Wish You Were Here
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Pink Floyd
Label: EMI Records
Veröffentlichung: 1975
Laufzeit: 44:28
Bewertung: 5/5
Pink Floyd befanden sich nach der Veröffentlichung ihres zeitlosen Meisterwerks „Dark Side Of The Moon“ (1973) auf einem unaufhaltsamen Vormarsch, und es war nur eine Frage der Zeit, wann sie souverän den Thron des Progressive Rock besteigen würden. Für diesen triumphalen Schritt sorgte das nächste konzeptuelle Kunstwerk mit dem Titel „Wish You Were Here“, das seinen fantastischen Vorgänger in manchem künstlerischen Detail sogar übertroffen hat. Ich übertreibe kein bisschen, wenn ich es als ihr reifstes Werk bezeichne, mit dem dieses legendäre britische Progressive-Rock-Kollektiv einen weiteren Meilenstein in der Geschichte der Popmusik gesetzt hat. Jeder Musikgourmet spricht noch heute ausschließlich mit größtem Respekt darüber.
Zur Zeit der Entstehung von „Wish You Were Here“ erinnerten sich nur noch wenige – außer den treuesten Fans, die von Anfang an dabei gewesen waren – an ihr ursprüngliches Image als kultische, aber obskure Pioniere des Psychedelic Rock und der Avantgarde aus der zweiten Hälfte der 60er-Jahre, denn sie hatten sich mittlerweile zu einer der klanglich ausgefeiltesten und angesehensten Rockbands der 70er entwickelt. Genau zu dem Zeitpunkt, als sie sich bereits ausgiebig in der Sonne der weltweiten Popularität sonnten und mit ihren Plattenverkäufen Rekordauflagen erlebten, ereignete sich ein unerwartetes Vorkommnis, das mit der Vergangenheit der Band zusammenhing und maßgeblich zur Gestaltung des Klangs und des Konzepts dieses Albums beitrug.
Während der Aufnahmen tauchte im Studio plötzlich eine groteske und völlig unkenntliche Gestalt auf, die einer längst vergangenen, schon lang vergessenen Vergangenheit zu entstammen schien. Wer von den Bandmitgliedern hätte in dem dicken Mann mit rasiertem Kopf und rasierten Augenbrauen, der sich mit einer Zahnbürste kratzte, wild herumhüpfte und dabei unartikulierte Laute von sich gab, ihren tragischen ehemaligen Musikgefährten Syd Barrett erkannt?
Syd, ihr ursprünglicher Gitarrist, Sänger und Haupttexter, von dem viele bis heute überzeugt sind, dass er einer der talentiertesten Musiker der 60er-Jahre war – ein sogenannter „ungeschliffener Diamant“ –, bleibt eine der tragischsten Figuren in der Geschichte der Popmusik. Nachdem er in ihren Anfängen der wichtigste Visionär und künstlerische Kopf der Band gewesen war, verhinderten seine psychischen Probleme, die sich durch den Konsum verschiedener psychedelischer Drogen noch verschlimmerten, die Fortsetzung seiner musikalischen Laufbahn.
Nach seinem Ausstieg aus der Band, dem eine kurze und erfolglose Solokarriere folgte, beendete er sein musikalisches Schaffen für immer und widmete sich später, unter der Obhut seiner Schwester, der Amateurmalerei. Sein psychischer Zustand variierte seither häufig zwischen dem, was „Experten“ als völlig normal bezeichnen würden, und offener Schizophrenie. Nicht wenige zweifeln an seinem „Wahnsinn“ und sind überzeugt, dass er auf diese Weise nur dem Druck des unerwarteten Ruhms und den Erwartungen der Musikindustrie entfliehen wollte. Offensichtlich wird der legendäre Künstler für immer ein großes Rätsel bleiben, um das sich weiterhin zahlreiche Legenden ranken werden.
