XI: The Days Before Tomorrow
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Lillian Axe
Label: AFM Records
Veröffentlichung: 2012
Wertung: 4/5
„XI: The Days Before Tomorrow“ ist das Album, mit dem Lillian Axe diese Transition zu ihrem Abschluss gebracht und damit einen neuen Entwicklungskreis geschlossen haben. In der heutigen Besetzung findet sich von den Originalmitgliedern nur noch der Gründer und Kopf der Band, der hervorragende Gitarrist, Steve Blaze. Das reicht. Steve ist nämlich der Faktor des beständigen musikalischen Wandels der Gruppe, der Motor ihrer unaufhörlichen Evolution. Von diesem Musiker hängt also bei Lillian Axe alles ab. Alles wächst. Und alles fällt. Interessant ist, dass die Band das Album „Deep Red Shadows“ als Studioalbum zählt, obwohl es eher wie eine EP wirkt. Die Hälfte davon sind nämlich neue Eigenkompositionen, die andere Hälfte neu arrangierte Klassiker aus den ersten vier Alben, in akustische Arrangements gekleidet. Auch dieses Album führt die Band in Richtung Anthemhaftigkeit, Pomp und metallischer Bombastik. Im neuen Jahrtausend setzt die Gruppe ihre Hauptkräfte in die Kreation packender Atmosphären ein – tatsächlich ordnet sie den Großteil des eigenen Materials genau dem Dramatheater der vielfältigen Stimmungslagen unter. Die Entwicklung ihres musikalischen Charakters hängt also an der Entwicklung und Reifung von Steve Blaze als Musiker. „XI: The Days Before Tomorrow“ definiert somit den neu gefundenen Stil der Besetzung.
Ungeachtet der Tatsache, dass die Band wohl gezwungen sein wird, sich eine völlig neue Fanbasis zu suchen – denn stilistisch unterscheiden sich die neuen Lillian Axe so stark von den alten, dass sich überhaupt die Frage stellt, ob es noch sinnvoll ist, alte Klassiker ins Konzertrepertoire aufzunehmen –, haben Lillian Axe die Transition sehr erfolgreich gemeistert. Den evolutionären Entwicklungspunkt ihrer persönlichen musikalischen Identität haben sie auf ein höheres Niveau gehoben: das Niveau von epischem Pomp, längeren, motivisch abwechslungsreichen Songs, die auf einer gestuften Steigerung der Atmosphäre aufbauen. Dabei gelingt es Lillian Axe effektiv, eine Note der Eklektizität einzubringen, die ihnen den Charme des Eigenständigen verleiht – und gleichzeitig haben sie eine entschieden „metallisierte“ Haltung beibehalten, die sogar den leicht „verwaschen abgemischten“ Riff-Sound der Produktion verträgt (dieser bildet die Grundlage der massiven Begleitwand im Hintergrund des Klangbilds). Lillian Axe sind düster, nicht so wie die rohen Holzfäller Manilla Road, aber in der Epik, die sie entwickeln, sehr nah an europäischen Ohren. Näher als so manche amerikanische Metal-Band. Hard Rocker, die für einen Hauch Eklektizismus bekannt sind und aus Europa kommen – etwa die neueren Ten –, und die neuen Lillian Axe treffen sich in ähnlichen Atmosphären.
Obwohl die Band mit Derrick LeFevre einen ausgesprochen gelungenen Ersatz für Ron Taylor gefunden hatte – was die ausgereifte Sensitivität, bereichert um eine Dimension der Leidenschaft, der Gesangsinterpretationen vor allem der akustischen Versionen der Lillian Axe-Klassiker auf „Deep Red Shadows“ belegt –, musste Derrick Lillian Axe verlassen. An seine Stelle trat der großartige Screamer Ronny Munroe (ex-Metal Church). Der blieb bei Lillian Axe allerdings nur kurze Zeit. Neuankömmling Brian C. Jones bringt der Band einen dunkleren Gesang mit, der sich hervorragend in einer Neo-Prog-Band vom Typ Arena machen würde, aber auch bei melodischen Rockern mit einem Hauch Eklektizismus wie Ten (z.B. ein Song voller vielfältiger Stimmungsübergänge wie Take The Bullet oder The Great Divide). Brian C. Jones ist also eine der Schlüsselfiguren bei der Verwirklichung der neuen musikalischen Vision von Steve Blaze. Sein vokales Chamäleon-Talent hat Jones damit effektiv in das neue Lillian Axe-Album eingebracht.
