White Feathers

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Kajagoogoo
Label: EMI Records
Erschienen: 1983
Laufzeit: 34:53
Wertung: 2.5/5

Kajagoogoo waren zweifellos eine der ungewöhnlichsten Bands der New-Wave-Bewegung der Achtzigerjahre. Mit ihren, nach heutigen Maßstäben fast grotesken Frisuren und bunten Hemden vermittelten sie den Eindruck einer typischen Achtziger-„Boyband“, von denen es damals in der Popwelt nur so wimmelte und die die sexuellen Fantasien der Teenager-Mädchen jener Zeit anheizten – doch war  dieser Eindruck trügerisch, denn hinter der „Plastikfassade“ einer Instant-Popformation verbarg sich eine Gruppe von Musikern mit einem außergewöhnlichen Gespür für hypnotische Hits und für die Komposition ungewöhnlich ausgefeilter Stücke mit deutlich spürbarer Art-Rock-Komponente. Angesichts ihrer Wurzeln in der instrumentalen Avantgarde-Rock-Band Art Noveau ist das keine allzu große Überraschung. Allerdings wird ihr experimentellerer Charakter erst etwas später wirklich wahrnehmbar, als die Original-Version von Kajagoogoo bereits der Vergangenheit angehörte.

In ihrer Original-Besetzung – für die meisten Fans bis heute die beliebteste – hatte Kajagoogoo den charismatischen Limahl (bürgerlicher Name: Christopher Hamill) als Leadsänger, der nach seinem Abgang in die Solokarriere sofort mit dem Evergreen »The NeverEnding Story« berühmt wurde – aber das ist eine andere Geschichte. Der multitalentierte Bassist und Chapman-Stick-Spieler Nick Beggs, der nach Limahls Abgang – kurz nach dem Erscheinen des Kajagoogoo-Debüts »White Feathers« – das Hauptmikrofon übernahm, war ebenfalls ein hervorragender Sänger, nach Meinung mancher Fans sogar besser als sein bekannterer Kollege. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass Beggs von Herz und Seele ein Art-Rocker war und zum Popmusiker eher durch die Umstände der damaligen Zeit wurde. Auf dem Kajagoogoo-Debüt, produziert vom Duran-Duran-Keyboarder Nick Rhodes und Colin Thurston, übernahm er „lediglich“ die instrumentale Rolle und half Limahl gelegentlich mit Backing-Vokalharmonien, während sich die beiden „Peroxid-Kanarienvögel“ die Songwriting-Credits entsprechend aufteilten.

Limahls Truppe stürmte sofort die Radio-Charts mit dem Megahit und Leadsingle des Albums, »Too Shy«, bei weitem dem bekanntesten Stück auf »White Feathers«. Bis heute ist es ihr einziger großer Hit auf der anderen Seite des Atlantiks. Darin haben die Bandmitglieder unter der genialen Regie von Rhodes und Thurston den Synthpop-Sound der Achtziger voll ausgeschöpft und trotz der „heiligen Einfachheit“ der fast disco-orientierten Rhythmik einen ungemein unterhaltsamen Pop-Rocker mit einem ausgesprochen eingängigen Refrain erschaffen. Die übrigen Stücke auf »White Feathers« erreichen leider irgendwie nicht die Raffinesse dieses Hits.

Abgesehen von wenigen lichten Ausnahmen – wie etwa dem Titeltrack »White Feathers«, der in seiner rhythmischen Grundhaltung und seinem Hauptarrangement an einige schlichtere Werke von Japan erinnert – leiden die einzelnen Kompositionen unter den typischen Anfängerproblemen einer jungen Band voller brennendem Elan, die allzu sehr auf synthetische Rhythmen und beinahe banale Texte schwor. Letztere waren zweifellos einer der schwächsten Punkte der Original-Version von Kajagoogoo. Das alles konnten Limahls charismatischer Gesang und Beggs‘ technisch hochkarätiges Spiel auf Chapman Stick und Bassgitarre – die „Hauptwaffen“ der Band – nicht retten, während Gitarrist Steve Askew inmitten der ganzen rhythmischen Synthetics von Keyboarder Stuart Croxford Neale und Schlagzeuger Jez Strode kaum wahrnehmbar blieb. Ein typisches Beispiel für ein Stück, das viel verspricht, aber bald in den schlimmsten elektronischen Synthetics der Achtziger versinkt, ist »Lies And Promises«. Auch »Magician Man«, das interessante Vokallinien enthält, hinterlässt irgendwie den Eindruck des Unfertigen, obwohl die Bandmitglieder im kurzen Instrumental-Part beweisen, dass damals schon ein außergewöhnliches, ungenutztes Potenzial in ihnen steckte.