Alle vier ehemaligen Musikgefährten brauchten eine ganze Weile, bevor sie ihn schließlich erkannten. Bei dieser schockierenden Begegnung kamen sowohl Dave Gilmour, der als Syds Ersatz zur Band gestoßen war, als auch Roger Waters, seinem ehemaligen besten Freund, die Tränen. Tief erschüttert waren auch der Keyboarder Richard Wright und Schlagzeuger Nick Mason. Am selben Tag fand, natürlich völlig zufällig, auch Gilmours Hochzeit statt, bei der Syd plötzlich verschwand und seitdem nie wieder in der Öffentlichkeit auftauchte. Das Erschütterndste an alledem ist jedoch die Tatsache, dass dies Syds letztes Treffen mit seinen ehemaligen Gefährten vor seinem Tod im Jahr 2006 war.
Diese erschütternde Begegnung spielte eine Schlüsselrolle dabei, dass „Wish You Were“ weitaus größere Dimensionen annahm, als viele erwartet hatten. Am Ende wurde es viel mehr als nur ein weiteres erstklassiges Konzeptalbum, denn es entwickelte sich gleichzeitig zu einer dramatischen und zutiefst bewegenden Widmung der Bandmitglieder an ihren tragischen Gefährten. Das Album klingt nach seinem Tod noch trauriger als je zuvor, wenn das überhaupt möglich ist. Seinem Andenken widmeten sie auch das zentrale Werk des Albums, „Shine On You Crazy Diamond“, eine fantastische epische Suite aus neun Abschnitten, die in zwei Hälften unterteilt sind (am Anfang und am Ende des Albums). Nach Ansicht vieler Fans ist es sogar ihr insgesamt bestes Werk, mit dem sich nur das unvergessliche „Echoes“ messen kann. Ironie und tragische Symbolik enden damit aber noch nicht: Syd tauchte genau während der Entstehung dieser monumentalen Komposition im Studio auf.
Die dramatische Hymne über den Aufstieg und Fall des „verrückten Diamanten“ ist der wesentliche, aber bei weitem nicht einzige konzeptuelle Faden des Albums. „Wish You Were Here“ ist auch in anderer Hinsicht kein gewöhnliches Konzeptalbum, das sich um ein zentrales Thema oder eine Geschichte mit Verwicklung und Ende dreht, sondern eine Sammlung miteinander verbundener und recht tiefgründiger Lebensbotschaften. Diese vereint eine gemeinsame lyrische Thematik, die sich auf die Einsamkeit, das Unverstandensein und das Gefangensein eines begabten Individuums in der modernen technokratischen und materialistischen Gesellschaft bezieht, die Mittelmäßigkeit, Gier und Heuchelei verherrlicht.
Aus Sicht der Band handelt es sich gleichzeitig um eine ziemlich beißende Kritik an der Korruption der damaligen Musikindustrie, der Geld wichtiger war als die Qualität künstlerischer Leistungen (davon handeln die Songs „Welcome To The Machine“ und „Have a Cigar“). Deren Unmenschlichkeit hatten die Bandmitglieder oft genug am eigenen Leib zu spüren bekommen. Vor allem Waters wurde deshalb mit den Jahren immer enttäuschter und verbitterter. Das führte schließlich zu seiner späteren Entfremdung von den übrigen Bandmitgliedern und würzte seinen wachsenden lyrischen Zynismus zusätzlich.
Die lyrische Botschaft der zeitlosen Titelballade ist derweil eines der schönsten musikalischen Bekenntnisse über Einsamkeit und die Unfähigkeit zur Annäherung zwischen zwei Menschen, zwischen denen unter anderen (gesellschaftlichen) Umständen auch „etwas mehr“ hätte entstehen können. Sie bezieht sich hervorragend auch auf das Wiederaufleben von Erinnerungen an eine verlorene Freundschaft oder Liebe – eine Thematik, zu der die Band auch in den Folgejahren immer wieder zurückkehrte.
