuem Studiomaterial. Die Jahre vergehen schnell, und die Band feiert seit 2011 jedes Jahr die 30-jährigen Jubiläen ihrer Kultplatten, indem sie das Konzertrepertoire entsprechend anpasst. Dieses Jahr sind es 30 Jahre seit der Veröffentlichung von »Mean Streak« (1983), das als eines der bekanntesten Alben der Band gilt. Vor der diesjährigen Ankunft auf europäischem Boden hatte die Band bereits eine beeindruckende Konzertserie auf der anderen Seite des Atlantiks absolviert und dabei die wichtige Erkenntnis gewonnen, dass es den Fans lieber ist, wenn das Y&T-Repertoire aus Songs besteht, die einen breiteren Zeitraum des Schaffens der Band abdecken – und nicht nur ein bestimmtes Album, das von der ersten bis zur letzten Nummer komplett durchgespielt wird. So betraten Y&T den deutschen Teil der Tournee mit einem Repertoire, das erwartungsgemäß Material von Alben aus den Jahren 1981 bis 1990 umfasst, sinnvoll ergänzt durch neue Songs vom Album »Facemelter« (2010), das den klassischen Alben stilistisch auch sehr nahesteht.

In München spielte vor Y&T das deutsche Hard-Rock-Quartett Hartmann aus Aschaffenburg. Angeführt wird es von Oliver Hartmann. Das ist der Typ, der im ersten guten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends, das wie im Flug verging, als Background-Sänger oder als Teil des »chorartigen« Klangteppichs bei einer ganzen Reihe von Alben verschiedener Künstler im Studio mitgewirkt hat. Darunter unter anderem Edguy, Avantasia, Helloween, Primal Fear, Rhapsody, HammerFall und so weiter. Musikkenner kennen ihn vielleicht als ehemaliges Mitglied der deutschen Power-Metaller At Vance, mit denen er fünf Studioalben aufgenommen hat. Unter dem eigenen Künstlerlabel Hartmann hat Oliver Hartmann bis heute außerdem 4 Studioalben veröffentlicht, das letzte davon mit dem Titel »Balance« im Jahr 2012. In diesem Jahr erschien sogar seine erste Compilation »The Best Is Yet To Come«, die die Highlights aller vier bisher erschienenen Studioalben der Band vereint!

Das Quartett in der Besetzung Oliver Hartmann (Gesang, Gitarre), Mario Reck (Gitarre), Armin Donderer (Bass) und Dario Ciccioni (Schlagzeug) erwies sich als perfekte Wahl für eine Band, die vor Y&T aufheizen soll. Ich hatte keine Ahnung, was mich von der Gruppe erwarten würde. Und dann? Oliver entpuppt sich als brillanter Sänger und obendrein als brillanter Gitarrist. Die Bühne wurde schnell zur Ein-Mann-Show. Zur Show des charismatischen Oliver. Ein vokales Chamäleon, das einen autoritativ sauberen, nach oben ausgerichteten Gesang mit ausgeprägtem melodischen Nutzwert entfachen konnte – der sofort Antwort darauf gab, warum er bei deutschen Power-Metal-Bands in der Vergangenheit so gefragt war. Der Typ kann diese Eigenschaft aber auch umkehren und feinfühlig subtil werden, wenn er dem Klang eine größere oder kleinere Portion Rauheit beimischt. Dabei kümmerte sich Oliver auch vollständig um alle wichtigen Gitarrensoli sowie die dekorativen solistischen Passagen. Die drei Kumpels folgten ihm treu. An diesem Abend spielte Hartmann das komplette Repertoire der frisch erschienenen Compilation »The Best Is Yet To Come«, was  gleichzeitig bedeutete, dass alle vier Studioalben, die die Band bis dato veröffentlicht hat, gleichberechtigt vertreten waren. Oliver Hartmann hat ein außergewöhnliches Gespür für das Schreiben mitreißender Kompositionen. Die ungemein kompakte und dynamische Performance des perfekt eingespielten Quartetts lieferte zum Auftakt ein außergewöhnliches Erlebnis, das – wie bereits erwähnt – auch für jenes leise erhoffte Gefühl eines stimmigen Übergangs zwischen Vorband und Hauptact des Abends sorgte. Wenn du ein Fan von melodischem Hard Rock bist, schau dir Hartmann unbedingt an. Du wirst nicht enttäuscht sein.

