Walk The Earth

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Europe
Label: Hell & Back Recordings
Erscheinungsjahr: 2017
Laufzeit: 40:59
Bewertung: 4.5/5

Die berühmte schwedische Hard-Rock-Institution Europe kehrt nach gerade mal zwei Jahren mit einem neuen Studioalbum zurück, das den Titel »Walk the Earth« trägt. Europe komponieren seit Jahren keine Originalmusik mehr nach dem Vorbild der berühmten Hits aus der zweiten Hälfte der Achtziger, was viele nach ihrer Reaktivierung hartnäckig gefordert hatten. Die Jungs sind künstlerisch gereift und komponieren neue Musik ausschließlich für ihr eigenes Vergnügen. Deshalb vermittelt der Inhalt der postmillennialen Studioalben — allen voran »Bag of Bones«, »War of Kings« und nun das neueste »Walk the Earth« — die Erkenntnis, dass Europe einen Entwicklungskreis vollzogen haben und heute eine Variante des Hard Rock spielen, die sich von den Bands inspirieren lässt, die die Jungs in ihrer Jugend gehört haben. Diese Einflüsse sind besonders auf »Walk the Earth« sehr spürbar — mehr als auf den beiden Vorgängeralben —, was beweist, dass Europe als Musiker zu ihren Anfängen, zu ihrem Ursprung und ihrem künstlerischen Urzustand zurückgekehrt sind.

War »Bag of Bones« vor allem etwas bluesiger geprägt, vollzogen Europe mit dem musikalischeren »War of Kings« den Zwischenschritt zum neuesten »Walk the Earth«. Der ist, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, eine der dunkelsten und finstersten Produktionen der gesamten Europe-Karriere.

Schon der eröffnende Titeltrack und direkt danach der zweite Track The Siege etablieren auf dem Album eine außergewöhnlich packende, düstere Atmosphäre, wobei die Leitphrasen auch eine gehörige Portion Verliebtheit in die Melodik von Arabesken ausdrücken. Bei mittlerem Tempo wird diese düstere Atmosphäre noch weiter vertieft, und in beiden Tracks ist es nicht schwer, jede Menge Rainbow-, Deep Purple-, Glenn Hughes-Solo- und Led-Zeppelin-Referenzen zu finden (epische Rock’n’Roll-Klassiker: Stargazer, Perfect Strangers, Kashmir). Der dritte Track Kingdom United drückt besonders im eröffnenden Hauptriff und der Strophe die ewige Begeisterung der Band für Thin Lizzy aus. Dabei ist erwähnenswert, dass insbesondere Joey Tempest, der auf diesem Album erneut mit seinem außergewöhnlichen Gesang brilliert, schon immer ein großer Fan von Thin Lizzy war, und die Metrik der Verse in den Gesangslinien weckt genau die Charakteristiken der Gesangsansätze des verstorbenen Phil Lynott (die Vokalfarben beider Sänger bleiben unvergleichlich).

Der vierte Track Pictures ist das absolute Highlight des Albums. Er ist eine Art Hommage an David Bowie, wobei Tempest auch bewusst und mit vollem Einsatz die Essenz von Bowies Vokaleigenschaften einhaucht. Da Europe Hard Rocker sind, ist der Track eine interessante Kombination aus Elementen von Space Oddity, die mit den betonten Arrangements für klassisches Klavier die Proto-Prog-Rock-Essenz von Procol Harum evoziert. Ein außergewöhnlicher Track, sicherlich einer der stärksten Momente des Albums »Walk the Earth« und ein außergewöhnlicher atmosphärisch-dynamischer Umschwung in der Stimmungsabfolge des Albums selbst. Im weiteren Verlauf sind weiterhin die Einflüsse der alten Hard-Rock-Schule (Deep Purple, Glenn Hughes solo) spürbar, besonders in den Tracks GTO (der die Ansätze des DP-Klassikers Burn evoziert) und dem ausgesprochen düsteren Haze, das Glenn Hughes heute noch gerne für Black Country Communion singen würde. In einem natürlich anderen, sprich B.C.C., Szenario. Für den eigentlichen Abschluss des Albums sparen Europe die dramatischste Versuchung des Albums auf — Turn to Dust. Eine der stärksten Kompositionen, ein ausgesprochen düsteres Epos mit einer Atmosphäre, die beim Hören Gänsehaut verursacht, und mit all der aufgefangenen emotionalen Intensität, die eine Band auf ihrer Entwicklungsstufe im Jahr 2017 entfesseln kann. Ein unglaublich starker Abschluss dieses Werks, der dich schlicht zwingt, erneut die »Wiederholen«-Taste am CD-Player zu drücken und das gesamte Album von Anfang bis Ende noch einmal zu starten.

Europe haben auf diesem Album eine Reihe außergewöhnlicher Kompositionen aufgebaut. Außergewöhnlich vor allem im Sinne der außerordentlich packenden Eingängigkeit der dunklen und melancholischen Atmosphäre, die das Album durchdringt. In den »mid-eight«-Passagen gibt es jede Menge dramatischer musikalischer Modulationen und einen außergewöhnlichen Dialog zwischen Keyboards und Gitarre. John Norum glänzt geradezu mit seinen fein gestalteten Soli, wobei er strikt darauf achtet, das dramatische Spiel in den Tracks aufrechtzuerhalten. Im Track Wolves, wo die Gitarre besonders fett und tiefer gestimmt klingt, liefert er eines der kontrastreichsten und zugleich eindrucksvollsten Soli des Albums. Auch was die Entfaltung von Leidenschaft und Emotionen betrifft. Norum ist außergewöhnlich. Wieder außergewöhnlich, und mit seiner Arbeit bestätigt er erneut seine außerordentliche Meisterschaft als großer Gitarrenvirtuose. Er gibt erneut sein Bestes.

Europe entwickeln durchgehend eine außergewöhnliche Kulisse aus der Kombination kompakter Gitarrenphrasen und wuchtiger Hammond-Linien, während sie in den Übergangspartien oder den Ein- und sogar Ausgangsteilen der Tracks sogar Klangfarben einsetzen, die Richtung Mellotron tendieren. Sie erproben also einige Neuerungen, die in der Musikwelt bereits bekannt sind, aber das ist nicht einmal wichtig. Was zählt, ist, dass »Walk the Earth« ein Album ist, wie es Europe noch nicht aufgenommen hat, und gleichzeitig ist es durch und durch ein typisches Europe-Album, auf dem die Band ihren musikalischen Inhalt auf ihre beste kreativ-künstlerische Weise liefert.

Europe – Walk the Earth (offizielles Video):

Besetzung

Joey Tempest – Gesang
John Norum – Gitarre
Mic Michaeli – Keyboards
John Leven – Bass
Ian Haugland – Schlagzeug

Produktion

Dave Cobb

Tracklist

1. Walk The Earth
2. The Siege
3. Kingdom United
4. Pictures
5. Election Day
6. Wolves
7. GTO
8. Haze
9. Whenever You’re Ready
10. Turn To Dust

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