Das Album war ursprünglich als Sammlung einzelner Werke gedacht. Für ein solches Projekt war Gilmour am enthusiastischsten, doch auf Waters‘ Initiative setzte sich am Ende die Konzept-Idee durch. Das sorgte dafür, dass ein erster Riss in der Beziehung zwischen Waters und Gilmour entstand, der mit den Jahren zu einem regelrechten Abgrund und einem Zustand wurde, in dem sie schlicht nicht mehr miteinander kommunizierten – und das nicht nur auf musikalischer Ebene.
Dabei durchzieht das Album durchgehend eine außerordentlich melancholische Atmosphäre, die hervorragend zu Waters‘ erschütternden lyrischen Botschaften über Entfremdung und Einsamkeit in einem sterilen Gesellschaftssystem passt, das Menschen trennt statt sie zu verbinden. Es ist geradezu ironisch, dass die Bandmitglieder, die während der Aufnahmen – vor allem aufgrund des unerwarteten, überwältigenden Erfolgs des vorherigen Albums – emotional fast völlig erschöpft und ziemlich voneinander entfremdet waren, am Ende dennoch ihr emotional reifstes Werk geschaffen haben.
Das klassische Pink Floyd Kollektiv bewies einmal mehr, dass sie unerreichte Meister darin sind, erschütternde emotionale Landschaften zu erschaffen, durch die sie den Hörer mühelos in sonst unerreichbare Sphären seines Bewusstseins führen. Die einzelnen musikalischen Motive sind das Produkt einer unglaublichen Magie, die vor allem durch Gilmours charakteristische, melancholische und feinfühlige Slide-Gitarren-Soli, das Zusammenspiel von Waters‘ gesellschaftsbewussten Texten und die dramatischen Kontraste ihrer beider Vocals entsteht. Eine sehr wichtige Rolle spielen, wie immer, auch Wrights Meisterleistungen an den Synthesizern, vor allem am VCS3 Synthesizer, Mini Moog und der Hammond-Orgel, die im Hintergrund erschütternde und ätherische symphonische Klangteppiche liefern.
Pink Floyd gelang es auch diesmal auf außergewöhnliche Weise, die verschiedenen Stile der einzelnen Instrumentalisten und die musikalischen Einflüsse aus ihrer reichen musikalischen Vergangenheit zum Inbegriff der Perfektion zu vereinen. Neben der Palette atmosphärischer Keyboard-Teppiche, die durchgehend für außerordentliche Esoterik sorgen, und Gilmours unverwechselbaren, meist blues-orientierten Gitarrenpassagen, fand sich auch Platz für ausgedehnte Saxophon-Soli, die erneut das Werk des Gastmusikers Dick Parry waren. Auf dem Album sind auch einige kleinere Experimente mit Jazz Fusion und akustischer Pastorale zu finden, wie sie auf einigen ihrer älteren Werke präsent war. Letztere verleiht ihm eine zusätzliche Portion nostalgischen Pathos, der sich ohnehin durch die meisten Kompositionen zieht.
Der monumentale Albumeinstieg mit „Shine On You Crazy Diamond (Part One)“, dem ersten Teil des unvergesslichen epischen Meisterwerks, das dem Andenken an das unverstanden gebliebene Genie des „verrückten Diamanten“ gewidmet ist, ist jenes Kunstwerk, das bis heute als eine der größten Errungenschaften in den Annalen des Progressive Rock gilt. Allein die Art, wie sie einzelne musikalische Motive so raffiniert hinzufügen und nach und nach eine erschütternde, melancholische Atmosphäre weben, ist Grund genug für eine vollständige emotionale und spirituelle Ekstase.