Von einem Stück, das den Bandnamen trägt, würde der durchschnittliche Hörer normalerweise viel erwarten – doch »Kajagoogoo« ist eines der banalsten Synthpop-Gebilde der Achtziger, in dem man bei den rhythmischen Nuancen, besonders was den Bass betrifft, auch Jazz-Einflüsse erahnen kann: ein so seltsam bizarres Experiment, dass es schon wieder amüsant ist. Mit »Ooh to Be Ah«, einem weiteren Hitversuch, wollte die Band die Ambient-Stimmung von »Too Shy« einfangen, doch das Ganze scheiterte gehörig – strukturell erinnert es nämlich eher an Musik aus einem schwulen Disco-Club, wo Limahl wohl auch die Inspiration für seinen (homo)erotischen Text fand. Der dritte Hit, »Hang On Now«, ist das einzige Stück auf »White Feathers«, das neben »Too Shy« – sowohl qualitativ als auch hinsichtlich rhythmischer und atmosphärischer Ausgefeiltheit – bereits an die Stücke des nächsten Kajagoogoo-Albums, dem hervorragenden »Islands« (1984), erinnert. Die romantische Stimmung ist im nostalgischen Refrain eingefangen, während subtile Synthesizer- und Klaviertexturen durchgehend von melodischen Basslinien getragen werden. Zwischendurch schleichen sich auf bescheidene Weise auch einige melancholische Gitarrenpassagen ein – auf jeden Fall ein Bonus.

In »This Car Is Fast«, einem weiteren schnell vergessenen Stück, regieren erneut roboterhafte Synthetics und ein dämlicher Text. Ausgerechnet die Stücke, bei denen Limahl allein als Songwriter zeichnet, sind die schwächsten auf »White Feathers« – das gilt auch für »Ergonomics«, das mit seinem fröhlichen Leitmotiv an den Soundtrack einer B-Action-TV-Serie erinnert, natürlich irgendwo in den Achtzigern entstanden. Das Einzige, was hier zu loben ist, sind die hervorragenden Vokalharmonien der beiden Sänger. Wohl nur Herr Hamill selbst wusste, was er mit »Frayo«, dem Abschlussstück und gleichzeitig schwächsten Track des Albums, sagen wollte. Musikkenner werden die geschmackvollen Improvisationen auf Bass und Keyboards zu schätzen wissen, doch Refrain und Text sind derart nervig, dass sie jede Lust auf ein erneutes Hören des Albums abtöten – das nach seinem qualitativ starken Einstieg schnell enttäuscht.

»White Feathers« bietet abgesehen von »Too Shy« und »Hang On Now« bis heute kaum Anlass für die Annahme, dass die Band mit dem nächsten Werk einen derart großen Sprung in ihrer musikalischen Entwicklung machen würde. Es ist irgendwie ironisch, dass Kajagoogoo kreativ erst so richtig aufblühten, nachdem Limahl gegangen war (bzw. nachdem ihn – nach seinen eigenen Worten – die übrigen Bandmitglieder per Telefon aus der Band warfen), obwohl er durch seinen großen Solo-Hit »The NeverEnding Story« bis heute ihr bekanntestes Mitglied ist. Die anderen vier Mitglieder hatten natürlich ihre eigene Version von Limahls Rauswurf: Sie erzählten, er sei nach dem einsetzenden Erfolg und Ruhm zu einem echten Egomanen geworden, mit dem es immer schwieriger wurde, weiter Musik zu machen – und auch die Vorstellungen vom zukünftigen Sound der Band hätten sich angeblich immer stärker auseinanderbewegt. Und noch ein weniger bekannter Fun Fact: Limahls Aussehen war für Marvel-Comiczeichner Arthur Adams die Inspiration für die Erschaffung von Longshot, einem Mitglied der X-Men.

Besetzung

Limahl – Gesang
Nick Beggs – Bassgitarre, Chapman Stick, Backgroundgesang
Steve Askew – Gitarre
Stuart Croxford Neale – Synthesizer, Backgroundgesang
Jez Strode – Schlagzeug

Produktion

Nick Rhodes, Colin Thurston, Tim Palmer und Kajagoogoo

Trackliste

1. White Feathers
2. Too Shy
3. Lies And Promises
4. Magician Man
5. Kajagoogoo
6. Ooh to Be Ah
7. Ergonomics
8. Hang On Now
9. This Car Is Fast
10. Frayo

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