Y&T sind eine andere Geschichte. Eine eigene Entität. Keine Band kommt ihnen gleich. Ein Weltunikum. Y&T schaut man eigentlich am besten ohne Vorband, obwohl Hartmann im Paket mit ihnen souverän funktioniert hat. Die Truppe hatte vor zwei Jahren in einer kleinen Spelunke nahe Münchens Kulturtempel Kunstpark Öst gespielt, dem sogenannten Garage Delxuxe – die RockLine-Reportage HIER. Der Club von der Größe des slowenischen Orto Bar war damals zum Bersten voll, und drinnen konnte man sich kaum bewegen. Diesmal war das Backstage mindestens zur Hälfte leer. Noch interessanter war, dass das Konzert ein ziemlich anderes Publikum anzog als am Abend davor, als Pretty Maids zusammen mit Bonfire an derselben Location aufgetreten waren. Mehr oder weniger nur echte Hard-Rock-Veteranen.

Dave Meniketti, der Mann, der am 12. Dezember dieses Jahres runde 60 wird, macht sich wegen des Besuchs seiner Konzerte schon lange keine Gedanken mehr. Wenn er die Bühne betritt, verschwindet alles um ihn herum. Es bleibt nur die Musik und er als Teil der Musik. Er ist einer der vollkommensten Musiker überhaupt, die in einer Person die Perfektion der Verbindung von meisterhaftem Gitarrenspiel und vokaler Interpretation verkörpern! Schade nur, dass die Band in ihrer langjährigen Karriere zwar beachtliche 4 Millionen Platten verkauft hat, dabei aber stets »am Rand« geblieben ist – sagen wir lieber: zu Unrecht übersehen und nie die echte Anerkennung bekommen hat, nicht nur für ihr Werk, sondern auch für die Inspiration, die Y&T mit ihrem Erscheinen den später kommerziell erfolgreichen »Schminke-Bands« der zweiten Hälfte der Achtziger geliefert haben. Vom ersten Moment bis zum Ende, das einer gut über zwei Stunden energisch eruptiven Y&T-Erfahrung entspricht, verwandelt sich Dave Meniketti in einen echten Bühnenteufel, dem es an Lausbübigkeit wahrlich nicht mangelt. Dass er demnächst 60 wird? Keine Chance. Mit so einer Potenz und Ausstrahlung kreativer Energie – niemals! Der Mann schaltet einfach ab. In jedem Moment. Es sprechen nur noch Gefühle und Leidenschaft. Meniketti ist ein perfektes Beispiel für die vollständige Verkörperung von Leidenschaft und Emotion durch die Sprache der Musik namens Rock ’n‘ Roll. Bereits mit dem Eröffnungsstück Mean Streak machte die Truppe sofort klar, dass sie perfekt aufgestellt ist, und dass Brad Lang, nachdem er 2010 den verstorbenen originalen Bassisten Phil Kennemore ersetzte, zu dessen wahrem Nachfolger geworden ist. Und dass Menikettis Finger schon beim ersten Song in allen Variationen über den Gitarrenhals fliegen, wie er es sich wünscht, ist bloß Ausdruck der außergewöhnlichen Kilometer, die dieser musikalische Könner in seiner 40-jährigen Karriere bereits zurückgelegt hat. Der Sprengstoff, den Y&T auf der Bühne verstreuen und mit dem sie die Bretter in Brand setzen, ist außergewöhnlich. Schwer in Worte zu fassen. Das gesamte Quartett bildet außergewöhnliche Vokalharmonien, die zusammen mit dem erstklassigen Sound, den das Backstage an diesem Abend bot, das Optimum einer Bühnenvorstellung des Y&T-Repertoires miterschaffen. Da ist Daves treuer Gitarrenmeister John Nymann, sein alter Schulkumpel, der Y&T schon in den Achtzigern gelegentlich als Keyboarder ausgeholfen hat. Nicht zu vergessen ist der echte Schlagzeug-»Walross« Mike Vanderhule, der mit kanonenmäßig präzis abgemessenen Schlägen wie auf eine Wette hin den Inhalt männlicher Hosen auf den Veranstaltungsorten zum Wackeln bringt! Nein. Auch das Backstage war da keine Ausnahme.