Den ersten Abschnitt kündigt ein ambienter Einleitungsteil an, der sich mit den melancholischen Klangteppichen von Wrights Synthesizern öffnet. Diese machen im weiteren Verlauf kürzeren Hammond-Orgel-Passagen Platz, während im Hintergrund zahlreiche Synthesizer-Effekte präsent sind. Nach und nach setzt Gilmours weinendes Slide-Gitarren-Solo ein, unter ausgiebigem Einsatz verschiedener Gitarreneffekte. Dieses nimmt epische Ausmaße an und potenziert die melancholische Stimmung noch weiter. Dann bricht plötzlich ein geheimnisvolles Motiv herein, das sich durch den gesamten dritten Abschnitt noch mehrmals wiederholt. Gilmour spart auch im weiteren Verlauf nicht mit seinen Kräften und bringt noch ein weiteres, üppiges und außerordentlich subtiles Gitarrensolo, das einem sofort ans Herz greift. Schließlich setzt auch Nicks Schlagzeug ein, woraufhin sich das gemächliche Tempo des Stücks über dramatische Riffs etwas beschleunigt.
Damit macht es dem zentralen, monumentalen Motiv der gesamten Suite Platz, das Syds tragische Geschichte vor dem inneren Auge in einem Augenblick zeichnet. Im vierten Abschnitt begeistert vor allem Wrights Solo am Mini Moog und das dritte Gitarrensolo von Gilmour, das diesmal etwas bluesiger gewürzt ist. Im fünften Abschnitt setzt Waters‘ Gesang ein, während ihn Gilmour, Wright und die Gastsängerinnen in den Refrains auf dramatische Weise mit Vokalharmonien begleiten. Nach dem vorzüglichen, herzzerreißenden Gesangsvortrag treten duale Gitarrenharmonien in den Vordergrund, die durchgehend dasselbe Riff wiederholen. Die ohnehin schon außerordentlich weiten künstlerischen Dimensionen dieser phänomenalen Komposition werden zusätzlich durch Parrys Soli auf Bariton- und Tenorsaxophon aufgewertet, die der Komposition auch etwas Jazz-Charme verleihen. Zusammen mit Synthesizer-Soli und auf den Schwingen von Gilmours Arpeggios endet der erste Teil dieses epischen Meisterwerks unvermittelt.
Das Album wechselt über mechanische Geräusche direkt in das düstere und ziemlich schizoide Meisterwerk „Welcome To The Machine“, das Sinnbild von Waters‘ musikalisch-lyrischem Genie. Es handelt sich um einen scharfen Angriff auf die Musikindustrie, der Geldgier wichtiger ist als die Förderung musikalischer Entwicklung und vollständiger künstlerischer Freiheit. Gleichzeitig strahlt es die offen ablehnende Haltung der Band gegenüber der modernen technokratischen und entmenschlichten Welt aus. Nicht nur im lyrischen, sondern auch im musikalischen Sinne handelt es sich um eine ihrer besten und tiefgründigsten Schöpfungen, die mit ihrer Dramatik und der Metaphorik des ohnmächtigen Rufs nach Freiheit für alle Zeiten aktuell bleibt.
Pink Floyd beweisen hier einmal mehr, dass sie große Innovatoren und Experimentalisten im Bereich der fortschrittlichen Musiktechnologien ihrer Zeit sind. Durch den gesamten Song hindurch setzen sie eine bunte Palette bearbeiteter Effekte ein, hauptsächlich auf VCS 3 Synthesizern. Nach repetitiven Effekten, die Klangechos erzeugen, tritt Gilmour mit seinem gequälten Gesang auf. In ihm spürt man die vollständige Resigniertheit jemandes, der der technokratischen Vorherrschaft erlegen ist und nur noch als Stimme eines Rufers in der synthetisch verarbeiteten Wüste agiert. Der erschütternde Text ist diesmal ohne Waters‘ üblichen Sarkasmus. Dramatische Passagen auf der Akustikgitarre, unterstützt durch mehrschichtige Synthesizer-Texturen und ein ganzes Meer von melancholischen Effekten, schaffen eine außerordentlich düstere und traurige, fast schon depressive Atmosphäre, wie nur sie sie erschaffen konnten und die Waters auf ihren zukünftigen Werken noch weiter steigern sollte.
