Ømni

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Angra
Label: Ear Music Records
Erscheinungsdatum: 2018
Laufzeit: 60:57
Wertung: 4/5

Angra, die renommierten und in den letzten Jahren zu Unrecht übersehenen  Progressive-Metal-Größen aus Brasilien, haben Mitte Februar dieses Jahres ihr insgesamt bereits neuntes Studioalbum veröffentlicht, dem sie den Titel „Ømni“ gegeben haben.

Die legendäre Band, die in Kürze 27 Jahre unermüdlichen Wirkens feiert, hat im Laufe ihrer Karriere Höhen erlebt, doch auch Erschütterungen prägten ihren Weg – bedingt durch den ständigen Wechsel der Besetzung. Dennoch zeigt Angra, angeführt von Gitarrist Rafael Bittencourt (Hauptkomponist), keine Zeichen der Erschöpfung und bleibt  weiterhin erfüllt von brodelndem Feuer und Leidenschaft, um immer neue musikalische Ideen zu verwirklichen. Drei Jahre sind seit dem Vorgänger »Secret Garden« vergangen, und „Ømni“ bewahrt die kreative Frische. Der Mitgliedsstatus von Gitarrist Kiko Loureiro, der 2015 zu Megadeth gestoßen ist, bleibt »eingefroren«. Der Mann hat die Band also offiziell nicht verlassen, doch Angra haben seinen Mitgliedsstatus aufgrund seiner zeitlichen Verpflichtungen bei Onkel Mustaine vorübergehend auf Eis gelegt. Seine Aktivitäten bei Angra übernimmt seit 2015 Gitarrist Marcelo Barbosa. Dennoch hat Kiko auf dem Album  »Ømni« seine Gitarrenkünste als Gast im Song War Horns »beigesteuert«.

„Ømni“ ist ein Konzeptalbum mit einer Reihe von Science-Fiction-Geschichten, die sich an verschiedenen Orten völlig gleichzeitig abspielen. Der Hintergrund des Ganzen ist die Prophezeiung, dass künstliche Intelligenz im Jahr 2046 die menschliche Wahrnehmung und Kognition vollständig ersetzen wird. Ein neues System wird eingerichtet, das eine bewusste Kommunikation zwischen der Welt der Gegenwart und der Zukunft ermöglicht. Im Konzept tauchen „Zeitreisende“, „Höhlenmenschen“, „Krieger“ und viele weitere „Erzähler“ des Konzepts auf.

Das Album „Ømni“, was im Lateinischen „alles“ bedeutet, vereint die Konzepte der Vorgänger »Holy Land«, »Rebirth«, »Temple of Shadows« zu einem ausdrucksstarken Konglomerat und strebt nach der gegenseitigen Verbundenheit von System und Wesen, in der Sehnsucht nach einer universellen Wahrheit. Mit dem neuen Album haben Angra auf gewisse Weise auch die Geschichte der Band selbst erzählt. Von ihrem bisherigen Weg, von künftigen musikalischen Abenteuern und der schicksalhaften Verbindung ihrer Vergangenheit mit der Zukunft. All das fasst das Album „Ømni“ zusammen.

Und? Ja. Angra ziehen tatsächlich einige musikalische Arrangements ans Licht, die den Hörer direkt in die mittleren Neunziger schießen, als die Band auf der Szene so richtig heiß war. Damals hatten Power Metal und Progressive Metal den Wind voll in den Segeln und wurden in der »weltweiten Metal-Kommune« für einige Jahre zu äußerst populären und gefragten Genres. Wer zum Beispiel von Dream Theater genervt war, fand in seiner Suche nach kompositorischer Brillanz und Kompaktheit, Bombast sowie musikalischer Eingängigkeit und dem richtigen Maß an »stachelig-prickelnder« Komplexität seinen Trost bei Angra. »Fireworks« bleibt in dieser Hinsicht ihr zeitloses Meisterwerk.

»Ømni« ist unter allen Angra-Werken das neo-klassizistisch ausgerichtetste. Nicht nur dank der musikalischen Vision von Rafael Bittencourt, sondern vor allem dank der neuerlichen außergewöhnlichen Gesangsdarbietung der Operetten-Nachtigall Fabio Lione. Der Mann bleibt in allem erstklassig, und seine stimmliche Kraft bleibt makellos. Der Opener Light Of Transcendence bringt noch nicht diese charakteristische musikalische Vielschichtigkeit der Band. Er entfaltet sich nach dem Vorbild der pompösen Riffs, die die Italiener Rhapsody in den Neunzigern schrieben. Also ganz neo-klassizistischer Power Metal. Im weiteren Verlauf des Albums wird »Ømni« aber immer interessanter. Vor allem lässt sich auf dem Album jede Menge Kombination traditioneller Stammes- (Tribal-) Rhythmen finden, die kunstvoll mit Metal-Riffs gekreuzt werden. Genau das, was schon das Debüt »Angels Cry« geboten hat.  Die Band verblüfft erneut mit außergewöhnlicher technischer Brillanz, die jedoch wieder angenehm der kompositorischen Kompaktheit untergeordnet ist. Das bedeutet, dass das Album vollgepackt ist mit Pomp und Bombast sowie musikalischer Wucht. Also ein typisches Angra-Album, das im Vergleich zu »Secret Garden« wieder lebhafter und luftiger ist und sich etwas langsamer in die Ohren schleicht als der genannte Vorgänger. . Ein Album, in dem jeder echte Anhänger der Band von Anfang bis Ende ungehemmt schwelgen kann. Natürlich ist auch »Ømni« eher ein Album für Fans der klassischen Metal-Elemente als für jene, die im Metal das Genre-Extrem suchen.  Zum Leadgesang gesellen sich auch weitere Vocals hinzu, so übernimmt auch Bittencourt diese Rolle. Die Band hat auf diese Weise versucht, das gewählte Albumkonzept so wirkungsvoll wie möglich zum Leben zu erwecken. Der letzte Song Ømni – Infinite Nothing bestätigt erneut Bittencourts große Liebe zur klassischen Musik. Er wirkt wie ein Filmsoundtrack. Theatralisch. Vielleicht ein Schritt zu weit auf dem Album. Aber die Band hielt seine Integration in das gewählte Konzept eben für notwendig. 

Angra bleiben also ein Begriff für Qualität und lassen in ihrem Tun nicht nach. Mit „Ømni“ hat sich damit eine ganze Ära für die Band abgeschlossen. Das Album ist tatsächlich »alles«, was Angra waren, sind und auch in Zukunft bleiben werden. Ein Begriff für große Perfektion und musikalische Einzigartigkeit.

Besetzung

Fabio Lione – Gesang
Rafael Bittencourt – Gitarre, Hintergrundgesang
Marcelo Barbosa – Gitarre
Felipe Andreoli – Bass
Bruno Valverde – Schlagzeug

GASTMUSIKER:
Alissa White-Gluz – Gesang auf Track Nr. 3
Sandy – Gesang auf Track Nr. 3
Kiko Loureiro – Gitarre auf Track Nr. 6

Produktion

Jens Bogren

Tracklist

01. Light Of Transcendence
02. Travelers Of Time
03. Black Widow’s Web
04. Insania
05. The Bottom Of My Soul
06. War Horns
07. Caveman
08. Magic Mirror
09. Always More
10. Ømni – Silence Inside
11. Ømni – Infinite Nothing

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