X

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Spock's Beard
Label: Mascot Records
Veröffentlichung: 2010
Spielzeit: 79:46
Wertung: 4.5/5

Die amerikanischen Meister des Prog-Rock-Revivalismus Spock’s Beard sind mit einem weiteren Album zurückgekehrt, mit dem sie auch acht Jahre nach dem Abgang von Mitgründer und kreativem Kopf Neal Morse bestätigt haben, dass sie auf dem Gebiet des melodisch geprägten Progressive Rock nach wie vor souverän den Ton angeben – eines Progressive Rock, der sich vor allem an den besten Elementen herzberührender lyrischer Expressivität, der Farbenpracht grandioser sinfonischer Arrangements und der außergewöhnlichen technischen Versiertheit der einzelnen Bandmitglieder nährt. „X“ ist,  wie sein Titel schon verrät, ihr zehntes Studioalbum und zugleich das erste, dessen Veröffentlichung nach der alten Praxis der legendären Prog-Rock-„Vettern“ Marillion mithilfe von Vorbestellungen treuer Fans finanziert wurde. Ihre Namen sind in der Sonderausgabe des Albums und innerhalb des Songs „Their Names Escape Me“ verewigt. Das ist freilich eine reine Randnotiz, die mit dem musikalischen Bild der Platte nichts zu tun hat – die sich einmal mehr auf dem Niveau der besten Ära mit Neal Morse an der Spitze bewegt.

Dessen Name wird künftig wohl immer seltener im Zusammenhang mit seiner ehemaligen Band fallen, denn Spock’s Beard haben mit Nick D’Virgilio in der Doppelrolle als Leadsänger, Schlagzeuger und Hilfsgitarrist nach dem Qualitätseinbruch mit  „Octane“ (2005) bereits mit dem exzellenten Vorgänger „Spock’s Beard“ (2006) bewiesen, dass sie nach wie vor Meisterwerke schaffen können. „X“ hat diese Position nicht nur gefestigt, sondern den Reifegrad der Band nochmals eine Stufe nach oben gehoben und angedeutet, dass die Spockbärtigen – wenn sie auch künftig in diesem Tempo weitermachen – bald die Ära von der Bandgründung bis zum Album „Snow“ (2002) übertreffen werden, die nach wie vor als ihre stärkste gilt.

„X“ beweist, dass den Jungs beim Komponieren so schnell weder die Fantasie noch die verrückten Ideen noch die klingenden Spielereien ausgehen – genau das, was wir im modernen Progressive Rock so oft vermissen. Das Album bringt darüber hinaus eine völlig unerwartete Frische mit. Nick D’Virgilio hat neben dem konstant herausragenden Schlagzeugspiel auch seine bisher beste Gesangsform erreicht, während seine Drumkünste und die instrumentalen Fähigkeiten der übrigen drei „Leidensgenossen“ wie immer ein echtes Ohrenvergnügen sind. Es sei gesagt, dass „X“ atmosphärisch eine Spur düsterer und etwas „geerdeter“ ausgefallen ist als man es von den Spockbärtigen gewohnt ist – und damit ganz sicher all jenen gefallen wird, die des Predigens in der „grünen Sprache“ und des ewigen Frohsinns der schwedischen Prog-Szene mit Bands wie The Flower Kings und Kaipa überdrüssig sind.

Spock’s Beard unterscheiden sich von den meisten anderen Prog-Rock-Revivalisten – vor allem jenen der skandinavischen Schule, die in den Neunzigern als Antwort auf den chronischen Mangel an Bands mit echtem Progressive-Rock-Erbe auftauchten – vor allem dadurch, dass nahezu alle ihre Kompositionen Seele und Herz haben und dass ihnen die Begriffe steril und langweilig schlicht fremd sind. Dabei ist stets auch die außergewöhnliche Verbundenheit, Vertrautheit und kreative Chemie zwischen den Bandmitgliedern spürbar. So finden sich auf dem Album etwa zwei Kompositionen von über 16 Minuten, „From the Darkness“ und „Jaws of Heaven“ – waschechte Prog-Rock-Epen, die dank der überzeugenden Verwebung außergewöhnlicher Vokalharmonien, der Melodik der einzelnen Arrangements und der solistischen Pirouetten verfliegen wie im Nu. Beide genannten Kompositionen sind gleichzeitig auch die Highlights des Albums. Während das geheimnisvolle und stellenweise leicht düstere „From the Darkness“ moderne Produktion mit mitreißenden Soli, wuchtigen Basslinien und saftigen Arrangements erfolgreich verbindet (besonders begeistert das „Queen-eske“ Finale), ruft „Jaws of Heaven“ die besten Zeiten des symphonischen Prog Rock in Erinnerung.

