Von den Göttern vergessen mit Metalsteel
Wenn es in den letzten zwei beschissenen Jahren überhaupt irgendeinen Lichtblick gab, dann zumindest den, dass den Bands die kreative Energie trotz des totalen Konzertausfalls nicht erloschen ist – und neue Alben kommen seit einem Jahr schon Schlag auf Schlag raus. So sind letzten Freitag die Untoten beim Release-Rausch zum fünften Studioalbum der Death/Grind-Veteranen Dickless Tracy auferstanden, Grave New World – und nur einen Tag später sorgten Metalsteel im frisch renovierten Orto bar (durch die Verlegung des Raucherbereichs in die alte Bar hat der untere Saal ordentlich an Kapazität gewonnen) für eine Heavy-Metal-Party mit dem neuen Album.
Den Vorband-Slot übernahmen diesmal keine Jungspunde, sondern gleich die Urgesteine des heimischen Thrash Metals – oder eigentlich des heimischen Metals schlechthin, »pa čak i šire« – die Urgesteine der Metal-Szene der gesamten ehemaligen gemeinsamen Heimat: Sarcasm. In knapp einem Monat jährt sich der Release des kultigen Debüts Crematory zum satten 32. (!) Mal, heute vom Vardar bis zum Fuji gefeiert, und Sarcasm zeigen keinerlei Anzeichen des Verfalls. In den letzten Jahren haben sie zwar einige Personalwechsel erlebt, vor allem auf dem Posten des Sängers: Man trennte sich vom langjährigen Frontmann Mucy, und auch sein Nachfolger Gašper Čadež brachte es nicht auf eine allzu lange Amtszeit. Doch die Veteranen fanden die Lösung in den eigenen Reihen – in die Rolle des Sängers schlüpfte der Bandchef persönlich, der unsterbliche Aleš Blaznik, und die Band veröffentlichte letztes Jahr ihr siebtes Studioalbum Pot v raj und bewies damit, dass das Thrash-Biest nach wie vor mit geschärften Klauen kratzt. Die Veränderungen machen sich auf der Bühne und live vor allem darin bemerkbar, dass Sarcasm durch Alesˇ‘ rauhe und unmelodische Stimme etwas roher und aggressiver klingen – und dadurch in erster Linie ursprünglicher als zuvor. Noch stärker als früher kommen die Chorgesänge zur Geltung, angeführt von Klemen Renko, und auch der verlässliche Low-End von Vito Stričevič fehlt nicht. Live waren die Gang-Vocals diesmal nicht immer ganz treffsicher – was sich eindeutig auf die fast völlige Konzertdürre der letzten zwei Jahre zurückführen lässt. Abgesehen davon haben Sarcasm trotz etwas magerem Publikum für ordentliches Einheizen gesorgt, und die Nacken wurden vor allem von den eisernen Klassikern Crematory und Dej mi/Sarcasm in Schwung gebracht, aber auch von Tracks neueren Datums mit Something to Believe In an der Spitze. Auch Adrenalin und Hitrost von Pot v raj saßen voll ins Schwarze – nur bei den etwas holprigen slowenischen Texten zog es sich kurz zusammen – dafür machte der hymnische Road Warriors die Nacken mürbe und kündigte den (zu) frühen Abschied an.
Auch Metalsteel haben ihr siebtes Kind (Live-Album Steel Alive nicht mitgezählt) in die Welt gesetzt: das von den Göttern Vergessene, Forsaken By the Gods. Die Pandemie hatte das Album für mehrere Monate auf Eis gelegt, doch schließlich erlebten Metalsteel und das heavy-metal-hungrige Publikum die Uraufführung von wohl dem ausgereiftesten Werk der Band bis dato. Metalsteel sind eben Meister ihres Fachs, und von ihnen ist es mittlerweile schon fast Routine, nichts anderes als eine Darbietung auf höchstem Niveau zu erwarten. Routine meint dabei aber keine langweilige und vorhersehbare Show, sondern Ausführung auf allerhöchstem Level – was Metalsteel erwartungsgemäß schon mit dem Einstieg durch den Titeltrack der neuen Platte unter Beweis stellten. Damit zeigten die Mädels und Jungs, dass Metalsteel im Jahr 2021 um einiges düsterer und ernster sind als je zuvor – was wohl der Reife und vor allem einer Welt geschuldet ist, die immer deutlicher zeigt, dass der Mensch auf diesem Planeten ein Fremdkörper ist und die Ursache von allem, was mit dieser Welt nicht stimmt. Doch trotz der Ernsthaftigkeit sind Metalsteel live nach wie vor ein reines Vergnügen – vor allem dank der energiegeladenen und charismatischen Performance sowie der starken Verbindung mit dem Publikum, das der Band aus Medvode mal wieder buchstäblich aus der Hand fraß. Und die Band hatte einiges zu bieten: jede Menge einprägsame Riffs vom zuverlässigen Duo Rok-Beny, hochfliegende Soli der beiden sowie das Zusammenspiel eines der solidesten und verlässlichsten Bass-Schlagzeug-Duos des Landes, Daša-Matej. Metalsteel navigierten routiniert zwischen neuerem und älterem Material; Ersteres wird sich zweifellos schnell bei den Fans der Band festsetzen, denn es steckt voller komplexerer Elemente und vor allem ansteckender, epischer Refrains – Letzteres ist beim heimischen Publikum ohnehin längst als Geschichte des slowenischen Metals akzeptiert. In knapp eineinhalb Stunden führten die Medvodar so durch Usoda (Novi svet), kratzten sogar den uralten Track Darkrca aus dem Ärmel, bei dem selbst Rok und Beny kurz grinsen mussten, weiter durch Taste the Sin (das überragende The Eye of the Pyramid und Trapped in the Nightmare), Bad in Bed (White Circle), Entertainment (The Trip) und This Is Your Revelation (Titeltrack) bis hin zum Neugeborenen. Der überraschte mit zahlreichen erschütternden Momenten, die sich nach vielen Durchläufen noch im Ohr festsetzen werden – besonders das düstere Mini-Epos Death = Life und die wehmütige Ballade Fallen Brother, die dem Andenken an Žiga Mrak gewidmet ist, der diese Gefilde viel zu früh verlassen hat.
Metalsteel haben einmal mehr bewiesen, dass ihr Name schlicht ein Synonym für die slowenische Heavy-Metal-Szene ist – und daran führt kein Weg vorbei. Was Forsaken By the Gods nur bestätigt. Gemeinsam mit Sarcasm und Dirty Skunks haben sie gezeigt, dass nach zwei Jahren eine starke Hoffnung glimmt – dass unsere (Metal-)Götter uns noch nicht vergessen haben und die so lange ersehnte Rückkehr zur alten Normalität vielleicht doch nicht mehr so unerreichbar ist, wie es noch vor Kurzem schien.
Fotos: Nina Grad
