Über spezielle Effekte, die an Sirenengeräusche erinnern, brechen Aufnahmen lauter Gespräche herein. Es folgt ein direkter Übergang in das großartige „Have a Cigar“, ein weiteres kompositorisches und lyrisches Kleinod von Waters, bei dem der populäre britische Folk-Sänger Roy Harper den Hauptgesang übernimmt. Auch hier handelt es sich um eine weitere kompromisslose Entblößung der Heuchelei der Musikindustrie, diesmal allerdings auf Waters‘ etwas typischere, sarkastische Art. Der Text wurde zusätzlich durch unangenehme Vorkommnisse mit einigen Männern aus der Musikindustrie angeregt, die bis dahin häufig davon ausgegangen waren, Pink Floyd sei eine Solo-Band mit einem Sänger namens Pink.
Die Komposition ist gesanglich einer der seltenen Momente in ihrer Geschichte, in dem kein Bandmitglied am Gesang beteiligt ist. Waters soll es partout nicht gelungen sein, die gewünschten hohen Lagen zu treffen, wobei er sich dabei fast seine Stimmbänder verletzte. Es war daher ein echtes Glück, dass Harper sich zufällig in der Nähe des Studios befand, der sogar eine ähnliche Stimmfarbe hatte und so hervorragende Arbeit leistete. Seine dramatische, sarkastisch gewürzte Vokalexpression ist nämlich der Kern dieses erstklassigen Songs. Im Vergleich zu den anderen Kompositionen auf dem Album basiert „Have a Cigar“ auf einer deutlich geradlinigeren und kompakteren Rocker-Grundlage, in der feurige Riffs auf E-Gitarre und Bass im Vordergrund stehen. Letztere werden durch wellenartige Texturen auf Synthesizern und elektrischem Klavier ergänzt. Das Ganze schließt mit einem weiteren vorzüglichen Gitarrensolo von Gilmour, das von merkwürdigen Synthesizer-Effekten durchbrochen wird.
Nach einem kurzen Interludium, das wie eine Collage aus Ausschnitten verschiedener Radiosender klingt, folgt das bekannteste Werk des gesamten Albums und eines der bekanntesten Werke der Band überhaupt. Die Rede ist natürlich von der unsterblichen Akustikballade „Wish You Were Here“, die für einen seltenen Moment des Lichts, der Hoffnung und des Optimismus sorgt, obwohl auch hier außergewöhnliche Melancholie und Waters‘ lyrische Resigniertheit überwiegen. Der Text handelt von menschlicher Entfremdung und der Unfähigkeit zur normalen zwischenmenschlichen Kommunikation in der modernen, materiell gesättigten und kranken kapitalistischen Welt. Gleichzeitig ist es eine weitere rührende Widmung an den „verrückten Diamanten“, der selbst nach seinem Tod unverstanden bleibt.
Abgesehen vom ziemlich traurigen Text handelt es sich um eine ihrer schönsten Balladen, vor allem dank Gilmours außergewöhnlichem Gesangs- und Instrumentalvortrag. Sein Erschaffen einer sanften und hypnotischen pastoralen Melodie auf der Akustikgitarre durch das Legen geschmackvoller Riffs – ganz zu schweigen von dem farbenprächtigen Solo – kann selbst das härteste Herz erweichen. Die unglaubliche Wärme und Melodie seiner Stimme ist es, womit er hier endgültig die Herzen all jener Fans der Band erobert hat, denen gefühlsbeladene romantische Arrangements lieber sind als die häufig graue existentialistische Philosophie in Waters‘ künstlerischer Linie. Romantik, Nostalgie und Ätherisches werden zusätzlich durch Wrights Passagen am Mini Moog und Klavier gewürzt.