Nach dem stillschweigend erwarteten Eröffnungsstück Mean Streak lieferten Y&T die erste wunderbare Überraschung des Konzertabends mit dem »Ten«-Klassiker (1990) Hard Times! Das bunte Repertoire umfasste tatsächlich alle »tragenden« Alben der Y&T-Karriere! Um zur Hauptfigur des Abends, Dave Meniketti, zurückzukehren: Der Typ lieferte erneut eine außergewöhnliche Gesangsdarbietung. Seine Stimme ist männlich, rau, besitzt jene Macho-Qualität und ist ungemein durchdringend – sagen wir lieber: stark. Dominant. Die Eigenschaft der Rauheit ist tief in ihr eingeschrieben, und Meniketti als Sänger mit einzigartiger Stimmfarbe nutzt sie beim Vortragen der Verse meisterhaft aus. Einen Gitarristen vor so einen hervorragenden Gesang wie Menikettis zu stellen fällt schwer – aber natürlich ist Meniketti in erster Linie ein Gitarrenheld. Der Typ lässt sich von den Freuden mitreißen. Y&T verwandeln ihre Songs auf der Bühne. Strecken sie aus. Der Typ hat sich viel Zeit für die meisterhafte Bearbeitung eines Songs wie Dirty Girl gelassen, der so in seiner Entfaltung mindestens fünf Soli erlebte. Zwischen den Soli sah es zeitweise so aus, als würde Meniketti nie aus dem Solo aussteigen. Das Trio der Kumpels beobachtet ihn auf der Bühne und lauert aufmerksam darauf, wann der Chef aus dem Solo aussteigt, um ihn dann zurück in die Hauptphrase des Songs zu begleiten. Meniketti als Gitarrist/Sänger in einer Person hat nicht das Geringste von seinem außergewöhnlichen Energiegehalt verloren, nicht das Geringste seiner außergewöhnlichen Charakteristik. In all den Jahren im Musikgeschäft. Wahr ist aber auch, dass er gegen Ende des Konzerts leicht hustete. Man muss wirklich verstehen, dass ein Musiker bei einem solchen Einsatz energetisch definitiv an seine Grenzen stößt. Daher wohl nur ein Song als Zugabe. Vor zwei Jahren im Garage Deluxe erlebten wir immerhin vier Zugaben.

Y&T spielen seit ungefähr zwei Jahren auch Squeeze vom Album »Earthshaker« (1981) auf der Bühne. An diesem Punkt überließ Meniketti den Song John Nymann zum Singen, der sich dabei eine ordentliche Portion theatralischen Spaß gönnt und das Unterhaltungskarussell des Y&T-Konzerts weiter ankurbelt. Weil Meniketti auf der Bühne unaufhaltsam ist, muss ihm der Rest der Truppe folgen. Ihnen bleibt gar keine andere Wahl, sonst riskieren sie ihren Job bei Y&T. So zieht Dave sie in seiner entfesselten Art buchstäblich mit sich, und es gibt keinen Moment, in dem man Brad oder John ruhig in einer Ecke der Bühne sehen würde. Y&T bleiben ein absoluter Energietorpedo, der auch nicht für einen Bruchteil einer Sekunde des Konzerts zur Ruhe kommt.

Meister bleiben Meister! Die Band feiert nächstes Jahr ihr 40-jähriges Bestehen. Eines der für Japan geplanten Konzerte sollen Y&T für die Aufnahme eines neuen Konzertdokuments nutzen. Die Geschichte ist also noch lange nicht vorbei. Nach dem Erlebnis in München auf keinen Fall. Y&T treibt das ungezähmte Herz wilder Jugendlicher weiter ins 40. Geburtsjahr voran. Und all diese Jahre hinterlassen bei den versierten musikalischen Weisen kaum Spuren. Die Konzertverlockung mit Y&T bleibt auch in der neuen Ära für jeden echten Hard Rocker ein Pflichtprogramm! Ein Erlebnis, das dich ernüchtert. Ein Erlebnis, wenn du einer Band begegnest, die alles gibt. Und du teilst ihre ganze Herzlichkeit, die von einer echten Liebe zur Magie der Musik ausstrahlt, wie sie diese Band erschafft! Ein unbezahlbarer Erlebniswert – buchstäblich unersetzlich in seiner Einzigartigkeit. Das ist der Punkt vollständiger Authentizität, wenn du sagst, dass du von der Band tatsächlich das Meiste bekommen hast, was sie dir überhaupt geben kann.

Setliste

HARTMANN:
1. Right Here Right Now
2. The Sun’s Still Rising
3. All My Life
4. Like A River
5. After The Love HAs Gone
6. From Outta Space
7. Don’t Give Up Ypur Dream
8. Alive Again
9. Out In The Cold

Y&T:
Intro (Highway To Hell/From The Moon)
1. Mean Streak
2. Hard Times
3. Don’t Be Afraid of the Dark
4. Don’t Stop Runnin‘
5. Black Tiger
6. Dirty Girl
7. Midnight in Tokyo
8. How Long
9. Lipstick and Leather
10. Hurricane
11. Winds of Change
12. Contagious
13. I Want Your Money
14. Rescue Me
15. I’ll Cry for You
16. Squeeze
17. Summertime Girls
18. I Believe in You
19. I’m Coming Home
—Zugabe—
20. Forever

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