Walk Between Worlds
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Simple Minds
Label: BMG Rights Management
Veröffentlichung: 2018
Laufzeit: 51:01
Wertung: 4.5/5
»Walk Between Worlds« ist das neue und insgesamt achtzehnte Studioalbum von Simple Minds, der schottischen »New-Wave« Attraktion der Achtziger. Simple Minds sind natürlich musikalische Legenden, reichlich ausgestattet mit Hits und zeitlosen Klassikern, und müssen sich schon lange nicht mehr beweisen. Deshalb nehmen sie sich seit geraumer Zeit beim Aufnehmen und Veröffentlichen von Alben alle Zeit der Welt und feilen, feilen und feilen bis ins kleinste Detail an ihren Ideen – so lange, bis diese die geforderte kompositorische und klangliche Perfektion erreichen. Und dieser Anspruch ist bei Simple Minds schon immer sehr hoch gewesen. Im Gegensatz zu dem, was der Name der Gruppe nahelegt, ist die »heilige Einfachheit« im Glanz einer reinblütigen und eklektischen Kunst nämlich ungemein schwer zu erreichen, wenn man nicht die richtigen kreativen Talente besitzt. Und Simple Minds haben, Gott sei Dank, dieses Talent im Überfluss. Ein Talent also, das auch in den reifen Jahren der Musikkarriere dieser Jungs aus Glasgow nicht erlischt. Die letzten Alben wie Cry (2002), »Black And White 050505« (2005), »Graffiti Soul« (2009), »Big Music« (2014) und nun auch das neueste »Walk Between Worlds« sind Ausdruck einer außergewöhnlichen kompositorischen Reifung sowie kompositorischer Reife, die die Gruppe im Laufe der Jahre gemeinsam, auf dem Weg einer gesunden und natürlichen Selbst-Evolution, erreicht hat. Sie sind gleichsam Brillanten eines großen künstlerischen Perfektionismus, der die hauptsächlichen kompositorischen Charaktere der Gruppe schmückt – das sind natürlich Gitarrist Charlie Burchill und Sänger Jim Kerr. Die musikalischen Essenzen also, ohne die es keine Musik von Simple Minds gibt. Ausdrucksmäßig ungemein starke Figuren, auf denen die einzigartige musikalische Ausdrucksweise und das musikalische Profil der Gruppe ruhen.
Im Vergleich zum außergewöhnlichen Vorgänger »Big Music«, den Simple Minds hauptsächlich als Gruppe aufgenommen haben, bringt »Walk Between Worlds« wieder die Zusammenarbeit mit einer breiteren Palette von Musikern. Es ist auch ein Album, auf dem Keyboarder Andy Gillespie nicht mehr mitwirkt, von dem sich Simple Minds in diesem Jahr im gegenseitigen Einvernehmen getrennt haben und der seit dem Album »Cry« (2002) mit der Gruppe zusammengearbeitet hatte. Mit Keyboards und Programmierung beschäftigte sich so auf dem Großteil der Arrangements des neuen Albums Gitarrist Charlie Burchill.
Simple Minds sind Meister der Erschaffung von erstklassigem Pomp, wenn es darum geht, eine packende, klangvibrierende Schichtung des Dramas zu erreichen, bei der sich einem ständig die Haare aufstellen. Die Arrangements gleiten auf riesigen Wellen geschichteter Gitarren-Synthesen, und durch dieses Dickicht klanglicher Schleier und Panels bahnt sich stets Burchills hypnotische Gitarre ihren Weg mit ihrem vollblütig stöhnenden Nachklang (»Sustain«-Effekt). Und wenn man dazu noch das solide rhythmische Federn in tanzbaren Takten sowie Jim Kerrs verführerisch erotogen hauchenden Gesang addiert, liegt klar auf der Hand, dass »Walk Between Worlds« einen neuen künstlerischen Triumph im ohnehin ausdrucksreichen diskografischen Opus der Gruppe darstellt.
»Walk Between Worlds« ist wieder ein Album voller Songs, die ihr finales Kompositionsstadium über einen mehrjährigen Zeitraum erreicht haben. Im künstlerisch-ausdrucksmäßigen Sinne knüpft es natürlich am offensichtlichsten an den Vorgänger „Big Music“ an (In Dreams, The Signal And The Noise). Nichtsdestotrotz ist Charlie Burchills Gitarre im Vergleich zum vorherigen Album, das fast in seiner rauschend-hochvibrierenden Schichtung bombastischer Synthesen zu ertrinken drohte, wieder etwas stärker betont und in den Arrangements erkennbar. Der Sound der Pop-Ära der Achtziger hat sich wahrscheinlich bei keiner Gruppe im künstlerischen Sinne so ausgeprägt erhalten wie gerade bei Simple Minds.