Der mit allen Wassern gewaschene Keyboarder Ryo Okumoto greift hemmungslos auf das legendäre Mellotron zurück und brilliert mit mehrschichtigen orchestralen Arrangements, an denen es auf dem Album nicht mangelt. Für letztere zeichnen Gastmusiker an Bläsern und Streichern verantwortlich, was bedeutet, dass der Orchestersound vollständig organisch ist. In diese Kategorie fällt „The Emperor’s Clothes“, eine der schönsten Überraschungen auf dem Album, wo im Eröffnungsteil mit barocken Bläserarrangements überrascht wird. Das jazzfusionartig angehauchte Instrumental „Kamikaze“ – die kürzeste Schöpfung auf dem Album – ist eine einzigartige Bühne für Okumotosche Soloausbrüche, die im Zusammenspiel mit den bravourösen Gitarreneskapaden von Alan Morse eine regelrechte epische Schlacht ergeben. Alle Verehrer legendärer Keyboards wie Mini Moog und Hammond-Orgel werden beim Hören voll auf ihre Kosten kommen.

Gleichzeitig vermeiden die Spockbärtigen eifrig ausufernde Improvisationen, die die melodische Struktur der einzelnen Kompositionen aufbrechen könnten. „The Quiet House“ ist ein schönes Beispiel für Neo-Prog-Rock-Epik, die dank romantischer Vokalharmonien und Synthesizer-Klängen sogar einen Hauch Achtziger-Charme in sich trägt. Äußerst willkommen und geradezu überraschend ist auch die vollständige Abwesenheit balladesker Momente, in die die Spockbärtigen in der Vergangenheit allzu gerne in schmalzige Ausbrüche typisch amerikanischer Gefühlsduselei abgeglitten sind. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: In ihren Texten bleiben sie nach wie vor ewige Optimisten, aber vom bodenständigen Schlag mit Gespür für die sozialen Probleme unserer Zeit – während das metaphysische Predigen sie lieber dem ehemaligen Kameraden und seiner Solokarriere überlassen haben.

Nachdem es schon so schien, als würden sie nach dem exzellenten Vorgängeralbum kaum etwas Vergleichbares nachlegen können, haben Spock’s Beard mit „X“ eines ihrer reifsten Werke geschaffen, das sich mühelos sogar mit den besten Errungenschaften der Neal-Morse-Ära wie „V“ (2000) und „Snow“ messen kann – und zweifellos das bisher stärkste Album der D’Virgilio-Ära ist. Das Album ist auch als Ganzes geradezu unverschämt eingängig – eine Leistung, die in der Regel nur den Besten gelingt. Diesmal haben sie sich bei den meisten Tracks für eine nahezu vollständige Rückkehr zu den Wurzeln des Progressive Rock der Siebziger entschieden – ohne längere Hard-Rock- oder Pop-Experimente, derer sie sich in der Vergangenheit so gerne bedienten, und das hat sich reichlich ausgezahlt. Ein großes Verdienst daran hat auch die hervorragende Eigenproduktion aller Bandmitglieder, durch die sie eine äußerst gelungene Brücke zwischen alten und modernen Klangnuancen geschaffen haben. Die einzige Kritik gilt (mal wieder!) dem Albumtitel, bei dem sie ruhig etwas mehr Kreativität hätten zeigen können, während auch das diesmalige Cover nichts Besonderes ist.

Besetzung

Nick D’Virgilio – Leadgesang, Schlagzeug, Rhythmusgitarre
Alan Morse – Gitarre, Backgroundgesang
Ryo Okumoto – Keyboards
Dave Meros – Bassgitarre, Backgroundgesang, Background-Keyboards

GASTMUSIKER:
John Boegehold – Background-Keyboards
Jimmy Keegan – Backgroundgesang
Danielle Ondarza – Waldhorn
Denis Jiron – Posaune, Bassposaune
Eric Gorfain – Violine
Daphne Chen – Violine
Lauren Chipman – Viola
Richard Dodd – Cello

Produktion

Spock’s Beard

Trackliste

1. Edge of the In-Between (10:30)
2. The Emperor’s Clothes (5:52)
3. Kamikaze (3:50)
4. From the Darkness (16:36)
— a. The Darkness
— b. Chance Meeting
— c. On My Own
— d. Start Over Again
5. The Quiet House (9:03)
6. Their Names Escape Me (8:57)
7. The Man Behind the Curtain (7:46)
8. Jaws of Heaven (16:22)
— a. Homesick for the Ashes
— b. Words of War
— c. Deep in the Wondering
— d. Whole Again

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