Der unsterbliche Akustikklassiker endet mit dem Rauschen des Windes (Effekte am VCS 3 Synthesizer) und einem Übergang – besser gesagt einer Rückkehr und Fortsetzung – zur fantastischen epischen Suite und dem zentralen Werk des Albums. Den fünften Abschnitt von „Shine On You Crazy Diamond (Part Two)“ eröffnen klirrende Bassriffs und melancholische Synthesizer-Passagen. Nachdem Gilmours Gitarre den Rhythmus aufrechthält, mündet alles in ein weiteres subtiles Steel-Guitar-Solo, unterstützt von erschütternden Mini-Moog-Klängen im Hintergrund. Im siebten Abschnitt setzt erneut das identische, aber verkürzte Motiv aus dem fünften Abschnitt ein – jener erschütternde Refrain, der auf Waters‘ Gesang mit begleitenden Vokalharmonien aufgebaut ist. Der achte Abschnitt ist auf einem Wechselspiel subtiler Riffs auf der E-Gitarre und klirrendem Bass aufgebaut, während zwischendurch verspielte Synthesizer-Passagen umherstreifen. Der abschließende Abschnitt ist der erschütterndste von allen Teilen der Suite, denn er klingt wie ein Trauermarsch mit dramatischer Steigerung auf Schlagzeug und Keyboards. Im Ausklang des Stücks ist, über immer entferntere Synthesizer-Wellen, ein kurzer Ausschnitt der zentralen Melodie aus „See Emily Play“, einem von Syds Markenzeichen-Songs, zu hören.
»Wish You Were Here« ist nicht nur eine der größten Errungenschaften in der Geschichte der Band, sondern eine der größten Errungenschaften der modernen Musikkunst, die in den Annalen des Progressive Rock bis heute mit unvermindeter Strahlkraft leuchtet. Pink Floyd gelang es, ein weiteres musikalisches Kunstwerk zu schaffen, das gleichzeitig eine der schönsten musikalischen Widmungen an ein menschliches Wesen ist. Damit haben Pink Floyd meiner Meinung nach den Höhepunkt ihrer klassischen Ära erreicht, denn durch die zeitlose Aktualität und Menschlichkeit seiner musikalisch-lyrischen Botschaften schufen sie ihr reifstes und vollständigstes Werk, auf dem sie noch als geschlossenes musikalisches Kollektiv agierten. Damit war leider in den Folgejahren Schluss, die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Mitgliedern wurden immer größer, und Waters übernahm schließlich die vollständige künstlerische Kontrolle. Das führte sie in noch gesellschaftlich engagiertere, zynischere und dunklere Gewässer, die ihre nächsten konzeptuellen Meisterwerke verkörpern. Immer stärker begann sich auch der Keim der zerrütteten Beziehung zwischen Gilmour und Waters zu entfalten. Bei einer Band, die so viele herausragende Alben aneinandergereiht hat, fällt es sehr schwer zu entscheiden, welches ihr bestes Werk ist, aber wenn ich meinen persönlichen Favoriten wählen müsste, ist es mit Sicherheit „Wish You Were Here“. Dank ihm wird der Geist des „verrückten Diamanten“ weiterhin in unvermindeter Herrlichkeit leuchten.
Besetzung
David Gilmour – Gitarre, Gesang
Roger Waters – Bassgitarre, Gesang
Richard Wright – Keyboards, Hintergrundgesang
Nick Mason – Schlagzeug, Perkussion
GASTMUSIKER:
Dick Parry – Bariton- und Tenorsaxophon
Carlena Williams – Hintergrundgesang
Venetta Fields – Hintergrundgesang
Produktion
Pink Floyd
Trackliste
1. Shine On You Crazy Diamond (Part One) (1-5)2. Welcome To The Machine
3. Have A Cigar
4. Wish You Were Here
5. Shine On You Crazy Diamond (Part Two) (6-9)