Vortex

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Schon, Neal
Label: Music Theories Recordings
Erscheinungsjahr: 2015
Laufzeit: 97:06
Bewertung: 4.5/5

Wenn das Gespräch auf Journey-Gitarrist Neal Schon und seine Solo-Abenteuer kommt, darf man ein Album voller positiver Überraschungen erwarten! Neal Schon veröffentlichte 2012 das Album »The Calling«. Darauf liebäugelte er mit den Wurzeln der Jazz-Rock-Fusion. Ein ausgezeichnetes Album. Nicht weniger ausgezeichnet war die völlig andersartige Fortsetzung, als im vergangenen Mai das Album »So U« erschien. Das ist ein hardrock- und vokal geprägtes Hard-Rock-Album. Mit »Vortex« hingegen liebäugelt Neal Schon wieder mit der Jazz-Rock-Fusion. Im Grunde ist »Vortex« natürlich ein Rock-Album, das sich aber schamlos durch achtzehn Tracks mit Elementen der Jazz-Musik kokettiert (das einleitende Widmungsstück an Miles Davis namens Miles Beyond), ebenso wie mit Weltmusik (El Matador, Cuban Fly Zone).

Angesichts der Tatsache, dass Santana sich in der Besetzung vom Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger wieder zusammengefunden hat – mit den tragenden Figuren Carlos Santana (Gitarre), unserem wackeren Neal Schon (Gitarre), Gregg Rolie (Keyboards), Michael Carabello (Perkussion) und Michael Schrieve (Schlagzeug) –, war von Schon ein solches »Übungsalbum«, wie es »Vortex« ist, eigentlich zu erwarten. So hat er für das neue Album auch das Begleit-Team von »The Calling« eingebunden, einschließlich des besonderen Gastes Jan Hammer.

»Vortex« ist Neal Schon! Von Kopf bis Fuß. Hier lässt sich die gesamte musikalische Essenz dieses vielschichtig geformten Musikers spüren. Auf diesem Album holt der Musiker tief Luft und bringt sich tatsächlich in vollem Glanz zum Ausdruck – er gibt einen direkten Einblick in seine musikalische Visitenkarte, die ihn verkörpert. Sein Sound ist essenziell, im Nu unverwechselbar. Sein Stil, sprich sein Umgang mit dem Formen von Kompositionen und Soli, noch viel mehr. Das Instrument, das auf beiden CDs den Gesang ersetzt, ist die Gitarre. Sie ist romantisch, verträumt, feurig, leidenschaftlich, aber auch äußerst forschend und rockend gefährlich  zugespitzt. Schon, der kürzlich geheiratet hat, hat in seiner neuen Lebenspartnerin eine Muse gefunden, was ihn sichtlich besonders inspiriert. Zur rechten Zeit. So widmete er ihr zwei Stücke, das romantisch verliebte Lady M und Triumph of Love, die sofort zeigen, warum Journey beim Schreiben von Balladen besonders stark waren. Alle 18 Tracks des Albums erreichen über beide CDs hinweg ein außerordentliches Maß an Abwechslungsreichtum und ein unglaubliches Gespür für ultraansteckende Musikalität sowie auf der anderen Seite für freigeistig experimentelle Herausforderungen. Beide Elemente koexistieren wieder in brillanter Balance, und dieses Album voller klar definierter Leitmotive und kühn potenten Spiels entfaltet sich durchgehend im Glanz hochdynamischer Stimmungswechsel. Es langweilt keinen Augenblick, obwohl knapp 100 Minuten Musik drauf sind.

Gerade der längste Track Tortured Souls, den Schon allen unruhigen Seelen der Welt gewidmet hat in der Hoffnung, dass sie ihren Frieden finden, denn das Leid in der Welt ist zu groß, stellt im Hinblick auf die Verbindung melodischer Formen und des experimentellen Werts durch Schons Spielfeld für außerordentliche Soli einen direkten Einblick nicht nur in die Essenz des Albums »Vortex« dar, sondern auch in die Essenz der musikalischen Talente und Meisterschaft des einzigartigen Schon. Das Album glänzt ansonsten in hemmungslosen Eskapaden der Jazz-Rock-Fusion. So ist  Schon & Hammer Now ein weiterer Ausbruch in die Arme der Jazz-Rock-Fusion, mit dem Gastauftritt von Jan Hammer an den Keyboards – der aber vom direkt folgenden Track NS Vortex in all seiner atemberaubenden Virtuosität noch übertroffen wird. Wer einen kompakten Rock-Rammbock sucht, dem liefert AirlinerNS910 ein feurig gefährliches Rallye-Rennen.

Die Produktion ist lebendig und äußerst angenehm. Den Gitarren Schons bieten die Keyboards ununterbrochen eine außerordentliche Stütze beim Erzeugen von Kontrasten und beim Kolorieren der Arrangements; auf der anderen Seite steht der erfahrene Meister am Schlagzeug und ehemalige Journey-Mitglied Steve Smith. Erprobt. Chemisch spürbare Wechselwirkung zwischen den drei Musikern.

Offensichtlich werden wir so bald kein neues Journey-Album bekommen, denn hier liegt bereits das dritte aufeinanderfolgende Studioalbum von Neal Schon vor, das mit seinen Assoziationen mancherorts gehörig aufwühlt. Diese ziehen nämlich zu Bild und Werk der berühmten Meister der AOR-Musik. »Vortex«, das nur ein Jahr nach dem Vorgänger »So U« erschien, ist ein ganz anderes Album. Stilistisch. Zugleich bewahrt es große Begeisterung, eine Fülle brillanter Ideen und Lösungen sowie die vollblütige Herausforderung des kreativen Ich des unerschöpflichen Genies, das dem einzigartigen Neal Schon gehört. Hoffen wir, dass Schon bei solch kreativer Form und diesem Schwung in den kommenden Jahren noch das ein oder andere eigenständige Studioalbum vorlegen wird, auch wenn es schön wäre und langsam an der Zeit, dass sich auch Journey ans Aufnehmen eines neuen Albums machen.

Besetzung

Neal Schon – Gitarre, Bassgitarre
Igor Len – Keyboards
Steve Smith – Schlagzeug 

GASTMUSIKER:
Jan Hammer – Keyboards auf Track Nr. 2 (CD2) 

Produktion

Neal Schon

Trackliste

CD1
01. Miles Beyond
02. Awakening
03. Cuban Fly Zone
04. El Matador
05. Eternal Love
06. In a Cloud
07. Irish Cream
08. Lady M (Our love Remains)
09. NS Vortex

CD2
01. Tortured Souls
02. Schon & Hammer Now
03. Airliner NS910
04. Unspoken Faith
05. Twilight – Spellbound 
06. Triumph of Love
07. Mom
08. Talk to Me
09. White Light

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