Die meisten neuen Songs haben ältere Ursprünge und wurden im Entstehungsprozess des neuen Albums neu arrangiert und erneut aufgenommen. Der Song The Signal And The Noise war eigentlich für die Aufnahme auf das Album »Big Music« gedacht, was auch sein musikalischer Charakter widerspiegelt. Es gibt Songs, die dort um das Jahr 2010 entstanden und zunächst für Kerrs zweites Soloalbum des Projekts Lostboy gedacht waren, wie Summer, das phänomenale Utopia, weiterhin The Sense Of Discovery sowie Nostalgia. Da wir schon bei den Worten Nostalgia und Utopia sind: Kerr erklärte vor Jahren, dass Simple Minds ein Doppelalbum veröffentlichen wollten, doch dann wurde dieses »Doppelalbum« eben »Walk Between Worlds«. Ein besonders starker Moment des Albums ist bereits die Eröffnung selbst mit dem Song Magic. Dieser Song ist schon zwanzig Jahre alt, und die Hauptmelodie entstand zur Zeit der Aufnahme des Albums »Good News From the Next World«, also im Jahr 1995. Es ist unglaublich, wohin die Gruppe diesen Song nach zwei Jahrzehnten seines Bestehens schließlich evolutionär geführt hat. Die Band wollte ihn bereits auf dem Album »Black And White 050505« verwenden, später für »Graffiti Soul« (2009). Der Song Barrowland Star trägt die offensichtlichsten Einflüsse der Auseinandersetzung mit traditionellen keltisch klingenden Folk-Elementen (im musikalischen Sinne). Er besitzt auch ein besonders reizvolles und wunderschön charakterisiertes abschließendes Gitarrensolo von Charlie Burchill, das unter allen Solo-Verzierungen auf diesem Album zweifellos heraussticht. Die erste Version dieses Songs wurde als Instrumental Celtic Strings aufgenommen, das sich auf der B-Seite der Single She’s A River befindet. Sein Original ist also zwanzig Jahre alt. Eine der herausragendsten Schöpfungen ist aller Wahrscheinlichkeit nach der Titelsong selbst – mit reichen Orchester-Arrangements und einem verfeinerten Hauch von Akustik erreicht das Album durch diesen Song bei der Wiederbelebung seiner Mystik seinen sehnsuchtsvollen Höhepunkt. Er trägt das echte Potenzial, mit seiner Packungskraft beim Livepublikum zum absoluten Konzertfavoriten der Fans der Gruppe zu werden. Auch die Bonus-Songs sollte man keineswegs unterschätzen, denn sie erreichen eine gleichwertige Ausdruckskraft wie die regulären Tracks des Albums. Mit Ausnahme der Konzertversion des »schottischen Volkslieds« Dirty Old Town von Ewan McColl, bei dem sich Sarah Brown Kerr im Gesangsduett anschließt, halten das Album in seinem spannenden atmosphärischen Pomp-Finale das hervorragende Silent Kiss – ein verlorener Song des Albums »Big Music« – sowie Angel Underneath My Skin, das bereits 2002 entstand, also zur Zeit der Veröffentlichung des Albums »Cry«, und für die Aufnahme auf das Album »Black And White 050505« gedacht war.
Simple Minds lassen also nicht locker! »Walk Between Worlds« strotzt vor überzeugend geprägtem Ausdruckscharakter, wie ihn nur der einzigartige Eklektizismus der schottischen Vorreiter des atmosphärischen Art-Rock und hochintelligenter Pop-Musik prägen kann. Auf der Februar-Tournee spielte die Gruppe das neue Album bereits in seiner Gesamtheit. Zu Recht. Es ist nämlich eine Leistung, mit der Simple Minds beweisen, dass sie auch in den reifen Jahren ihrer Karriere ungezähmte Künstler und große Herren einer verfeinerten klanglichen Weichheit und kompositorischer Feinmechanik bleiben. Der Ruhm ist ihnen, anders als Zeitgenossen wie U2, nie zu Kopf gestiegen – genau diese Symbolik der fest fokussierten Art-Haltung, die Simple Minds durch die Jahre bewahren, hält den musikalischen Charakter der Gruppe ewig jugendlich und zeitlos.
Besetzung
Jim Kerr – Gesang
Charlie Burchill – Gitarre, Keyboards, Programmierung
Ged Grimes – Bassgitarre
Mel Gaynor – Schlagzeug, Perkussion auf Track Nr. 7
Cherisse Osei – Schlagzeug, Perkussion auf den Tracks Nr. 8 und Nr. 11
Sarah Brown – Gesang auf Track Nr. 5, Hintergrundgesang auf den Tracks Nr. 1, 4, 6, 7, 8, 10 und 11
Gordy Goudie – Akustikgitarre auf den Tracks Nr. 2, 3, 6 und 11
Catherine AD aka The Anchoress – Hintergrundgesang auf den Tracks Nr. 3 und 10
Peter-John Vettese – Klavier, Streicherarrangements auf Track Nr. 6
Owen Parker – Keyboards, Programmierung auf den Tracks Nr. 2 und 8
Andy Wright – Hintergrundgesang auf den Tracks Nr. 2, 8 und 10
Hatty Parker – Hintergrundgesang auf Track Nr. 8
Emily Parker – Hintergrundgesang auf Track Nr. 8
Produktion
Andy Wright
Trackliste
1. Magic
2. Summer
3. Utopia
4. The Signal and the Noise
5. In Dreams
6. Barrowland Star
7. Walk Between Worlds
8. Sense of Discovery
9. Silent Kiss*
10. Angel Underneath My Skin*
11. Dirty Old Town*
*…. Bonus-Tracks