Auch die weicheren, intimeren Momente des Albums, wie der Song Bow Your Head, wirken beharrlich rockerisch, sind aber gleichzeitig saftig garniert mit dem organischen Übergang zwischen Akustik und Verzerrung, sogar mit Orchestrierungen. Das macht der Band, die auf diese Weise ihre einzigartige und unverwechselbare musikalische Spur noch weiter vertieft, keinerlei Schwierigkeiten! Das reift natürlich mit den Jahren. Einer der Schlüsselpunkte. Was dieses Album einzigartig macht, ist die Tatsache, dass sich die neuen Lillian Axe mehr als je zuvor den Details widmen. Deshalb trägt das schöne Songpaket einen Hauch unvorhersehbarer Entwicklung, während Blaze und seine Mitstreiter den roten Faden nicht verlieren. Die Songs behalten eine entschiedene Kompaktheit, sind aber gleichzeitig in der Verbindung von Motiven und verschiedenen Tempowechseln gerade genug aufgelockert, um die Fantasie des Hörers anzuregen und zum Drücken der „Wiederholen“-Taste am CD-Player einzuladen. Das ist also ein Album, an dem du noch eine Weile kauen wirst. Blaze beweist seine vielschichtige Qualität: sei es in der Tatsache, dass er mühelos blitzschnelle Arpeggioläufe abfeuert und im nächsten Moment den Hörer mit dem sanften Anschlag in akustischen Passagen wie Bow Your Head oder My Apologies verzaubert (die Atmosphäre wird auch durch den Einsatz des Stereo-Chorus-Effekts vertieft), oder das abschließende (Bonus-)halbakustische Instrumental Angels Among Us, das in einer eklektischen Mischung aus Hard Rock und „eighities“-Synthesizerattacken ausbricht.
Interessant ist die zweite Albumhälfte, wo die Band in den wütenden Caged In (als Radiosingle veröffentlicht), Lava On Your Tongue (erste Single des Albums) oder Soul Disease das Gaspedal durchtritt – Tracks, denen die Charakteristika des Alternative Metal anhaften. Die Atmosphärik bleibt erhalten, ein Hauch Epik der ersten Albumhälfte wird jedoch geopfert. Doch auch in diesen Tracks bleibt die Wiedererkennbarkeit der neuen Lillian Axe gewahrt.
Einst ein Glam-Party-Band, heute eklektische Rocker. So verlief die Entwicklung von Lillian Axe. Die heutigen Lillian Axe haben herzlich wenig, wenn nicht gar nichts gemein mit den ersten vier Alben. Auch Lillian Axe stellten ihre Aktivitäten Mitte der Neunziger ein (keine besondere Neuigkeit für eine Glam-Band, oder?) erwachten um die Jahrtausendwende mit einigen sporadischen Auftritten und einem Livealbum wieder auf, verschwanden erneut von der Bildfläche, um 2007 endlich mit dem Album „Water Rising“ unter die Lebenden zurückzukehren – wo die stilistische Transition der Band eigentlich klar einsetzte. Das hier ist eine neue Band, mit einem neuen, ihr ureigenen authentischen Stil, der voll überzeugt. Sie wird sowohl jenen gefallen, die das „Ungewöhnliche“ suchen, jenen, die ein hervorragendes Gespür für Arrangements und melodische Rhetorik schätzen, als auch jenen, die packende vielfältige Stimmungslagen einfordern. Ein Album, dem es sich absolut lohnt, Aufmerksamkeit zu schenken! Wer seine musikalische Botschaft begreift, wird reich belohnt! Da bleibt uns nur noch zu sagen: „Lillian Axe rock“.
Besetzung
Brian C. Jones – Gesang
Steve Blaze – Gitarre
Sam Poitevent – Gitarre
Eric Morris – Bassgitarre
Ken Koudelka – Schlagzeug
Produktion
Sylvia Massy
Trackliste
1. Babylon
2. Death Comes Tomorrow
3. Gather Up The Snow
4. The Great Divide
5. Take The Bullet
6. Bow Your Head
7. Caged In
8. Soul Disease
9. Lava On My Tongue
10. My Apologies
11. Angels Among Us*
*…. Bonustrack für den europäischen Markt